„Niedersachsen kann es einfach(er)“
Kammerkommentar: Niedersächsischer Weg zum erleichterten und kostengünstigen Bauen sorgt für neue Impulse für mehr Wohnraum
Robert Marlow
Präsident der Architektenkammer NiedersachsenDie Lage ist nicht nur in Niedersachsen ernst. Die bundesweit versprochenen und dringend erforderlichen Wohnungen sind nur zum Bruchteil entstanden, vorhandener bzw. möglicher Wohnraum wird nicht (um-)genutzt. So kann es nicht funktionieren. Das Bündnis für bezahlbares Wohnen unter Mitwirkung der Architektenkammer, der Ingenieurkammer, dem Verband der Wohnungswirtschaft und vielen weiteren Akteuren rund um das Bauen in Niedersachsen saß miteinander am Tisch. Was können wir beeinflussen? Klare Basisstandards statt Vollausstattung, einfache Baukörper, robuste Grundrisse. Vorfertigung dort, wo sie wirklich hilft. Und vor allem die Möglichkeit, auf nicht sicherheitsrelevante Zusatzanforderungen zu verzichten, natürlich rechtssicher. Gebäude müssen bezahlbar bleiben und funktionieren, auch im Betrieb.
Zur Ehrlichkeit gehört auch: Wir bauen uns die Kosten ja oft selbst. Keller, Tiefgaragen, überzogene Stellplatzvorgaben, all das treibt Projektkosten nach oben, ohne dass am Ende mehr Wohnqualität entsteht. Ähnlich bei zusätzlichen Energiestandards jenseits des Bundesrechts. Sobald regenerativ beheizt werden kann, sind auch hier Abstriche möglich. Gut gemeint ist oft zu teuer. Und im Zweifel ein weiterer Grund, gar nicht zu bauen.
Der Knackpunkt bleibt die Haftung. Solange jede Abweichung als potenzieller Mangel gilt, bleibt „Einfacher Bauen“ Theorie. Bauherrschaft und Nutzer müssen bewusst entscheiden, welchen Standard sie brauchen – und welchen eben nicht.
Niedersachsen hat im Bestand Spielräume geschaffen. Die letzte NBauO-Novelle erleichtert Dachausbau, Aufstockung, Umnutzung, ohne den Bestand reflexhaft auf Neubau-Niveau zu zwingen. Wer schnell Wohnraum schaffen will, kann nicht jedes Gebäude neu erfinden.
Tempo entsteht auch im Verfahren. Digitale Bauanträge, weniger Medienbrüche, frühere Abstimmungen – das ist keine Komfortfrage, sondern Voraussetzung dafür, dass überhaupt gebaut wird.
Wir als Architektenschaft tragen diesen Kurs mit. Aber nicht bedingungslos. Sicherheit steht nicht zur Disposition. Auch Barrierefreiheit, Schall- und Klimaschutz brauchen Maß und keine Symbolik. Baukultur heißt nicht maximale Normerfüllung, sondern kluge Lösungen unter realen Bedingungen, für möglichst alle.
Mit dem Niedersächsischen Weg schließen wir auf zu jenen Bundesländern, die sich wie Hamburg mit dem Hamburger Standard oder Bremen mit dem Bremer Weg intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt haben. Er kann ein Vorbild sein, wenn er ernst genommen wird. Und wenn alle mitziehen. Kommunen, Bauaufsicht, Wohnungswirtschaft, Bauindustrie, Planende. Weniger Misstrauen wäre ein Anfang. Mehr Entscheidungen der nächste Schritt. Und dann, hoffentlich doch Wohnraum für all diejenigen, die ihn benötigen.
Zuerst erschienen in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q2/2026 für die Region Bremen, Niedersachsen
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