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Die Weltbevölkerung der Architektur

Was bringt die internationale Berufspolitik der deutschen Architektenschaft? Wiebke Ahues war als Leiterin der Delegation der Bundesarchitektenkammer beim Weltkongress der Union Internationale des Architectes (UIA) in Barcelona. Wir haben mit ihr über die „Weltbevölkerung der Architektur“ gesprochen sowie über gemeinsame Themen unter völlig unterschiedlichen Bedingungen und darüber, warum der eigentliche Wert internationaler Vernetzung manchmal in der Kaffeepause liegt. 

DAB Redaktion
05.10.2026 7min
© Anna Mas Photo Team

DAB: Wir starten unser Gespräch mit einem Gänsehautmoment den Sie bei der UIA erlebt haben: der Anwesenheitskontrolle der Länder. Warum ausgerechnet hier?

Wiebke Ahues: An den Tagen, an denen abgestimmt wird, wird geprüft, ob alle Länderdelegationen anwesend sind, denn schließlich zählt dann jede Stimme. Land für Land wird aufgerufen, und eine Person meldet sich als Vertreterin oder Vertreter der jeweiligen Delegation. Und plötzlich versteht man: Hier sitzt jetzt die Welt. Nordkorea und Südkorea, Syrien, die Ukraine – Länder, über die man weiß, was dort gerade passiert.

Diese „Weltbevölkerung der Architektur“ einmal so wahrzunehmen, das war für mich der stärkste Moment. Man hat das Gefühl: Egal, was hier besprochen wird – wenn es anschließend in die einzelnen Länder getragen wird, dann hört es quasi die ganze Welt. 

Was bedeutet es, wenn Menschen aus Ländern, die politisch im Konflikt stehen, zusammenkommen?

Ich finde es toll, dass der Berufspolitik eine Chance innewohnen kann, weltweite Konflikte über ein gemeinsames Berufsinteresse ein Stück weit in den Hintergrund treten zu lassen. Meiner Meinung nach steckt darin eine enorme Kraft.

Deshalb stellt sich mir nicht zuerst die Frage: „Was leistet so ein Weltverband eigentlich konkret?“ Es gibt beispielsweise einen Weltverband für Architektur. Natürlich sind wir Mitglied darin. Unabhängig von einem konkreten Leistungsziel ist es wertvoll, dass Architektinnen und Architekten sich weltweit treffen, miteinander im Gespräch sind und Schnittmengen definieren.

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Welche Themen werden international diskutiert und worin unterscheiden sie sich von den Debatten in Deutschland?

In der UIA gibt es zahlreiche Arbeitsgruppen, beispielsweise zu den Themen Ausbildung, Nachhaltigkeit, KI und Digitalisierung. Ich habe mir einige Papiere dieser Gruppen angeschaut und fand es erstaunlich, wie aktuell deren Inhalte sind.

So hat die Sustainability Commission der UIA gerade ein Buch mit dem Titel „Wisdom of Tradition“ veröffentlicht. Darin wird Kultur explizit als vierte Säule der Nachhaltigkeit neben Ökologie, Sozialem und Ökonomie positioniert. Das Buch enthält 25 Interviews und Fallstudien aus aller Welt zu traditionellem Bauwissen und klimagerechtem Design. Das zeigt: Wir sind bei diesen Themen gar nicht so weit vorne, wie wir manchmal denken. Der UIA-Leitfaden zu den UN-Nachhaltigkeitszielen macht das deutlich: Eine Schule von Francis Kéré in Burkina Faso kommt beispielsweise komplett mit lokal gewonnenem Lateritstein und passiver Belüftung aus und ein Campus in Ruanda besteht zu über 95 % aus regional bezogenen, biogenen Baustoffen.

Ich würde nicht unbedingt sagen, dass die UIA ein hocheffizienter Thinktank ist. Aber sie ist ein Thinktank, der viele kulturelle Hürden überwindet. Vielleicht sind das nicht immer neue Erkenntnisse, die man dort liest. Aber es ist wie eine Rückversicherung, dass sich die Architektenschaft weltweit mit Themen befasst, die auch uns beschäftigen. 

© Anna Mas Photo Team

Sind die Herausforderungen also überall dieselben?

Ich glaube, es sind ähnliche Themenkomplexe, mit denen wir konfrontiert sind. Die Umsetzungsebene ist jedoch ganz unterschiedlich. Und auch der Schmerz ist unterschiedlich groß.

Das merkt man beispielsweise bei Honoraren und Regulierung. Ein portugiesischer Kollege sagte zu mir: „Wir haben gehört, ihr Deutschen seid gegen Regulierung.“ Aber in welchem Bereich? Beim Bauen wünschen wir uns weniger Regulierung – Stichwort Gebäudetyp E –, bei den Honoraren hätten wir dagegen durchaus gerne wieder eine verbindliche Untergrenze. Solche vermeintlichen Missverständnisse mit Menschen aus anderen Ländern auszuloten, finde ich wahnsinnig interessant. Es geht darum, sich zu verständigen und herauszufinden, in welchen Bereichen man an einem Strang zieht.

Und teilweise unterscheiden sich die institutionellen Voraussetzungen schon fundamental. In der Generalversammlung ging es beispielsweise um Mitgliedsorganisationen, die ihre Beiträge nicht überweisen können, sei es aufgrund politischer Verhältnisse, Krieg oder weil die technischen Voraussetzungen fehlen. Da wird einem bewusst, welche Standards für uns in einer westeuropäischen Demokratie inzwischen selbstverständlich sind. Wir können uns deshalb mit einer viel feineren Körnung gesellschaftlicher Themen beschäftigen. 

Wie vergleichbar sind die berufspolitischen Strukturen der einzelnen Länder überhaupt?

Sie sind überhaupt nicht übertragbar. Nicht überall vertritt eine Kammer ein Land in der UIA: In Großbritannien etwa ist es das RIBA, ein klassischer Berufsverband mit freiwilliger Mitgliedschaft. In den USA übernimmt diese Rolle das AIA, ebenfalls ein Verband und keine Zulassungsbehörde. Die eigentliche Zulassung läuft dort über die einzelnen Bundesstaaten. In Frankreich dagegen vertritt der Ordre des Architectes das Land – eine Pflichtorganisation, die unserem Kammersystem strukturell deutlich näherkommt.

Zudem kann es sein, dass ein Verband, der ein Land in der UIA vertritt, selbst nur einen Teil der Architektenschaft repräsentiert. Diese strukturellen Unterschiede müssen beim internationalen Vergleich immer berücksichtigt werden.

© Anna Mas Photo Team

Welche Bedeutung haben persönliche Begegnungen für den internationalen Austausch?

Eine sehr große. Vieles entsteht in den Pausen, also außerhalb des eigentlichen Kongressprogramms. Am Ende funktioniert Berufspolitik, auch auf internationaler Ebene, über persönliche Beziehungen. Man kommt miteinander ins Gespräch, findet sich sympathisch, lacht gemeinsam – oft sind es ganz menschliche Situationen, aus denen Verbindungen entstehen. 

In Barcelona wurde auch ein neuer UIA-Präsident gewählt. Welche Bedeutung hat dieser Wechsel?

Gewählt wurde für die Amtszeit 2026–2029 Zhang Li, Dekan der Fakultät für Architektur der Tsinghua-Universität – als erster chinesischer Architekt an der Spitze der UIA. In seiner Rede positionierte er sich deutlich zum Thema künstliche Intelligenz. Das ist eine Entwicklung, die man beobachten muss. Was bedeutet das konkret für den Umgang der Architektenschaft mit KI? Das ist für mich noch offen. Eine Mitwirkung im UIA-Council wäre sicher sinnvoll, um solche Entwicklungen aus deutscher Perspektive mitzugestalten. Aktuell bin ich dort jedoch nicht vertreten. 

Wenn die internationale Arbeit strategischer werden soll: Wofür wollen wir als deutsche Architektenschaft international stehen?

Für mich ist das eine zentrale Frage: Welche Themen wollen wir einbringen und welche Botschaften wollen wir transportieren? Wir könnten eine solche Teilnahme besser vorbereiten und im Voraus überlegen, mit wem wir beispielsweise über den Gebäudetyp E, einen KI-Kodex für die Architektenschaft oder über Honorare sprechen wollen. Dabei muss man realistisch bleiben. In einem solchen internationalen Netzwerk wird nicht unmittelbar ein Gesetz beschlossen. Aber wir können Themen platzieren und Kontakte aufbauen.

Ich stelle immer wieder fest, dass den Menschen bei deutscher Architektur vor allem das interdisziplinäre Arbeiten einfällt, also die Schnittstelle zwischen Architektur und Ingenieurwissenschaften. In anderen Ländern sind Gestaltung und Ingenieurwesen teilweise stärker voneinander getrennt. Bei uns übernehmen Architektinnen und Architekten häufig eine koordinierende Rolle und benötigen dafür ein breites Verständnis der anderen Disziplinen. Ich fände es gut, wenn wir es schaffen würden, deutsche Architektur stärker mit dieser interdisziplinären Gestaltung zu verbinden. 

Welche Rolle könnte Ihrer Meinung nach Architektur in der deutschen Außenpolitik spielen?

Über dieses Thema haben wir uns in Barcelona mit Vertretern des Auswärtigen Amts ausgetauscht. Dabei ist mir noch einmal deutlich geworden, dass Architektur nicht nur als Wirtschaftsfaktor betrachtet werden sollte. Schließlich haben wir es auch mit der kulturellen Bedeutung unseres Landes zu tun. Die Architektenschaft kann vermitteln, welche Themen sie gerade beschäftigen, und dafür auch Bilder und kulturelle Werte nach außen tragen. Dänemark macht das zum Beispiel sehr gut, indem es dänisches Design ganz selbstverständlich in seine Außenpolitik einbezieht.

Ich glaube, dass wir dieses Potenzial in Deutschland noch stärker nutzen könnten. Das würde nicht nur zur internationalen Wahrnehmung unseres Berufs, sondern auch zu der unseres Landes beitragen. 

Zur UIA

Die Union Internationale des Architectes (UIA) ist der Weltverband der Architektinnen und Architekten. Der 1948 gegründete Verband vereint nationale Berufsorganisationen aus über 100 Ländern und Territorien.

Ziel der UIA ist es, die Architektenschaft international zu vernetzen, Einfluss auf politische Rahmenbedingungen zu nehmen und die Bedeutung der Architektur für die Gesellschaft zu stärken.

Die Mitgliedsorganisationen sind in fünf Weltregionen gegliedert. In verschiedenen Kommissionen und Arbeitsprogrammen beschäftigt sich die UIA unter anderem mit Architekturausbildung, Nachhaltigkeit, öffentlichem Raum und berufspolitischen Fragen. Zu ihren zentralen Veranstaltungen gehört der UIA World Congress of Architects.

Deutschland wird in der UIA durch die Bundesarchitektenkammer (BAK) vertreten.

© Hanna Wiedemann
Zur Person

Wiebke Ahues

Vizepräsidentin der Bundesarchitektenkammer / LXSY Architektur

Wiebke Ahues wurde am 19. September 2025 zur BAK-Vizepräsidentin gewählt. Sie ist seit Jahren berufspolitisch engagiert und Vizepräsidentin der Architektenkammer Berlin. ­Wiebke ­Ahues war Mitglied in diversen Wettbewerbs­jurys. Seit 2024 ist sie Partnerin bei LXSY ­Architektur in Berlin. 

DAB Redaktion

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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