„Viele wissen gar nicht, was schon längst möglich ist.“
Sollte ich künstliche Intelligenz nutzen? Ist mein Arbeitsplatz sicher? KI-Experte Eric Sturm im Gespräch über Chancen, Missverständnisse und den möglichen zukünftigen Alltag im Architekturbüro.
Nils Kirschstein: Herr Sturm, Sie sind aktuell mit KI-Workshops im Rahmen unserer regionalen Veranstaltungsreihe „Kammer vor Ort“ in Niedersachsen unterwegs. Was möchten Sie dort den Teilnehmenden vermitteln?
Eric Sturm: Es geht in erster Linie um ein Grundverständnis, aber eben nicht nur. Ich möchte auch zeigen, was konkret möglich ist. Die Herausforderung ist ja, dass im Publikum ganz unterschiedliche Leute sitzen. Da sitzen Personen ohne Vorkenntnisse, die haben mit KI noch nicht viel zu tun. Und dann sitzen da andere, die schon erste Erfahrungen gemacht haben und sich mehr erhoffen. Ich versuche, beide abzuholen. Das heißt, ich erkläre Dinge so, dass sie verständlich sind, zeige aber gleichzeitig Anwendungen, die auch diejenigen interessieren, die schon ein bisschen weiter sind. Und am Ende soll es auch Spaß machen. Die Leute sollen rausgehen und sagen, das war nicht nur interessant, sondern ich kann damit auch etwas konkret anfangen.
Was brauche ich denn jetzt im Büro?
Im Grunde erst mal nur einen oder zwei gute Chatbots. Mehr braucht es am Anfang nicht. Damit kann ich Dinge besprechen, Texte erstellen, Informationen strukturieren oder recherchieren. Wichtiger als das konkrete Tool ist aber, dass ich mir Gedanken mache, wie ich damit arbeite. Und da kommt man relativ schnell zum Thema Datenschutz. Ich muss klären, ob meine Eingaben weiterverwendet werden und wo die Verarbeitung stattfindet. In vielen Fällen läuft es darauf hinaus, dass man zwei Systeme nutzt. Ein leistungsfähiges System für Recherche und allgemeine Aufgaben sowie ein anderes, das datenschutzfreundlich ist, wenn personenbezogene Daten verarbeitet werden. Das ist eine pragmatische Lösung, die ich häufig empfehle.
Datenschutz wird oft als großes Hindernis wahrgenommen. Teilen Sie das?
Ich würde sagen, es ist wichtig, aber es ist kein Schwarz-Weiß-Thema. Es gibt viele Graustufen. Natürlich gebe ich immer Informationen an ein externes System weiter, auch wenn es in Europa gehostet wird. Das sollte man sich bewusst machen. Gleichzeitig darf man das Thema nicht überhöhen. Es wäre falsch zu sagen, das ist alles zu kompliziert, wir lassen es lieber ganz. Dann verpasst man einfach die Entwicklung. Man sollte sich informieren, vielleicht auch beraten lassen, und dann mit einem gewissen Verantwortungsbewusstsein anfangen.
Es gibt mehrere Tausend KI-Tools. Wie soll ich mich da zurechtfinden?
Man muss nicht jedes Tool kennen. Es geht eher darum, die grundsätzlichen Möglichkeiten zu verstehen. Und dann kann man überlegen, was man wirklich braucht. Ein spannender Ansatz ist, sich eigene Lösungen zu bauen. Die KI ist inzwischen in der Lage, Funktionen zu schreiben, Skripte zu erstellen oder kleine Anwendungen zu entwickeln. Dinge, für die man früher Spezialwissen gebraucht hat. Gerade Planerinnen und Planer sind das gewohnt, Probleme strukturiert zu lösen. Insofern passt das gut. Man kann sich überlegen, ob man für jeden Anwendungsfall eine fertige Software kauft oder ob man bestimmte Dinge mit Unterstützung der KI selbst entwickelt.
Welche Veränderungen beobachten Sie im Büroalltag der Architekturbüros?
Vor allem eine Beschleunigung. Viele Aufgaben gehen schneller, wenn man sich eingearbeitet hat. Das führt aber auch dazu, dass die Erwartungen steigen. Bauherren fragen dann zum Beispiel, warum bestimmte Ergebnisse nicht schneller vorliegen. Wenn etwas technisch möglich ist, wird es irgendwann auch erwartet. Das kann Druck erzeugen, gleichzeitig ist es aber auch eine Chance, die eigenen Prozesse zu verbessern und effizienter zu arbeiten.
Wie sieht es im Entwurf aus? Viele erwarten dort die größten Veränderungen.
Das wird oft überschätzt. Im klassischen CAD- oder BIM-Bereich stehen wir noch relativ am Anfang. Es gibt noch keinen verlässlichen Automatismus, der einem einen fertigen Entwurf liefert. Was man aber sieht, sind erste Ansätze, dass sich Sprachmodelle mit Planungssoftware verbinden lassen. Das geht aktuell eher in Richtung Experiment, aber die Entwicklung ist klar erkennbar. Deutlich weiter ist die KI bei Visualisierungen. Da kann man heute schon sehr schnell sehr gute Ergebnisse erzeugen. Das verändert natürlich auch die Wettbewerbslandschaft.
Alles sieht dann doch gleich aus?
Die Gefahr besteht. Wenn alle die gleichen Tools nutzen und wenig eigene Vorgaben machen, sehen die Ergebnisse ähnlich aus. Das kennt man ja auch von Texten. Der Unterschied liegt dann darin, wie ich die KI einsetze. Wenn ich mir die Mühe mache, eigene Stilvorgaben zu entwickeln und der KI mitzugeben, kann ich mich weiterhin abheben. Das erfordert aber mehr Auseinandersetzung. Einfach nur einen Prompt eingeben und das Ergebnis übernehmen, das wird langfristig nicht ausreichen.
Wird KI Arbeitsplätze in den Architekturbüros ersetzen?
Ich glaube nicht, zumindest nicht in absehbarer Zeit. Die Planung ist zu komplex. Es gibt zu viele Aspekte, die zusammenkommen. Was sich verändert, sind einzelne Tätigkeiten. Routineaufgaben werden weniger, andere Fähigkeiten werden wichtiger. Aber die Menschen braucht man weiterhin.
Ihr Fazit?
Man sollte einfach anfangen. Sich einarbeiten, ausprobieren, Erfahrungen sammeln. Man muss nicht alles sofort perfekt machen. Wer jetzt anfängt, baut sich einen Vorsprung auf. Und das wird in den nächsten Jahren entscheidend sein.
Nils Marius Kirschstein
Referent Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Architektenkammer NiedersachsenDas könnte Sie auch interessieren
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