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Nicht austauschen, ertüchtigen: Wie eine Innovationspartnerschaft neue Wege einer Re-Use-Lösung für Bestandsfenster eröffnet

Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) und das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) erproben in Berlin ein ungewöhnliches Vergabeverfahren: Statt 500 Fenster auszutauschen, suchen sie per Innovationspartnerschaft nach Wegen, die vorhandene Substanz zu ertüchtigen. Ein Modell für andere Baumaßnahmen?

DAB Redaktion
24.02.2026 7min
Weiterbauen Gebäudehülle Bestand Bundesweit
Sechsgeschossiger Verwaltungsbau in hellem Putz; regelmäßige Fensterreihen, Rasen und Bäume davor; Eingang mit Flagge und Schild.
Der gewählte Re-Use-Ansatz für den Bauteil A der Immobilie der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) in der Fasanenstraße bietet das Potenzial, internationale Strahlkraft zu entwickeln und mittelfristig breitere Anwendung zu finden. © BBR

In der Fasanenstraße 87, im Bauteil A, in Berlin stehen rund 500 Fenster vor einer ungewissen Zukunft. Mitte der 1990er eingebaut, funktionieren die Aluminiumfenster mit ihrer Zweischeiben-Isolierverglasung bis heute tadellos, nur der Dämmwert entspricht nicht mehr heutigen Anforderungen. Der klassische Reflex bei der energetischen Sanierung wäre: raus damit, neue rein. Doch die BImA als Eigentümerin und Nutzerin und das BBR als baufachlicher Realisierungspartner gehen einen anderen Weg – und haben dabei erstmals ein Verfahren angewendet, das weit über dieses einzelne Projekt hinausweisen könnte. 

Am Anfang stand die Frage, wie sich beim Fenstertausch wenigstens das Material im Kreislauf halten ließe. „Die erste Idee war klar das Einschmelzen“, erinnert sich Anke Lawrence, Klimareferentin im Referat KB II 3 des BBR, die die Nachhaltigkeitsthemen im Projekt betreut. Doch die Recherche ernüchterte: Um Flachglas wieder zu Flachglas zu recyceln, muss der Rückbau absolut sortenrein erfolgen. Schon ein kleiner Fremdkörper – etwa der Henkel einer Keramiktasse – macht einen ganzen Container unbrauchbar für die Flachglasproduktion. Hinzu kommt: Selbst wenn das Recycling von gebrauchten Scheiben zu Flachglasrezyklat im großen Stil gelänge, ist der Energieaufwand erheblich. „Das Glas muss ja immer noch eingeschmolzen werden, dies verbraucht immer noch Energie und man spart gar nicht so wirklich viel“, so Lawrence. Die Erkenntnis führte zu einem Perspektivwechsel: Was wäre, wenn man das Glas gar nicht erst einschmelzen müsste?

Drei schmale Fenster mit türkisfarbenen Rahmen in Putzfassade; im Glas spiegeln sich Dächer und Stadttürme.
Zu schade zum Einschmelzen: Die Regelfenster im Bauteil A sollen wiederverwendet werden. © BBR

Bevor eine solche Idee weiterverfolgt werden konnte, musste der Bestand genauer untersucht werden. Drei von der BImA ausgebaute Testfenster wurden an die Forschenden der Hochschule München geschickt, wo die Scheiben aufgeschnitten, der Randverbund geprüft und die Gasfüllung gemessen wurde. Das Ergebnis überraschte alle Beteiligten: „Es war nämlich sehr wohl Gas drin – und zwar noch 97 Prozent“, berichtet Lawrence. Der Randverbund: einwandfrei. Die Katalogdaten aus früheren Bestandsaufnahmen hatten ein anderes Bild gezeichnet. „Das war für uns die Lektion: Wer Bestand erhalten will, muss ihn genau kennen“, sagt Lawrence.

Mehrscheiben‑Isolierglas auf Werkstattböcken; schwarze Kantenversiegelung und Beschriftung sichtbar, Fokus auf Schichtaufbau der Glaskante.
Zur Vorbereitung der Ausschreibung wurden Zustand und Funktionstüchtigkeit der Bestandscheiben genau untersucht. Hier der Randverbund … © Hochschule München
Vier kleine Verbundglasscheiben mit sternförmigen Rissen nach Schlagprüfung auf Labortisch; daneben Handschuh und Messgeräte.
… und hier die Biegefestigkeit mittels des Doppelring-Biegeversuches nach DIN EN 1288-2. © Hochschule München

Eine Problemstellung ausschreiben, keine Lösung 

Mit dem Wissen, dass die Fenster technisch in Ordnung sind und nur energetisch ertüchtigt werden müssen, stellte sich die Frage nach dem richtigen Vergabeweg. Eine konventionelle Ausschreibung kam nicht infrage – denn die Lösung existiert noch gar nicht. „Wir schreiben nicht eine Lösung aus, sondern eine Problemstellung“, erklärt Olga Maria Hungar, Projektleiterin für das Projekt beim BBR. Zunächst wurde über eine offene „Challenge“ auf dem Marktplatz der Innovationen des Kompetenzzentrums innovative Beschaffung (KoInno) getestet, ob überhaupt Innovationsbedarf besteht – Voraussetzung für eine Innovationspartnerschaft. Die Resonanz auf die „Challenge“ übertraf die Erwartungen. „Wir waren positiv überrascht, wie unterschiedlich die Ansätze waren“, berichtet Hungar. Das Spektrum reichte von mittelständischen Handwerksbetrieben bis zu großen Industrieunternehmen – „die ganze Bandbreite, auch alle Materialien“. Die Ansätze waren so unterschiedlich wie vielversprechend: aufschneiden und neu zusammensetzen, additive Zusatzrahmen, Aufsatz einer dritten Scheibe. Auf Basis dieser Erkenntnisse wurde die Ausschreibung für eine Innovationspartnerschaft formuliert. Aktuell werden die eingereichten Lösungsvorschläge bewertet. Bis zu drei Prototypen sollen beauftragt werden. Die Bewertungskriterien sind klar priorisiert: An erster Stelle steht die CO2-Emission bei der Herstellung. „Für CO2-Emissionen ist wichtig, wie viel neues Glas und Primär- oder Sekundäraluminium eingebracht werden“, sagt Lawrence. Für Kosten und Uw-Wert wurden verbindliche Obergrenzen festgelegt, sodass jede Lösung die wirtschaftlichen und betriebsenergetischen Projektziele erfüllt. Eine Unterschreitung dieser Obergrenzen wird ebenfalls positiv bewertet, allerdings mit einer deutlich geringeren Gewichtung als die CO2-Emission. Doch lässt sich ein solches Verfahren auch auf andere Bestandsprojekte übertragen – oder bleibt es ein aufwendiger Einzelfall?

Entscheidend für die Übertragbarkeit ist, dass das Projekt keinen Sonderstatus genießt. „Wir gehen ja mit Steuergeldern um“, betont Marlene Altenkamp, Projektverantwortliche bei der BImA. „Eine wichtige Voraussetzung dieses Ansatzes ist, dass wir nicht teurer werden als eine vergleichbare, herkömmlich realisierte Maßnahme.“ Das unterscheidet es von Leuchtturmprojekten, die nicht skalierbar sind, wenn die Anforderungen und/oder das verfügbare Budget nicht einem üblichen, wirtschaftlich vertretbaren Rahmen entsprechen. Das Ziel ist deshalb von Anfang an die Entwicklung einer Blaupause: „Routinen entwickeln, aber auch einen Leitfaden, wie es unter veränderten Bedingungen ablaufen kann“, beschreibt dies Altenkamp. „Das Interesse an den Ergebnissen ist schon jetzt unter den Kolleg:innen an den deutschlandweiten BImA-Standorten groß.“

Langer, heller Raum mit durchgehender Fensterfront und türkisfarbenen Rahmen; davor weiße Heizkörper und Pulte, Stadtblick.
Begehung in der Fasanenstraße im Bauteil A; neben den gestaltprägenden Elementen aus der Bauzeit steht die vorgefundene Einbausituation aus dem Fensteraustausch in den 1990er-Jahren im Fokus. Dabei geht es auch um die Frage des Erhalts, wie zum Beispiel der intakten Fensterbretter oder des Anschlusses an die bauzeitliche Unterkonstruktion der Fensteröffnungen. © André Kirchner
Treppenhalle mit breiter Treppe, Messinghandläufen und runder Stütze; grauer Boden, Türen und Heiznische – schlichte Nachkriegsarchitektur.
© André Kirchner
Innenansicht eines geöffneten Fensteranschlusses: freigelegte Laibung mit Dämmung und Dichtband, unten Metallfensterbank; Blick nach draußen und Außenansicht eines bodentiefen Fensters auf Flachdach; türkisfarbener Rahmen, freigelegte Laibung und Abdichtung, Metallfensterbank und Seilabspannungen.
© DAB / © BBR

Und die Denkmalpflege? 

Überraschend positiv verlief die Abstimmung mit der Denkmalpflege. Das 1957 errichtete Gebäude steht unter Ensembleschutz, die 1990er-Fenster sind jedoch nicht bauzeitlich. „Wir hatten Respekt vor dem Moment, wenn wir der Denkmalpflege erklären, was wir hier vorhaben“, gibt Hungar zu. „Doch die Denkmalpflege ist durchaus aufgeschlossen für die hier verfolgte Vorgehensweise.“ Altenkamp ergänzt: „Ein wichtiger Grund für die Unterschutzstellung des Ensembles war, dass in der Liegenschaft die unterschiedlichen Errichtungszeiten der einzelnen Gebäudeteile klar ablesbar sind und diese Zeitschichten auch ablesbar bleiben sollen. Das spielt uns in die Karten.“ Hilfreich war auch ein politischer Impuls. „2024 gab es den Erlass zur Umsetzung der übergeordneten baupolitischen Ziele“, berichtet Hungar. Dieser adressiere Nachhaltigkeit breiter als nur über die Betriebsenergie – auch Suffizienz spiele nun eine Rolle. „Mit diesem Erlass hatten wir natürlich ganz andere Argumente zur Hand.“ 

Bei allem Fokus auf die Fenster betonen die Beteiligten, dass der eigentlich größte Hebel woanders liegt: „Der wirkungsvollste Hebel, was die CO2-Einsparung angeht, ist eine intensive Nutzung des Gebäudes“, sagt Hungar. Durch Verdichtung und Desksharing werden künftig mehr BImA-Beschäftige den Standort nutzen, der bislang leer stehende Gebäudeteil E, der Cranzbau, wird nach der Grundsanierung als Konferenz- und Schulungszentrum genutzt.

Wir müssen den Bestand anders denken – daran führt kein Weg vorbei.

Olga Maria Hungar

Kommunikation und Paradigmenwechsel 

Die Beteiligten sind sich einig, dass solche Prozesse nicht nebenbei laufen. „Das ist jetzt nichts, was eine Projektleitung nebenher betreut“, sagt Lawrence. „Es braucht eine personelle Ausstattung an dieser Stelle“ – nur so nehme das Thema Fahrt auf. „Ebenso wichtig: ein Team, das am gleichen Strang in dieselbe Richtung zieht. Unser Vorteil im Projekt ist, dass wir gemeinsam als Team diesen Geist und auch die Offenheit zur Innovation leben“, beschreibt Altenkamp die Zusammenarbeit. Und: „Ohne Vertrauen geht es auch nicht“, ergänzt Hungar. Das wachse über die Jahre der gemeinsamen Arbeit an einer Liegenschaft. Schließlich braucht es die Bereitschaft, aus vermeintlichen Fehlschlägen zu lernen. „Man braucht aber auch eine Fehlerkultur“, betont Hungar. Bei der ersten Fassade habe man versucht, den Putz zu recyceln – und festgestellt, dass es in diesem Fall nicht funktioniert. „Aber mit dem gewonnenen Wissen geht man dann an die nächste Bauetappe ran und macht es besser.“

Die Botschaft aus der Fasanenstraße ist klar. „Wir müssen den Bestand anders denken – daran führt kein Weg vorbei“, fasst Hungar zusammen. Altenkamp formuliert den Paradigmenwechsel so: „Früher hieß es bei Sanierungen eher: raus und neu. Heute wird jedes einzelne Teil erst analysiert und diskutiert, um dann zu entscheiden: Brauchen wir es neu, können wir es sinnvoll erhalten oder der Kreislaufwirtschaft zuführen?“ So konnten bereits für viele der vorgefundenen Bauelemente und Unikate, die nach der Grundsanierung keine Verwendung mehr haben, neue Einsatzorte gefunden werden. Für Lawrence ist die Arbeit an den Fenstern dabei nur ein Türöffner: „Es ist eine gute Lernkurve, weil es ein relativ gut eingrenzbares Bauteil ist. Das bereitet gut auf die zukünftigen Gespräche und Entscheidungen vor, wenn wir komplexere Bauelemente weiterverwenden wollen.“ 

Die im nächsten Schritt geplanten Prototypen werden zeigen, welche Lösung sich durchsetzt. Mindestens genauso wichtig dürfte sein, dass das Verfahren selbst funktioniert hat  – als Modell dafür, wie öffentliche Vergabe Innovation anstoßen und zielgerichtet fördern kann.

DAB Redaktion

Berlin
Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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