Klimawende Stadt? Steigen wir doch mal aufs Dach
Rückhalten statt ableiten: Dächer werden zu Wasserspeichern, Klimaanlagen und Lebensräumen. Doch damit sie ihr Potenzial entfalten, müssen Architektur, Landschaftsarchitektur und Wasserwirtschaft von Anfang an zusammengedacht werden.
„Alles, was wir am Boden machen, nimmt uns Platz für andere Nutzungen.“ Der Satz fällt gleich zu Beginn des Gesprächs mit der Dresdner Landschaftsarchitektin Claudia Blaurock. Und eigentlich beschreibt er das Dilemma unserer Städte besser als jede Statistik. Denn während die Innenentwicklung politisch gewollt ist und neue Wohnungen entstehen sollen, wachsen gleichzeitig die Anforderungen an den öffentlichen Raum: mehr Grün, mehr Aufenthaltsqualität, mehr Biodiversität,mehr Wasserrückhalt. Nur eines wird dabei nicht „mehr“: die Fläche. Der Blick richtet sich deshalb zunehmend nach oben – auf das Dach.
Was lange lediglich als technischer Gebäudeabschluss galt, entwickelt sich heute zur neuen Ebene in der dichten Stadt. Dächer sollen Energie erzeugen, Regenwasser zurückhalten, Pflanzen wachsen lassen und Lebensraum für Insekten schaffen. Im Idealfall werden sie zu Aufenthaltsorten für Menschen. Die fünfte Fassade wird zur Potenzialfläche einer klimaangepassten Stadt.
Doch genau hier beginnt die eigentliche Herausforderung. Denn ein Dach ist kein Park. Es kann Freiräume ergänzen, aber nicht ersetzen. Der dänische Stadtplaner Jan Gehl beschreibt in seinem Buch „Städte für Menschen“, dass nicht allein die Existenz eines Raums entscheidend ist, sondern seine selbstverständliche Einbindung in den Alltag. Ein Dachgarten, der nur über einen Aufzug erreichbar ist oder ausschließlich den Bewohnern eines Hauses offen steht, kann deshalb kaum die Rolle eines öffentlichen Parks übernehmen.
Dennoch kann das Dach Aufgaben übernehmen, die am Boden zunehmend verloren gehen: Es kann Wasser sammeln und speichern, Verdunstung ermöglichen, die Umgebung kühlen und Lebensräume schaffen. Und an genau dieser Stelle kommt insbesondere das Retentionsdach ins Spiel.
Immer ein Gewinn
Ein Retentionsdach macht zunächst etwas scheinbar Einfaches: Es hält Regen dort zurück, wo er fällt. Statt Niederschlagswasser möglichst schnell in die Kanalisation abzuleiten, speichert es einen Teil davon und gibt ihn zeitverzögert ab. Das entlastet so bei Starkregen die Kanalisation und verbessert durch Verdunstung das Mikroklima. Doch reicht das bereits für eine Schwammstadt?
Denn entscheidend ist nicht nur, ob Wasser gespeichert wird, sondern was anschließend mit ihm passiert. Bleibt es den Pflanzen erhalten? Wird es zur Bewässerung genutzt? Oder verschwindet es wenige Stunden später doch wieder in der Kanalisation?
„Jede Dachbegrünung ist schon einmal ein Gewinn“, sagt Claudia Blaurock. Entscheidend sei aber, Dächer nicht isoliert zu betrachten, sondern als Teil eines größeren Wasserkreislaufs.
Nutzungskonkurrenz auf dem Dach
„Es gibt meistens keinen Dachflächen-Koordinator“, sagt Claudia Blaurock. Genau darin liegt das eigentliche Problem. Die Dachfläche wird im Laufe der Planung und oft auch während der Bauausführung Schritt für Schritt mit unterschiedlichsten Anforderungen belegt. „Jede Fachplanung bringt berechtigte Bedürfnisse ein – doch niemand behält die Gesamtfläche im Blick und koordiniert deren optimale Nutzung“, erklärt die Expertin. So gingen wertvolle Synergien zwischen Solarenergie, Wasserrückhalt, Vegetation und Aufenthaltsqualität verloren.
Häufig wird die Landschaftsarchitektur dabei erst hinzugezogen, wenn wesentliche Entscheidungen bereits getroffen sind. Dabei müssten genau diese Nutzungen von Beginn an gemeinsam entwickelt werden. „Denn nur wenn Dachflächen integrativ geplant und bis zur Umsetzung konsequent koordiniert werden, können sie ihr volles Potenzial für Klimaanpassung, Biodiversität und Energiegewinnung entfalten.“
Kostenfaktor Retentionsdach?
Und die Kosten? Diese Frage greift nach Ansicht Blaurocks oft zu kurz. Nicht nur der Dachaufbau verursacht Ausgaben – auch überlastete Kanalisationen, Rückhaltebecken oder die Folgen überhitzter Städte haben ihren Preis. „Die Ertüchtigung eines Gebäudes für Solar und Gründach ist nicht teurer als der Erdaushub für und das Einbauen von Rigolen“, weiß die Landschaftsarchitektin.
Singapur etwa gilt als Vorreiter der Dach- und Fassadenbegrünung. Dort muss bei Neubauten verlorene Vegetationsfläche an anderer Stelle am Gebäude ersetzt werden. Begrünung ist längst kein gestalterisches Extra mehr, sondern Teil der städtischen Infrastruktur. „Dort hat man einfach ausprobiert“, sagt Blaurock. „In Deutschland haben wir diesen Umgang noch nicht gefunden. Viele haben Angst vor dem Wasser und davor, Grün selbstverständlich in die Architektur zu integrieren.“
Neue Landschaft in der Stadt
Vielleicht verändert das Retentionsdach tatsächlich weit mehr als nur den Umgang mit Regenwasser. Es verändert unseren Blick auf die Stadt. Was früher als technische Restfläche galt, wird zunehmend Teil ihrer Freiraumstruktur. Dächer speichern Wasser, regulieren das Mikroklima und schaffen neue Lebensräume – für Pflanzen, Tiere und auch für Menschen.
Damit verändert sich auch die Rolle der Landschaftsarchitektur. Sie gestaltet längst nicht mehr nur den Raum zwischen den Gebäuden. Sie gestaltet zunehmend auch den Raum auf ihnen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sie früh genug an den Planungstisch kommt.
Denn eines wird sich kaum ändern: Die Städte werden weiterhin wachsen, zusätzliche Freiflächen am Boden bleiben knapp.
Vielleicht sollten wir die Schwammstadt deshalb künftig nicht mehr nur zwischen den Gebäuden suchen, sondern auch auf ihnen. So wird das Dach zur fünften Ebene der Stadt.
Das könnte Sie auch interessieren
Neues Wissen,
smarte Projekte und
inspirierende Ideen
Entdecken Sie die Welt der Architektur –
jetzt im exklusiven DAB Update!