„Alles, was komplex ist, sollten wir feiern“
Im ersten Teil sprach Hannes Bäuerle über die Sinnlichkeit von Material, verlorene Handwerkskunst und warum gesund das neue Ökologisch ist. Im zweiten Teil geht es um den Blick nach vorne: Kreislaufwirtschaft ohne Illusionen, neue Materialentwicklungen – und warum die Branche Komplexität nicht fürchten, sondern feiern sollte.
DAB: Kreislaufwirtschaft ist derzeit das beherrschende Thema. Wie sehen Sie das materialtechnisch?
Hannes Bäuerle: Das Thema ist richtig und wichtig – aber wir reden oft, als wäre es eine Frage des Umsortierens: Material raus, anderes Material rein, fertig. So einfach ist es nicht. Ich verstehe nicht ganz, wieso wir als Kreativ-Branche dieses Thema nicht mit offensten Armen an uns binden – weil es hier noch ganz viel Gestaltung braucht. Wie befestige ich ein Material, wie mache ich es wieder lösbar, wie berechne ich das über den ganzen Lebenszyklus? Das sind gestalterische Fragen, keine logistischen.
Und dann ist da noch ein anderes Missverständnis, das mich beschäftigt: Die pauschale Aussage „Unser Material ist recycelbar“ ist, wenn man ehrlich ist, nichts wert. Ich gehe inzwischen so weit zu sagen: Auch Plutonium ist recycelbar, wenn ich es wirklich will. Die entscheidende Frage muss lauten: Was ist einfach recycelbar? Niederkomplexe, massive Baustoffe lassen sich natürlich viel leichter wieder in den Kreislauf zurückführen als Verbundwerkstoffe, weil dieser Verbund wieder aufzulösen immer ein Problem ist. Das heißt: Kreislaufwirtschaft fängt nicht am Ende an, sondern bei der Entscheidung, welche Materialien ich von Anfang an einsetze.
Das setzt voraus, dass man seine Materialien wirklich kennt. Aber in Ihren Workshops erleben Sie da regelmäßig Lücken.
Ich bin teilweise erstaunt, wie wenig Wissen vorhanden ist. Den Unterschied zwischen PVC-Bodenbelag, Vinylbodenbelag, Designbodenbelag und Linoleum kriegen die wenigsten auf den Punkt – dabei könnte er kaum größer sein. PVC und Vinyl sind erdölbasierte Kunststoffe, die ausgasen, schwer zu recyceln sind und am Ende ihres Lebens zum Sondermüll werden.
Linoleum dagegen besteht aus Leinöl, Korkmehl, Holzmehl und Jute – vollständig natürlich, biologisch abbaubar, jahrzehntelang haltbar. Optisch sehen sie sich heute oft zum Verwechseln ähnlich, materialtechnisch sind sie das genaue Gegenteil voneinander. Für viele ist es aber einfach nur eine Optik und ein Preis. Dieses Unter-den-Teppich-Gucken findet nicht statt – und das ist das eigentliche Problem.
Woran liegt das?
Viel Grundlagenwissen ist nicht präsent – weil man es nie gelernt, vergessen oder in den eigenen Leistungsphasen schlicht noch nicht gebraucht hat. Und dann kommt bei jüngeren Generationen die Aufmerksamkeitsökonomie dazu. Da wird „veganes Leder“ als das neue grüne Traummaterial gepriesen und Werbesprüche werden nachgeplappert. Was dabei gerne verschwiegen wird: Die meisten veganen Leder sind PU-beschichtete Kunststoffe, also erdölbasiert, kaum recycelbar und oft deutlich kurzlebiger als echtes Leder.
Echtes Leder dagegen ist ein Nebenprodukt der Fleischindustrie – das Tier wird nicht des Leders wegen gehalten, die Haut wäre sonst Abfall. Das ist im Grunde ein perfektes Beispiel für Restverwertung, aber den Wasser- und Chemikalienverbrauch beim Gerbprozess darf man auch nicht negieren. Doch genau das ist der Punkt: Es gibt kein einfaches Gut und Böse bei Materialien. Was mir fehlt, ist die Bereitschaft, wirklich tiefer zu schauen.
Wo sehen Sie aktuell die interessantesten Materialentwicklungen?
Manchmal sind es gar keine Neuheiten im eigentlichen Sinne – sondern Materialien, die es längst gibt, aber kaum jemand kennt oder einsetzt. Textilbewehrter Beton zum Beispiel: Carbonfasern ersetzen die klassische Stahlbewehrung, das Material wird dadurch deutlich dünner, leichter und korrosionsbeständig. Im Bereich Sanierung und Brückenbau hat das enorme Vorteile.
Dann Terrazzo, aber nicht als Luxusprodukt, sondern als Idee. Nach dem Krieg war das das Material der armen Leute: Man nahm, was vor Ort da war, Arbeitszeit kostete nichts. Heute wird Terrazzo aus Kunststoffabfall hergestellt und gilt als Premiumprodukt. Das ist für mich ein perfektes Bild dafür, wie Kreislaufdenken und Gestaltung zusammenkommen können.
Und dann gibt es Dinge wie Birkenrinde als Fassadenmaterial – ungewöhnlich, aber absolut funktional. Das sind die Momente, wo ich merke: Wir müssen gar nicht alles neu erfinden. Wir müssen nur mutiger schauen.
Wenn Sie uns einen Appell mitgeben könnten – was wäre das?
Erstens: Wagen! Da zitiere ich gerne Frei Otto: Man muss mehr wagen, man muss sich mehr trauen. Wir brauchen nicht noch mehr Normen, nicht noch mehr Zertifikate. Der normale Menschenverstand und der Mut, Konventionen zu brechen. Dabei muss ich gar nicht viel neu erfinden – oft reichen alte tradierte Handwerkstechniken, kombiniert mit neuen Verfahrenstechnologien. Sonst würden wir heute noch im Feldzelt wohnen, wenn wir nicht irgendwann angefangen hätten, uns etwas zu trauen.
Zweitens: Unter den Teppich gucken, ins Detail gehen. Wer hat mal einen Quadratmeter Lehmputz, einen Quadratmeter Zement, einen Quadratmeter Gips an die Wand gebracht? Wer stand wirklich auf der Baustelle im Dreck und hat selber Hand angelegt? Davon haben wir uns zu weit entfernt. Im Idealfall nimmt man sich als Planender Jahr für Jahr eine Materialgruppe vor – von der Produktion über die Nutzung bis zur Entsorgung. Wobei: „Entsorgung“ stimmt ja eigentlich nicht. Wir verstecken unsere Sorgen, wir entsorgen sie nicht.
Und drittens?
Weiterbilden – und nicht warten, bis einem alles zufliegt. Das sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Alles, was komplex und kompliziert ist, sollten wir feiern – denn je komplexer die Thematik, umso mehr braucht es clevere Gestalter.
Im ersten Teil spricht Hannes Bäuerle über die Sinnlichkeit von Material, ehrliche Baustoffe und warum gesund das neue Ökologisch ist.
DAB Redaktion
Das könnte Sie auch interessieren
Neues Wissen,
smarte Projekte und
inspirierende Ideen
Entdecken Sie die Welt der Architektur –
jetzt im exklusiven DAB Update!