Suffizienz als Ressourcenstrategie
Suffizienz wird im architektonischen Diskurs häufig als Verzicht gelesen. Im Gespräch mit Jürgen Odszuck, Architekt und Erster Bürgermeister der Stadt Heidelberg, zeigt sich Suffizienz als strategischer Umgang mit Ressourcen, der im Bestand ansetzt und bis in kommunale Entscheidungsprozesse hineinwirkt.
DAB: Suffizienz wird oft als Einschränkung oder Verzicht verstanden. Wenn man Ihnen zuhört, klingt das deutlich anders. Was bedeutet Suffizienz für Sie aus Sicht einer Stadt?
Jürgen Odszuck: Für mich hat Suffizienz tatsächlich nichts mit Verzicht zu tun. Suffizienz heißt erst einmal: ausprobieren, Dinge machen und schauen, wohin einen die Reise führt. Wir sind als Stadt ja nicht in der komfortablen Situation, nur theoretisch über solche Themen zu sprechen. Wir müssen entscheiden, wir müssen Dinge voranbringen – und wir müssen sie so machen, dass die Leute nicht sofort sagen: Das geht überhaupt nicht. Gerade im Bestand wird das sehr deutlich. Viele Gebäude stehen seit Jahrzehnten, manche seit Jahrhunderten. Sie werden genutzt, sie tragen. Und dann kommen wir und sagen: Das entspricht aber nicht mehr dem aktuellen Stand der Technik. Da frage ich mich ehrlich: Was ist denn das konkrete Problem? Besteht hier wirklich eine Gefahr – oder ist es ein normatives Problem?
Wenn man diesen Gedanken weiterdenkt, stellt sich schnell die Frage: Wer muss sich eigentlich wem anpassen: das Gebäude dem Nutzer – oder umgekehrt?
Genau. Die Frage ist nicht immer nur: Was hätte der Nutzer gerne? Und dann passe ich das Gebäude an. Sondern manchmal auch umgekehrt: Gebäude sucht Nutzer. Oder zumindest muss der Nutzer mit seinen Anforderungen ein Stück weit auf das Gebäude reagieren. Gerade im Bestand heißt das: Ich kann nicht immer sagen, wir bringen jetzt alles auf den neuesten Standard, damit wir für die nächsten 30 Jahre Ruhe haben. Sondern ich muss schauen: Was müssen wir wirklich anfassen? Wo können wir Dinge aushalten? Und welche Nutzung passt überhaupt zu diesem Gebäude?
Diese Aushandlung lässt sich an der Beachhalle sehr konkret nachvollziehen. Was hat das Projekt für Sie exemplarisch gezeigt?
Die Beachhalle ist ein gutes Beispiel dafür, weil sie zunächst einmal baulich ein sehr gutes Gebäude ist. Eine Halle aus den 1930er-Jahren, ein feingliedriges Tragwerk, filigrane Dächer, die Fenster nach Norden orientiert – keine Überhitzung, eigentlich alles gut. Man muss nur eine Nutzung finden und das Gebäude dafür vorbereiten. Dazu kommt die räumliche Qualität: Diese Großzügigkeit, die Klarheit des Raums, die gewölbten Holzfachwerkträger, das Licht – das kann man kaum neu bauen, jedenfalls nicht ohne erheblichen Aufwand. Gestalterisch war für uns wichtig, diese Qualitäten nicht zu überformen, sondern sichtbar zu lassen und weiterzudenken, statt sie hinter neuen Schichten zu verstecken. Wir haben uns am Anfang vorgenommen, unter einer Million Euro zu bleiben. Am Ende werden es doch deutlich über zwei Millionen. Aber das steckt gar nicht in der Funktion des Gebäudes selbst. Die Kosten entstehen durch Dinge wie Kanalanschlüsse, Altlasten, Schadstoffe oder denkmalpflegerische Anforderungen. Das Tragwerk selbst war nicht das Problem. Gleichzeitig hat das Projekt gezeigt, wie viel Spielraum entsteht, wenn man nicht von einer fertigen Lösung ausgeht, sondern von einem Prozess. Wir haben immer wieder abgewogen: Was müssen wir wirklich anfassen? Wo können wir etwas aushalten? Und wo wäre ein Eingriff zwar technisch möglich, aber gestalterisch, räumlich oder wirtschaftlich ein Verlust? In diesem Sinne war die Beachhalle weniger ein klassisches Sanierungsprojekt als eine gestalterische Aushandlung – zwischen Bestand und Nutzung, zwischen Anspruch und Angemessenheit, zwischen dem, was möglich wäre, und dem, was sinnvoll ist.
Spätestens an dieser Stelle kommen Standards, Verordnungen und Sicherheitsanforderungen ins Spiel. Wo kippt aus Ihrer Sicht diese Aushandlung?
Sie kippt dort, wo Standards nicht mehr als Orientierung verstanden werden, sondern als absolute Vorgabe. Dann wird nicht mehr gefragt: Was ist hier angemessen? Sondern nur noch: Entspricht das der Norm? Nehmen Sie etwa die Trinkwasserschutzverordnung. In vielen bestehenden Schulen funktionieren die Leitungen seit Jahrzehnten problemlos. Da stellt sich die Frage, ob ein vollständiger Austausch allein aufgrund geänderter Vorgaben immer sinnvoll ist – oder ob man an manchen Stellen stärker auf Erfahrung und Bestand vertrauen kann.
Damit sind wir bei der grundsätzlichen Frage von Sicherheit und Risiko. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von einem „Vollkasko-Denken“.
Ja, weil absolute Sicherheit eine Illusion ist. Und trotzdem tun wir oft so, als könnten wir sie herstellen. Wenn dann doch etwas passiert, wird sofort gefragt: Wer ist schuld? Wer hätte es verhindern müssen? Und dann dreht sich die Spirale weiter. Wir müssen uns ehrlich fragen: Wie viel Restrisiko akzeptieren wir als Gesellschaft? Beim Verkehr akzeptieren wir sehr viel Risiko. Bei Gebäuden plötzlich fast gar keines mehr. Das ist nicht konsistent – und es macht uns am Ende handlungsunfähig.
Wenn man das so hört, könnte man sagen: Es fehlt weniger an Technik als an Haltung?
Genau. Es geht nicht darum, Regeln abzuschaffen. Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen. Mut ist kein Selbstzweck. Es geht um Abwägung. Ab wann bin ich mutig – und ab wann waghalsig? Diese Grenze ist schmal, und genau deshalb braucht es Erfahrung. Das Problem ist: Wir versuchen, alles über Checklisten abzusichern. Aber Fortschritt entsteht nicht durch vollständige Regelkonformität, sondern durch verantwortetes Entscheiden. Wenn man alles so absichern will, dass wirklich nichts mehr passieren kann, dann passiert am Ende auch nichts mehr.
Auffällig ist: Viele Menschen reagieren sehr positiv auf solche Projekte – trotzdem werden sie selten umgesetzt. Wie erklären Sie sich das?
Das ist tatsächlich das Paradoxe. Die Menschen finden es gut, die Verantwortlichen finden es gut – und trotzdem macht man es so selten. Weil immer die Angst mitschwingt: Gibt es nicht doch irgendwo einen Fallstrick? Deshalb ist Kommunikation so wichtig. Man muss erklären, zeigen, vorleben. Und man darf nicht darauf warten, dass Ziele von oben vorgegeben werden. Wo da oben oder vielmehr wer da oben soll denn da etwas tun? Was erwarten wir eigentlich? Wir sind doch diejenigen, die diese Debatte anstoßen müssen. Ich glaube, wir müssen das tun, weil es sonst keinen gibt, der es tun wird.
Ist Heidelberg dafür ein besonders günstiger Ort?
Vielleicht schon. Wir haben viele Konversionsflächen und eine relativ aufgeklärte Stadtgesellschaft. Viele Menschen beschäftigen sich intensiv mit Nachhaltigkeit. Das erleichtert solche Wege – macht sie aber nicht konfliktfrei. Auch hier gibt es Erwartungen und Widerstände. Hinzu kommt, dass Prozesse wie die Internationale Bauausstellung in Heidelberg Spuren hinterlassen haben. Nicht nur in einzelnen Projekten, sondern im Denken der Verwaltung und in der Stadtgesellschaft. Bestimmte Fragen werden heute selbstverständlicher gestellt, andere Lösungen schneller akzeptiert. Vielleicht ist deshalb die Bereitschaft größer, sich auf alternative Wege einzulassen – etwa auf eine alte, charaktervolle Halle statt auf etwas komplett Neues.
DAB Redaktion
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