Lässt sich Alltagssubstanz mit Wertschätzung bewerten?
Mikala Holme Samsøe über eine dänische Methode, die 350.000 Gebäude bewertet hat – und warum wir dringend aufhören sollten, Bestand nur nach Machbarkeit zu bewerten
Was wäre, wenn Gebäude in Deutschland systematisch nach ihrem kulturhistorischen und architektonischen Wert bewertet würden? In Dänemark ist das seit 35 Jahren Realität: Über 350.000 Gebäude mit hohem oder geringem Erhaltungswert sowie Denkmäler sind im öffentlich zugänglichen SAVE-System erfasst. An der Königlichen Dänischen Akademie wurde auf dieser Grundlage die „Wertschätzungsanalyse“ für die Planungspraxis und Lehre entwickelt. Die dänische Architektin Mikala Holme Samsøe, Professorin für Entwerfen und Gestalten an der Technischen Hochschule Augsburg und Mitinhaberin von Ensømble Studio Architektur, bringt diese Methode nun auch nach Deutschland. Im Gespräch erklärt sie, warum wir uns in Gebäude verlieben müssen und warum ältere Bauten energetisch oft besser sind als ihr Ruf.
DAB: Was verbirgt sich hinter SAVE?
Mikala Holme Samsøe: SAVE (Survey of Architectural Values in the Environment) wurde in den 1980er Jahren von der dänischen staatlichen Agentur für Kultur entwickelt und bewertet systematisch jedes Gebäude nach fünf Kriterien auf einer Skala von eins bis neun: architektonischer Wert, kulturhistorischer Wert, Umgebungswert, Originalität und technischer Zustand.
Zunächst erfolgt die Identifikation: Nutzung, Denkmalstatus – alle Änderungen an Fassaden, Grundriss und Details werden dokumentiert. Im nächsten Schritt wird die Kulturgeschichte erfasst: Zweck, Alter, Geschichte, aber auch die persönliche Geschichte – wer hat hier gewohnt oder gearbeitet? Wie selten ist dieser Gebäudetyp? Welche Abnutzungserscheinungen und Patina sind vorhanden? Die Gebäudegeschichte wird durch Archivstudien erfasst, beispielsweise durch historische Spuren, Farbuntersuchungen und Stilrichtungen. Die eigentliche Gebäudeanalyse erfolgt auf drei Ebenen:
- Kulturgeschichtlich: Geschichte, Seltenheit, Patina
- Technisch: konstruktiver und bautechnischer Zustand, Feuchte, Innenklima, Energie
- Architektonisch: Fenster, Türen, Wände, Decken und Böden werden nach Alter und Stil gelistet sowie das Interieur und die Einpassung der Baukörper in Landschaft oder Stadt bewertet.
Am Ende entstehen konkrete Empfehlungen. Welche Strukturen müssen erhalten und repariert werden? Was kann entfernt werden (Subtraktion)? Was kann rekonstruiert, transformiert oder ergänzt werden? Die Ergebnisse fließen in öffentliche Atlanten ein, die beispielsweise von Kommunen in ihre Bebauungspläne übernommen werden können oder von Beratenden für ihre Planung eingesetzt werden.
Wie kommt man von SAVE zum schönen Wort der „Wertschätzungsanalyse“?
Die Wertschätzungsanalyse ist eine akademische Weiterentwicklung dieser Methode, die an der Königlichen Dänischen Akademie für die Lehre und Planungspraxis von Alltagssubstanz entwickelt wurde. Sie nutzt die gleiche systematische SAVE-Erfassung wie bei erhaltenswerten Gebäuden und Denkmälern, verzichtet jedoch auf die abschließende numerische Bewertung. Sowohl die Wertschätzungsanalyse als auch die ursprüngliche Methode arbeiten phänomenologisch, das heißt mit Handskizzen, Zeit vor Ort sowie einem stärkeren Fokus auf Genius Loci und Atmosphäre. In beiden Fällen wird die Dokumentation zur Reflexion über das Wesen des Gebäudes genutzt und bildet die gestalterische Grundlage für den Entwurf. Der eingedeutschte Name ist übrigens bewusst gewählt. Im Dänischen kann man das Wort in zwei Richtungen drehen: Wertsetzung oder Wertschätzung. Ich habe mich für die emotionalere Variante entschieden.
In Deutschland fehlt ein solcher Ansatz. Aber wie erfasst man immaterielle Qualitäten methodisch? Das klingt sehr subjektiv.
Genau das ist der springende Punkt: Bei Bestandsbauten beauftragen wir Fachingenieure, um Mängel festzustellen, erstellen Kostenschätzungen für die Sanierung versus Abriss und Neubau und führen Due-Diligence-Studien durch. Was fehlt, ist die systematische Erfassung immaterieller Qualitäten, die alles andere als esoterisch oder subjektiv ist. Die Methode der Wertschätzung arbeitet phänomenologisch. Dabei entsteht eine Reflexion darüber, was das Gebäude eigentlich ist. Wenn man dann mit der Sanierung beginnt, hat man das Gebäude mit derselben Sorgfalt untersucht, wie es bei einem Denkmal der Fall wäre. Das ermöglicht deutlich sensiblere Lösungen als bei einer Sanierung, die lediglich auf aktuelle Baustandards ausgerichtet ist. Diese Leistung muss als professioneller Bestandteil unserer Arbeit auch entsprechend honoriert werden. Zudem befinden wir uns in einer Zeit, in der wir nach neuen Ansätzen suchen müssen. Bei begrenzten Budgets können wir uns vollständige Sanierungen nicht mehr überall leisten. Wir sollten anerkennen, dass differenzierte Sanierungsgrade auch Vorteile bieten – nicht nur finanzielle.
Wie sieht eine solche differenzierte Strategie aus? Durch das Aussetzen von Standards?
Nicht unbedingt. Meiner Meinung nach können auch maßvoll sanierte Räume eine hohe Aufenthaltsqualität bieten. Nicht jede Substanz und Oberfläche muss komplett erneuert werden. Zur Nachhaltigkeit gehört auch die Bereitschaft der Nutzer, sich anzupassen, beispielsweise indem sie bei moderateren Raumtemperaturen wärmere Kleidung tragen.
Und hier kommt etwas, das immer noch viele Menschen überrascht: Aus mehreren Studien geht die Erkenntnis hervor, dass Altbauten energetisch besser sind, als sie eingeschätzt werden, und Neubauten schlechter, als sie berechnet wurden. Hinzu kommt noch das unterschiedliche Nutzerverhalten in Neu- versus Altbauten. Darüber hinaus schneiden bestehende Gebäude in einer Lebenszyklusanalyse gut ab, wenn man sie maßvoll und entsprechend ihrer Bauweise energetisch nachbessert. Bestand ist stark, wenn es darum geht, den Klima-Impact zu reduzieren.
Das klingt nach einem ziemlichen Paradigmenwechsel. Und, dass die Gesellschaft anders über Bauen und Wohnen denken muss
Ja, das ist tatsächlich ein Paradigmenwechsel – aber er ist bereits im Gange. Immer mehr Menschen können auf Überfluss und Überkomfort im eigenen Leben verzichten. Für uns Planende bedeutet das, Zeit zu investieren, uns einzulassen und andere davon zu überzeugen, dass es relevant ist. Dann ermöglicht unsere Kreativität intelligente Kompromisse. Interessant ist, dass selbst Banker diesen Ansatz der Wertschätzung spannend finden. Ihnen fehlt schließlich eine Methode, um Architektur für ihre Kredite zu bewerten. Es ist professionelle Planungsarbeit – nur mit einem erweiterten Blickwinkel.
DAB Redaktion
Das könnte Sie auch interessieren
Neues Wissen,
smarte Projekte und
inspirierende Ideen
Entdecken Sie die Welt der Architektur –
jetzt im exklusiven Newsletter!