Schulbau in Berlin und München: Zwei Strategien im Vergleich
Neue Organisationsstrukturen, Lernhauskonzepte und Typenbauten sollen Planungs- und Bauprozesse beschleunigen. Dabei setzen die beiden Städte unterschiedliche Schwerpunkte.
Gute Bildung ist das Fundament unserer Gesellschaft. Doch steigende Schülerzahlen, ein anhaltender Sanierungsstau und zunehmend knappe Kassen stellen die Kommunen in allen deutschen Ballungszentren weiterhin vor große Herausforderungen. Welche Strategien können helfen, die Prozesse zu vereinfachen, schneller und kostengünstiger zu bauen und dennoch die Qualität im Schulbau sicherzustellen? Ein Blick auf die beiden großen Schulbauprogramme in Berlin und München gibt Aufschluss.
Ausgangssituation und Rahmenbedingungen
Ein Blick zurück in die 2010er-Jahre zeigt eine ähnliche Ausgangssituation in den beiden Metropolen: Insbesondere durch Zuwanderung, aber auch durch einen zeitweisen Geburtenanstieg wuchs die Bevölkerung in den beiden Metropolen stark und kontinuierlich. Auf der anderen Seite wurden anstehende Sanierungen im Bestand sowie der zusätzliche Neubau von Schulen aufgrund finanzieller und personeller Engpässe zu lange vernachlässigt. Insgesamt standen zu wenige Schulplätze zur Verfügung, die Gesamtsituation war unübersichtlich und der akute Handlungsbedarf wurde immer deutlicher. Hinzu kamen Verwaltungsstrukturen, die eine schnelle Umsetzung lähmten: In München musste beispielsweise jedes Einzelprojekt zweimal durch den Stadtrat beschlossen werden: erst für den Projektauftrag und dann noch einmal für die Ausführung. In Berlin hat man es mit der Besonderheit des Stadtstaats und den damit einhergehenden differenzierten Verantwortlichkeiten zu tun.
Zielsetzung und Programmbeschlüsse
Das Ziel war gesteckt: Ein Aktionsprogramm für eine zeitgemäße und bedarfsgerechte Bildungsinfrastruktur musste so schnell wie möglich auf den Weg gebracht und umgesetzt werden. In München begann man mit einer vorbereitenden Analyse der rund 350 Schulstandorte, bei der sie nach Bedarf, Baurecht und Bauzustand priorisiert wurden. Dies mündete 2014 im Beschluss Schulbauoffensive, der im Wesentlichen darauf beruht, Einzelmaßnahmen in Programmen mit einer notwendigen und zu finanzierenden Gesamtsumme zusammenzufassen. Dadurch entstand eine höhere Transparenz, ein besserer Überblick über die anstehenden Kosten und mehr Spielraum, um Projekte gegeneinander auszugleichen. Das erste Schulbauprogramm konnte 2016 verabschiedet werden. Insgesamt wurden seitdem sechs Schulbauprogramme mit einer Investitionssumme von gut neun Milliarden Euro beschlossen und umgesetzt.
Im Berliner Senat kam es ebenfalls nach einer etwa einjährigen Vorbereitungsphase im Jahr 2017 zum Beschluss der Berliner Schulbauoffensive mit dem Ziel, die Kapazitäten bedarfsgerecht auszubauen, den Sanierungsstau abzubauen, den Bauunterhalt zu verbessern und die Verfahren zu beschleunigen. Eine Anpassung an moderne pädagogische Konzepte, für mehr Flexibilität, Gemeinschaft und Inklusion sollte damit einhergehen. Dafür wurde ein Umsetzungszeitraum von zehn Jahren sowie ein Finanzbedarf von 5,5 Milliarden Euro veranschlagt. Aus heutiger Sicht haben sich beide Werte als unzureichend erwiesen und die Bereitstellung von Schulplätzen wird auch weiterhin eine wichtige Aufgabe der Daseinsvorsorge bleiben.
Pädagogische Grundlagen und bauliche Konzepte
Nicht nur der Bedarf an Schulplätzen hatte sich über die Jahre erhöht, auch die Anforderungen an die Bildungslandschaft hatten sich gewandelt. Mit der Gesamtschulbewegung der 1970er-Jahre entstanden erste architektonische Ansätze, die mit der Entwicklung des „Münchner Lernhauskonzepts“ unter dem damaligen Stadtschulrat Rainer Schweppe flächendeckend etabliert wurden. Kern des Konzepts ist die Abkehr vom Frontalunterricht hin zu inklusiven, differenzierten und individualisierten Lernformen. Auch der Ausbau der Ganztagsbetreuung spielt dabei eine wichtige Rolle. Architektonisch findet dieser Ansatz seine Entsprechung in mehreren dezentralen Einheiten, bei denen sich flexible Lern- und Teambereiche um eine offene Mitte gruppieren. Jedes Lernhaus bildet somit eine „Schule in der Schule“ mit eigener Organisation und Verantwortlichkeit. Für die Umsetzung und Ausgestaltung wurden für München sogenannte Standardraumprogramme entwickelt, die eine verlässliche Planungsgrundlage boten und als Voraussetzung für die Verabschiedung der Bauprogramme sowie die Inanspruchnahme von Fördermitteln des Landes Bayern dienten.
Das Münchner Lernhauskonzepte bekam für zahlreiche Städte in Deutschland Vorbildcharakter. So entwickelte die Berliner Facharbeitsgruppe „Schulraumqualität“ mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Verwaltung, Schulfamilien und Forschung das „Berliner Lern- und Teamhauskonzept“ (Compartmentprinzip). Dabei wurden Anforderungen an die Ganztagsbetreuung, Inklusion, Barrierefreiheit, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit berücksichtigt. In den folgenden Jahren wurde dieser Rahmen durch Musterraum-, Musterfunktions- und Musterflächenprogramme weiter ausgestaltet, die als gemeinsame Handlungsgrundlage für die vielen beteiligten Akteure dienen.
Organisationsstrukturen
Mit der Verabschiedung der Schulbauoffensive ging in München auch eine umfassende organisatorische Neuordnung einher. Dabei wird zwischen einer Programm- und einer Projektebene unterschieden. Auf der Programmebene werden grundlegende Dinge vereinbart, gesamtstädtische Abhängigkeiten betrachtet, Finanzfragen abgestimmt, fachliche Planungsthemen diskutiert und die Beschlüsse und Berichte für den Stadtrat vorbereitet. Auf der Projektebene sorgen regelmäßige Abstimmungen sowohl referatsübergreifend als auch referatsintern für die notwendige Entscheidungsstruktur. Die neue Organisations- und Gremienstruktur ist dabei in erster Linie auf eine ganzheitliche Betrachtung pädagogischer, architektonischer, städtebaulicher sowie zunehmend auch energetischer und klimarelevanter Aspekte ausgerichtet.
Auch in Berlin wurden die Zuständigkeiten neu geordnet. Die Abstimmung und Steuerung zu den Themen der Schulbauoffensive erfolgt in den Gremien „Taskforce Schulbau“ und der „Steuergruppe der Taskforce Schulbau“ mit allen beteiligten Akteuren. Vertreten sind die Senatsverwaltung für Bildung Jugend und Familie, die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, die Senatsverwaltung für Finanzen, die Bezirksverwaltungen, die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft HOWOGE und die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM). Die Umsetzung der geplanten Baumaßnahmen erfolgt anteilig, die Finanzierung sukzessive über einen zweijährigen Haushaltsplan und ein jährliches Investitionsprogramm.
Erfolge und Lessons Learned
Trotz der hohen Investitionen reichen die Gelder weder in Berlin noch in München aus, um den Anforderungen vollumfänglich gerecht zu werden. Baukostensteigerungen, Bedarfe anderer Ressorts, Fragen der Priorisierung und der Qualitätsstandards führten in Berlin zu einem vermehrten Einsatz von (Holz-)Modulbauten, insbesondere um die dringend benötigten Schulplätze so schnell wie möglich bereitzustellen. Um zeitliche und kostenseitige Synergieeffekte zu generieren, kamen vor allem für die drei- und vierzügigen Grundschulen zunehmend Typenbauten zum Einsatz, die aus Architekturwettbewerben mit entsprechenden Rahmenverträgen hervorgegangen waren. Für weiterführende Schulen setzt Berlin jedoch nach wie vor auf Individualwettbewerbe. Doch auch die Weiterentwicklung der Typenbauten wird vorangetrieben, beispielsweise mit integrierten Sporthallen zur Flächenersparnis, für Flexschulen oder als Drehscheiben zur temporären Auslagerung. Insgesamt ließ sich damit die durchschnittliche Planungs- und Bauzeit von acht bis zehn Jahren auf fünf bis sechs Jahre reduzieren. Bis zum Schuljahr 2025/26 konnten so mehr als 50.000 Schulplätze mit hoher Qualität geschaffen werden.
München setzt für eine zügige Umsetzung auf Vergabeverordnungs-(VgV-)Verfahren, denen bei besonderen Projekten zum Teil auch Architekturwettbewerbe vorgeschaltet werden. Nach dem Programmbeschluss beträgt die interne Planungs- und Bauzeit etwa drei Jahre. Im Rahmen der Schulbauoffensive konnten somit 62.500 Schulplätze geschaffen werden. In Zeiten knapper werdender Budgets setzt die Stadt zunehmend auf nachhaltige Bauweisen. Da das Baureferat auch für den späteren Betrieb der Gebäude zuständig ist, rückt die Lebenszyklusbetrachtung hier immer stärker in den Fokus.
Aktuelle Herausforderungen und Weiterentwicklung
Auch wenn beide Städte eine insgesamt positive Bilanz ihrer Schulbauoffensiven verzeichnen können, bleibt keine Zeit, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. In Berlin entstehen derzeit vor allem Bedarfe an weiterführenden Schulen und Förderzentren. Nachdem der Fokus zunächst stark auf dem Schulneubau lag, steht in der Hauptstadt nun auch die verstärkte Bestandssanierung im Mittelpunkt. Dies geschieht auch vor dem Hintergrund kleinerer Budgets und zunehmender klimapolitischer Herausforderungen. In München macht sich zunehmend das Flächenproblem bemerkbar. In der am dichtesten besiedelten Stadt Deutschlands liegt das Augenmerkt derzeit vor allem auf einer höheren Flächeneffizienz. Diese soll durch die Stapelung von Funktionseinheiten, Campuslösungen sowie durch eine zunehmende Öffnung ins Quartier mittels der Mehrfachnutzung von Flächen erreicht werden.
Fazit und Ausblick
Der Vergleich zeigt: Nach wie vor stehen die Kommunen vor ähnlichen Aufgaben und Schwierigkeiten in der Umsetzung, wenn auch in veränderter Form. Aufgrund der stadtspezifisch unterschiedlichen Dimensionen, der baulichen Ausgangslage und der politisch-administrativen Organisationsstrukturen greifen zwar ähnliche, aber doch spezifische Ansätze und Strategien.
Eine laufende Überprüfung der Prozesse und Ziele sowie die Berücksichtigung von Erfahrungen und veränderten Rahmenbedingungen sind dabei ebenso unabdingbar wie ein kontinuierlicher und konstruktiver Austausch der Städte untereinander.
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