Olympia in München, zum Zweiten
Nach rund 60 Jahren möchte München die Olympischen Sommerspiele zum zweiten Mal in die Landeshauptstadt holen. Das Konzept und die Bauten von einst haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Doch wie sehen die Planungen für 2036, 2040 oder 2044 aus?
Wo einst Truppenübungen stattfanden, Flugzeuge und Zeppeline starteten und nach dem Zweiten Weltkrieg Trümmerberge aufgehäuft wurden, entstand zu Beginn der 1970er-Jahre der Olympiapark. Unweit des Münchener Stadtzentrums schufen das Architekturbüro Behnisch & Partner und der Landschaftsarchitekt Günther Grzimek im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele 1972 einen wunderbaren Park, der sich bis heute großer Beliebtheit erfreut.
Eingebettet in diese Grünfläche, entstand zudem ein Ensemble aus ikonischen Sportbauten, die von der Fachwelt, aber auch in Publikumsumfragen immer wieder als herausragende Meisterwerke der Architektur in Deutschland bezeichnet werden. Dieses Urteil basiert maßgeblich auf den Seilnetzkonstruktionen von Frei Otto, dem es – wie nur wenigen Architekten – gelungen ist, sein Werk gleichermaßen in der Gesellschaft und in der Baugeschichte zu verankern. Seit 1998 steht der Olympiapark als Gesamtensemble unter Denkmalschutz; Olympiastadion, -halle und -schwimmhalle sind zudem als Einzelbaudenkmäler klassifiziert. 2023 wurde der Olympiapark in die deutsche Vorschlagsliste für das UNESCO-Welterbe aufgenommen.
Dass zwischen der 1965 entstandenen Idee, sich zur Austragung der Spiele zu bewerben und der Fertigstellung aller olympischen Einrichtungen lediglich sieben Jahre lagen, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass sich viele der Bau- und Infrastrukturprojekte längst in Planung befanden. Das Oberwiesenfeld wurde schon viel früher als Standort für große Sportstätten gehandelt – erst 1964 gab es hierfür einen Architektenwettbewerb, dessen Siegerprojekt allerdings unrealisiert blieb. Und erste Planungsszenarien für ein U- und S-Bahn-Netz stammen aus den 1950er-Jahren – ebenso wie die Idee zum Bau einer Stadtautobahn (dem Mittleren Ring), die die inneren Stadtbezirke umschließt. Die Spiele sind also nicht die Keimzelle dieser Projekte, haben jedoch maßgeblich dazu beigetragen, deren Realisierung signifikant zu beschleunigen.
Olympia 2.0
Nach der erfolglosen Bewerbung für die Winterspiele 2018 und 2022 (Letztere scheiterte an einem negativen Bürgerentscheid) unternimmt München nun einen weiteren Versuch – dieses Mal als einer von vier deutschen Kandidaten für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044. Nach dem referendumsbedingten Ausscheiden von Hamburg sind nun nur noch Berlin und die Region KölnRheinRuhr im Rennen. Beim Ratsentscheid am 26. Oktober 2025 sprachen sich zwei Drittel der abgegebenen Stimmen für die Bewerbung aus.
Was die Münchener Bevölkerung jenseits der sportlichen Grundbegeisterung überzeugte, war das Narrativ eines kompakten Konzepts und einer nachhaltigen Nutzung der bestehenden Infrastruktur von 1972. Im Beschluss der Vollversammlung des Stadtrats vom 20. Mai 2026 sieht diese Erzählung als Kurzformel so aus: „Olympisches Erbe / Nachhaltigkeit + Durchführungs-Kompetenz / Standort-Power + weltweite Strahlkraft / Lebensgefühl + historisch einzigartiger Rückhalt in der eigenen Bevölkerung = Durchsetzungskraft im internationalen Wettbewerb“
Nach Abschluss erster Planungen hält dieser Beschluss zudem folgende Attribute fest: „95 % der Sportstätten liegen innerhalb von 1 Stunde Reisezeit […], 90 % der Sportstätten liegen im Radius von unter 30 km Entfernung zum Olympischen Dorf, 76 % der Sportstätten liegen gar in einem Radius von max. 16 km Entfernung zum Olympischen Dorf […]. Nahezu die Hälfte aller Sportarten würden auf einem Areal von gut 2 km Länge ausgetragen, nämlich im weltweit einzigen Olympiapark dieser Art.“ Und: „Dank des dichten ÖPNV-Netzes sind 96 % der Wettkampfstätten in maximal 15 Minuten Fußweg von der nächstgelegenen Haltestelle zu erreichen.“
Stadterweiterung und Stärkung des ÖPNV
Natürlich erhofft sich München bei einem neuerlichen Zuschlag zur Austragung der Olympischen und Paralympischen Sommerspiele einen weiteren signifikanten Schub bei der Entwicklung von Bau- und Infrastrukturprojekten. Die Landeshauptstadt geht dabei von drei zentralen Effekten aus: der Beschleunigung bereits geplanter Maßnahmen, der Bündelung von Investitionen und planerischen Aktivitäten und der Priorisierung zentraler Projekte im politischen und administrativen Handeln.
Das Olympische Dorf für rund 16.000 Sportler:innen und Betreuer:innen soll auf Basis des bestehenden Stadtentwicklungsplans (STEP) 2040 – wie vom IOC gefordert – als „One-Village-Konzept“ entstehen. Konkret geht es um eine ohnehin geplante Stadterweiterung für bis zu 30.000 Menschen im Münchener Nordosten. Auf einer Fläche von 600 ha soll zwischen den Stadtteilen Daglfing, Englschalking und Johanneskirchen ab den 2030er-Jahren ein neuer Stadtteil entstehen: lebendig, klimaneutral, bezahlbar und mit vielen Freizeitangeboten und Grünflächen. Genauere Planungen wurden bislang noch nicht vorgestellt.
96 %
der Wettkampfstätten sind in maximal 15 Minuten Fußweg von der nächstgelegenen Haltestelle erreichbar.
Darüber hinaus sind zahlreiche weitere Projekte geplant, die insbesondere auf die Verbesserung des ÖPNV abzielen. Der S-Bahn-Ringschluss Nord soll eine direkte Schienenverbindung zwischen dem neuen Olympischem Dorf und dem TUM-Campus im Olympiapark schaffen. Ein Ausbau der U-Bahn-Linie U4 soll die Anbindung der Messe (Sportstätten, Medienzentren) mit dem Olympischen Dorf und der Innenstadt verbessern. Autonom fahrende Shuttles sollen als Zubringer zwischen Mobility Hubs und Veranstaltungsorten, aber auch der intelligenten Vernetzung des ÖPNV dienen. Und um die nachhaltige Mobilität zu stärken, soll ein Ausbau der Radschnellverbindungen erfolgen. Außerdem sind die Pflanzung von 15.000 Bäumen im Innenstadtbereich sowie elf Parkmeilen geplant – bis zu 8 km lange, zusammenhängende Grünzüge, die große Parks mit dem Landschaftsraum am Stadtrand verbinden.
Hinzu kommen die sogenannten Power-Projekte, insbesondere der Ansatz der „zirkulären Spiele“. Dieser Ansatz beschreibt eine konsequent auf Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft ausgerichtete systemische Herangehensweise an die Planung, den Bau, den Betrieb und die Nachnutzung der olympischen Infrastrukturen. Im bereits erwähnten Stadtratsbeschluss heißt es hierzu unter anderem: „Ziel ist es, den Bedarf an Neubauten auf ein notwendiges Minimum zu reduzieren und stattdessen bestehende Sportstätten, Infrastrukturen und Flächen konsequent einzubinden. Dort, wo neue Strukturen erforderlich sind, werden diese von Beginn an so konzipiert, dass sie modular, rückbaubar oder in dauerhafte Nutzungen überführbar sind.“
Die Vision der autofreien Innenstadt
Die von der Landeshauptstadt München formulierten Ziele sind allesamt ehrgeizig, stimmig und zeitgemäß nachhaltig. Dass sie durchaus prägnanter und weitreichender sein könnten, verdeutlicht die Studie „20++ Mit Olympia Stadt verweben“, die eine Gruppe von Studierenden der Professur für Urban Design an der TU München im Februar 2026 veröffentlicht hat. Jan Gutjahr, Thiade Langenhan und Felix Lindemann stellen darin zahlreiche Einzelmaßnahmen vor – unter anderem das Konzept „Altstadt für alle 2.0“.
Ziel ist die schrittweise Zurücknahme des Parkraums, dem während der Spiele und danach ein Verbot für den motorisierten Individualverkehr innerhalb des Altstadtrings folgen würde. Durch die autofreie Innenstadt wären nicht nur die Sicherheitsanforderungen zum Schutz der Besuchenden im Stadtzentrum gewährleistet. Im frei gewordenen Straßenraum könnten auch „alte Stadtbäche revitalisiert, Asphaltflächen entsiegelt und die Grundlage einer neuen Sichtweise auf die Nutzung der Innenstadt geschaffen werden.“. Maßnahmen wie diese hätten durchaus das Potenzial, sich zur Keimzelle einer dringend benötigen Bau- und Verkehrswende à la Paris, Barcelona und Kopenhagen zu entwickeln, die in München in dieser Form derzeit leider nicht in Sicht ist.
Bevor die Olympischen und Paralympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 jedoch als Katalysator für welche Vision auch immer dienen können, muss sich die Landeshauptstadt erst einmal gegen die nationale Konkurrenz durchsetzen. Die Entscheidung über den finalen deutschen Bewerber wird auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung des DOSB am 26. September 2026 in Baden-Baden getroffen.
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