Fünf Ringe für ein „Vielleicht“
Der Deutsche Olympische Sportbund prüft Bewerbungen aus Berlin, München und Rhein-Ruhr für 2036, 2040 oder 2044. 50 Jahre nach München 1972 bleibt die Frage: Will Deutschland die Spiele überhaupt?
Am 31. Mai 2026 haben die Bürgerinnen und Bürger Hamburgs erneut gegen eine Olympiabewerbung gestimmt. Wie schon 2015 ist das Ausdruck einer breiteren Entwicklung: Olympische Spiele sind längst nicht mehr nur Sportereignis, sondern Marketingtool, Projektionsfläche und politisches Instrument. Die Befürworter, wie etwa die der Münchner Bewerbenden, betonen das völkerverbindende Element und den wirtschaftlichen Nutzen. Das offizielle Motto der Spiele lautet „Schneller, höher, stärker – gemeinsam“. Die Gegenseite kritisiert (sport-)politische Nebelkerzen. Die Olympiade ist zwiespältig.
Medaillen, Memes, Milliarden
Der mindestens umstrittene Ruf des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) trägt zu diesem Spannungsfeld erheblich bei. Reformen wie die Agenda 2020+5 versprechen nachhaltigere Strukturen, allerdings haben Korruptionsvorwürfe, Intransparenz und milliardenschwere Kosten das Vertrauen angekratzt. Auch wenn IOC-Präsidentin Kirsty Coventry sagt: „Die Städte sollen sich nicht mehr Olympia anpassen, sondern Olympia den Städten“, ist die Skepsis geblieben.
Paris 2024 kann exemplarisch für diese Ambivalenz gesehen werden. Offiziell waren es „die grünsten Spiele aller Zeiten“, in der Wahrnehmung vieler jedoch vor allem ein globales Medienereignis. Zwischen dem tanzenden Snoop Dogg oder den Schokomuffins von Henrik Christiansen folgt Olympia immer mehr der Logik des Spektakels, wie es der französische Philosoph Guy Debord definierte: Das Ereignis wird in Erzählungen und Bildern übersetzt, die den eigentlichen Zweck überlagern.
Geht es hier noch um Sport? Ja und nein, denn Olympia versucht sich ständig neu zu erfinden, etwa durch neue Disziplinen wie Breaking oder Skateboarding, um jüngere Zielgruppen anzusprechen. Zugleich bleibt die Frage, wie zeitgemäß eine Veranstaltung in dieser Größenordnung noch ist, wenn es die Legitimation einzig aus Ausnahmezustand, Exklusivität und symbolischer Weltgeltung bezieht, was der Soziologe Winfried Gebhardt als „Eventisierung“ bezeichnet.
Dabei sein ist alles, mitreden auch
In Deutschland ist die Stimmung zu Olympia gespalten. Befürworter verweisen auf wirtschaftliche Impulse, internationale Sichtbarkeit und einen Modernisierungsschub für die Infrastruktur. Initiativen wie „NOlympia“ warnen vor steigenden Mieten, ökologischen Belastungen und Eingriffen in den öffentlichen Raum. Mancherorts werden notwendige Bau- und Umweltmaßnahmen von der Stadtpolitik mit der Olympia-Teilnahme verknüpft – etwa in Hamburg, wo die Stadt zuletzt versprach, die Spiele zu nutzen, um zur „barriereärmsten Metropole Deutschlands“ zu werden. Aus Reihen des Inklusionsbeirats Eimsbüttel nannte man dieses Vorhaben eine „Form von Erpressung“. Der olympische Gedanke („Dabei sein ist alles“) wird so zur inszenierten Teilhabe. Es geht um mehr als um Sport. Es geht um Mitbestimmung.
Wer zahlt, entscheidet – eigentlich
Im Zentrum aller Debatten stehen aber die Kosten. Das Organisationsbudget liegt laut dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) bei bis zu sechs Millionen Euro. Allerdings gilt das nur für die reine Austragung, die Infrastruktur wird vom jeweiligen Veranstalter getragen. Ein langfristiger Nutzen bleibt schwer nachweisbar. „[…] viele temporäre Maßnahmen wie Straßensperrungen oder Medienzentren kosten viel Geld“, sagte Alexander Budzier, Ökonom der Universität Oxford, der eine Studie zu den Kosten für die Olympischen Spiele veröffentlicht hat, gegenüber der ZEIT. Seine Erkenntnis: Die Kosten waren bei allen Olympischen Spielen seit 1960 höher als vormals kalkuliert, teils um 120 Prozent. Der DOSB und die Befürworter halten dagegen, durch die Nutzung vorhandener Ressourcen und temporäre Bauten statt teurer Prestigeobjekte ließen sich die Kosten deutlich senken. Damit wird Olympia auch zu einer Frage öffentlicher Verteilung: Welche Investitionen werden legitimiert und wer trägt das Risiko?
Denn die Auswirkungen sind ambivalent. Olympische Dörfer werden später zu Wohnquartieren, oft allerdings nur hochpreisige Luxusunterkünfte. Im Fall von Rio wurden davon sogar weniger als zehn Prozent verkauft, während die Stadt noch Jahre nach den Spielen mit Schulden von rund 30 Millionen Euro kämpfte. Für die Austragungsorte bedeuten die Spiele nämlich einen massiven Eingriff: Sicherheitszonen, Sonderfahrspuren und Nutzungseinschränkungen verändern den Alltag temporär grundlegend. Öffentlicher Raum wird zur Eventfläche. Nicht nur die bauliche, sondern auch die soziale Qualität eines Ortes wird so vorübergehend umgestaltet. Olympia produziert nicht bloß eine temporäre Stadt der kontrollierten Bewegung, es ist auch sozial selektiv.
Müssen nur wollen – oder umgekehrt
Olympia ist heute weniger Sportereignis als eine gesellschaftliche Entscheidung. Es geht um Prioritäten, um Ressourcen und um Stadtentwicklung. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung der Spiele heute. Nicht mehr im Wettbewerb, sondern im Streit darüber, ob und wo sie stattfinden sollen. Das ‚Müssen nur wollen‘ des DOSB trifft auf eine Gesellschaft, die nicht mehr einfach nur konsumieren, sondern mitreden will. Wenn Olympia in Deutschland eine Zukunft haben will, muss es zu einem Projekt der kulturellen Verständigung werden. Die deutschen Konzepte reagieren darauf unterschiedlich: NRW setzt auf Dezentralität und vorhandene Infrastruktur, Berlin auf Modernisierung, München auf Erfahrung. Der Politikwissenschaftler Peter Filzmaier schlägt in seinem Buch „Olympia“ vor, die Spiele radikal zu dezentralisieren. Sie könnten weltweit stattfinden anstatt an nur einem oder zwei Austragungsorten. Damit wären sie immerhin etwas mehr „gemeinsam“.
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