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Neue städtebauliche Frequenzbringer durch neue Architektur

Ein Interview mit der Vorsitzenden des Ausschusses für Wettbewerbs- und Vergabewesen der Architektenkammer Niedersachsen Maria Atitar und dem Investor Oliver Blume über die Zukunft der Innenstädte und die Chance eines großen ortsprägenden Umbaus – mitten in Hannover.

Nils Marius Kirschstein
20.04.2026 7min
Außenperspektive einer Visualisierung: modernes, mehrgeschossiges Gebäude aus rotbraunem Backstein mit steilen, rhythmischen Fassadenrippen und großen vertikalen Fensterbändern an einer belebten Fußgängerzone; nasses Pflaster, Passanten, Fahrradständer und Cafés im Straßenvordergrund, warmes Abendlicht.
„Ein luftiges Klinkerkleid.“ Eine neue Fassade für das ehemalige Galeria-Kaufhof-Gebäude (Herzog & de Meuron). Bis Ende 2027 soll es für eine Mischnutzung umgebaut werden. © Herzog & de Meuron

Nils Kirschstein: Mit 22,23 Millionen Besucherinnen und Besuchern rangiert die Georgstraße in Hannover auf Platz vier der deutschlandweit beliebtesten Einkaufsstraßen. Trotz hoher Besucherzahlen geraten immer mehr Kaufhäuser in die Insolvenz, während gleichzeitig die Zahl der klassischen Einkaufsgeschäfte in den Innenstädten sinkt. Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären? 

Maria Atitar: Die hohen Besucherzahlen zeigen, dass zentrale Lagen wie die Georgstraße weiterhin attraktiv sind, während sich das Konsumverhalten stark in Richtung Onlinehandel verschoben hat und klassische Warenhäuser dadurch unter Druck geraten. Viele Menschen nutzen Geschäfte heute eher als „Showroom“ und kaufen anschließend online günstiger ein. Innenstädte entwickeln sich deshalb zunehmend zu multifunktionalen Orten, an denen Handel mit Gastronomie, Kultur und Freizeit kombiniert werden muss, um zukunftsfähig zu bleiben. 

Oliver Blume: Die Zeit von Kaufhäusern für den allgemeinen Bedarf ist definitiv zu Ende. Eine Wiederbelebung ist nur im Luxussegment umsetzbar. Daher ist die Transformation in eine neue oder mehrere neue Assetklassen unabdingbar.

Viele ehemalige Warenhäuser stehen jahrelang leer, obwohl der Druck in den Innenstädten hoch ist. Woran scheitert die Umnutzung so häufig? An der Architektur dieser Gebäude oder an wirtschaftlichen Interessen? 

Atitar: Die Umnutzung ehemaliger Warenhäuser scheitert meist am Zusammenspiel aus baulichen und wirtschaftlichen Faktoren. Die Gebäude sind mit ihren tiefen Grundrissen und großen Flächen nur schwer für andere Nutzungen anzupassen, während gleichzeitig hohe Investitionen und tragfähige Konzepte erforderlich sind. Entscheidend ist daher, ob sich Architektur und Wirtschaftlichkeit sinnvoll zusammenbringen lassen. 

Blume: Entscheidend ist die prominente Lage vieler Kaufhäuser in der Innenstadt, die eine besondere Aufenthaltsqualität darstellt. Mit einer neuen Architektur kann dort städtebaulich ein neuer Frequenzbringer entstehen.

Wie schaffen wir die viel geforderte Aufenthaltsqualität in den Innenstädten? Und was bedeutet Aufenthaltsqualität konkret? Architektonisch und städtebaulich. 

Atitar: Aufenthaltsqualität bedeutet, dass Menschen sich gerne und länger in der Innenstadt aufhalten, nicht nur zum Einkaufen, sondern auch zum Treffen, Verweilen und Flanieren. Architektonisch und städtebaulich entsteht sie durch attraktive Gebäude und öffentliche Räume, lebendige Erdgeschosszonen, Nutzungsmischung sowie Grün, Sitzmöglichkeiten, Schatten und gute Erreichbarkeit. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Architektur, Freiraum und Nutzung.

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Das ehemalige Kaufhof-Gebäude an der Marktkirche erhält eine neue Fassade (Herzog & de Meuron, Basel) und eine neue Nutzung, darunter eine große Berufsschule. Der Standort verbindet Altstadt und Einkaufszone, eine Schlüsselstelle in Hannover. Wie groß ist die Chance, mit einem solchen Projekt auch die Entwicklung der gesamten Innenstadt neu zu prägen? 

Atitar: Ein Projekt an dieser zentralen Schnittstelle hat großes Potenzial, Impulse für die gesamte Innenstadt zu setzen, da es Altstadt und Einkaufszone verbindet. Gelingen eine gute Nutzungsmischung und stärkere Verknüpfung mit dem Umfeld, kann daraus eine neue Dynamik für das Quartier entstehen. Gleichzeitig ist ein einzelnes Projekt natürlich immer Teil eines größeren städtischen Gefüges, an einer so prominenten Stelle kann es jedoch eine wichtige Signalwirkung entfalten und zeigen, in welche Richtung sich die Innenstadt künftig entwickeln kann. 

Blume: Durch die ikonische Architektur und die Attraktivität eines Medienturms wird das ehemalige Kaufhaus auch für Besucher der Stadt eine neue Anziehung erhalten, welche ein positives Image entfalten und somit eine weitreichende Signalwirkung entwickeln wird. Meine Vision ist es, aus einem „Lost Place“ eine Ikone zu erschaffen, die als neues Herz in der Innenstadt zwischen Altstadt und Einkaufszone eine Schlüsselstelle darstellt. Durch eine Bildungseinrichtung, die automatisch mehrere Tausend Menschen jeden Tag an diese Stelle spült und 150 Wohnungen, die ebenfalls Kaufkraft an diesem Ort generieren, wird dieser Standort eine neue Qualität in die Innenstadt bringen. Alle weiteren Vermietungen müssen ebenfalls Einzigartigkeit und „Awarness“ ausstrahlen. Damit hat diese Immobilie die Chance, die Innenstadt neu zu prägen.

Stadtblick bei Dämmerung: Fußgängerzone mit Straßencafés links und rechts, im Zentrum ein neues, zurückgesetztes Gebäude mit großer, leuchtender Würfel‑Videofassade, die ein Basketballmotiv zeigt; Menschen flanieren, Bäume und historischere Nachbarbauten rahmen die Szene.
Ein Medienturm in Richtung Innenstadt als Schnittstelle zur Altstadt. Was hier zusätzlich entstehen wird, bleibt noch unklar. © Herzog & de Meuron
Innenraum‑Rendering eines hohen Veranstaltungsraums: helle, sonnendurchflutete Halle mit großflächigen Vertikalfenstern, sichtbaren Holzsäulen, Backsteinwand rechts und gestaffelten Holzbänken links; Gruppen von Menschen sitzen, stehen und sprechen in informeller Workshop‑Atmosphäre.
Ein Ort der Begegnungen für die berufsbildenden Schulen im ersten Obergeschoss. Zusätzlich geplant sind Wohnraum, eine Sporthalle und ein Garten. © Herzog & de Meuron

Eine Schule bringt täglich Tausende (4.000) junge Menschen in die Innenstadt. Verändert das langfristig auch das Umfeld – mehr Gastronomie, mehr Freizeitangebote, vielleicht sogar wieder mehr Wohnen? 

Atitar: Eine Schule dieser Größenordnung bringt täglich eine neue, konstante Nutzergruppe in die Innenstadt und sorgt für zusätzliche Belebung über den ganzen Tag. Davon profitieren vor allem Gastronomie, kleinere Geschäfte und Freizeitangebote, die sich an die neue Zielgruppe anpassen. Langfristig kann dies eine vielfältigere Nutzungsmischung fördern und auch Impulse für ergänzende Angebote bis hin zu mehr Wohnen geben. 

Blume: All diese Faktoren, wie mehrere Tausend Schüler, zahlreiche neue Mieter, die Kunden der Gastronomien sowie zahlreiche neue Einkaufsmöglichkeiten, ergeben bereits eine starke Belebung für diesen Standort.

Wo liegen die Risiken des Projekts? Sind alternative Strategien, Rückfallpositionen oder Kompensationen mitgedacht worden? 

Blume: Es gibt keine erkennbaren Risiken des Projektes, außer der schnellen Umsetzung inklusive der benötigten Genehmigungen. Alle Beteiligten sind an einer schnellstmöglichen Umsetzung des Konzeptes interessiert. Somit könnte das neue Herzstück der Innenstadt innerhalb des nächsten Jahres anfangen zu existieren.

Zur Person

Maria Atitar, Architektin

Maria Atitar ist Geschäftsführerin des Hannoveraner Architekturbüros ATITAR ARCHITEKTUR BDA und Vorsitzende des Ausschusses für Wettbewerbs- und Vergabewesen der Architektenkammer Niedersachsen

Zur Person

Oliver Blume, Investor und Projektentwickler

Oliver Blume ist CEO der Universal Quantum Deutschland GmbH, Investor in diversen Projekten rund um Immobilien und Zukunftstechnologien. Seine Projektentwicklungsgesellschaft ist unter anderem Eigentümer des Telemoritz und des ehemaligen Galeria-Kaufhof-Gebäudes in Hannover – beides steht nun vor einer Umnutzung, ganz im Sinne der Innenstadtentwicklung.

Nils Marius Kirschstein

Referent Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Architektenkammer Niedersachsen
Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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