Neue städtebauliche Frequenzbringer durch neue Architektur
Ein Interview mit der Vorsitzenden des Ausschusses für Wettbewerbs- und Vergabewesen der Architektenkammer Niedersachsen Maria Atitar und dem Investor Oliver Blume über die Zukunft der Innenstädte und die Chance eines großen ortsprägenden Umbaus – mitten in Hannover.
Nils Kirschstein: Mit 22,23 Millionen Besucherinnen und Besuchern rangiert die Georgstraße in Hannover auf Platz vier der deutschlandweit beliebtesten Einkaufsstraßen. Trotz hoher Besucherzahlen geraten immer mehr Kaufhäuser in die Insolvenz, während gleichzeitig die Zahl der klassischen Einkaufsgeschäfte in den Innenstädten sinkt. Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären?
Maria Atitar: Die hohen Besucherzahlen zeigen, dass zentrale Lagen wie die Georgstraße weiterhin attraktiv sind, während sich das Konsumverhalten stark in Richtung Onlinehandel verschoben hat und klassische Warenhäuser dadurch unter Druck geraten. Viele Menschen nutzen Geschäfte heute eher als „Showroom“ und kaufen anschließend online günstiger ein. Innenstädte entwickeln sich deshalb zunehmend zu multifunktionalen Orten, an denen Handel mit Gastronomie, Kultur und Freizeit kombiniert werden muss, um zukunftsfähig zu bleiben.
Oliver Blume: Die Zeit von Kaufhäusern für den allgemeinen Bedarf ist definitiv zu Ende. Eine Wiederbelebung ist nur im Luxussegment umsetzbar. Daher ist die Transformation in eine neue oder mehrere neue Assetklassen unabdingbar.
Viele ehemalige Warenhäuser stehen jahrelang leer, obwohl der Druck in den Innenstädten hoch ist. Woran scheitert die Umnutzung so häufig? An der Architektur dieser Gebäude oder an wirtschaftlichen Interessen?
Atitar: Die Umnutzung ehemaliger Warenhäuser scheitert meist am Zusammenspiel aus baulichen und wirtschaftlichen Faktoren. Die Gebäude sind mit ihren tiefen Grundrissen und großen Flächen nur schwer für andere Nutzungen anzupassen, während gleichzeitig hohe Investitionen und tragfähige Konzepte erforderlich sind. Entscheidend ist daher, ob sich Architektur und Wirtschaftlichkeit sinnvoll zusammenbringen lassen.
Blume: Entscheidend ist die prominente Lage vieler Kaufhäuser in der Innenstadt, die eine besondere Aufenthaltsqualität darstellt. Mit einer neuen Architektur kann dort städtebaulich ein neuer Frequenzbringer entstehen.
Wie schaffen wir die viel geforderte Aufenthaltsqualität in den Innenstädten? Und was bedeutet Aufenthaltsqualität konkret? Architektonisch und städtebaulich.
Atitar: Aufenthaltsqualität bedeutet, dass Menschen sich gerne und länger in der Innenstadt aufhalten, nicht nur zum Einkaufen, sondern auch zum Treffen, Verweilen und Flanieren. Architektonisch und städtebaulich entsteht sie durch attraktive Gebäude und öffentliche Räume, lebendige Erdgeschosszonen, Nutzungsmischung sowie Grün, Sitzmöglichkeiten, Schatten und gute Erreichbarkeit. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Architektur, Freiraum und Nutzung.
Das ehemalige Kaufhof-Gebäude an der Marktkirche erhält eine neue Fassade (Herzog & de Meuron, Basel) und eine neue Nutzung, darunter eine große Berufsschule. Der Standort verbindet Altstadt und Einkaufszone, eine Schlüsselstelle in Hannover. Wie groß ist die Chance, mit einem solchen Projekt auch die Entwicklung der gesamten Innenstadt neu zu prägen?
Atitar: Ein Projekt an dieser zentralen Schnittstelle hat großes Potenzial, Impulse für die gesamte Innenstadt zu setzen, da es Altstadt und Einkaufszone verbindet. Gelingen eine gute Nutzungsmischung und stärkere Verknüpfung mit dem Umfeld, kann daraus eine neue Dynamik für das Quartier entstehen. Gleichzeitig ist ein einzelnes Projekt natürlich immer Teil eines größeren städtischen Gefüges, an einer so prominenten Stelle kann es jedoch eine wichtige Signalwirkung entfalten und zeigen, in welche Richtung sich die Innenstadt künftig entwickeln kann.
Blume: Durch die ikonische Architektur und die Attraktivität eines Medienturms wird das ehemalige Kaufhaus auch für Besucher der Stadt eine neue Anziehung erhalten, welche ein positives Image entfalten und somit eine weitreichende Signalwirkung entwickeln wird. Meine Vision ist es, aus einem „Lost Place“ eine Ikone zu erschaffen, die als neues Herz in der Innenstadt zwischen Altstadt und Einkaufszone eine Schlüsselstelle darstellt. Durch eine Bildungseinrichtung, die automatisch mehrere Tausend Menschen jeden Tag an diese Stelle spült und 150 Wohnungen, die ebenfalls Kaufkraft an diesem Ort generieren, wird dieser Standort eine neue Qualität in die Innenstadt bringen. Alle weiteren Vermietungen müssen ebenfalls Einzigartigkeit und „Awarness“ ausstrahlen. Damit hat diese Immobilie die Chance, die Innenstadt neu zu prägen.
Eine Schule bringt täglich Tausende (4.000) junge Menschen in die Innenstadt. Verändert das langfristig auch das Umfeld – mehr Gastronomie, mehr Freizeitangebote, vielleicht sogar wieder mehr Wohnen?
Atitar: Eine Schule dieser Größenordnung bringt täglich eine neue, konstante Nutzergruppe in die Innenstadt und sorgt für zusätzliche Belebung über den ganzen Tag. Davon profitieren vor allem Gastronomie, kleinere Geschäfte und Freizeitangebote, die sich an die neue Zielgruppe anpassen. Langfristig kann dies eine vielfältigere Nutzungsmischung fördern und auch Impulse für ergänzende Angebote bis hin zu mehr Wohnen geben.
Blume: All diese Faktoren, wie mehrere Tausend Schüler, zahlreiche neue Mieter, die Kunden der Gastronomien sowie zahlreiche neue Einkaufsmöglichkeiten, ergeben bereits eine starke Belebung für diesen Standort.
Wo liegen die Risiken des Projekts? Sind alternative Strategien, Rückfallpositionen oder Kompensationen mitgedacht worden?
Blume: Es gibt keine erkennbaren Risiken des Projektes, außer der schnellen Umsetzung inklusive der benötigten Genehmigungen. Alle Beteiligten sind an einer schnellstmöglichen Umsetzung des Konzeptes interessiert. Somit könnte das neue Herzstück der Innenstadt innerhalb des nächsten Jahres anfangen zu existieren.
Zur Person
Maria Atitar, Architektin
Zur Person
Maria Atitar, Architektin
Maria Atitar ist Geschäftsführerin des Hannoveraner Architekturbüros ATITAR ARCHITEKTUR BDA und Vorsitzende des Ausschusses für Wettbewerbs- und Vergabewesen der Architektenkammer Niedersachsen
Zur Person
Oliver Blume, Investor und Projektentwickler
Zur Person
Oliver Blume, Investor und Projektentwickler
Oliver Blume ist CEO der Universal Quantum Deutschland GmbH, Investor in diversen Projekten rund um Immobilien und Zukunftstechnologien. Seine Projektentwicklungsgesellschaft ist unter anderem Eigentümer des Telemoritz und des ehemaligen Galeria-Kaufhof-Gebäudes in Hannover – beides steht nun vor einer Umnutzung, ganz im Sinne der Innenstadtentwicklung.
Nils Marius Kirschstein
Referent Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Architektenkammer NiedersachsenDas könnte Sie auch interessieren
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