„Die Denkmalpflege ist die Königsdisziplin der Kreislaufwirtschaft“
Daniel Hoheneder ist Professor für Bestandstransformation und Baudenkmalpflege in Trier, freischaffender Architekt und seit 2017 ehrenamtlich in der Baudenkmalpflege tätig. Im Gespräch erklärt er, warum die Denkmalpflege heute die Blaupause für den Umgang mit Bestand liefert.
DAB: Herr Hoheneder, Sie sagen: „Die Denkmalpflege ist die Königsdisziplin der Kreislaufwirtschaft.“ Was meinen Sie damit?
Daniel Hoheneder: Wenn wir heute über Kreislaufwirtschaft im Bau sprechen, geht es meist um das Wiederverwenden einzelner Bauteile – Fenster, Türen, Träger aus abgerissenen Gebäuden. Das ist wichtig. Aber in der Denkmalpflege machen wir etwas anderes: Wir verwenden ganze Gebäude weiter, am Stück; oftmals wird das Gebäude dabei sogar upgecycelt. Das ist die Königsdisziplin – nicht Bauteile retten, sondern ganze Gebäude. Die modere Denkmalpflege tut das seit 200 Jahren.
200 Jahre Erfahrung – warum haben wir die bisher nicht genutzt?
Wir haben es schlicht nicht tun müssen. Wir haben viel neu gebaut und viel leichtsinnig oder leichtherzig ersetzt, um uns den Zwängen des Bestandes nicht stellen zu müssen. Wir haben das einfach weggeschoben und dann neu gedacht, wie wir so gern sagen. Das ist jetzt vorbei. Wir müssen als Architektenschaft lernen, wie wir besser mit dem Bestand umgehen.
Denkmalpflege klingt für viele nach Einschränkung, nach langwierigen Verfahren. Warum sollte das ausgerechnet die Blaupause für den gesamten Bestand sein?
Das ist ein Klischee, das sehr häufig bedient wird, vor allem in der Presse. Aber aus Innensicht sehe ich etwas ganz anderes. Ich bin seit 2017 Kreisheimatpfleger für den Bereich Baudenkmalpflege im Landkreis Rosenheim, 2.200 eingetragene Denkmäler – so viele wie manches kleine Bundesland. Ich war dabei an Hunderten Projekten beteiligt, vom abgefaulten Wetterschenkel am Fenster bis zum Brennerbasistunnelzulauf durch das enge Inntal. Und ja, es dauert manchmal länger. Aber der Service ist außergewöhnlich: kostenlose Beratung von Heimatpflegern, vom Landesamt, von den Behörden – meist also von drei spezialisierten Architekten. Das ist etwas ganz anderes, als nur einen Bauantrag einzureichen. Und genau diese intensive Auseinandersetzung mit dem Bestand sollten wir auf alle Gebäude übertragen, nicht nur auf die drei Prozent der denkmalgeschützten Bauten.
Was ist der größte Fehler beim Bauen im Bestand?
Wir übertragen die Prozesse aus dem Neubau einfach eins zu eins auf den Bestand. Wenn wir nach dem klassischen Schema vorgehen, wissen wir zu den entscheidenden Zeitpunkten im Planungsprozess viel zu wenig. Die Leistungsphase 0 beziehungsweise das sogenannte Vorprojekt macht den Unterschied – intensive Auseinandersetzung mit dem Bestand, bevor man überhaupt Richtung Eingabeplanung denkt. Verformungsgerechte Bauaufnahme, Schadstoffanalyse, Tragwerksanalyse, Schadensbilder – das muss spätestens in Leistungsphase 2 auf dem Tisch liegen. Inhaltlich lernen wir von historischen Gebäuden mehr, als viele denken. Wir finden Gebäude, die durch eine kluge Nutzung von Klimazonen, Speichermassen, Wärmeverteilung sehr gut an Standort und Nutzen angepasst waren. Wir haben grundsätzlich zerlegbare Konstruktionen vor uns – man hat früher nicht Materialien unlösbar verbunden. Was Florian Nagler heute mit einfachem Bauen und einfach Umbauen propagiert, sind das oftmals Dinge, die aus historischen Konstruktionsweisen ins Heute transferiert werden.
Was heißt das konkret für die Lehre?
97 % unseres Bestands sind nicht denkmalgeschützt. Genau da setze ich an. Die Studierenden müssen lernen, wie man Bestandsgrundlagen erhebt – mit Raumbüchern, Fensterkatastern, Türkatastern, all das, was man aus der Baudenkmalpflege kennt. Das muss so verwurzelt sein, dass sie später wissen, was man braucht, um eine vernünftige Planungsgrundlage für den Bestand zu haben. Egal, ob denkmalgeschützt oder nicht. Und ich möchte das Feld definitiv weiter aufmachen als nur für das, was in der Denkmalliste geschützt ist. Die Studierenden müssen sensibilisiert werden, was zukünftig bauliches Erbe sein kann, damit wir vorsichtig bedacht damit umgehen und nicht weiter leichtfertig mit unserem baulichen Erbe umgehen. Was immer auch eine generelle Herangehensweise im Bestand sein sollte.
Gehört dazu auch praktisches Handwerk?
Unbedingt! Wir werden mehr mit Hands-on-Projekten arbeiten. Kalk ist zum Beispiel ein tolles Material, mit dem sich wunderbar arbeiten lässt – sogar Maurer sind oftmals erstaunt, wenn sie zum ersten Mal in ihrem Berufsleben mit einem Baustellenmörtel oder Kalkputz arbeiten. Kalk ist seit Jahrtausenden das Hauptbindemittel unserer historischen Bauten. Diese Materialien wieder kennenzulernen, ist ein großer Zugewinn. Und auch in der Baugeschichte sollten wir davon wegkommen, den Studierenden die Kunstgeschichtsbrille aufzusetzen. Ich möchte mehr in die Historie der Bautechnologie einführen. Denn erst die bautechnologischen Entwicklungen haben neue Formen und Formensprachen ermöglicht. Erst mit der Entwicklung der Strebewerke konnten gotische Formen ausgebildet werden. Es ist auch heute die Bautechnologie, die neue Formen und Architektur erst möglich macht.
Was muss sich demnach in der Weiterbildung ändern?
Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege zeigt, wie es geht. Weitestgehend kostenfrei. Die ganztägigen Theorieseminare bieten die Möglichkeit zur Online-Teilnahme. Dazu gibt es Praxisseminare, zum Beispiel zu historischen Türen oder Fenstern. Der technologischen theoretischen Einordnung folgt der praktische Teil in den Werkstätten. Solche niederschwelligen und kostengünstigen Angebote brauchen wir in der Breite, ebenso wie eine Verpflichtung zur Fortbildung.