Mit der Natur entwerfen
Was passiert, wenn Architektur nicht gegen, sondern mit der Natur arbeitet? Ferdinand Ludwig zeigt, warum das Planen die Natur als Prozess begreifen muss – und weshalb die besten Lösungen oft erst nach Jahrzehnten entstehen.
Wenn Ferdinand Ludwig über den Klimawandel spricht, beginnt er mit einem Unbehagen. Ihn stört, wie schnell Begriffe wie Klimaschutz, Klimaanpassung oder Stadtgrün zu einfachen Antworten werden. „Es wird der Eindruck erweckt, dass mit der grünen Gießkanne alles gelöst werden kann“, sagt er. In der öffentlichen und politischen Debatte würden die unterschiedlichen Wirkungen von Grün häufig vermischt. Stadtgrün werde mit Erwartungen aufgeladen, die es allein gar nicht erfüllen könne.
Für eine sachliche Debatte über Klimaschutz und Klimaanpassung müsse genauer hingesehen und differenzierter argumentiert werden, so Ludwig. Als Beispiel nennt er die häufig bemühte CO₂-Bindung von Stadtgrün. Entscheidend sei nicht, ob Bäume Kohlenstoff speichern, sondern welchen Beitrag sie tatsächlich leisten. Studien der Technischen Universität München zeigen, dass das Stadtgrün in München rund 2 % der lokal verursachten CO₂-Emissionen bindet. Für Ludwig ist das jedoch kein Grund, Stadtgrün infrage zu stellen – im Gegenteil. Es ist ein Grund, ehrlich zu argumentieren. Wer diese 2 % zur großen Lösung erklärt, liefert denjenigen, die Begrünungsmaßnahmen grundsätzlich ablehnen, die besten Argumente. „Wir müssen diese anderen 98 % in den Griff kriegen“, sagt er. Gleichzeitig gibt es gute Gründe für mehr Grün in der Stadt: Verschattung, Verdunstungskühlung, Aufenthaltsqualität und gesundheitliche Wirkungen sind wissenschaftlich gut belegt. Entscheidend ist nicht, möglichst viele grüne Versprechen zu formulieren, sondern die jeweiligen Wirkungen wissenschaftlich sauber voneinander zu unterscheiden.
Der gleiche analytische Blick prägt auch sein Verständnis von Architektur und Natur. Noch immer, so beobachtet er, werden beide häufig als Gegensätze verstanden. Auf der einen Seite stehe das gestaltete, fertige Bauwerk, auf der anderen Seite die Natur, die möglichst keinen Einfluss auf die Architektur nehmen solle. Laub verschmutzt Fassaden, Moose verfärben Oberflächen und Vögel hinterlassen Spuren – all das gilt vielerorts noch immer als Störung eines eigentlich perfekten Zustands.
Natur als Prozess
Für Ludwig zeigt sich darin ein grundlegendes Missverständnis. Natur sei kein statisches Bild, sondern ein Prozess. Wachstum, Veränderung und Alterung gehören zu ihrem Wesen, werden im Planen und Bauen aber häufig ausgeblendet. Architektur erscheint dagegen oft als etwas Fertiges, das seinen Zustand möglichst dauerhaft bewahren soll. Wer Natur als lebendigen Prozess begreift, muss auch Architektur anders denken: Sie muss lernen, sich an lebenden Systemen zu orientieren, statt sie als Störfaktor zu behandeln. Pflanzen reagieren auf ihre Umwelt, wachsen, altern und passen sich ständig neuen Bedingungen an. Diese Dynamik lässt sich nicht ausschalten, wohl aber in den Entwurf integrieren. Planen bedeutet deshalb nicht, gegen natürliche Prozesse zu arbeiten, sondern sie bewusst zum Teil der Architektur werden zu lassen. Aus dieser Haltung ergibt sich auch ein anderer Blick auf Begrünung: Sie ist kein Selbstzweck. Unterschiedliche Baumarten erfüllen verschiedene Funktionen, reagieren verschieden auf Hitze und Trockenheit und können ebenso Zielkonflikte verursachen, beispielsweise mit Blick auf Wasserbedarf, Biodiversität oder Gesundheit. Welche Art an welchem Standort sinnvoll ist, ist deshalb keine Detailfrage, sondern eine grundlegende planerische Entscheidung.
Diese Auseinandersetzung mit lebenden Pflanzen prägt auch das Forschungsfeld, mit dem Ferdinand Ludwig bekannt geworden ist: die Baubotanik. Dabei geht es nicht um nachträglich begrünte Gebäude, sondern darum, Architektur und lebende Gehölze von Beginn an gemeinsam zu entwickeln.
Dieser Gedanke ist allerdings nicht neu. Menschen nutzen lebende Bäume seit Jahrhunderten als architektonisch-konstruktive Elemente, beispielsweise für lebende Brücken oder sogenannte Tanzlinden. Die Baubotanik knüpft an dieses Wissen an und verbindet es mit heutigen Erkenntnissen aus Botanik, Ingenieurwesen und digitaler Planung. Entworfen wird dabei nicht nur ein Bauwerk, sondern ein Prozess.
Infrastruktur neu denken
Was das in der Praxis bedeutet, zeigt sich dort, wo Städte geplant werden. Über Bäume wird häufig erst gesprochen, wenn Straßen, Leitungen, Tiefgaragen oder Fernwärmetrassen längst festgelegt sind. Anschließend wird versucht, im verbliebenen Raum noch einen geeigneten Standort zu finden. „Dass ein Stadtbaum unter solchen Bedingungen teuer wird, überrascht mich nicht“, sagt Ludwig. „Im Nachgang etwas zu reparieren, ist immer teuer.“ Nicht der Baum sei teuer, sondern eine Planung, die ihn erst am Ende mitdenkt.
Deshalb liege der eigentliche Planungsraum für ihn unter der Erdoberfläche. Dort konkurrieren Wurzeln mit Leitungen, Kanälen und technischer Infrastruktur um einen begrenzten Raum. Damit Stadtgrün langfristig funktioniert, muss dieser Raum von Anfang an mitgedacht werden. Ludwig spricht deshalb von einer grünen oder blau-grünen Infrastruktur. Dieser Begriff macht deutlich, dass Bäume nicht als bloße Dekoration, sondern als Teil der städtischen Infrastruktur mit räumlichen Anforderungen zu verstehen sind, die ebenso selbstverständlich in die Planung einfließen sollten wie Straßen oder Versorgungsleitungen.
Darin sieht Ludwig auch eine wachsende Bedeutung der Landschaftsarchitektur. Vieles habe sich bereits verbessert: Landschaftsarchitektinnen und -architekten würden heute früher in Planungsprozesse eingebunden als noch vor einigen Jahren. Dennoch müssen Fragen nach Wasserhaushalt, Wurzelraum und Vegetation den Städtebau von Beginn an prägen und dürfen nicht erst dann berücksichtigt werden, wenn Gebäude und Infrastruktur bereits festgelegt sind.
Präzision für das Unberechenbare
Wie sich dieses Denken konkret umsetzen lässt, zeigt Ludwig am Beispiel des baubotanischen Hains an der Münchner Kirche St. Thomas Morus, der lebende Bäume und konstruktive Elemente zu einem bewusst gestalteten Gesamtgefüge verbindet. Dahinter steht ein hochpräziser Planungsprozess. Die Bäume wurden dreidimensional vermessen und unterschiedliche Entwicklungsszenarien simuliert. Gerade weil sich das Wachstum und die Verwachsungen lebender Pflanzen nie vollständig berechnen lassen, erfordert ihre Planung größtmögliche Präzision. Zugleich bleibt der Entwurf offen dafür, wie sich Kronen, Stämme und Verwachsungen im Laufe der Zeit entwickeln werden. Genau diese Verbindung von Präzision und Offenheit gehört für Ludwig zum Planen mit lebenden Systemen dazu.
Diese Offenheit prägt auch Ludwigs Forschung. Viele Fragen lassen sich nicht im Labor beantworten. Ob sich eine Baumart unter veränderten Klimabedingungen bewährt, wie Verwachsungen langfristig funktionieren oder welche Konstruktionen dauerhaft tragfähig bleiben, zeigt sich oft erst nach vielen Jahren. Ludwig interessiert deshalb weniger der fertige Zustand als die Frage, wie sich Arten unter veränderten Bedingungen entwickeln und welche planerischen Annahmen sich langfristig bewähren. Experimente schaffen den dafür notwendigen Raum. Sie ermöglichen es, neue Lösungen auszuprobieren, bevor sie zum Standard werden. Wer Städte an veränderte klimatische Bedingungen anpassen will, muss bereit sein, neue Wege zu beschreiten: wissenschaftlich fundiert, langfristig gedacht und mit der Bereitschaft, aus jedem Projekt weiterzulernen.
Video-Tipp: Ausstellung Trees, Time, Architecture!?
DAB Redaktion
Das könnte Sie auch interessieren
Neues Wissen,
smarte Projekte und
inspirierende Ideen
Entdecken Sie die Welt der Architektur –
jetzt im exklusiven DAB Update!