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Mit der Natur entwerfen

Was passiert, wenn Architektur nicht gegen, sondern mit der Natur arbeitet? Ferdinand Ludwig zeigt, warum das Planen die Natur als Prozess begreifen muss – und weshalb die besten Lösungen oft erst nach Jahrzehnten entstehen.

DAB Redaktion
03.08.2026 7min
Natürliche Brücke aus verwobenen Baumwurzeln über einen flachen Waldbach. Der Durchgang wird von mächtigen Baumstämmen und dichtem Blattwerk gerahmt. Graue Felsen liegen im und neben dem Wasser. Personen stehen im Hintergrund auf dem Bachbett unter der Wurzelbrücke.
Lebende Luftwurzelbrücke der Khasi, Nordindien
© OLA

Wenn Ferdinand Ludwig über den Klimawandel spricht, beginnt er mit einem Unbehagen. Ihn stört, wie schnell Begriffe wie Klimaschutz, Klimaanpassung oder Stadtgrün zu einfachen Antworten werden. „Es wird der Eindruck erweckt, dass mit der grünen Gießkanne alles gelöst werden kann“, sagt er. In der öffentlichen und politischen Debatte würden die unterschiedlichen Wirkungen von Grün häufig vermischt. Stadtgrün werde mit Erwartungen aufgeladen, die es allein gar nicht erfüllen könne.

Für eine sachliche Debatte über Klimaschutz und Klimaanpassung müsse genauer hingesehen und differenzierter argumentiert werden, so Ludwig. Als Beispiel nennt er die häufig bemühte CO₂-Bindung von Stadtgrün. Entscheidend sei nicht, ob Bäume Kohlenstoff speichern, sondern welchen Beitrag sie tatsächlich leisten. Studien der Technischen Universität München zeigen, dass das Stadtgrün in München rund 2 % der lokal verursachten CO₂-Emissionen bindet. Für Ludwig ist das jedoch kein Grund, Stadtgrün infrage zu stellen – im Gegenteil. Es ist ein Grund, ehrlich zu argumentieren. Wer diese 2 % zur großen Lösung erklärt, liefert denjenigen, die Begrünungsmaßnahmen grundsätzlich ablehnen, die besten Argumente. „Wir müssen diese anderen 98 % in den Griff kriegen“, sagt er. Gleichzeitig gibt es gute Gründe für mehr Grün in der Stadt: Verschattung, Verdunstungskühlung, Aufenthaltsqualität und gesundheitliche Wirkungen sind wissenschaftlich gut belegt. Entscheidend ist nicht, möglichst viele grüne Versprechen zu formulieren, sondern die jeweiligen Wirkungen wissenschaftlich sauber voneinander zu unterscheiden. 

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Der gleiche analytische Blick prägt auch sein Verständnis von Architektur und Natur. Noch immer, so beobachtet er, werden beide häufig als Gegensätze verstanden. Auf der einen Seite stehe das gestaltete, fertige Bauwerk, auf der anderen Seite die Natur, die möglichst keinen Einfluss auf die Architektur nehmen solle. Laub verschmutzt Fassaden, Moose verfärben Oberflächen und Vögel hinterlassen Spuren – all das gilt vielerorts noch immer als Störung eines eigentlich perfekten Zustands. 

Nahaufnahme eines hellgrauen Baumstammes mit hellgrünen Weinblättern oben. Der Stamm ist von grauem Kies umgeben. Im unscharfen Hintergrund sichtbar: ein modernes schwarzes Stahlgitter-Rankgerüst und eine grüne Dachkante eines zeitgenössischen Gebäudes.
Platanenkubus Nagold, 2021: Einzelne Bäume werden verbunden und verwachsen im Laufe der Zeit zu einer einzigen Pflanze
© OLA
Nahaufnahme einer Y-förmigen Baumastgabelung mit graubraun gefärbter Rinde. Die Äste zeigen Moosbelag in Grün und Grau. Mehrere rötliche Knospen sind sichtbar. Ein runder blaugrauer Kronenschutzanker ist in der Gabelungsmitte installiert. Im unscharfen Hintergrund sind weiße Betonelemente sichtbar.
Platanenkubus Nagold, 2017: Die Konstruktion wird vom Baum überwachsen, der mit der Zeit immer mehr eine tragende Funktion übernehmen kann.
© OLA
Detailaufnahme eines schlanken Baumstammes mit zwei parallel angebrachten weißen Kunststoffrohren als Rankhilfen. Die Rohre zeigen Rostflecken und Verfärbungen. Der Stamm ist teilweise von Moos überwachsen. Grüne Blätter einer Kletterpflanze umrahmen das Bild links. Im Hintergrund das Gitterwerk eines Gewächshausdaches.
Platanenkubus Nagold, 2021: Die Konstruktion wird vom Baum überwachsen, der mit der Zeit immer mehr eine tragende Funktion übernehmen kann.
© OLA
Kinderhand hält einen dünnen, grauen Baumzweig mit Rindenschaden in Rostbraun und Violett. Der Zweig ist umgeben von intensiv grünem Petersilienkraut mit charakteristischen gelappten Blättern.
Grünes Zimmer Ludwigsburg, 2021: Einzelne Bäume werden verbunden und verwachsen im Laufe der Zeit zu einer einzigen Pflanze
© OLA

Natur als Prozess

Für Ludwig zeigt sich darin ein grundlegendes Missverständnis. Natur sei kein statisches Bild, sondern ein Prozess. Wachstum, Veränderung und Alterung gehören zu ihrem Wesen, werden im Planen und Bauen aber häufig ausgeblendet. Architektur erscheint dagegen oft als etwas Fertiges, das seinen Zustand möglichst dauerhaft bewahren soll. Wer Natur als lebendigen Prozess begreift, muss auch Architektur anders denken: Sie muss lernen, sich an lebenden Systemen zu orientieren, statt sie als Störfaktor zu behandeln. Pflanzen reagieren auf ihre Umwelt, wachsen, altern und passen sich ständig neuen Bedingungen an. Diese Dynamik lässt sich nicht ausschalten, wohl aber in den Entwurf integrieren. Planen bedeutet deshalb nicht, gegen natürliche Prozesse zu arbeiten, sondern sie bewusst zum Teil der Architektur werden zu lassen. Aus dieser Haltung ergibt sich auch ein anderer Blick auf Begrünung: Sie ist kein Selbstzweck. Unterschiedliche Baumarten erfüllen verschiedene Funktionen, reagieren verschieden auf Hitze und Trockenheit und können ebenso Zielkonflikte verursachen, beispielsweise mit Blick auf Wasserbedarf, Biodiversität oder Gesundheit. Welche Art an welchem Standort sinnvoll ist, ist deshalb keine Detailfrage, sondern eine grundlegende planerische Entscheidung.

Diese Auseinandersetzung mit lebenden Pflanzen prägt auch das Forschungsfeld, mit dem Ferdinand Ludwig bekannt geworden ist: die Baubotanik. Dabei geht es nicht um nachträglich begrünte Gebäude, sondern darum, Architektur und lebende Gehölze von Beginn an gemeinsam zu entwickeln.

Dieser Gedanke ist allerdings nicht neu. Menschen nutzen lebende Bäume seit Jahrhunderten als architektonisch-konstruktive Elemente, beispielsweise für lebende Brücken oder sogenannte Tanzlinden. Die Baubotanik knüpft an dieses Wissen an und verbindet es mit heutigen Erkenntnissen aus Botanik, Ingenieurwesen und digitaler Planung. Entworfen wird dabei nicht nur ein Bauwerk, sondern ein Prozess.

Architektonischer Schnittzeichnung eines Gebäudes mit integriertem Wassermanagement-System. Gezeigt werden: Regenwassersammlung von Dachfläche (Pfeile von oben), Fassadenbegrünung an Fensterflächen, konstruierte Feuchtzone mit Pflanzen, Grauwater-Nutzung für Bewässerung, Frisch- und Abwasserführung. Zwei stilisierte Personen und ein Hund zeigen Maßstab. Beschriftungen markieren Speicher-, Versickerungs- und Nutzungsbereiche.
Das Haus als Quelle: Grauwassernutzung zur Bewässerung der Gebäudebegrünung (Funktionsdiagramm)
© Friederike Well und Ferdinand Ludwig, 2020
Zweigeschossiges modulares Gebäude aus grauem Wellblech mit gelben Stahlrahmen. Die Südfassade ist vollständig mit lebender Efeu-Begrünung bedeckt. Im Vordergrund ein betonierter Speichertank mit grünem Auslaufrohr, daneben ein blauer Containerbau als Dienstraum. Stahlkonstruktionen und Kräne deuten auf Baustelle hin. Trockenes Kiesgelände mit einzelnen Gehölzen.
Das Haus als Quelle: Aufbereitetes Grauwasser und gespeichertes Regenwasser werden zur Bewässerung einer begrünten Fassade eingesetzt.
© Julian Rettig
Nahaufnahme von Schilfhalmen im Vordergrund, dahinter modulares Gebäude mit Efeu-Wandbegrünung an Stahlrahmen-Fassade. Fenster mit Rollläden, gelbe und weiße Metallakzente. Der unscharfe Schilfbestand zeigt grüne Halme mit feinen Strukturen gegen die geometrisch begrünte Gebäudefront.
Das Haus als Quelle: Aufbereitetes Grauwasser und gespeichertes Regenwasser werden zur Bewässerung einer begrünten Fassade eingesetzt.
© Julian Rettig

Infrastruktur neu denken

Was das in der Praxis bedeutet, zeigt sich dort, wo Städte geplant werden. Über Bäume wird häufig erst gesprochen, wenn Straßen, Leitungen, Tiefgaragen oder Fernwärmetrassen längst festgelegt sind. Anschließend wird versucht, im verbliebenen Raum noch einen geeigneten Standort zu finden. „Dass ein Stadtbaum unter solchen Bedingungen teuer wird, überrascht mich nicht“, sagt Ludwig. „Im Nachgang etwas zu reparieren, ist immer teuer.“ Nicht der Baum sei teuer, sondern eine Planung, die ihn erst am Ende mitdenkt.

Deshalb liege der eigentliche Planungsraum für ihn unter der Erdoberfläche. Dort konkurrieren Wurzeln mit Leitungen, Kanälen und technischer Infrastruktur um einen begrenzten Raum. Damit Stadtgrün langfristig funktioniert, muss dieser Raum von Anfang an mitgedacht werden. Ludwig spricht deshalb von einer grünen oder blau-grünen Infrastruktur. Dieser Begriff macht deutlich, dass Bäume nicht als bloße Dekoration, sondern als Teil der städtischen Infrastruktur mit räumlichen Anforderungen zu verstehen sind, die ebenso selbstverständlich in die Planung einfließen sollten wie Straßen oder Versorgungsleitungen.

Darin sieht Ludwig auch eine wachsende Bedeutung der Landschaftsarchitektur. Vieles habe sich bereits verbessert: Landschaftsarchitektinnen und -architekten würden heute früher in Planungsprozesse eingebunden als noch vor einigen Jahren. Dennoch müssen Fragen nach Wasserhaushalt, Wurzelraum und Vegetation den Städtebau von Beginn an prägen und dürfen nicht erst dann berücksichtigt werden, wenn Gebäude und Infrastruktur bereits festgelegt sind. 

Mann in schwarzer Jacke und Gummistiefeln bedient auf Waldweg ein Laserscanner-Messgerät auf Stativ. Das Gerät ist weiß und rot gefärbt und auf einen Baum ausgerichtet. Hinter ihm verlaufen Reihen junger Bäume mit Bewässerungsleitungen auf feuchtem Waldboden. Grüne Wiese säumt die gepflasterten Wege.
3D-Scan und Baumauswahl in der Baumschule Bruns, August 2023
© OLA
Isometrische Perspektive eines öffentlichen Platzes mit dichter Gruppe grün belaubter Bäume. Darunter bewegen sich silhouettierte Personen auf grüner Rasenfläche. Beige gepflasterte Wege rahmen die Baumgruppe ein. Moderne mehrstöckige Gebäude in grau begrenzen den Platz.
Planung mit 3D-Modellen der gescannten Bäume, November 2023
© OLA
Drei Arbeitende in grüner Arbeitskleidung versetzen einen großen Baum mit sichtbarem Wurzelballen in ein ausgehobenes Pflanzloch. Holzrahmen stabilisieren die Position. Eine gelbgestreifte Messlatte dokumentiert die Platzierung. Herbstlich gefärbte Blätter liegen auf dem Boden. Backsteinfassaden und gepflasterte Stadtplatzfläche im Hintergrund.
Pflanzung der Bäume, November 2025
© OLA
Nahaufnahme eines Baumwurzelballen in Pflanzgrube mit weißem Messstab zur Dokumentation. Der graubraune Erdballen ist mit Jute-Tuch verpackt. Metallrahmen und gelbfarbene Sicherungsseile halten die Position. Moosbelag und Flechten überziehen teilweise die Wurzeloberfläche.
Platzierung und Ausrichtung der Bäume mithilfe einer Schablone der Bank, November 2025
© OLA
Zwei Landschaftsgärtner sitzen auf Holzbalken über einem frisch ausgehobenen Pflanzloch für zwei Bäume. Der linke Mann trägt ein weinrotes T-Shirt, grüne Latzhosen, einen dunklen Beanie und eine Sonnenbrille. Der rechte Mann trägt eine grüne Arbeitsjacke, grüne Latzhosen und einen grünen Schutzhelm. Die Bäume haben einen sichtbaren Wurzelballen, der mit Jute-Säcken geschützt ist. Im Hintergrund sind ein Backsteingebäude, mehrere Autos, ein weißer Lieferwagen und ein Metallzaun zu sehen. Der Boden besteht aus Erde und Holzpaletten.
Probesitzen zwischen den platzierten und ausgerichteten Bäumen, November 2025
© OLA
Detailaufnahme eines Baumes mit grauer moosbedeckter Rinde und gelblichen Flechten. Ein korrodierter Bolzen durchzieht den Stamm als Teil einer Schutzvorrichtung. Dahinter verschwommenes Holzlatten-Konstruktionsgerüst. Der Stamm zeigt natürliche Altersmerkmale und organische Beläge.
Verschraubungsdetail unmittelbar nach der Fertigstellung, März 2026
© OLA
Moderner öffentlicher Platz mit gepflanzter Gruppe junger Birken mit weißen Stämmen. Eine Radfahrerin in schwarzer Kleidung fährt auf einer Wege. Auf der linken Seite ist ein modernes Backsteingebäude teilweise sichtbar. Rechts verlaufen Gebäude und eine Bushaltestelle. Der Himmel ist strahlend blau.
Der Baubotanische Hain als Filter zwischen öffentlichem Raum und Kirchplatz, Zustand Mai 2026
© OLA
Großes modernes Backsteingebäude mit großflächiger dunkler Verglasung, flankiert von zwei Reihen junger Birken mit hellgrünem Laubwerk. Der Platz davor ist gepflastert, der Himmel strahlend blau.
Der Baubotanische Hain als Filter zwischen öffentlichem Raum und Kirchplatz, Zustand Mai 2026
© OLA
Gruppe mit etwa acht schlanken Birken mit charakteristischen weißen Stämmen und dunkelgrünem Blattwerk. Darunter eine lange Holzbank. Modernes Backsteingebäude links, Residential-Bebauung im Hintergrund, heller bewölkter Himmel.
Sitzen zwischen Baumstämmen und -kronen, Zustand Juni 2026
© OLA

Präzision für das Unberechenbare

Wie sich dieses Denken konkret umsetzen lässt, zeigt Ludwig am Beispiel des baubotanischen Hains an der Münchner Kirche St. Thomas Morus, der lebende Bäume und konstruktive Elemente zu einem bewusst gestalteten Gesamtgefüge verbindet. Dahinter steht ein hochpräziser Planungsprozess. Die Bäume wurden dreidimensional vermessen und unterschiedliche Entwicklungsszenarien simuliert. Gerade weil sich das Wachstum und die Verwachsungen lebender Pflanzen nie vollständig berechnen lassen, erfordert ihre Planung größtmögliche Präzision. Zugleich bleibt der Entwurf offen dafür, wie sich Kronen, Stämme und Verwachsungen im Laufe der Zeit entwickeln werden. Genau diese Verbindung von Präzision und Offenheit gehört für Ludwig zum Planen mit lebenden Systemen dazu.

Diese Offenheit prägt auch Ludwigs Forschung. Viele Fragen lassen sich nicht im Labor beantworten. Ob sich eine Baumart unter veränderten Klimabedingungen bewährt, wie Verwachsungen langfristig funktionieren oder welche Konstruktionen dauerhaft tragfähig bleiben, zeigt sich oft erst nach vielen Jahren. Ludwig interessiert deshalb weniger der fertige Zustand als die Frage, wie sich Arten unter veränderten Bedingungen entwickeln und welche planerischen Annahmen sich langfristig bewähren. Experimente schaffen den dafür notwendigen Raum. Sie ermöglichen es, neue Lösungen auszuprobieren, bevor sie zum Standard werden. Wer Städte an veränderte klimatische Bedingungen anpassen will, muss bereit sein, neue Wege zu beschreiten: wissenschaftlich fundiert, langfristig gedacht und mit der Bereitschaft, aus jedem Projekt weiterzulernen. 

Zur Person

Prof. Dr. Ferdinand Ludwig

Professor

Prof. Dr. Ferdinand Ludwig leitet die Professur „Green Technologies in Landscape Architecture “ an der Technischen Universität München. Seit vielen Jahren forscht er zur Baubotanik, einem Ansatz, der lebende Gehölze als integralen Bestandteil von Architektur versteht. Gemeinsam mit Daniel Schönle und Jakob Rauscher überführt er die Erkenntnisse aus Forschung und Lehre in seinem Planungsbüro Office for Living Architecture (OLA) in konkrete Projekte.

Video-Tipp: Ausstellung Trees, Time, Architecture!?

Ausstellungsvideo

DAB Redaktion

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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