Flughafen Tegel: Von der Planung zum Provisorium?
Seit 2020 ist der Flughafen Tegel in Berlin stillgelegt. Perspektivisch soll hier eine Mischung aus Wissenschaftsstandort, Gewerbeareal, grünem Wohnquartier und Landschaftspark entstehen. Allerdings sind die Fortschritte bislang überschaubar, weshalb es nun weitere Nutzungsvorschläge für das Areal gibt.
Gerade mal Anfang 30 waren Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg, als sie den Wettbewerb für den Flughafen Tegel in Berlin gewannen. Und auch sonst liest sich die Entstehungsgeschichte wie ein Märchen aus einer längst vergangenen Zeit, als Großprojekte noch nicht mit massiven Kostensteigerungen und Zeitverzögerungen, sondern vor allem mit der Idee einer besseren Zukunft verknüpft waren. Heute erinnert der seit 2020 stillgelegte Flughafen leider eher an Ersteres, denn er ist von einer neuen Nutzung noch ein Stück weit entfernt. Aber der Reihe nach: Am 1. November 1974 wurde das Hauptterminalgebäude eröffnet, nachdem von Gerkan und Marg den Architekturwettbewerb 1965 gewonnen hatten. Dazwischen lagen gerade mal rund neun Jahre für Planung, Bau und Fertigstellung. Im Vergleich dazu läuft die Umsetzung des Bahnhofneubaus für Stuttgart 21, dessen Wettbewerb 1997 entschieden wurde, seit fast 30 Jahren – mit offenem Ende.
Tegel begründete die internationale Karriere der beiden Architekten, die als gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner noch viele Großprojekte umsetzen sollten. Er galt bei seiner Fertigstellung als einer der modernsten Flughäfen Europas. Den Entwurf mit seinem prägnanten Sechseck konzipierten von Gerkan und Marg zusammen mit Klaus Nickels nach dem „Drive-in-Prinzip“ mit möglichst kurzen Wegen: Hier konnten die Fluggäste direkt mit Bus, Auto oder Taxi an ihren Schalter zum Check-in fahren. Das Konzept stieß schon in den 1980er-Jahren mit verstärktem Autoverkehr und daraus resultierenden Staus an seine Grenzen. Ab den 1990er-Jahren nahm dann der zivile Flugverkehr aufgrund der Wiedervereinigung zu. Es wurde immer deutlicher, dass Tegel zu klein war und auch sonst nicht mehr den modernen Ansprüchen genügte.
Vom Flughafen zum Industriepark
Seit etwa sechs Jahren ist der 2019 unter Denkmalschutz gestellte Flughafen nicht mehr in Betrieb. Die Frage, was perspektivisch dort passieren soll, wurde bereits 2008 unter Einbeziehung der Öffentlichkeit gestellt. In der Folge erarbeiteten sechs internationale Teams aus Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung, darunter gmp, verschiedene Ansätze und Ideen im Rahmen eines mehrstufigen diskursiven Werkstattverfahrens. 2011 wurde ein Flächennutzungsplan festgesetzt und 2012 der Masterplan entwickelt, den das Land Berlin 2013 beschloss. Gleichzeitig leitete man ein Bebauungsplanverfahren für ein verbindliches Planungsrecht ein.
Bis 2040 soll hier ein Forschungs- und Industriepark in vier Bauabschnitten entwickelt werden, der sich „Berlin TXL – The Urban Tech Republic“ nennt. Außerdem ist mit dem Schumacher Quartier das weltweit größte Holzbauquartier mit über 5.000 Wohnungen im östlichen Bereich des ehemaligen Flughafengeländes geplant. Mit der Tegeler Stadtheide soll zudem ein 190 ha großer Landschafts- und Naturschutzpark entstehen.
Das rund 500 ha große Areal wird seit 2021 von der Berlin TXL Management GmbH (ehemals Tegel Projekt GmbH) betreut, ein landeseigenes Unternehmen mit etwa 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Deren Aufgabe ist es, das Vorhaben zu einem Vorzeigeprojekt für die Berliner Stadtentwicklung zu machen. Die Ziele sind entsprechend ambitioniert: So sollen im neuen Forschungs- und Industriepark zukünftig bis zu 1.000 Unternehmen ihren Sitz haben und bis zu 20.000 Arbeitsplätze entstehen.
Geplant ist ein Mix aus Wissenschaft, Forschung, Start-ups und großen Firmen. Im Fokus stehen die Schwerpunkte Technologie und Nachhaltigkeit beziehungsweise Themen wie Mobilität, Energie, Werkstoffe, Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT), Recycling, Wasser und Natur in der Stadt. Letztere findet sich konzeptionell zum Beispiel in der Biodiversitätsstrategie für den sogenannten Campus West wieder. Dieser umfasst das sechseckige ehemalige Hauptterminal und die direkt daran angrenzenden Bereiche im Westen. Und auch für das geplante Schumacher Quartier ist eine Umsetzung nach dem Schwammstadt-Prinzip in Kombination mit reduziertem Autoverkehr geplant.
Stadt der Zukunft oder ewiges Provisorium?
Ab 2029 sollen auch die Räumlichkeiten der Berliner Feuerwehr- und Rettungsdienstakademie BFRA mit Sitz am südwestlichen Rand des ehemaligen Flughafenareals eröffnet werden. Bereits 2027 war der Umzug der Berliner Hochschule für Technik in das bis dahin sanierte ehemalige Terminalgebäude vorgesehen. Allerdings gibt es hier zeitliche Verzögerungen, was der klammen Haushaltslage in Kombination mit gestiegenen Sanierungskosten geschuldet ist.
Als neuer Einzugstermin wird nun spätestens 2035 anvisiert. Dabei gilt die Ansiedlung der Hochschule als eine der Schlüsselinvestitionen des Projekts. Die Frage ist nun, wie es weitergeht mit Tegel – und ob hier Ähnliches droht wie beim Tempelhofer Feld, einem weiteren stillgelegten Flughafengelände in Berlin, auf dem seit rund 18 Jahren wenig passiert. Allerdings wird Letzteres von der Bevölkerung als Freifläche genutzt, während Tegel nicht öffentlich zugänglich ist.
Aufgrund der überschaubaren Fortschritte gab es nun auch personelle Konsequenzen: So musste die technische Geschäftsführerin Gudrun Sack Ende Mai 2026 vorzeitig ihren Posten räumen. Derweil gibt es schon neue Ideen für das Areal, zum Beispiel als Austragungsort für eine Weltausstellung (Expo) im Jahr 2035. Das Konzept wurde vom Verein Global Goals Berlin zusammen mit gmp entwickelt, die ja schon den Flughafen entwarfen und an dessen Umnutzungskonzept beteiligt waren. Stellt sich die Frage, ob die Leistungsschau einer Expo in Zeiten knapper werdender Ressourcen eine gute Grundlage für eine nachhaltige und damit zukunftstaugliche Stadt ist, die in Tegel ja eigentlich vorbildhaft entstehen soll.
Festhalten lässt sich jedenfalls, dass es an Vorschlägen nicht mangelt. Das kann man auch in der Broschüre „Die Zukunft von Berlin TXL.“ nachlesen, die 2021 von der Berlin TXL Management GmbH herausgegeben wurde. Darin heißt es: „Gute Ideen gibt es viele. Die Kunst ist, sie gut umzusetzen.“
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