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Flughafen Tegel: Von der Planung zum Provisorium?

Seit 2020 ist der Flughafen Tegel in Berlin stillgelegt. Perspektivisch soll hier eine Mischung aus Wissenschaftsstandort, Gewerbeareal, grünem Wohnquartier und Landschaftspark entstehen. Allerdings sind die Fortschritte bislang überschaubar, weshalb es nun weitere Nutzungsvorschläge für das Areal gibt.

 

Alexander Russ
29.07.2026 5min
Eine Luftaufnahme zeigt den Flughafen Berlin-Tegel mit seinem markanten, hexagonalen Terminalgebäude im Zentrum. Das rote Dach des Gebäudes umschließt einen Innenhof und ist von zahlreichen Parkpositionen für Flugzeuge und Passagierbrücken umgeben. Rechts unten auf der Startbahn steht ein Flugzeug der Lufthansa. Im Hintergrund erstreckt sich eine weite, grüne Parklandschaft und dahinter die Skyline von Berlin unter einem leicht bewölkten Himmel. Der Kontrollturm ist links neben dem Terminal zu erkennen.
Blick auf den Flughafen Tegel in Berlin, als er noch in Betrieb war.
© Marcus Bredt

Gerade mal Anfang 30 waren Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg, als sie den Wettbewerb für den Flughafen Tegel in Berlin gewannen. Und auch sonst liest sich die Entstehungsgeschichte wie ein Märchen aus einer längst vergangenen Zeit, als Großprojekte noch nicht mit massiven Kostensteigerungen und Zeitverzögerungen, sondern vor allem mit der Idee einer besseren Zukunft verknüpft waren. Heute erinnert der seit 2020 stillgelegte Flughafen leider eher an Ersteres, denn er ist von einer neuen Nutzung noch ein Stück weit entfernt. Aber der Reihe nach: Am 1. November 1974 wurde das Hauptterminalgebäude eröffnet, nachdem von Gerkan und Marg den Architekturwettbewerb 1965 gewonnen hatten. Dazwischen lagen gerade mal rund neun Jahre für Planung, Bau und Fertigstellung. Im Vergleich dazu läuft die Umsetzung des Bahnhofneubaus für Stuttgart 21, dessen Wettbewerb 1997 entschieden wurde, seit fast 30 Jahren – mit offenem Ende. 

Eine historische Schwarz-Weiß-Fotografie aus einer tiefen Perspektive zeigt das Hauptgebäude und den Kontrollturm des Flughafens Berlin-Tegel. Das Terminal ist ein langes, gestuftes Gebäude aus Beton und Glas mit dem Schriftzug "BERLIN-TEGEL" auf dem Dach. Rechts davon steht der markante, polygonale Kontrollturm auf einem schlanken Betonpfeiler. Im Vordergrund fährt ein weißes Auto, ein Mercedes-Benz aus den 1970er Jahren, auf einer mehrspurigen Straße, davor verläuft eine erhöhte Betonstruktur. Die Szene wirkt ruhig und modern für die Zeit.
Tegel galt bei seiner Fertigstellung als einer der modernsten Flughäfen Europas.
© Uwe Rau
Eine Schwarz-Weiß-Fotografie bei Dämmerung oder Nacht zeigt die Zufahrt zum Flughafen Berlin-Tegel. Im Vordergrund ist eine Straße mit mehreren Autos zu sehen. Ein großes, beleuchtetes Hinweisschild über der Straße zeigt Pfeile und die Aufschrift "Abflug-Ankunft Departures-Arrivals" sowie "Flug-Information". Im Hintergrund sind das beleuchtete Terminalgebäude mit dem Schriftzug "BERLIN-TEGEL" und der Kontrollturm zu erkennen. Die Szene wird von Straßenlaternen und Lichtern der Gebäude erhellt und wirkt geschäftig.
© Uwe Rau
Schwarz-Weiß-Foto aus den 1970ern im Inneren eines brutalistischen Autotunnels. Ein Deckenraster wirft ein Schachbrettmuster aus Licht und Schatten auf die Fahrbahn und die rechte Betonwand, die mit runden Fensteröffnungen versehen ist. Am hellen Tunnelausgang ist Grün zu sehen. Ein heller VW Käfer fährt links, ein anderes Auto überholt rechts mit Bewegungsunschärfe. Die Atmosphäre ist geometrisch und kontrastreich.
© Uwe Rau
Farbfoto einer weitläufigen Terminalhalle aus den 1970ern. Ein filigranes Raumfachwerkdach lässt Licht durch und wirft geometrische Schatten auf den Fliesenboden. Links sind Verkaufsstände mit gelben Theken und dunklen Anzeigetafeln. Mehrere Menschen in zeittypischer Kleidung bewegen sich durch den Raum, darunter eine Gruppe Kinder in der Mitte und eine Frau in einem roten Mantel. Grüne Hinweisschilder hängen von der Decke.
Für die Erschließung entwarfen von Gerkan, Marg und Nickels ein „Drive-in-Prinzip“ mit möglichst kurzen Wegen.
© Uwe Rau
Farbfoto aus der Vogelperspektive auf eine modernistische Wartehalle mit Betonstützen und rötlicher Rautendecke. Links hängt eine markante Skulptur aus gestapelten dunkelgrünen und blauen Rohrringen. Am Boden sind Gruppen von leuchtend gelben Sitzschalen angeordnet. Im Hintergrund befindet sich ein Bar-Bereich mit "SNACK"-Schild. Große Fensterfronten lassen viel Tageslicht herein.
Das Terminal mit charakteristischer Sechseckgeometrie und farbenfroher Innenraumgestaltung.
© Uwe Rau

Tegel begründete die internationale Karriere der beiden Architekten, die als gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner noch viele Großprojekte umsetzen sollten. Er galt bei seiner Fertigstellung als einer der modernsten Flughäfen Europas. Den Entwurf mit seinem prägnanten Sechseck konzipierten von Gerkan und Marg zusammen mit Klaus Nickels nach dem „Drive-in-Prinzip“ mit möglichst kurzen Wegen: Hier konnten die Fluggäste direkt mit Bus, Auto oder Taxi an ihren Schalter zum Check-in fahren. Das Konzept stieß schon in den 1980er-Jahren mit verstärktem Autoverkehr und daraus resultierenden Staus an seine Grenzen. Ab den 1990er-Jahren nahm dann der zivile Flugverkehr aufgrund der Wiedervereinigung zu. Es wurde immer deutlicher, dass Tegel zu klein war und auch sonst nicht mehr den modernen Ansprüchen genügte. 

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Ein detaillierter Schwarz-Weiß-Lageplan des Flughafens Berlin-Tegel zeigt die gesamte Anlage. Links ist der hexagonal geformte "Flugsteigring West" mit Parkebenen wie "Kurzparken" und "Dauerparken" sowie der "Zentrale Vorfahrt". Rechts daneben liegt der "Flugsteigring Ost", der als "2. Baustufe" markiert ist. Beide Ringe sind von zahlreichen Flugzeugparkpositionen umgeben. Weitere eingezeichnete Bereiche sind "Fracht", "Post", "Verwaltung" und verschiedene Parkplatzbereiche. Unten rechts ist ein grafischer Maßstab und der Titel "LAGEPLAN" zu sehen.
Lageplan Flughafen
© gmp Architekten
Ein farbiger architektonischer Plan zeigt die Verkehrsführung am Flughafen Berlin-Tegel. Die Zeichnung illustriert die Trennung der Verkehrsströme: blaue Linien markieren die Flugzeugrollwege, gelbe Linien den internen Fahrzeugverkehr und rote Linien den öffentlichen Fahrzeugverkehr. Die hexagonalen Terminalgebäude "Flugsteigring West" und "Flugsteigring Ost" stehen im Zentrum, verbunden mit Frachtbereichen, Hangars und Versorgungsgebäuden wie der Energiezentrale. Ein Nordpfeil und Maßstab sind enthalten. Unten rechts steht der Titel "FLUGHAFEN BERLIN-TEGEL Planning der kreuzungsfreien Verkehrswege auf Luft- und Landseite".
Erschließungskonzept Flughafen
© gmp Architekten
Diese Abbildung besteht aus zwei Teilen, die das Abfertigungskonzept des Flughafens Berlin-Tegel verdeutlichen. Oben ist ein detaillierter Grundriss eines Teils des hexagonalen Flugsteigrings zu sehen. Er zeigt die "Verkehrszone" (Vorfahrt), die "Abfertigung" (Check-in), die "Warteräume Abflug" und die Passagierbrücken zu den Flugzeugen. Eine hexagonale Skulptur ist im Parkhaus-Bereich eingezeichnet. Rechts daneben steht der Text: "104 Kurzer Weg von der Vorfahrt bis zum Flugzeug: Abfertigungsebene des Flugsteigrings, Grundriss und Schnitt" (mit englischer Übersetzung). Unten ist ein architektonischer Schnitt dargestellt, der den vertikalen Aufbau zeigt: von der "Vorfeldstrasse" über "Warteräume", "Schalter" und "Verkehrszone" bis zum "Kurzzeitparker" und den Passagierbrücken. Auch "Dauerparker" und "Technik" sind im Untergeschoss eingezeichnet. Die Zeichnung illustriert visuell das Prinzip der kurzen Wege.
Ausschnitt Grundriss Flughafen
© gmp Architekten

Vom Flughafen zum Industriepark

Seit etwa sechs Jahren ist der 2019 unter Denkmalschutz gestellte Flughafen nicht mehr in Betrieb. Die Frage, was perspektivisch dort passieren soll, wurde bereits 2008 unter Einbeziehung der Öffentlichkeit gestellt. In der Folge erarbeiteten sechs internationale Teams aus Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung, darunter gmp, verschiedene Ansätze und Ideen im Rahmen eines mehrstufigen diskursiven Werkstattverfahrens. 2011 wurde ein Flächennutzungsplan festgesetzt und 2012 der Masterplan entwickelt, den das Land Berlin 2013 beschloss. Gleichzeitig leitete man ein Bebauungsplanverfahren für ein verbindliches Planungsrecht ein. 

Bis 2040 soll hier ein Forschungs- und Industriepark in vier Bauabschnitten entwickelt werden, der sich „Berlin TXL – The Urban Tech Republic“ nennt. Außerdem ist mit dem Schumacher Quartier das weltweit größte Holzbauquartier mit über 5.000 Wohnungen im östlichen Bereich des ehemaligen Flughafengeländes geplant. Mit der Tegeler Stadtheide soll zudem ein 190 ha großer Landschafts- und Naturschutzpark entstehen.  

Eine digitale Visualisierung einer lebendigen Dachterrasse am Berliner Fernsehturm während des Sonnenuntergangs. Im Zentrum steht ein modernes, kubisches Gebäude mit einem Neon-Schild "BAR" und einem bewachsenen Dach. Viele Menschen sind anwesend: links grillt ein Mann, eine Gruppe sitzt auf geschwungenen roten Bänken, im Hintergrund stehen futuristische Kugelstühle. Rechts fotografiert eine Frau die Aussicht mit ihrem Smartphone. Der Berliner Fernsehturm und die Stadtlandschaft sind im warmen Licht des Sonnenuntergangs am Horizont zu sehen.
Seit etwa sechs Jahren ist Tegel nicht mehr in Betrieb und trotz des geplanten Nutzungskonzepts hat sich noch nicht viel auf dem Gelände getan.
© gmp Architekten

Das rund 500 ha große Areal wird seit 2021 von der Berlin TXL Management GmbH (ehemals Tegel Projekt GmbH) betreut, ein landeseigenes Unternehmen mit etwa 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Deren Aufgabe ist es, das Vorhaben zu einem Vorzeigeprojekt für die Berliner Stadtentwicklung zu machen. Die Ziele sind entsprechend ambitioniert: So sollen im neuen Forschungs- und Industriepark zukünftig bis zu 1.000 Unternehmen ihren Sitz haben und bis zu 20.000 Arbeitsplätze entstehen. 

Geplant ist ein Mix aus Wissenschaft, Forschung, Start-ups und großen Firmen. Im Fokus stehen die Schwerpunkte Technologie und Nachhaltigkeit beziehungsweise Themen wie Mobilität, Energie, Werkstoffe, Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT), Recycling, Wasser und Natur in der Stadt. Letztere findet sich konzeptionell zum Beispiel in der Biodiversitätsstrategie für den sogenannten Campus West wieder. Dieser umfasst das sechseckige ehemalige Hauptterminal und die direkt daran angrenzenden Bereiche im Westen. Und auch für das geplante Schumacher Quartier ist eine Umsetzung nach dem Schwammstadt-Prinzip in Kombination mit reduziertem Autoverkehr geplant. 

Stadt der Zukunft oder ewiges Provisorium?

Ab 2029 sollen auch die Räumlichkeiten der Berliner Feuerwehr- und Rettungsdienstakademie BFRA mit Sitz am südwestlichen Rand des ehemaligen Flughafenareals eröffnet werden. Bereits 2027 war der Umzug der Berliner Hochschule für Technik in das bis dahin sanierte ehemalige Terminalgebäude vorgesehen. Allerdings gibt es hier zeitliche Verzögerungen, was der klammen Haushaltslage in Kombination mit gestiegenen Sanierungskosten geschuldet ist. 

Als neuer Einzugstermin wird nun spätestens 2035 anvisiert. Dabei gilt die Ansiedlung der Hochschule als eine der Schlüsselinvestitionen des Projekts. Die Frage ist nun, wie es weitergeht mit Tegel – und ob hier Ähnliches droht wie beim Tempelhofer Feld, einem weiteren stillgelegten Flughafengelände in Berlin, auf dem seit rund 18 Jahren wenig passiert. Allerdings wird Letzteres von der Bevölkerung als Freifläche genutzt, während Tegel nicht öffentlich zugänglich ist.

Eine architektonische Visualisierung aus der Zentralperspektive, die einen modernen, brutalistischen Büroraum zeigt. Zwei leuchtend gelbe Trennwände rahmen den Eingang zu einem hellen Großraumbüro ein. Die Decke besteht aus grobem Sichtbeton mit markanten kreisrunden Aussparungen. In der Mitte steht eine hexagonale Säule. Durch die Glasschiebetüren sind Schreibtische mit Computern und eine Person im Anzug zu sehen. Links im Vordergrund geht eine Frau in einem schwarzen Mantel, rechts im Hintergrund eine weitere Person. Große Fensterfronten zeigen eine Grünfläche im Hintergrund.
Perspektivisch soll hier unter anderem ein Forschungs- und Industriepark mit bis zu 1.000 Unternehmen entstehen.
© gmp Architekten

Aufgrund der überschaubaren Fortschritte gab es nun auch personelle Konsequenzen: So musste die technische Geschäftsführerin Gudrun Sack Ende Mai 2026 vorzeitig ihren Posten räumen. Derweil gibt es schon neue Ideen für das Areal, zum Beispiel als Austragungsort für eine Weltausstellung (Expo) im Jahr 2035. Das Konzept wurde vom Verein Global Goals Berlin zusammen mit gmp entwickelt, die ja schon den Flughafen entwarfen und an dessen Umnutzungskonzept beteiligt waren. Stellt sich die Frage, ob die Leistungsschau einer Expo in Zeiten knapper werdender Ressourcen eine gute Grundlage für eine nachhaltige und damit zukunftstaugliche Stadt ist, die in Tegel ja eigentlich vorbildhaft entstehen soll.  

Festhalten lässt sich jedenfalls, dass es an Vorschlägen nicht mangelt. Das kann man auch in der Broschüre „Die Zukunft von Berlin TXL.“ nachlesen, die 2021 von der Berlin TXL Management GmbH herausgegeben wurde. Darin heißt es: „Gute Ideen gibt es viele. Die Kunst ist, sie gut umzusetzen.“ 

© privat

Alexander Russ

Freier Journalist München

Alexander Russ ist freier Journalist und lebt in München. Er hat in verschiedenen Architekturbüros gearbeitet und war Redakteur bei Baumeister und Topos. Neben Architekturkritiken schreibt er unter anderem über Stadtplanung, Landschaftsarchitektur und Mobilitätsthemen.

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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