Größer als wir selbst
Sportgroßveranstaltungen sind teuer, politisch umstritten und erfordern Kompromisse. Aber sie geben auch etwas zurück, das sich nicht aufwiegen lässt. Ein Plädoyer einer ehemaligen Leistungssportlerin.
Es sind Sommerferien. Ich trete in die Pedale, so schnell ich kann. Vor mir eine Steigung. Ich gehe aus dem Sattel, wie ich es mir bei den Profis der Tour de France abgeschaut habe, und werde noch schneller. „Jan Ullrich greift wieder an!“, rufe ich meinem Vater zu und schere aus dem Windschatten aus. „Lance Armstrong gibt nicht auf, das Ziel ist in Sichtweite. Wird er der nächste Tour-de-France-Sieger?“, hält mein Vater dagegen.
Auf dem Weg zum Badesee liefern wir uns ein enges Rennen. Am Ende gewinne ich und bin stolz. Und mein Vater? Der hat sich rückblickend das Prädikat „pädagogisch wertvoll“ verdient.
Ich bin damals sieben Jahre alt und schaue fast jede Sportgroßveranstaltung im Fernsehen. Vieles aus dieser Zeit ist längst verblasst. An manche Momente aber erinnere ich mich genau: Philipp Lahm schießt beim Sommermärchen 2006 das erste deutsche WM-Tor gegen Costa Rica. Mit Deutschland-Klebetattoo auf dem Arm und Fanschminke auf der Wange gucke ich bei der Familie meines besten Freundes das Spiel. Als Jan Ullrich 2007 zurücktritt, bin ich traurig. Roger Federers fünften Wimbledon-Erfolg in Folge erlebe ich auf der heimischen Couch vor unserem Röhrenfernseher. Als Michael Phelps 2008 in Peking zu acht Goldmedaillen schwimmt, bin ich euphorisiert. Am Tag danach schneide ich, noch im Schlafanzug vor der ersten Schulstunde, den Artikel aus der Tageszeitung aus. Ein Jahrzehnt später finde ich ihn zufällig wieder, als ich aus meinem Elternhaus ausziehe. Die Schrift und das Foto haben kaum an Farbe verloren. Genauso wie meine Erinnerung an diesen Moment.
Mein Gedächtnis erstaunt mich. Was ich gestern zu Mittag gegessen habe, weiß ich oft nicht mehr, jedenfalls nicht auf Anhieb. Die besonderen Momente aber bleiben, denn Großveranstaltungen haben eine eigene Magie.
Der Ort als Anker der Erinnerung
Die Erinnerungsforschung nennt solche Bilder „Flashbulb Memories“: Sie brennen sich ein wie ein Blitzlicht. Sie entstehen, wo starke Gefühle und gemeinsames Erleben zusammentreffen. Wir erinnern uns nicht nur an das Tor oder den Zieleinlauf. Wir erinnern uns vor allem daran, wo wir waren und mit wem. Der Ort wird zum Anker.
Wenn Orte die Erinnerung tragen, lohnt es sich, sie zu gestalten. Veranstalter wissen das und machen aus Städten gigantische Bühnen. Man denke an die Olympia-Eröffnung von London 2012: Die Queen beziehungsweise ihr Stuntdouble sprang an der Seite von James Bond (Daniel Craig) per Fallschirm ins Olympiastadion. Da wurde nicht eine Sportlerin oder ein Sportler zur Hauptfigur, sondern die Veranstaltungsstätte mit der Queen als lebendiges Wahrzeichen selbst.
Die Bedeutung von Atmosphäre habe ich – wenn auch im kleineren Rahmen – auf der Judomatte selbst gespürt: Es macht einen Unterschied, ob man für sich allein kämpft oder vor den Augen anderer, an einem Ort, der diesem Moment Gewicht verleiht.
Warum also braucht es Großveranstaltungen? Die ehrlichste Antwort ist die persönlichste. Weil ein Kind sich vorstellen kann, Jan Ullrich zu sein, während es mit dem Vater einen Hügel hinaufradelt. Weil aus einem Tor, einem Sprung, einem Zieleinlauf eine Erinnerung wird, die ein Leben lang bleibt. Gebunden an den Ort und an die Menschen, mit denen wir sie geteilt haben.
Die Orte, die zu Bühnen werden, sind keine bloßen Behälter für Zuschauer:innen. Sie sind gebaute Atmosphäre. Das „Vogelnest“ in Peking, ein Geflecht aus Stahlstreben, formt eine durchgehende Schale aus Rängen. Der „Lärm“ verstreut sich nicht im Raum, sondern wird von der Dachmembran zurück auf das Feld geworfen. Dabei entsteht ein Klang, der trägt. Auch die Allianz Arena in München wirkt bereits von außen: Ihre rote Hülle zeigt sich einem lange, bevor man sie erreicht. Im Inneren rücken steile Ränge die Menschen nah ans Spielfeld: ein Hexenkessel der wundervollen Art.
Kritik ernst nehmen, Idee verteidigen
Dennoch sollte man die negativen Aspekte von Großveranstaltungen benennen. Solche Veranstaltungen sind teuer. Sie lösen politische Debatten aus. Sie werden zur Imagepflege missbraucht. Oft zahlen ganze Städte und Bevölkerungsgruppen einen hohen Preis. Grünflächen und Wohnraum werden verdrängt. Diese Kritik ist berechtigt, und sie muss laut bleiben. Doch sie spricht nicht gegen die Idee von Großevents. Sie spricht dafür, sie besser zu machen.
Denn für niemanden zählen diese Tage so sehr wie für die Sportlerinnen und Sportler. Eine Olympiade, eine Weltmeisterschaft, ein großes Turnier – darauf trainieren sie jahrelang. Bei Randsportarten meist im Verborgenen, ohne viel Publikum, ohne viel Applaus. Großveranstaltungen machen diese stillen Stunden sichtbar. Sie geben der Leistung einen Ort und einen Sinn.
Was es gestern zu Mittag gab, habe ich morgen vergessen. Das erste Tor des Sommermärchens, Jan Ullrichs Duelle mit Lance Armstrong, die acht Goldmedaillen von Phelps, die „Queen“ über dem Olympiastadion, Roger Federers Triumph – all das aber bleibt. Darin liegt der Wert dieser Veranstaltungen. Sie schenken uns gemeinsame Momente, größer als wir selbst. Und sie ermöglichen denen eine Bühne, die ihr Leben dem Sport widmen. Bei aller Kritik: Solange Großveranstaltungen das tun, sind sie unverzichtbar und jede Mühe wert!
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