Zehn Jahre Ausnahmezustand? Was Internationale Bauausstellungen heute (noch) bewegen können
Vom Beschluss des Stuttgarter Gemeinderats, eine Bauausstellung durchzuführen, bis zur Eröffnung der Werkbundausstellung „Die Wohnung“ am 23. Juli 1927 auf dem Weissenhof verging ein Jahr – inklusive Bauzeit. In der Folge markierten Bauausstellungen immer wieder Wendepunkte für den Städtebau und die Architektur.
In Zeiten von Klagen über lähmende Regulation, lange Planungsprozesse und explodierende Kosten sind Bauausstellungen als „Ausnahmezustand auf Zeit“ Sehnsuchtsorte, um jenseits der täglichen Zwänge experimentelle Räume zu öffnen. Daher stellt sich die Frage, in welchen Bereichen Internationale Bauausstellungen (IBA) heute noch Beiträge für die breite Praxis leisten können.
Die Genese des Formats IBA
Die Werkbundausstellung „Die Wohnung“ 1927 auf dem Weissenhof in Stuttgart war eine von vielen Baumessen, die in Deutschland ab der Wende zum 20. Jahrhundert die großen Weltausstellungen ergänzten. Ihr Erfolg in Stuttgart führte in den Folgejahren zu zahlreichen Werkbundsiedlungen in Brünn, Breslau, Zürich, Wien und Prag und prägte in der Folge den Siedlungsbau in europäischen Großstädten mit neuen Techniken, Materialien und einem sachlichen Stil. Nach der Zäsur durch den Zweiten Weltkrieg leiteten die Prinzipien der Moderne den Wiederaufbau und breiteten sich als International Style weltweit aus.
In Deutschland knüpfte die Interbau 1957 in Berlin an die Vorkriegszeit an. Schon im Systemkonflikt mit den städtebaulichen Entwicklungen in der Sowjetunion und ihren abhängigen Staaten setzte sie auf die Modernisierungskraft eines internationalen Netzwerks. Die IBA 1987 in Berlin führte den Namen „Internationale Bauausstellung“ ein und zeigte Stadtreparatur, ökologische Pilotbauten und gemeinschaftliche Wohnprojekte. Trotz der Kritik traditioneller Kreise, dass sie formal beliebig die Prinzipien der Moderne verrate, setzte sie die Themen der folgenden Zeit: Nachhaltigkeit, soziale Vielfalt und Umgang mit der bestehenden Stadt.
Die IBA Emscher Park weitete während ihrer Laufzeit von 1989 bis 1999 das Format auf eine ganze Industrieregion aus. Das Neubauen trat hinter die Frage nach der Versöhnung mit der Natur in einer geschundenen Industrielandschaft zurück und industrielle Relikte rückten als Zeugen und Inkubatoren für ein neues kulturelles Selbstverständnis ins Zentrum. Spätere IBAs gestalteten regionale Transformationsprozesse und etablierten Formate der kooperativen Stadtentwicklung.
Die IBA’27 StadtRegion Stuttgart: Der Blick von der Weissenhofsiedlung in die Stadtregion der Zukunft
Zum 100. Geburtstag der Weissenhofsiedlung eine IBA auszurichten, verpflichtet zu einer Reflexion der IBA-Geschichte. Die aktuelle Situation des Wohnungsbaus in Deutschland und die wirtschaftlichen Transformationsprozesse in der Region Stuttgart schüren die Hoffnung, dass eine IBA wieder einen Beitrag zur Lösung großer gesellschaftlicher Fragen leisten kann. Während IBAs in den Anfängen modernistische Top-down-Veranstaltungen mit einem architektonischen Heilsversprechen waren, sind sie heute eher agile Prozesse, die den Glauben an ein modernistisches, technokratisches, auf Ausbeutung und Extrakion beruhendes Wachstum infrage stellen. Stadt und Region Stuttgart sind der perfekte Ausgangspunkt für diese Aufgabe. Die Initiatorinnen und Initiatoren der IBA’27 haben dies geahnt, als sie in der Vorbereitung in den Jahren 2015 bis zur Gründung der IBA’27-GmbH Ende 2017 den Begriff des „präemptiven Strukturwandels“ erfanden: Kann eine industriell geprägte Region ihre Kompetenzen in resiliente Strategien für ein postfossiles Zeitalter überführen? Mit dem Vertrauen auf die kreative Begabung der Region, ohne übergeordneten Masterplan, aber hoffnungsvoll freundlich und gesprächsbereit, ist die IBA’27 im Jahr 2018 gestartet.
Zwischen Aufbruchsstimmung und harten Rahmenbedingungen
Die IBA’27 erschloss mit ihren Projektpartnerinnen und -partnern in der ganzen Region Brachen und Potenzialflächen, führte Dutzende Wettbewerbe durch, inspirierte mit Konzepten der gemischten Stadt, mit lebendigen Quartieren und Gewerbegebieten, die sich in hoher Qualität für neue Arbeitsformen, Hightech, Engineering und neue Technologien öffnen. In Winnenden gewann das junge Architekturbüro JOTT architecture and urbanism aus Frankfurt am Main einen internationalen offenen Wettbewerb mit dem Konzept eines Industrieareals der Zukunft, das Lebensqualität versprach, indem es Landschaft und unterschiedlichste Formen der Produktion, Bildung und Kultur in hybriden Clustern verband. In Backnang zeigte Teleinternetcafé aus Berlin mit dem Landschaftsarchitekturbüro Treibhaus aus Hamburg, wie sich brach gefallene Gerbereien und Maschinenfabriken am Fluss in ein Quartier entwickeln können. Und in Stadtrandlagen in Stuttgart-Münster und -Rot wie auch in Esslingen, Waiblingen, Leinfelden-Echterdingen und Schorndorf entstanden Pläne, wie dichte Stadtbausteine den umliegenden Bestand mit neuen Wohnformen, sozialer Infrastruktur, Werkstätten und Co-Working-Spaces aufwerten und ergänzen können. Die Corona-Pandemie 2020/2021 erschwerte zwar die Kommunikation, öffnete aber auch neue Möglichkeiten für internationale Kooperationen und bestätigte die Hypothese, dass Quartiere vielfältiger, Außenräume wichtiger und sogenannte dritte Räume kein Luxus, sondern unverzichtbare Bestandteile für die Resilienz der Städte sein werden.
Der russische Angriffskrieg in der Ukraine und die in der Folge explodierenden Material- und Baukosten sowie steigende Zinsen, Unsicherheiten in der produzierenden Industrie und wegbrechende Steuereinnahmen der Kommunen verhindern zurzeit den Bau einiger dieser Projekte, lösen aber auch eine Diskussion über Baukosten, Standards, industrielle Fertigungsweisen im Bausektor aus, die überfällig war. Eine auf zehn Jahre angelegte IBA kann solche Schockwellen nicht in ihrer Zeit abbilden und auffangen.
Die IBA’27 ist dadurch nicht mehr präemptiv, sondern im Strudel der Zeit. Sie glaubte nie, dass „bauen, bauen, bauen“ die Lösung ist, wird jetzt aber in mehreren Projekten mit der Unmöglichkeit des Bauens konfrontiert. Sie wird somit nicht zum vielstimmigen architektonischen Manifest wie die IBA 87 in Berlin, sondern zeigt mit Pionierbauten Wege und mit großen Plänen Perspektiven für eine Region im Wandel.
Räume für Innovation: Wie städtebauliche Sonderformate auch künftig Wandel begleiten und ermöglichen können
Die IBA in Stuttgart wurde gegründet, um sich abzeichnende Strukturbrüche und Transformationsprozesse sowie Zukunftsthemen wie Klimaneutralität und Klimaadaption jenseits des planerischen Alltags zu begleiten. In Zeiten des Booms sollte die wirtschaftliche Stärke genutzt werden, um vorsorglich resiliente Strukturen zu schaffen. Die IBA’27 wurde deshalb nicht mit Investitionskapital ausgestattet, noch hatte sie ein gesichertes Projektportfolio. Sie vernetzte in kurzer Zeit die regionalen Akteure, erschloss Zukunftsprojekte und erarbeitete das Narrativ einer produktiven Stadtregion. Insbesondere kleinere Kommunen mit beschränkten Planungsressourcen konnten an diesem Netzwerk teilhaben.
Da Immobilienmärkte zyklisch sind und die Wahrscheinlichkeit für wirtschaftliche Einbrüche während der Laufzeit einer IBA jederzeit gegeben ist, stellt sich für künftige IBAs die Frage, ob ihr Arbeitsfeld nicht breiter abgestützt sein sollte. Dies gilt auch für den Auftrag, regulatorische Grenzen zu überschreiten und experimentelle Bauten zu errichten. Politische Rückendeckung im Rahmen von Pilotprojekten, ein definiertes Portfolio mit einer gesicherten Bauträgerschaft könnte den Kern ihres Tätigkeitsfelds schützen. Regulatorische Hürden und Haftungsrisiken schränken Innovation im Baubereich mittlerweile so weit ein, dass sie nur mit einem klaren politischen Auftrag und breit abgestützten Netzwerken aus Forschung, Industrie und Projektträgerinnen und -trägern möglich ist.
Heute konkurrieren Städte mit Biennalen, Kulturhauptstadtjahren und Festivals um Aufmerksamkeit. Vor diesem Hintergrund müssen IBAs eine neue Rolle finden. Angesichts ihrer kulturhistorischen Bedeutung kann dies nicht die Lösung von planerischen Aufgaben sein, die den Verwaltungsalltag von Behörden sprengen. Wenn das Format IBA sich mit der Moderne nicht überlebt haben soll, braucht es eine mutige Neuerfindung. An großen gesellschaftlichen Aufgaben, die nur im städtischen Maßstab bewältigt werden können, mangelt es Deutschland nicht.