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Denkmale weiterbauen: Wie das Gestern bedeutsam bleibt fürs Morgen

Tag der Architektur: Vom Kloster bis zur Reetdachkate – beim diesjährigen Architekturwochenende sind bundesweit beeindruckende Denkmalsanierungen zu besichtigen.

Barbara Hallmann
19.06.2026 6min
Das Foto zeigt eine Außenaufnahme eines modernen Gebäudekomplexes. Der Fokus liegt auf dem Übergang zwischen Innen- und Außenbereich.  Im Vordergrund steht eine geöffnete Schiebetür mit einer weißen Säule. Der Innenraum ist hell und schlicht gestaltet, mit weißen Wänden, hellgrauen Bodenfliesen und Holzakzenten. Links befindet sich ein Einbauschrank, während am Ende des Flurs eine geschlossene Holztür zu sehen ist.  Durch die geöffnete Tür blickt man auf einen gepflasterten Hof. Die Außenfassade des gegenüberliegenden Gebäudes besteht im unteren Bereich aus Natursteinen und im oberen Bereich aus einer senkrechten Holzverkleidung. Große Fenster und eine Glastür durchbrechen die Fassade. Ein Schachtdeckel ist im Pflaster sichtbar, und eine Bank steht im Hintergrund. Der Himmel ist leicht bewölkt.
Das Dorfgemeinschaftshaus in Mörzheim verbindet denkmalgeschützte Bausubstanz mit zeitgenössischer Architektur – und ist zum Tag der Architektur zu besichtigen. Architektur: Werkgemeinschaft Landau. © Jochen Sinnwell, Landau.

Beim diesjährigen Tag der Architektur am 27. und 28. Juni kann – wer möchte – bundesweit zahlreiche Projekte erkunden, bei denen der Denkmalschutz bestimmendes Thema war oder ist. Diese Bauaufgaben sind häufig weit ab vom Standard. Gerade deshalb ist es unverzichtbar, vor Ort zu schauen: Wie wurde der historische Bestand mit aktuellen Anforderungen übereingebracht? Wo und wie wurden individuelle Lösungen gefunden, die funktional und ästhetisch zugleich sind? Der Tag der Architektur bietet die Möglichkeit zum Austausch mit Kolleginnen und Kollegen zu genau diesen Fragen – und ist schon deshalb ein unverzichtbarer Termin für alle, die in diesem Bereich aktiv sind oder künftig sein wollen.

Fünf Beispiele aus ganz Deutschland zeigen, wie unterschiedlich die Aufgabe des Bauens im denkmalgeschützten Bereich aussehen kann. 

Ein Foto zeigt die Rückseite eines historischen Backsteingebäudes bei Dämmerung. Ein moderner barrierefreier Zugang mit beleuchteten Handläufen führt zu einer Glastür. Der Bau hat ein hohes Ziegeldach, unregelmäßige Fenster, einen runden Vorbau und ein Stuckelement mit einem kleineren Eingang. Hohe, kahle Bäume säumen das Grundstück.
Kloster Zinna. Architektur: ARGE Hertzberg Weber Architekten BDA und Ilko-M. Mauruschat © Stefan Müller

Mittelalter barrierefrei: Kloster Zinna in Jüterbog (Brandenburg)

Das Siechen- und das Abtshaus des ehemaligen Zisterzienserklosters Zinna gehören zu den bedeutendsten Zeugnissen norddeutscher Backsteingotik – die ältesten Teile stammen aus dem 14. Jahrhundert. Vor siebenhundert Jahren waren die Anforderungen an Räume noch ganz andere – heute aber müssen solche Bauten, sollen sie als Museum dienen, den aktuellen Anforderungen genügen. Der Spagat für die Planenden ist groß: Hier die Notwendigkeit, die historische Ausstrahlung genau wie technische Details zu bewahren – dort die ebenso große Pflicht, aktuelle Regelungen und Erwartungen zu erfüllen. 

In Zinna schafften Hertzberg Weber Architekten BDA und Ilko-M. Mauruschat diesen Spagat. Die Berliner ARGE hat das Abtshaus barrierefrei erschlossen, Ausstellungsräume modernisiert und im Siechenhaus Büro- und Veranstaltungsflächen eingerichtet – ohne dabei den mittelalterlichen Bestand zu überlagern. Das mittelalterliche Gebäude selbst bleibt zentrales Ausstellungsobjekt, dem sich alle Additionen unterordnen. 

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Das Foto zeigt ein Ensemble aus zwei Gebäuden: links ein traditionelles Fachwerkhaus mit Reetdach und bogenförmiger Glastür, rechts ein modernes Haus mit Holzfassade. Beide sind durch einen transparenten Gang verbunden und liegen in einem von Bäumen umgebenen Gelände. Ein gepflasterter Weg führt auf sie zu, die Sonne wirft lange Schatten.
Bürgerhaus Ofenerdiek. Architektur gruppeomp BDA © Caspar Sessler

Sozialberatung unterm Reetdach: Bürgerhaus Ofenerdiek in Oldenburg (Niedersachsen)

Eine Reetdachkate von 1870 im Oldenburger Stadtteil Ofenerdiek steht unter Denkmalschutz – und dient künftig als offener Treffpunkt für Kultur, Soziales und Beratung. Die Aufgabe für gruppeomp klingt eigentlich überschaubar: spätere Einbauten entfernen, die Fachwerkstruktur freilegen, statische Mängel denkmalgerecht beheben. Wer schon einmal einen denkmalgeschützten Bestandsbau saniert hat, weiß um die Herausforderungen eines solchen Projekts.

Ergänzt wird das historische Gebäude durch einen zurückgesetzten Anbau in Holzrahmenbauweise mit Lärchenholzfassade, der einen neuen Veranstaltungsraum aufnimmt. Das Büro gruppeomp BDA zeigt hier, wie ein bescheidener historischer Bau behutsam zu einem lebendigen Quartierszentrum werden kann – ohne seinen Charakter aufzugeben. 

Erikas und Willis Scheune, Albisheim. Architektur: Piertzovanis Toews © Simone Bossi, I-Varese
Erikas und Willis Scheune, Albisheim. Architektur: Piertzovanis Toews © Simone Bossi, I-Varese

Mühlenensemble in der Pfalz: Erikas und Willis Scheune in Albisheim (Rheinland-Pfalz)

Im pfälzischen Albisheim steht ein Mühlenensemble aus dem 18. Jahrhundert unter Denkmalschutz, dazu gehört auch eine Scheune. Für Letztere entwickelte die Bauherrschaft gemeinsam mit dem Basler Büro Piertzovanis Toews ein Wohnkonzept, das die verschiedenen Zeitschichten des Gebäudes zusammenführt – mutig im Umgang mit Farbe, konsequent im Respekt vor der historischen Bausubstanz. Besonders: Der Großteil der Arbeiten wurde in Eigenleistung realisiert, unterstützt durch illustrierte Schritt-für-Schritt-Anleitungen.

Die Qualitäten der ehemaligen Scheune blieben dabei bewusst erhalten: das großzügige Raumvolumen, das rohe Bruchsteinmauerwerk, das historische Holzfachwerk. Innerhalb der zweigeschossigen Hülle wurden nach dem Haus-im-Haus-Prinzip vier eigenständige Baukörper eingestellt – mal aus Glas, mal aus Leichtbauwänden mit Seekiefersperrholz –, die den Innenraum strukturieren, ohne seine Großzügigkeit zu konterkarieren. Das Farbkonzept setzt Akzente: eine rote Treppe, eine grüne Küche, ein blaues Schlafzimmer – jeder Nutzung eine eigene Farbe, auch als räumliches Orientierungssystem.

Welterbe als Kulisse und Aufgabe: Kolk 17 in Lübeck (Schleswig-Holstein)

Mitten in der Lübecker Altstadt – seit 1987 UNESCO-Welterbe – hat das Büro Konermann Siegmund Architekten BDA neun historische Parzellen beiderseits der Kleinen Petersgrube zu einem Figurentheater mit Museum zusammengefügt. Alle denkmalgeschützten Gebäude wurden achtsam und daher aufwendig saniert; Um- und Einbauten der letzten Jahrzehnte wurden zurückgebaut, jedes Kleinhaus wieder zur eigenen Einheit.

Was nach Baubeginn sichtbar wurde, überraschte allerdings selbst die Planer: Der Zustand der Gebäude war sehr viel schlechter als erwartet und stellte teilweise eine Gefahr für die Standsicherheit dar – lose Ziegel, nicht verzahnte Wände. Schadhafte Steine wurden durch neue Klosterformatziegel ersetzt, zusätzliche Pfähle verhindern das Absinken des historischen Baugefüges.

Das Museumsgebäude folgt dem Prinzip Haus im Haus: Hinter der denkmalgeschützten Fassade wird ein neues Haus eingebaut, um das sich zwei Treppen in einer Doppelhelix winden. Wo Neubauten nötig waren, nehmen sie das Motiv des roten Backsteins auf, der den engen Straßenraum des Kolks zusammen mit der hohen Petrikirchmauer prägt – präsent, ohne zu kopieren. 

Umbau der „Traube“ in Erbach zu einem Wohnhaus. Architektur: liquid architekten © Kristof Lemp, Darmstadt
Umbau der „Traube“ in Erbach zu einem Wohnhaus. Architektur: liquid architekten © Kristof Lemp, Darmstadt
Umbau der „Traube“ in Erbach zu einem Wohnhaus. Architektur: liquid architekten © Kristof Lemp, Darmstadt
Umbau der „Traube“ in Erbach zu einem Wohnhaus. Architektur: liquid architekten © Kristof Lemp, Darmstadt

Fachwerk mit KfW-Standard: Traube Erbach im Odenwald (Hessen)

Das ehemalige Gasthaus „Zur Traube“ in der Erbacher Brückenstraße – ein giebelständiges Fachwerkhaus aus dem frühen 18. Jahrhundert – steht unter Denkmalschutz und wurde von liquid architekten aus Reichelsheim zu einem Wohngebäude mit sechs Einheiten nach KfW-Effizienzhausstandard umgebaut. Nicht historische Anbauten und spätere Dachaufbauten wurden zurückgebaut und so die ursprüngliche Kubatur wiederhergestellt. Die Grundrisse reagieren auf die vorhandene Tragstruktur und zeichnen sich durch offene Raumkonzepte und kompakte Einbauten aus – unterschiedliche Raumsituationen führen zu individuellen Wohnungszuschnitten. Großer Wert wurde auf den Erhalt und die Wiederverwendung bestehender Materialien gelegt, etwa der originalen Türen.

Die sechs Wohneinheiten gehören einem Frankfurter Privatpaar – ein Hinweis darauf, dass Denkmalsanierung nicht zwingend öffentliche Träger voraussetzt. Das Projekt ist zudem Teil einer größeren Aktivierung eines brachliegenden Areals, das auf den Erhalt und die denkmalgerechte Weiterentwicklung der alten Stadtstruktur Erbachs zielt.

Fazit

Was alle fünf Projekte verbindet – und darüber hinaus auch alle die denkmalgeschützten Werke, die beim Tag der Architektur zu sehen sind: Sie alle zeigen, dass Denkmalschutz nicht zuallererst ein Hemmnis ist. Sondern vielmehr eine Aufgabe, die – wenn sie positiv angenommen wird – der Katalysator sein kann für ungewöhnlich präzise, charaktervolle Architektur, die das Gestern und das Morgen verbindet.

Alle Projekte des diesjährigen Tags der Architektur sind zu finden unter tag-der-architektur.de. Weitere Projekte, Touren und Reflexionen auch unter dabonline.de/tag-der-architektur.

Barbara Hallmann

DAB Redaktion

Nach ihrem Kulturwissenschaftsstudium in Lyon und Weimar ließ sich Barbara Hallmann in der ARD zur Radio- und Fernsehjournalistin ausbilden. Seit knapp 20 Jahren schreibt sie hauptsächlich über Architektur und Design. 

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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