Denkmale weiterbauen: Wie das Gestern bedeutsam bleibt fürs Morgen
Tag der Architektur: Vom Kloster bis zur Reetdachkate – beim diesjährigen Architekturwochenende sind bundesweit beeindruckende Denkmalsanierungen zu besichtigen.
Beim diesjährigen Tag der Architektur am 27. und 28. Juni kann – wer möchte – bundesweit zahlreiche Projekte erkunden, bei denen der Denkmalschutz bestimmendes Thema war oder ist. Diese Bauaufgaben sind häufig weit ab vom Standard. Gerade deshalb ist es unverzichtbar, vor Ort zu schauen: Wie wurde der historische Bestand mit aktuellen Anforderungen übereingebracht? Wo und wie wurden individuelle Lösungen gefunden, die funktional und ästhetisch zugleich sind? Der Tag der Architektur bietet die Möglichkeit zum Austausch mit Kolleginnen und Kollegen zu genau diesen Fragen – und ist schon deshalb ein unverzichtbarer Termin für alle, die in diesem Bereich aktiv sind oder künftig sein wollen.
Fünf Beispiele aus ganz Deutschland zeigen, wie unterschiedlich die Aufgabe des Bauens im denkmalgeschützten Bereich aussehen kann.
Mittelalter barrierefrei: Kloster Zinna in Jüterbog (Brandenburg)
Das Siechen- und das Abtshaus des ehemaligen Zisterzienserklosters Zinna gehören zu den bedeutendsten Zeugnissen norddeutscher Backsteingotik – die ältesten Teile stammen aus dem 14. Jahrhundert. Vor siebenhundert Jahren waren die Anforderungen an Räume noch ganz andere – heute aber müssen solche Bauten, sollen sie als Museum dienen, den aktuellen Anforderungen genügen. Der Spagat für die Planenden ist groß: Hier die Notwendigkeit, die historische Ausstrahlung genau wie technische Details zu bewahren – dort die ebenso große Pflicht, aktuelle Regelungen und Erwartungen zu erfüllen.
In Zinna schafften Hertzberg Weber Architekten BDA und Ilko-M. Mauruschat diesen Spagat. Die Berliner ARGE hat das Abtshaus barrierefrei erschlossen, Ausstellungsräume modernisiert und im Siechenhaus Büro- und Veranstaltungsflächen eingerichtet – ohne dabei den mittelalterlichen Bestand zu überlagern. Das mittelalterliche Gebäude selbst bleibt zentrales Ausstellungsobjekt, dem sich alle Additionen unterordnen.
Sozialberatung unterm Reetdach: Bürgerhaus Ofenerdiek in Oldenburg (Niedersachsen)
Eine Reetdachkate von 1870 im Oldenburger Stadtteil Ofenerdiek steht unter Denkmalschutz – und dient künftig als offener Treffpunkt für Kultur, Soziales und Beratung. Die Aufgabe für gruppeomp klingt eigentlich überschaubar: spätere Einbauten entfernen, die Fachwerkstruktur freilegen, statische Mängel denkmalgerecht beheben. Wer schon einmal einen denkmalgeschützten Bestandsbau saniert hat, weiß um die Herausforderungen eines solchen Projekts.
Ergänzt wird das historische Gebäude durch einen zurückgesetzten Anbau in Holzrahmenbauweise mit Lärchenholzfassade, der einen neuen Veranstaltungsraum aufnimmt. Das Büro gruppeomp BDA zeigt hier, wie ein bescheidener historischer Bau behutsam zu einem lebendigen Quartierszentrum werden kann – ohne seinen Charakter aufzugeben.
Mühlenensemble in der Pfalz: Erikas und Willis Scheune in Albisheim (Rheinland-Pfalz)
Im pfälzischen Albisheim steht ein Mühlenensemble aus dem 18. Jahrhundert unter Denkmalschutz, dazu gehört auch eine Scheune. Für Letztere entwickelte die Bauherrschaft gemeinsam mit dem Basler Büro Piertzovanis Toews ein Wohnkonzept, das die verschiedenen Zeitschichten des Gebäudes zusammenführt – mutig im Umgang mit Farbe, konsequent im Respekt vor der historischen Bausubstanz. Besonders: Der Großteil der Arbeiten wurde in Eigenleistung realisiert, unterstützt durch illustrierte Schritt-für-Schritt-Anleitungen.
Die Qualitäten der ehemaligen Scheune blieben dabei bewusst erhalten: das großzügige Raumvolumen, das rohe Bruchsteinmauerwerk, das historische Holzfachwerk. Innerhalb der zweigeschossigen Hülle wurden nach dem Haus-im-Haus-Prinzip vier eigenständige Baukörper eingestellt – mal aus Glas, mal aus Leichtbauwänden mit Seekiefersperrholz –, die den Innenraum strukturieren, ohne seine Großzügigkeit zu konterkarieren. Das Farbkonzept setzt Akzente: eine rote Treppe, eine grüne Küche, ein blaues Schlafzimmer – jeder Nutzung eine eigene Farbe, auch als räumliches Orientierungssystem.
Welterbe als Kulisse und Aufgabe: Kolk 17 in Lübeck (Schleswig-Holstein)
Mitten in der Lübecker Altstadt – seit 1987 UNESCO-Welterbe – hat das Büro Konermann Siegmund Architekten BDA neun historische Parzellen beiderseits der Kleinen Petersgrube zu einem Figurentheater mit Museum zusammengefügt. Alle denkmalgeschützten Gebäude wurden achtsam und daher aufwendig saniert; Um- und Einbauten der letzten Jahrzehnte wurden zurückgebaut, jedes Kleinhaus wieder zur eigenen Einheit.
Was nach Baubeginn sichtbar wurde, überraschte allerdings selbst die Planer: Der Zustand der Gebäude war sehr viel schlechter als erwartet und stellte teilweise eine Gefahr für die Standsicherheit dar – lose Ziegel, nicht verzahnte Wände. Schadhafte Steine wurden durch neue Klosterformatziegel ersetzt, zusätzliche Pfähle verhindern das Absinken des historischen Baugefüges.
Das Museumsgebäude folgt dem Prinzip Haus im Haus: Hinter der denkmalgeschützten Fassade wird ein neues Haus eingebaut, um das sich zwei Treppen in einer Doppelhelix winden. Wo Neubauten nötig waren, nehmen sie das Motiv des roten Backsteins auf, der den engen Straßenraum des Kolks zusammen mit der hohen Petrikirchmauer prägt – präsent, ohne zu kopieren.
Fachwerk mit KfW-Standard: Traube Erbach im Odenwald (Hessen)
Das ehemalige Gasthaus „Zur Traube“ in der Erbacher Brückenstraße – ein giebelständiges Fachwerkhaus aus dem frühen 18. Jahrhundert – steht unter Denkmalschutz und wurde von liquid architekten aus Reichelsheim zu einem Wohngebäude mit sechs Einheiten nach KfW-Effizienzhausstandard umgebaut. Nicht historische Anbauten und spätere Dachaufbauten wurden zurückgebaut und so die ursprüngliche Kubatur wiederhergestellt. Die Grundrisse reagieren auf die vorhandene Tragstruktur und zeichnen sich durch offene Raumkonzepte und kompakte Einbauten aus – unterschiedliche Raumsituationen führen zu individuellen Wohnungszuschnitten. Großer Wert wurde auf den Erhalt und die Wiederverwendung bestehender Materialien gelegt, etwa der originalen Türen.
Die sechs Wohneinheiten gehören einem Frankfurter Privatpaar – ein Hinweis darauf, dass Denkmalsanierung nicht zwingend öffentliche Träger voraussetzt. Das Projekt ist zudem Teil einer größeren Aktivierung eines brachliegenden Areals, das auf den Erhalt und die denkmalgerechte Weiterentwicklung der alten Stadtstruktur Erbachs zielt.
Fazit
Was alle fünf Projekte verbindet – und darüber hinaus auch alle die denkmalgeschützten Werke, die beim Tag der Architektur zu sehen sind: Sie alle zeigen, dass Denkmalschutz nicht zuallererst ein Hemmnis ist. Sondern vielmehr eine Aufgabe, die – wenn sie positiv angenommen wird – der Katalysator sein kann für ungewöhnlich präzise, charaktervolle Architektur, die das Gestern und das Morgen verbindet.
Alle Projekte des diesjährigen Tags der Architektur sind zu finden unter tag-der-architektur.de. Weitere Projekte, Touren und Reflexionen auch unter dabonline.de/tag-der-architektur.
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