Architektur unmittelbar erleben
Beim Tag der Architektur öffnen sich die Türen zu ausgewählten Projekten. Besuchende können zudem in Architekturbüros mehr über das Planen und Bauen erfahren.
Um Häuser zu verstehen, muss man sie erleben. Das gilt für Profis und Laien gleichermaßen. Beide Gruppen kommen am Tag der Architektur zusammen. Er findet bundesweit am letzten Juni-Wochenende statt und wird von den jeweiligen Architektenkammern organisiert. Dann öffnen sich die Türen von ausgewählten Gebäuden und Architekturbüros. Die zu besichtigenden Projekte decken ein breites Spektrum an Typologien ab: von Ein- und Mehrfamilienhäusern, Büro- und Kulturbauten, Schulen und Kindergärten bis zu Parks und Plätzen. Dabei umfassen sie große und kleine Bauvorhaben, öffentliche und private Aufträge, Neubauten ebenso wie Umnutzungen. Viele davon stehen nur am Tag der Architektur offen.
Das Format unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland. In Bayern heißt es etwa Architektouren, in Hamburg Tag der Architektur und Ingenieurbaukunst. Gemein ist allen Veranstaltungen, dass sie Interessierten die Möglichkeit geben, mehr über die Arbeit von Architektinnen und Architekten zu erfahren. Dadurch erhalten sie etwa Einblicke in Entwurfsprozesse, Nutzungskonzepte und qualitative Standards. Gleichzeitig erfahren sie bei der Besichtigung eines Gebäudes mehr über seine Entstehungsgeschichte. Planende aller Fachrichtungen – vom Hochbau über die Innenarchitektur und Landschaftsarchitektur bis hin zum Städtebau – geben zusammen mit den Bauverantwortlichen Auskunft und beantworten Fragen. Interessierte können sich hier auch Anregungen für das eigene Projekt holen und in einen direkten Austausch mit Architektinnen und Architekten treten.
Architektur als gesellschaftliche Disziplin
Auch 2026 wird der Tag der Architektur über die Länderarchitektenkammern organisiert, die ihre konkreten Programme und thematischen Schwerpunkte eigenständig definieren. In Baden-Württemberg stehen die Veranstaltungen dieses Jahr zum Beispiel unter dem Motto „Einfach wohnen!“. Im Unterschied zu anderen Bundesländern gibt es hier keinen Tag der offenen Tür, sondern geführte Touren. Neben der Inspiration durch konkrete Projekte gehen die jeweiligen Veranstaltungen in den verschiedenen Bundesländern auch der Frage nach, wie Architektur auf aktuelle gesellschaftliche, ökologische und räumliche Herausforderungen reagieren kann. In Bayern wird deshalb das Prädikat „KlimaKulturKompetenz“ an die Projekte vergeben. Dazu prüft man die Bauten auf Nachhaltigkeitskriterien wie etwa Energieeffizienz, Klimaanpassung, Flächensparen und Barrierefreiheit.
Vom Innovation Centre bis zum Dorfplatz
Wie erfolgreich das Format ist, zeigt sich an den vergangenen Veranstaltungen: So konnten 2025 bundesweit über 1.000 Projekte besichtigt werden. In Niedersachen nutzten mehr als 13.000 Besucherinnen und Besucher in 50 Orten die Möglichkeit, sich über bestimmte Gebäude zu informieren. Die gezeigten Beispiele bildeten auch aktuelle architektonische und gesellschaftliche Debatten ab. Bei vielen Projekten handelte es sich um Umbauten, Sanierungen oder Nachverdichtungen. In mehreren Bundesländern überwog die Instandsetzung von Altbauten erstmals gegenüber Neubauten.
Ein Beispiel ist das Coppenrath Innovation Centre in der Nähe des Osnabrücker Hauptbahnhofs. Hier verwandelte das Architekturbüro KRESINGS aus Münster einen jahrzehntelang leer stehenden Lokschuppen aus dem Jahr 1914 in ein Forschungszentrum. In dem transformierten Gebäudekomplex beschäftigen sich 18 Forschungseinrichtungen und Unternehmen mit dem Thema künstliche Intelligenz. Dazu stellten die Architektinnen und Architekten ein- und zweigeschossige Holz-Raummodule in die Hallen des ehemaligen Industriebaus. „Der Bestand hatte eine große Qualität, die man heute so gar nicht mehr bauen kann. Durch die Transformation wurde nicht nur die Gebäudesubstanz, sondern auch die Geschichte des Orts bewahrt“, erzählt Architekt Kilian Kresing. „Beim Tag der Architektur konnten die Besucherinnen und Besucher den Gebäudekomplex unmittelbar erleben und erfahren, welches Potenzial in solchen Bauten steckt.“
Beispiele finden sich aber nicht nur im urbanen Umfeld, sondern auch auf dem Land, wie etwa in der kleinen bayerischen Gemeinde Scheyern. Dort haben Deppisch Architekten aus Freising eine neue Ortsmitte geschaffen. Dazu ergänzten sie den denkmalgeschützten Bestand, ein ehemaliges Gasthaus aus dem 16. Jahrhundert. Nach diversen Zwischennutzungen befinden sich hier nun ein Café im Erdgeschoss und Räume für die Gemeinde wie ein Trau- und Gemeindesaal in den oberen Geschossen. Dem Bestandsgebäude stellten Deppisch Architekten einen zweigeschossigen Holzbau gegenüber. Hier sind nun das Rathaus und eine Bücherei untergebracht. Zwischen Alt- und Neubau gestalteten sie einen abgestuften Platz mit Maibaum und Spielplatz.
„Die Besucherinnen und Besucher fanden die Verbindung von Alt- und Neubau und den Umgang mit dem denkmalgeschützten Bestand sehr spannend. Wir konnten ihnen zum Beispiel vor Ort konkret erklären, wie man die historischen Schichten sichtbar lässt und trotzdem die Anforderungen an Nutzung, Barrierefreiheit und Technik erfüllt“, erinnert sich Sebastian Falkner von Deppisch Architekten. „Die neuen Freiräume und das ressourcenschonende Materialkonzept mit Terrazzo aus wiederverwertetem Abbruchmaterial und Fichtenholz aus dem Gemeindewald für Tragwerk und Schalungen kamen auch sehr gut an.“
Von der Stadtintervention bis zum Schlosspark
Neben der Besichtigung konkreter Gebäude konnten die Besucherinnen und Besucher direkt in die beteiligten Büros hineinschnuppern. Das bot jungen Architektinnen und Architekten die Möglichkeit, ihre Arbeit zu präsentieren. Ein Beispiel ist das projektbüro in Hamburg, das sich vor allem mit gesellschaftlichen Fragestellungen in verschiedenen Maßstäben beschäftigt – von Architektur über Stadtplanung bis hin zu experimentellem Urban Design. In diesem Rahmen erarbeiteten die Planerinnen und Planer zum Beispiel einen kollaborativen Prozess zur Neugestaltung der St. Pauli Hafenkante.
In Kooperation mit dem Planungsbüro UVM und der Landschaftsarchitektin Antje Stokman wurden neue Raum- und Nutzungskonzepte gemeinsam mit Anwohnern, Touristen sowie Vertreterinnen aus Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft im öffentlichen Raum entwickelt und temporär getestet. Daraus erarbeitete Erkenntnisse flossen in die Auslobung eines daran anschließenden Wettbewerbs.
Das Austesten von sozialen und räumlichen Konzepten verfolgt das Büro auch in anderen Projekten, wie dem Laden 4. Im Rahmen des Programms Verborgene Potenziale Innenstadt verwandelten sie zusammen mit dem Verein Altstadt für Alle! und dem ArchitekturSalon Hamburg die Gewerbeeinheit eines Wohnhauses in einen flexibel nutzbaren Ort für die Nachbarschaft. „Die Besucherinnen und Besucher waren sehr an unserer Arbeit interessiert, weil wir uns als Büro mit ihrem Alltag beschäftigen. Sie fanden zum Beispiel unsere prozessorientierte Arbeitsweise, die sich immer mit der konkreten Situation vor Ort auseinandersetzt, sehr spannend“, erzählt Marieke Behne von projektbüro über den Austausch am Tag der Architektur und Ingenieurbaukunst. „Wir haben mit den Besucherinnen und Besuchern auch darüber diskutiert, wie man spezifischen Nutzerinnen und Nutzern von Räumen wie etwa Kindern und Jugendlichen mehr Sichtbarkeit und Raum in der Stadt geben kann.“
Eine Außenraumgestaltung ganz anderer Art ist das Rote Haus im Neuen Garten als Teil des Potsdamer Schlossparks. Hier haben Schulz + Glüsing Architektur und Denkmalpflege zusammen mit Höhn Landschaftsarchitektur eines der ältesten Gebäude mitsamt seiner Gartenbereiche denkmalgerecht saniert. Dabei handelt es sich um ein ehemaliges Winzerhaus am Ufer des Heiligen Sees, das um 1790 von König Friedrich Wilhelm II. zusammen mit dem Grundstück erworben wurde. Ab 2018 stand der Bau leer, Dach und Fassade waren stark reparaturbedürftig. Die Maßnahmen umfassten die Restaurierung der Außenhülle und Innenräume sowie seine energetische Ertüchtigung. Zudem wurde die Uferbefestigung der seeseitigen Terrasse erneuert. Die gartendenkmalpflegerische Instandsetzung des Gartens folgte dem Meyer-Plan aus dem Jahr 1846.
„Das Rote Haus im Neuen Garten hat durch seine einmalige Lage am Heiligen See und seine wechselvolle Geschichte etwas Geheimnisvolles. Deshalb genießt es in Potsdam eine gewisse Anziehungskraft. Am Tag der Architektur haben viele Menschen die einmalige Gelegenheit einer Haus- und Gartenführung genutzt“, erzählt Landschaftsarchitekt Marko Höhn. „Das Publikum war interessiert und neugierig, gleichzeitig aber auch sehr achtsam im Umgang mit dem denkmalgeschützten Bestand. Es gab an dem Tag zahlreiche Gespräche über das Projekt. Dazu kam der Austausch mit Besucherinnen und Besuchern, die etwas über die Geschichte des Orts erzählen konnten.“
Die Projekte 2025 zeigen exemplarisch, wie vielfältig sich Bau- und Planungskultur vermitteln lässt. Das gilt auch für den Tag der Architektur 2026, der am 27. und 28. Juni stattfindet. Dann werden Architekturbüros wieder ihre Türen öffnen und das Bauen unmittelbar erlebbar machen.
Zuletzt erschienen im Magazin des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q2/2026
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