Architektur für Mensch und Tier
Biodiversität beginnt nicht mit dem Insektenhotel. Animal-Aided Design und Multispecies Architecture integrieren die Bedürfnisse von Tieren von Anfang an in den Entwurf – und eröffnen neue Perspektiven für Architektur und Stadtplanung.
Wohnraum in der Stadt ist attraktiv. Der Wanderfalke brütet auf Schornsteinen und Kühltürmen, der Buntspecht residiert in einem morschen Baum auf dem Friedhof. Der Mauersegler hat sich einen Altbau mit Dachüberstand und bröckelnder Fassade als Refugium ausgesucht. Die Zwergfledermaus ist seine Nachbarin. Eichhörnchen bauen ihre Nester in den Baumkronen der Stadtparks. Der Dachs hat seinen Bau im Bahndamm und der Steinmarder quartiert sich auf dem Dachboden ein.
Viele Wildtiere leben gerne in der Stadt. Das wärmere Mikroklima lockt und die Nahrungssuche ist einfach und bequem. Aber auch die vielfältig strukturierten urbanen Lebensräume bieten allerlei Unterschlupfmöglichkeiten. Sie sind oft sicherer als in freier Wildbahn. Gärten und Teiche, Mauern und Parks, Bäume und Bäche, Dachstühle und Industriebrachen – so viel Abwechslung auf so kleinem Raum gibt es außerhalb von Ballungsgebieten kaum.
Allerdings befindet sich die Stadt durch Verdichtung, Flächenversiegelung und Modernisierung massiv im Umbruch. Brachen und Baulücken verschwinden. Häuser bieten nach einer energetischen Sanierung oder als Neubau mit fugenlosen Putz- oder Glasfassaden keine „Mitwohngelegenheiten“ mehr.
Die Stadtplanung hat die Tiere vergessen
Bislang wurden Städte ausschließlich aus menschlicher Perspektive geplant. Gebäude sollten Wohnraum schaffen, Straßen Verkehr aufnehmen, Grünflächen Erholung bieten. Wildtiere galten entweder als Problem oder als geschützte Art. Unter dem Paradigma der Biodiversität entsteht ein neuer Planungsansatz: Animal-Aided Design und Multispecies Architecture behandeln Wildtiere als gleichberechtigte Nutzende des urbanen Raums.
Mehr als Blühstreifen und Insektenhotels
Wobei es mit dem Anlegen von Blühstreifen, Dachbegrünung und Insektenhotels nicht getan ist. Artenvielfalt entsteht nicht automatisch. „Die vorhandenen Ressourcen müssen den gesamten Lebenszyklus einer Art abdecken“, sagt Thomas E. Hauck, Professor für Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung an der TU Wien. Das Problem: Eine Stadt ist ein räumliches Mosaik oft kleinster unzusammenhängender Flächen. So gibt es vielleicht einen Nistplatz, Futtermangel rund ums Zuhause kann aber trotzdem auftreten.
Als Beispiel nennt Hauck den Haussperling, vulgo Spatz, der als Höhlenbrüter unter Dachziegeln, hinter Fassadenverkleidungen oder in Rollladenkästen nistet. „Ein Spatz pickt zwar gerne die Krümel vom Kaffeehaustisch, seine Jungen füttert er aber lieber mit weichen Maden oder Würmern. Wenn wir für den Spatz planen, müssen wir die also mitdenken.“
Gemeinsam mit Wolfgang W. Weisser, Inhaber des Lehrstuhls für Terrestrische Ökologie an der TU München, hat er eine Planungsmethode mit konkreten Arbeitsschritten, Werkzeugen und Entscheidungsprozessen entwickelt: Animal-Aided Design, kurz AAD oder zu Deutsch „Entwerfen für Tiere“. Sie zielt darauf ab, Bedürfnisse von stadtbewohnenden Wildtieren bereits in der Entwurfsphase zu berücksichtigen. Das Konzept konzentriert sich innerhalb eines Projekts auf einzelne Zielarten, die vorab ausgewählt werden. Anschließend analysieren Planende deren gesamten Lebenszyklus – von Nahrung und Nistplätzen über Wasser bis zu Rückzugsorten und Wanderkorridoren. Diese Anforderungen fließen direkt in die Gestaltung von Gebäuden und Freiräumen ein.
Attraktive Spezies haben bessere Chancen
Für die Auswahl der Arten ist nicht ihre Gefährdung das vorrangige Kriterium. AAD konzentriert sich auf diejenigen Wildtiere, die schon vor Ort sind oder diesen aus dem Umfeld erreichen können. Zudem sind sie unmittelbar von der Veränderung ihres Lebensraums durch die jeweilige Baumaßnahme betroffen, weshalb ihre Bedürfnisse bei der Planung entsprechend berücksichtigt werden müssten. So bleiben pro Projekt von mehreren Hundert Arten in der Regel rund 20 bis 30 übrig. Sie werden dem jeweiligen Bauherrn oder Bauträger und falls möglich auch den zukünftigen Nutzenden zur Auswahl vorgestellt. „Natürlich haben ästhetisch ansprechende Arten häufig die besseren Karten“, bemerkt Hauck. „Wir wollen aber niemandem tierische Mitbewohner aufzwingen, die die Leute nicht um sich haben wollen.“
Ein Modellquartier für Berlin-Tegel
Ein schönes Beispiel aktueller Planung mit AAD ist das Schumacher Quartier in Berlin auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tegel. Dort entstehen nicht nur Wohnungen für 10.000 Menschen. Geplant wird auch für Fledermäuse, Lerchen, Sperlinge und Wildbienen. 14 Zielarten sollen im Sinne der Biodiversität weitere Spezies dazu bringen, sich im Quartier anzusiedeln. „Die Flugbahn einer Fledermaus zu beobachten oder abends den Gesang einer Nachtigall zu hören – solche Erlebnisse vermitteln ein ganz besonderes Gefühl von Lebensqualität mitten in der Stadt“, sagt Dirk Christiansen von bgmr Landschaftsarchitekten. Das Büro hat zusammen mit Haucks und Weissers Studio Animal-Aided Design das zugrunde liegende Konzept erarbeitet.
Das Projekt ist das erste große Neubauquartier in Deutschland, in dem Animal-Aided Design konsequent als Planungsprinzip angewendet wird. „Wir haben einen Leitfaden zusammengestellt, an den sich die Planenden der einzelnen Baufelder orientieren können und der zugleich als Bewertungskriterium der Qualifizierungsverfahren genutzt werden kann“, erklärt Christiansen. Damit wird die Umsetzung des Konzepts in der Praxis sichergestellt. Baubeginn der ersten Wohnblöcke war 2025.
Tiere ziehen in eine 50er-Jahre-Siedlung
Wie AAD im Bestand funktioniert, untersuchte zwischen 2020 und 2022 erstmals ein Forschungs- und Planungsteam in einer Wohnsiedlung aus den 1950er Jahren im Münchner Stadtteil Laim. Dort entstand im Zuge einer Nachverdichtung Lebensraum nach dem AAD-Ansatz für Braunbrustigel, Haussperling, Grünspecht und Zwergfledermaus. Sie alle bleiben das ganze Jahr über und brauchen in der kalten Jahreszeit ein winterfestes Quartier. Ausgewählte Pflanzen, Hecken und Sträucher sowie Gründächer sorgen ganzjährig für ein reichhaltiges Nahrungsangebot. Staubbäder für Spatzen und Durchlässe für Igel machen das Wohnquartier für diese Spezies attraktiv. „Oft sind nur wenige, sparsame Eingriffe nötig, die aber für die Tiere das Überleben in der Stadt sichern“, betont Weisser.
Im Verlauf des Monitorings stellte sich heraus, dass die Grünanlagen anders gepflegt werden müssen als in herkömmlichen Wohnanlagen. Wann und wie oft gemäht wird, hängt beim AAD-Ansatz von den Futter-Bedürfnissen der Tiere ab. Gärtner und Gärtnerinnen haben damit wenig Erfahrung. Sie benötigen spezielle Grünpflegepläne. Und auch den Bewohnenden der Siedlung ist nicht geläufig, dass etwa Brennnesseln an bestimmten Stellen mit Absicht stehen gelassen werden, weil sie Nahrung für die schlüpfenden Raupen der Schmetterlingsarten Admiral und Tagpfauenauge sind. Information spielt also eine tragende Rolle für die Akzeptanz.
Die Grenzen des Zielarten-Ansatzes
Die Projekte zeigen: Animal-Aided Design verändert den Blick auf Architektur grundlegend. Gebäude und Freiräume werden nicht länger ausschließlich für Menschen entworfen. Doch das Konzept hat Grenzen. Es konzentriert sich auf ausgewählte Zielarten innerhalb einzelner Projekte. Immer häufiger stellt sich aber eine weitergehende Frage: Wie lässt sich ein Gebäude oder ein Stadtquartier so planen, dass ganze Lebensgemeinschaften davon profitieren? Aus dieser Überlegung heraus entwickelt sich international die Idee einer Multispecies Architecture. Sie versteht Gebäude nicht nur als Bauwerke, sondern als Bestandteile urbaner Ökosysteme.
Die Gebäudehülle als Lebensraum
Einen solchen Ansatz verfolgt das EU-Horizon-Projekt ECOLOPES. Der Fokus liegt auf der Gebäudehülle. Außenflächen sollen sich in ökologische Übergangsräume – sogenannte Ecolopes – verwandeln. Eine Fassade könnte künftig Nahrung für Wildbienen bieten, Nischen für Mauersegler enthalten und gleichzeitig Regenwasser speichern. Auch der Mensch profitiert davon. „Eine einfache Gebäudehülle schirmt die Leute von der Außenwelt ab, während Ecolopes ihnen den Kontakt zur Natur ermöglichen“, sagt Projektkoordinator Weisser.
Das Forschungsprojekt ECOLOPES liefert erstmals eine wissenschaftlich fundierte, digitale Planungsmethode, mit der solche Gebäude standortspezifisch entworfen werden können. Mithilfe digitaler Modelle und ökologischer Daten können Architektinnen und Architekten bereits während des Entwurfs prüfen, welche Lebensräume eine Fassade oder ein Dach bieten kann. Aus der Vision einer multispezifischen Stadt wird so eine planbare Entwurfsaufgabe.
Noch wurden keine Ecolopes-Projekte umgesetzt. Doch der Ansatz markiert einen Perspektivwechsel. Gebäude werden künftig nicht länger nur nach Energieverbrauch, Materialeinsatz oder Wohnfläche bewertet. Zunehmend stellt sich auch die Frage, welchen Beitrag sie für die biologische Vielfalt leisten können. Vielleicht wird der Wanderfalke auf dem Schornstein künftig kein Zufallsgast mehr sein. Sondern ein Bewohner, für den von Anfang an mitgeplant wurde.
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