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Architektur für Mensch und Tier

Biodiversität beginnt nicht mit dem Insektenhotel. Animal-Aided Design und Multispecies Architecture integrieren die Bedürfnisse von Tieren von Anfang an in den Entwurf – und eröffnen neue Perspektiven für Architektur und Stadtplanung.

Gabriela Beck
20.08.2026 7min
Begrünte Fassade: Begrünte Gebäudefassade mit runden Fenstern und einer Person hinter einem Fenster.
Die Gebäudehülle von Rotterdam ROCKS! ist nicht als glatte Gebäudehülle gedacht, sondern als dreidimensionale Landschaft. Sie ist mit Vertiefungen und Nischen versehen, die Raum für Erde, Wasser, Pflanzen und Tiere bieten. Diese Struktur vergrößert die Oberfläche und schafft unterschiedliche Mikroklimate.
© MVRDV

Wohnraum in der Stadt ist attraktiv. Der Wanderfalke brütet auf Schornsteinen und Kühltürmen, der Buntspecht residiert in einem morschen Baum auf dem Friedhof. Der Mauersegler hat sich einen Altbau mit Dachüberstand und bröckelnder Fassade als Refugium ausgesucht. Die Zwergfledermaus ist seine Nachbarin. Eichhörnchen bauen ihre Nester in den Baumkronen der Stadtparks. Der Dachs hat seinen Bau im Bahndamm und der Steinmarder quartiert sich auf dem Dachboden ein.

Viele Wildtiere leben gerne in der Stadt. Das wärmere Mikroklima lockt und die Nahrungssuche ist einfach und bequem. Aber auch die vielfältig strukturierten urbanen Lebensräume bieten allerlei Unterschlupfmöglichkeiten. Sie sind oft sicherer als in freier Wildbahn. Gärten und Teiche, Mauern und Parks, Bäume und Bäche, Dachstühle und Industriebrachen – so viel Abwechslung auf so kleinem Raum gibt es außerhalb von Ballungsgebieten kaum.

Allerdings befindet sich die Stadt durch Verdichtung, Flächenversiegelung und Modernisierung massiv im Umbruch. Brachen und Baulücken verschwinden. Häuser bieten nach einer energetischen Sanierung oder als Neubau mit fugenlosen Putz- oder Glasfassaden keine „Mitwohngelegenheiten“ mehr.

Die Stadtplanung hat die Tiere vergessen

Bislang wurden Städte ausschließlich aus menschlicher Perspektive geplant. Gebäude sollten Wohnraum schaffen, Straßen Verkehr aufnehmen, Grünflächen Erholung bieten. Wildtiere galten entweder als Problem oder als geschützte Art. Unter dem Paradigma der Biodiversität entsteht ein neuer Planungsansatz: Animal-Aided Design und Multispecies Architecture behandeln Wildtiere als gleichberechtigte Nutzende des urbanen Raums. 

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Überfülltes Flussufer im Sonnenuntergang mit einer Uferpromenade aus Holzplanken, im Hintergrund steht ein futuristisches, grün bewachsenes Gebäude aus ovalen, felsartigen Formen.
Ein Felsen am Wasser – und zugleich ein Lebensraum für viele Arten: Mit „Rotterdam ROCKS!“ entwirft MVRDV ein Gebäude, dessen zerklüftete Fassade, begrünte Terrassen und Mikrohabitate Teil eines urbanen Ökosystems werden.
© MVRDV

Mehr als Blühstreifen und Insektenhotels

Wobei es mit dem Anlegen von Blühstreifen, Dachbegrünung und Insektenhotels nicht getan ist. Artenvielfalt entsteht nicht automatisch. „Die vorhandenen Ressourcen müssen den gesamten Lebenszyklus einer Art abdecken“, sagt Thomas E. Hauck, Professor für Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung an der TU Wien. Das Problem: Eine Stadt ist ein räumliches Mosaik oft kleinster unzusammenhängender Flächen. So gibt es vielleicht einen Nistplatz, Futtermangel rund ums Zuhause kann aber trotzdem auftreten.

Als Beispiel nennt Hauck den Haussperling, vulgo Spatz, der als Höhlenbrüter unter Dachziegeln, hinter Fassadenverkleidungen oder in Rollladenkästen nistet. „Ein Spatz pickt zwar gerne die Krümel vom Kaffeehaustisch, seine Jungen füttert er aber lieber mit weichen Maden oder Würmern. Wenn wir für den Spatz planen, müssen wir die also mitdenken.“ 

Gemeinsam mit Wolfgang W. Weisser, Inhaber des Lehrstuhls für Terrestrische Ökologie an der TU München, hat er eine Planungsmethode mit konkreten Arbeitsschritten, Werkzeugen und Entscheidungsprozessen entwickelt: Animal-Aided Design, kurz AAD oder zu Deutsch „Entwerfen für Tiere“. Sie zielt darauf ab, Bedürfnisse von stadtbewohnenden Wildtieren bereits in der Entwurfsphase zu berücksichtigen. Das Konzept konzentriert sich innerhalb eines Projekts auf einzelne Zielarten, die vorab ausgewählt werden. Anschließend analysieren Planende deren gesamten Lebenszyklus – von Nahrung und Nistplätzen über Wasser bis zu Rückzugsorten und Wanderkorridoren. Diese Anforderungen fließen direkt in die Gestaltung von Gebäuden und Freiräumen ein. 

Attraktive Spezies haben bessere Chancen

Für die Auswahl der Arten ist nicht ihre Gefährdung das vorrangige Kriterium. AAD konzentriert sich auf diejenigen Wildtiere, die schon vor Ort sind oder diesen aus dem Umfeld erreichen können. Zudem sind sie unmittelbar von der Veränderung ihres Lebensraums durch die jeweilige Baumaßnahme betroffen, weshalb ihre Bedürfnisse bei der Planung entsprechend berücksichtigt werden müssten. So bleiben pro Projekt von mehreren Hundert Arten in der Regel rund 20 bis 30 übrig. Sie werden dem jeweiligen Bauherrn oder Bauträger und falls möglich auch den zukünftigen Nutzenden zur Auswahl vorgestellt. „Natürlich haben ästhetisch ansprechende Arten häufig die besseren Karten“, bemerkt Hauck. „Wir wollen aber niemandem tierische Mitbewohner aufzwingen, die die Leute nicht um sich haben wollen.“

Luftaufnahme einer Computervisualisierung des geplanten Stadtquartiers mit dicht bebauten Häuserblocks mit Solardächern, Grünflächen und angrenzendem Waldgebiet.
Zu der weiträumigen Siedlungsanlage des Schumacher Quartiers in Berlin gehört ein Landschaftspark mit Übergang zur Tegeler Stadtheide. Die Rotbeinige Körbchen-Sandbiene kann hier Nester im kahlen sandigen Boden anlegen und die Haubenlerche findet Nistmulden.
© Berlin TXL Management GmbH
Digitale Visualisierung eines modernen Wohnquartiers in Holzbauweise mit einem begrünten Parkbereich, Sandspielplatz, Bäumen und Fußgängern im Vordergrund.
Im rund 4 ha großen zentralen Quartierspark könnte u. a. ein „Eichhörnchenwald“ angelegt werden: Ein Tau verbindet in 10 m Höhe die Baumkronen, damit die Tiere die Straße überqueren können und in angrenzende Habitate gelangen.
© Berlin TXL Management GmbH
Belebter, moderner Quartiersplatz mit begrünten Gebäudefassaden, flanierenden Menschen, Lastenrädern und einem „Mobility Hub“-Gebäude im Hintergrund.
Mobility Hubs sammeln die Fahrzeuge in dem weitgehend autofreien Schumacher Quartier. Hier könnten Brutfassaden entwickelt werden mit Hohlräumen für Mauersegler und Nistkästen für Stare – zum Beispiel als reliefartige Skulptur.
© Berlin TXL Management GmbH

Ein Modellquartier für Berlin-Tegel

Ein schönes Beispiel aktueller Planung mit AAD ist das Schumacher Quartier in Berlin auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tegel. Dort entstehen nicht nur Wohnungen für 10.000 Menschen. Geplant wird auch für Fledermäuse, Lerchen, Sperlinge und Wildbienen. 14 Zielarten sollen im Sinne der Biodiversität weitere Spezies dazu bringen, sich im Quartier anzusiedeln. „Die Flugbahn einer Fledermaus zu beobachten oder abends den Gesang einer Nachtigall zu hören – solche Erlebnisse vermitteln ein ganz besonderes Gefühl von Lebensqualität mitten in der Stadt“, sagt Dirk Christiansen von bgmr Landschaftsarchitekten. Das Büro hat zusammen mit Haucks und Weissers Studio Animal-Aided Design das zugrunde liegende Konzept erarbeitet.

Das Projekt ist das erste große Neubauquartier in Deutschland, in dem Animal-Aided Design konsequent als Planungsprinzip angewendet wird. „Wir haben einen Leitfaden zusammengestellt, an den sich die Planenden der einzelnen Baufelder orientieren können und der zugleich als Bewertungskriterium der Qualifizierungsverfahren genutzt werden kann“, erklärt Christiansen. Damit wird die Umsetzung des Konzepts in der Praxis sichergestellt. Baubeginn der ersten Wohnblöcke war 2025. 

Infografik zu einem Wohngebäude mit Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität, wie Nistkästen, Bepflanzungen und Lebensräumen für Tiere.
Der Hochbau in München-Laim schafft Nistplätze für den Haussperling sowie Tages- und Winterquartiere für die Zwergfledermaus und den Igel. Alle anderen Bedürfnisse der Zielarten wurden im Freiraum erfüllt.
© Sophie Jahnke, Animal-Aided Design
Gebäudefassade mit integrierten Einfluglöchern für Vögel.
Die Fassaden der Wohnbebauung in München-Laim wurden mit Niststeinen mit verschiedener Geometrie der Einfluglöcher und Hohlräume versehen. Sie sind das neue Zuhause von Sperlingen (links), Mauerseglern (Mitte) und Fledermäusen (rechts).
© Thomas E. Hauck
Holzkasten mit Öffnung als Unterschlupf für Tiere vor einer Gebäudefassade.
In die mardersichere Igelschublade können sich die Tiere zurückziehen und in Ruhe ihren Winterschlaf halten. Die Konstruktion ist im Normalfall geschlossen, die Igel schlüpfen durch die kleine Öffnung. Sie können ihr Refugium nicht selbst öffnen.
© Thomas E. Hauck
Zwei hölzerne Nistkästen stehen zwischen dichtem Grün.
Für den Grünspecht hat Studio Animal-Aided Design eine „Spechtlaterne“ entwickelt: ein Nistkasten aus verschiedenen Holzarten mit unterschiedlich tiefen Bohrungen. Mit dem experimentellen Baumersatz will das Team testen, unter welchen Bedingungen die Tiere künstliche Bruthöhlen nutzen.
© Thomas E. Hauck

Tiere ziehen in eine 50er-Jahre-Siedlung

Wie AAD im Bestand funktioniert, untersuchte zwischen 2020 und 2022 erstmals ein Forschungs- und Planungsteam in einer Wohnsiedlung aus den 1950er Jahren im Münchner Stadtteil Laim. Dort entstand im Zuge einer Nachverdichtung Lebensraum nach dem AAD-Ansatz für Braunbrustigel, Haussperling, Grünspecht und Zwergfledermaus. Sie alle bleiben das ganze Jahr über und brauchen in der kalten Jahreszeit ein winterfestes Quartier. Ausgewählte Pflanzen, Hecken und Sträucher sowie Gründächer sorgen ganzjährig für ein reichhaltiges Nahrungsangebot. Staubbäder für Spatzen und Durchlässe für Igel machen das Wohnquartier für diese Spezies attraktiv. „Oft sind nur wenige, sparsame Eingriffe nötig, die aber für die Tiere das Überleben in der Stadt sichern“, betont Weisser.

Im Verlauf des Monitorings stellte sich heraus, dass die Grünanlagen anders gepflegt werden müssen als in herkömmlichen Wohnanlagen. Wann und wie oft gemäht wird, hängt beim AAD-Ansatz von den Futter-Bedürfnissen der Tiere ab. Gärtner und Gärtnerinnen haben damit wenig Erfahrung. Sie benötigen spezielle Grünpflegepläne. Und auch den Bewohnenden der Siedlung ist nicht geläufig, dass etwa Brennnesseln an bestimmten Stellen mit Absicht stehen gelassen werden, weil sie Nahrung für die schlüpfenden Raupen der Schmetterlingsarten Admiral und Tagpfauenauge sind. Information spielt also eine tragende Rolle für die Akzeptanz.

Die Grenzen des Zielarten-Ansatzes

Die Projekte zeigen: Animal-Aided Design verändert den Blick auf Architektur grundlegend. Gebäude und Freiräume werden nicht länger ausschließlich für Menschen entworfen. Doch das Konzept hat Grenzen. Es konzentriert sich auf ausgewählte Zielarten innerhalb einzelner Projekte. Immer häufiger stellt sich aber eine weitergehende Frage: Wie lässt sich ein Gebäude oder ein Stadtquartier so planen, dass ganze Lebensgemeinschaften davon profitieren? Aus dieser Überlegung heraus entwickelt sich international die Idee einer Multispecies Architecture. Sie versteht Gebäude nicht nur als Bauwerke, sondern als Bestandteile urbaner Ökosysteme.

Nistfassade Neuperlach: Gebäudefassade mit dreidimensionalen, wabenartigen Nistmodulen.
In Partnerschaft mit den EU-geförderten Projekten ECOLOPES und NEBourhoods wurde im Münchner Stadtteil Neuperlach eine Nistfassade als Testinstallation für die klimatische Gebäudesanierung errichtet. In die keramischen Elemente sollen Spatz, Hausrotschwänze und Igel einziehen.
© Julia Larikova/TU München
Detailansicht der dreidimensionalen Nistmodule an einer Gebäudefassade.
Die Geometrien der Nistfassade aus dem 3D-Drucker sind digital für die Selbstverschattung der Gebäudehülle optimiert, was im Sommer zu einer Verringerung der Oberflächentemperatur der Fassade beiträgt.
© Julia Larikova/TU München
Roboterarm fertigt ein Bauteil im 3D-Druckverfahren.
Die digital optimierten Fassadenelemente werden mithilfe additiver Fertigungstechnologie mit Tonmaterial produziert. Diese Technologie ermöglicht es, Ressourcen zu sparen, den manuellen Aufwand bei der Produktion zu minimieren und jedes Element individuell herzustellen.
© Julia Larikova/TU München

Die Gebäudehülle als Lebensraum 

Einen solchen Ansatz verfolgt das EU-Horizon-Projekt ECOLOPES. Der Fokus liegt auf der Gebäudehülle. Außenflächen sollen sich in ökologische Übergangsräume – sogenannte Ecolopes – verwandeln. Eine Fassade könnte künftig Nahrung für Wildbienen bieten, Nischen für Mauersegler enthalten und gleichzeitig Regenwasser speichern. Auch der Mensch profitiert davon. „Eine einfache Gebäudehülle schirmt die Leute von der Außenwelt ab, während Ecolopes ihnen den Kontakt zur Natur ermöglichen“, sagt Projektkoordinator Weisser.

Das Forschungsprojekt ECOLOPES liefert erstmals eine wissenschaftlich fundierte, digitale Planungsmethode, mit der solche Gebäude standortspezifisch entworfen werden können. Mithilfe digitaler Modelle und ökologischer Daten können Architektinnen und Architekten bereits während des Entwurfs prüfen, welche Lebensräume eine Fassade oder ein Dach bieten kann. Aus der Vision einer multispezifischen Stadt wird so eine planbare Entwurfsaufgabe. 

Noch wurden keine Ecolopes-Projekte umgesetzt. Doch der Ansatz markiert einen Perspektivwechsel. Gebäude werden künftig nicht länger nur nach Energieverbrauch, Materialeinsatz oder Wohnfläche bewertet. Zunehmend stellt sich auch die Frage, welchen Beitrag sie für die biologische Vielfalt leisten können. Vielleicht wird der Wanderfalke auf dem Schornstein künftig kein Zufallsgast mehr sein. Sondern ein Bewohner, für den von Anfang an mitgeplant wurde. 

Gabriela Beck

Architektin und freie Fachjournalistin

Gabriela Beck ist ausgebildete Architektin und freie Fachjournalistin für nachhaltigen Städtebau und Bautechnik. Sie interessiert sich für Zukunftstrends im Bauwesen wie neue Materialien, Robotic Building, Urban Mining oder Baubionik. 

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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