Vorfahrt für die Mobilitätswende
Nachwuchs-Kolumne: Von Städten, die das erfolgreich umsetzen, was andere sich (immer noch) nicht trauen.
Vor einigen Wochen war ich zu Besuch in Lyon. Die Stadt ist mir aus meinem Auslandsjahr 2021/2022 während des Studiums gut bekannt. Schon damals war ich vom dortigen Ausbau des innerstädtischen Radwegenetzes schwer beeindruckt. Beim alltäglichen Radeln durch die Stadt wurde ich das Gefühl nicht los, dass Lyon im Hinblick auf die Förderung nachhaltiger Mobilitätsformen und die dafür notwendige räumliche Transformation den meisten deutschen Großstädten weit voraus war. Klar im Fokus: die Priorisierung sanfter (nicht-motorisierter) Fortbewegungsarten und des öffentlichen Personennahverkehrs.
Damit einher geht eine Neuordnung des bisherigen Straßenraums. Flächen für den motorisierten Individualverkehr werden zusehends kleiner und kommen großzügigen Rad- und Fußwegen, Busspuren oder neuen Tramlinien zugute. Wo auch immer möglich, werden Flächen entsiegelt und es entstehen neue innerstädtische Grünflächen. Von 2019 bis 2024 ist in Lyon die Anzahl der Fahrräder und Roller um 58 % gestiegen, während der Straßenverkehr um 12 %, im Stadtzentrum sogar um 22 % zurückgegangen ist.
Bei meinem diesjährigen Besuch kam ich aus dem Staunen über den dortigen Fortschritt der Mobilitätswende kaum mehr heraus. Es wundert mich nicht, dass die Stadt von einigen gar als „Hidden Champion der französischen Verkehrswende“ beschrieben wird.
Lyon nimmt im „Copenhagenize Index 2025“, dem Ranking der 30 fahrradfreundlichsten Städte der Welt, mittlerweile Platz 14 ein. An vorderster Spitze: Utrecht, gefolgt von Kopenhagen, Gent, Amsterdam und Paris. Wie diese Städte die Mobilitätswende geschafft haben und was sie zum Vorbild für andere macht, zeigt der inspirierende Film „Cycling Cities“ des Journalisten und Filmemachers Ingwar Perowanowitsch. Doch auch deutsche Städte mischen mit im Ranking der Top 30: Münster (7), Bonn (11) und München (17) gelten ebenfalls als Vorzeigebeispiele besonders fahrradfreundlicher Städte.
Weniger Unfälle, weniger Lärm, gesündere Luft
Neben dem Ausbau des Radwegenetzes bringen vielerorts zahlreiche weitere Maßnahmen die Mobilitätswende voran und schaffen attraktive sowie nachweislich sicherere und gesündere öffentliche Räume. In Lyon gilt seit 2022 im innerstädtischen Bereich weitestgehend Tempo 30 – wie zum Beispiel auch in Paris, Grenoble, Lille oder Amsterdam. Die Zahl der Unfälle konnte in Lyon seitdem um gut ein Drittel gesenkt werden.
Eine Senkung der Geschwindigkeit von 50 km/h auf 30 km/h kann die Lärmbelästigung um rund 3 dB verringern. Was nach wenig klingt, entspricht akustisch einer Halbierung der Verkehrsmenge. Könnte das ein oder andere Schallschutzfenster somit zukünftig obsolet werden, wenn wir draußen einfach nur langsamer fahren würden? In der Debatte um wirksame Maßnahmen zur Baukostenreduzierung wird darüber in meinen Augen zu wenig gesprochen.
Und als wäre das nicht schon genug, kann ein innerstädtisches Tempolimit die Luftschadstoffbelastung spürbar senken. So war auch in Berlin im Rahmen des Luftreinhalte- und Lärmaktionsplans vor einigen Jahren an zahlreichen Hauptverkehrsstraßen tagsüber Tempo 30 angeordnet worden. Doch nahm der Berliner Senat die deutliche Verbesserung der Luftqualität im Sommer 2025 zum Anlass, das Tempolimit wieder zurückzunehmen. „Da das Ziel reinerer Luft an etlichen Straßen nun erreicht sei, könne das Tempolimit nicht mehr damit begründet werden“, so die Argumentation der dortigen Verkehrssenatorin. Die dahinterstehende Logik mag sich mir bis heute nicht erschließen.
Mobilitätswende ist mehrheitsfähig
Dass sich mit mutigen Maßnahmen pro Mobilitätswende auch Wahlen gewinnen lassen, ist längst noch nicht parteiübergreifend verstanden worden. Während beispielsweise die Idee autofreier Innenstädte laut dena-Mobilitätsumfrage von 62 % der Befragten grundsätzlich befürwortet wird, könnte so manches Wahlprogramm kaum weniger Worte dazu verlieren. Da hilft es nur, daran zu erinnern, dass auch die Ergebnisse des Bürgerrats Klima im Handlungsfeld Mobilität eindeutig sind: Die Bevölkerung ist bereit. Wo bleibt der politische Mut?
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