Material als Kapital
Material Recovery Right: Warum kreislauffähiges Bauen weniger an Technik als an fehlenden Anreizen scheitert.
Auch wenn es technisch möglich ist, Gebäude für Rückbau und Wiederverwendung zu planen, wird dies unter den heutigen Marktbedingungen kaum belohnt.
Mari Hermanns
Kreislauffähiges Bauen scheitert im Bauwesen selten an technischen Möglichkeiten – sondern an fehlenden wirtschaftlichen Anreizen. Das Forschungsprojekt Material Recovery Right (MRR) zeigt, wie Baustoffe als eigenständige Werte gedacht und finanziell nutzbar gemacht werden können.
Material als ruhender Wert
Die gebaute Umwelt ist einer der größten Ressourcenverbraucher unserer Zeit. Gebäude binden enorme Mengen an Rohstoffen, Energie und grauer Emission – und dennoch werden ihre Materialien am Ende der Nutzungsdauer meist als Abfall behandelt. Dabei wäre ein Großteil technisch rückbaubar, sortierbar und wiederverwendbar. Warum passiert das kaum?
Weil Baustoffe im heutigen System keinen eigenständigen ökonomischen Status besitzen. Sie gehen mit der Errichtung eines Gebäudes im Anlagevermögen auf – und verlieren bilanziell über die Jahre ihren Wert, bis sie schließlich abgeschrieben sind. Ihre potenzielle Wiederverwendung bleibt unsichtbar.
Genau an diesem Punkt setzt das Forschungsprojekt Material Recovery Right (MRR) an. Am Lehrstuhl für Controlling der RWTH Aachen wurde untersucht, welches Geschäftsmodell Anreize schaffen kann, um Materialzirkularität im Bauwesen tatsächlich umzusetzen – für alle beteiligten Akteure.
Baustoffe gelten wirtschaftlich als versunkene Kosten – nicht als zukünftiger Wert. MRR hinterfragt genau diese Logik und schlägt einen Perspektivwechsel vor: Materialien werden nicht länger als Verbrauchsgüter verstanden, sondern als Vermögenswerte mit eigener Lebensdauer und eigenem ökonomischem Potenzial.
Kreislauf braucht Institutionen – nicht nur Details
Ein zentrales Ergebnis der Forschung: Kreislauffähiges Bauen lässt sich nicht allein über bessere Materialien oder ausgefeilte Konstruktionen etablieren. Entscheidend sind institutionelle und finanzielle Innovationen.
Der MRR-Ansatz trennt erstmals Eigentum und Nutzung von Baumaterialien rechtlich voneinander. Baustoffe bleiben damit als eigenständige Vermögenswerte sichtbar, handelbar und bewertbar – unabhängig vom Gebäude, in dem sie verbaut sind. Diese Entkopplung eröffnet neue Möglichkeiten der Finanzierung und Bewertung, etwa durch Investoren, die gezielt in die spätere Rückgewinnung von Materialien einsteigen.
Damit verschiebt sich der Blick auf Kreislauffähigkeit grundlegend: Weg von einer kostengetriebenen Pflicht hin zu einer wertorientierten Perspektive, in der Materialien bereits in der Planungsphase als zukünftige Ressource mitgedacht werden.
Zirkularität im Bauwesen ist kein technisches Problem – sondern ein fehlendes Geschäftsmodell.
Mari Hermanns
Praxischeck: MRR im Projekt Moringa
Dass der Ansatz nicht nur theoretisch funktioniert, zeigt seine Anwendung im Projekt Moringa. Dort wurde das MRR-Modell exemplarisch auf ein Fassadensystem übertragen – mit realen Kosten, realistischen Marktannahmen und konkreten Risiken.
Die Analyse zeigte: Unter günstigen Bedingungen ist das Modell operativ umsetzbar und lässt sich in bestehende Entwicklungsprozesse integrieren. Gleichzeitig wurde deutlich, wie stark der wirtschaftliche Erfolg von Faktoren wie Rückbaukosten, Logistik, Marktpreisen für Sekundärmaterialien und dem zeitlichen Horizont abhängt.
Auch die Rolle der Hersteller erwies sich als ambivalent. Rücknahmebereitschaft bestand meist nur für eigene Produkte; systemische, materialübergreifende Lösungen blieben die Ausnahme.
Architektinnen und Architekten gestalten Systeme, die Materialien überhaupt erst wiedergewinnbar machen.
Vanja Schneider
Planungstiefe als Werttreiber
Für Architekt:innen ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Planung entscheidet über zukünftigen Materialwert. Je präziser Materialien dokumentiert, getrennt, reversibel verbunden und rückbaubar geplant werden, desto höher bleibt ihre Qualität – und damit ihr ökonomisches Potenzial. Unklare Spezifikationen oder irreversible Konstruktionen führen hingegen dazu, dass Materialien am Ende der Nutzungsdauer faktisch zu Abfall werden.
Aus Sicht der Projektentwicklung liegt der Hebel dabei weniger im radikalen Umbruch als in der konsequenten Weiterentwicklung bestehender Prozesse – mit klarer Materiallogik, sauberer Dokumentation und langfristigem Denken.
Reicht der Markt – oder braucht es Regeln?
Bleibt die Frage, ob sich ein Modell wie Material Recovery Right langfristig ohne regulatorische Unterstützung durchsetzen kann. Für einzelne Pilotprojekte oder Nischenmärkte mag das funktionieren. Für eine breite Anwendung jedoch braucht es Standards – etwa bei Dokumentation, Eigentumsrechten und rechtlichen Rahmenbedingungen.
MRR schafft wirtschaftliche Anreize, indem es Materialien als Kapital sichtbar macht. Flächendeckend wirksam werden diese Anreize jedoch erst dann, wenn rechtliche und institutionelle Strukturen nachziehen. Für die Planungspraxis bedeutet das: Kreislauffähiges Bauen bewegt sich derzeit noch im Spannungsfeld zwischen Pionierarbeit und begrenzter Marktreife. Modelle wie MRR liefern jedoch ein entscheidendes Argument für den Diskurs: Zirkularität ist keine technische Vision, sondern eine wirtschaftlich denkbare Realität – wenn Materialien konsequent als Kapital behandelt werden.
Aus Sicht von Vanja Schneider verschiebt sich damit die zentrale Frage der Projektentwicklung grundlegend. Er bringt es auf den Punkt: „Die Frage sollte nicht sein, was es uns kostet, kreislauffähig zu bauen – sondern was es uns kostet, wenn wir es nicht tun.“
Kurzfassung Forschungsbericht MRR – Material Recovery Right: Ein marktbasierter Anreizmechanismus für zirkuläres Bauen im Immobiliensektor