DABonline | Deutsches Architektenblatt
Menü schließen

Rubriken

Services

Menü schließen

Rubriken

Services

Zurück
[ Nachwuchs-Kolumne #126 ]

Stehen Unisex-Toiletten vor dem Durchbruch?

Wir lassen uns beim Gang auf die Toilette in männlich, weiblich und Rollstuhl fahrend einteilen. Es wird Zeit, diese überholten Standards zu hinterfragen. Die Geschlechtertrennung – zumindest bei laufenden Menschen – ist bislang in Richtlinien zementiert. Doch da könnte sich bald einiges ändern

Grundriss einer herkömmlichen Toiletten-Anlage
Frauen, Männer, Rollstuhl: In den Standardwerken für Architekt:innen sind Unisex-Toiletten noch nicht angekommen.

Von Fabian P. Dahinten

Im meiner ersten Kolumne über Unisex-Toiletten habe ich mich dem Irrsinn der aktuellen Standards gewidmet, die Vorteile neuer Konzepte vorgestellt und herausgearbeitet, was dabei im Grundriss beachtet werden sollte. Hier gehe ich nun der Frage nach, warum nicht schon mehr Unisex- Toiletten geplant und gebaut werden.

Das Bundesverfassungsgericht hat eine Tür geöffnet

Im Oktober 2017 hat das Bundesverfassungsgericht klargestellt, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. Damit wurden die Grundrechte von Menschen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen, gestärkt. Diese Rechtsprechung eröffnet vier Möglichkeiten für den Umgang mit dem Personenstandsregister: „männlich“, „weiblich“, „divers“ oder ganz ohne Eintrag.

Diese Entscheidung wäre ein guter Anlass gewesen, die bislang nicht hinterfragten binären Toilettenstandards zu reformieren. Doch wir haben 2022 und selbst ich plane (unter innerem Protest) im Büro geschlechtsgetrennte WC-Anlagen. Der Grund liegt unter anderem in der Arbeitsstättenrichtlinie (ASR) und in der VDI-Richtlinie 6000, an denen sich Arbeitgeber:innen orientieren und gerade in großen Unternehmen schwertun, von diesen abzuweichen.

Der Boulevard entdeckt das Thema „Frauenklos“

Selbst in der aktuellen Ausgabe des Neufert findet sich (auf Seite 495, Abs. 1): „Bei mehr als 5 Beschäftigten müssen für Frauen und Männer getrennte Toiletten vorhanden sein.“ Dort gibt es keinerlei Vorschlag, wie eine Unisex-Toilette aussehen könnte.

„Frauenklos vor dem Aus?“ So betitelte die Bild-Zeitung am 25. September einen Artikel, bei dem es eigentlich nur darum ging, dass der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) seine Richtlinie 6000 zu Toilettenräumen überarbeitet hat und dabei die Unisex-Toiletten berücksichtigt. „Wenn ein Bauherr geschlechterunspezifische Toiletten möchte, beschreibt die Richtlinie, wie man sie richtig baut, sodass ein gebrauchstaugliches Ergebnis entsteht“, so der VDI auf meine Anfrage. Aus meiner Sicht ist dies genau der richtige Schritt: Wahlfreiheit herstellen. Nicht nur für die Nutzer:innen der Toiletten, sondern auch für die Auftraggeber:innen.

Arbeitsstättenrichtlinie hinkt bei Unisex-Toiletten hinterher

Während die VDI-Richtlinie als Orientierung für viele Planende dient, ist die ASR eine deutlich verbindlichere Vorgabe. Sie wird von vielen mit der Stoßrichtung zitiert, warum Unisex Toiletten nicht möglich sind. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) habe ich gefragt, aus welchem Grund die Richtlinie nur zwei Geschlechter kennt und die Option für Unisex-Toiletten nicht berücksichtigt.

Hier ein Auszug aus der Stellungnahme der BAuA: „Ist eine zeitlich getrennte Nutzung möglich, so müssen für Frauen und Männer nicht zwingend separate Toilettenräume eingerichtet werden. Dies ist bisher insbesondere für kleinere Betriebe relevant … und kommt der Frage nach geschlechterneutralen Toiletten entgegen. Das Geschlecht ‚Divers‘ kann in diesem Fall den Toilettenraum diskret nutzen. In größeren Betrieben könnten zu den separaten Toilettenräumen für Frauen und Männer zusätzliche Toilettenräume mit nur einer Toilette eingerichtet werden, …“

Eine Frage der Größe

In kleinen Betrieben bis zu fünf Personen können alle Menschen eine Toilettenanlage nutzen. In größeren Unternehmen müssen Arbeitgeber:innen eine zusätzliche Anlage ohne Geschlechtszuordnung bauen. Das ist teuer und beendet auch nicht die Diskriminierung, da dann auch offensichtlich wird, wer wo reingeht.

Fünf Jahre nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes wird nun auch mit der Überarbeitung der ASR begonnen, wie mir die BAuA mitteilt: „Gemäß Aufgabenstellung der Projektskizze ist eine „Prüfung und ggf. Anpassung von Regelungen bzgl. Einrichtung und Benutzung von Sanitärräumen vor dem Hintergrund des dritten Geschlechts (divers) vorzunehmen. In ihren Sitzungen hat die Projektgruppe sich bereits zu diesem Thema verständigt, z.B. bzgl. verschiedener Lösungsmöglichkeiten für Betriebe zur Markierung der Toiletten.“

Wir brauchen ein Best-of der Unisex-Toiletten

Es geht also wirklich voran und an den entscheidenden Stellen in den Regularien werden zumindest die Optionen für Unisex-Toiletten eingearbeitet. Doch eine Frage geht mir dabei nicht aus dem Kopf: An welchen Unisex-Toiletten orientieren sich die Verfasser:innen der neuen Regularien? Es gibt weder eine „Muster-Unisex-Toilette“ noch besonders viele gute Beispiele. Vielleicht sollten die Innenarchitekt:innen und Architekt:innen ein paar Vorschläge erarbeiten, an denen sich dann neue Regelungen orientieren können.

Es könnte so einfach sein: Beispielhafte Grundrisse (aus den USA) für Unisex-Tioletten findet ihr in meiner ersten Kolumne zum Thema.


Fabian P. Dahinten studierte Architektur an der Hochschule Darmstadt, engagiert sich bei der Nachwuchsorganisation nexture+ und ist Sprecher der Nachwuchsmitglieder der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen.

Die Nachwuchs-Kolumnen des DAB schreibt ein junges Team, weitere Autor:innen sind Johanna Lentzkow, Lorenz Hahnheiser und Johanna Naara Ziebart.

1 Gedanke zu „Stehen Unisex-Toiletten vor dem Durchbruch?

  1. Danke!
    Nachdem der VDI über Wochen Shit-Storms in Sozialen Medien, einem Dauerfeuer von Mails und Briefen mit dem Tenor „Unisex-Toiletten müssen weg!“ und Artikeln wie dem zitierten in der Bild sowie orchestrierten Einsprüchen zu den Entwürfen der Richtlinie VDI 6000 ausgesetzt war, endlich eine vernünftige Darstellung.
    Das Spannende übrigens: Keine der Personen, deren Proteste beim VDI eingingen, hatte die Richtlinie selbst in Gänze gelesen. Alle glaubten einer Fake-News, der zufolge der VDI die Abschaffung der klassischen binären Toiletten fordere.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Sie wollen schon gehen?

Bleiben Sie informiert mit dem DABnewsletter und lesen Sie alle zwei Wochen das Wichtigste aus Architektur, Bautechnik und Baurecht.

Wir nutzen die von Ihnen angegebenen Daten sowie Ihre E-Mail Adresse, um Ihnen die von Ihnen ausgewählten Newsletter zuzusenden. Dies setzt Ihre Einwilligung voraus, die wir über eine Bestätigungs-E-Mail noch einmal abfragen. Sie können den Bezug des Newsletters jederzeit unter dem Abmeldelink im Newsletter kostenfrei abbestellen. Nähere Angaben zum Umgang mit Ihren personenbezogenen Daten und zu Ihren Rechten finden Sie hier.
Anzeige