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[ Fassaden ]

Faszinierend ­verwirren

Altes sieht Neu aus und Neues alt: In den Fassaden von Hild und k Architekten vermischen die Zeitschichten

Häutungen: Die nach dem Krieg verloren gegangene Pracht des Berliner Gründerzeithauses ist der neuen Putzrelieffassade in Form von „Lebenslinien“ eingeschrieben. Foto: Michael Heinrich

Text: Florian Heilmeyer

Eigentlich mag Andreas Hild die Charta von Venedig. Er mag allerdings nicht die denkmalpflegerischen Dogmen, die aus dem eher wortkargen Text von 1964 erwachsen sind. Den weit verbreiteten Ansatz, dass Altes und Neues sich so deutlich voneinander abzusetzen habe, dass noch jeder Laie es auseinander halten kann, nennt er die „Erzählung von der Fuge“. Er respektiert die verschiedenen „Erzählungen“, die in der Architektur verfolgt werden. Sein Büro Hild und k Architekten in München geht aber seit 20 Jahren einen anderen, fast exakt entgegengesetzten Weg:

„Ich empfinde es als nicht besonders interessant, ob etwas alt oder neu ist. Diese Unterscheidung ist bestimmt von der Doktrin der Denkmalpflege, es müsse stets eine so deutlich wie möglich formulierte Differenz zwischen dem Alten und dem Neuen geschaffen werden. Als Architekten würden wir uns gerne davon lösen und den Reflex der Erkennbarkeit umdrehen: Nicht der Unterschied sollte im Vordergrund stehen, sondern die Gesamtheit. Wer den Unterschied zwischen Alt und Neu sucht, der wird ihn auch bei unseren Arbeiten finden, nur dass der Unterschied versteckter liegt und erst auf den zweiten, dritten oder vielleicht sogar vierten Blick zu sehen ist. Uns bewegt nur die Frage, ob am Ende ein atmosphärisch stimmiges Konstrukt entstanden ist.“

Der vierte Blick: Belziger Straße, Berlin

Aus diesen Überlegungen heraus haben Hild und k in den letzten Jahren immer wieder Projekte geschaffen, die den Betrachter auf faszinierende Weise verwirren. Ein Flimmerspiel aus alt-neuen Elementen stellt das neue Gesamte in den Vordergrund. Die Spuren der Gebäudegeschichte werden allerdings nicht zerstört, sondern nur etwas verwischt. Der Bestand und die Architekturgeschichte werden hier gleichermaßen zu einem Material, mit dem man pragmatisch, aber durchaus humorvoll arbeiten kann. Ein noch heute interessantes Beispiel ist die Fassadensanierung, die das Büro 1999 in Berlin realisiert hat.

Zeitübergreifend: Die neue Fassade des Hauses in der Reichenbachstraße in München ist so zeitgenössisch wie gründerzeitlich. Foto: Michael Heinrich

In Schöneberg fand es zwischen reichlich mit Stuck verzierten Gründerzeitfassaden ein Haus vor, dessen Verzierungen nach dem Zweiten Weltkrieg abgeschlagen und durch einen schlichten Rauputz ersetzt worden waren. Der Bauherr besaß allerdings noch eine Zeichnung der originalen Fassade und wünschte sich eigentlich eine Rückkehr zum alten Glanz. Statt diesen zu reproduzieren, nahmen die Architekten die alte Zeichnung mit allen ihren reproduktionsbedingten Ungenauigkeiten und Unschärfen, vergrößerten sie von 1 : 100 auf 1 : 1 und übertrugen sie als Putzrelief zurück auf das Haus. Die Vergrößerung der Zeichnung verstärkte nicht nur die sowieso vorhandenen Unschärfen, sondern führte auch zu einer leichten Verformung, die jeder kennt, der schon einmal eine Zeichnung im Kopierladen vergrößert hat. Die Zeichnung passte einfach nicht mehr genau auf das nach ihr angefertigte Haus. In der Belziger Straße stellte sich aber zusätzlich noch heraus, dass das Haus gar nicht deckungsgleich nach der Zeichnung gebaut worden war: Der Erker war um eine Achse versetzt, die Balkone waren später hinzugefügt worden. Hild: „Diese Verschiebungen zwischen Zeichnung und Gebäude haben wir bewusst nicht korrigiert, sondern als konzeptbedingte Abweichungen in Kauf genommen.“ Sehr präzise arbeitete man hingegen daran, die auf der Zeichnung dargestellten Schatten in das neue, gerade einen Zentimeter tiefe Putzrelief einzulassen.

Am Ende ist eine Fassade entstanden, die den meisten Passanten auf den ersten Blick gar nicht auffällt. Auf den zweiten schmunzelt man vielleicht darüber. Aber auf den dritten oder vierten Blick entfaltet die Arbeit aber dann noch eine zusätzliche Tiefe und Kraft, die fasziniert: Zwischen den historischen Stuckfassaden hängt hier also der negative Abdruck einer solchen, wie die vage Erinnerung an das einmal Vorhandene – oder wie die polizeilichen Markierungen eines Tatorts, die ja auch einer Rekonstruktion der Ereignisse dienen. Dass die Linien dabei einfach nicht auf das Haus passen wollen, kann als wunderbar leichtfüßiger Kommentar auf die Mühsal jeder Rekonstruktion gelesen werden. Hild selbst verweist allerdings „nur“ auf die immer vorhandene Differenz zwischen der (idealen) Zeichnung des Architekten und der (störrischen, kompromisslerischen) Realität. Wie die Schatten auf dieser Fassade, die der Zeichner für die plastischste Wirkung nach rechts unten hat fallen lassen: In der Realität kann die Sonne diesen Schatten auf das nach Nordwesten gerichtete Gebäude allerdings nie werfen.

„Keine doofen Kontraste“: Im Kontext der Reichenbach-straße fällt das Gebäude dank seiner ungewöhnlichen Fassadengestaltung auf, ohne wirklich aufzufallen…

Interpretation statt Rekonstruktion: Reichenbachstraße, München

Eine ebenso absichtliche Unschärfe haben Hild und k 2011 in München auf ein Wohnhaus in der Reichenbachstraße 20 aufgebracht. Ein wuchtiges, spätklassizistisches Gebäude sollte in Eigentumswohnungen aufgeteilt werden; dafür musste auch die Fassade modernisiert werden. ­Mehrere Umbauten hatten vom Charisma der ursprünglichen Fassade nicht viel übrig gelassen. Anders als in Berlin gab es hier nicht einmal eine Zeichnung des alten ­Gebäudes. Die Architekten entschieden sich also, mit einem „typischen Gestaltungsmittel“ des Spätklassizismus zu ­spielen: dem Bossenwerk. Allerdings eben nicht im ­Sinne eines re-konstruktiven Wiederherstellens, sondern mit neuester Technik und im Sinne einer evolutionären ­Architekturentwicklung.

Anstatt also mit grob behauenen, einzeln eingesetzten Steinen zu arbeiten, spielten sie hier mit Versprüngen. In die dreiteilig gegliederte Fassade wurden in das untere und mittlere Feld unterschiedlich breite Fertigteile aus Gießstuckmörtel eingesetzt.

 

… während sich die Rückseite mit den geschwungenen Balkons eine schöne Extravaganz leistet. Fotos: Michael Heinrich

Deren gegeneinander versetzte Rundungen wurden anschließend verputzt, was für ein beschwingtes Äußeres sorgt. Diesen Eindruck verstärkt das wechselnde Tageslicht. Den Effekt verstärkt der Kontrast zu dem schweren Klassizismus des Hauses, noch vorhanden in den gewichtigen Proportionen und den breiten Fensterlaibungen. Ein verspielter Bau, dessen Fassade gründerzeitlich und zeitgenössisch zugleich wirkt. Ein Haus aber auch, das zwischen seinen Nachbarn keinesfalls besonders auffällig wirkt. Die Architektur bleibt subtil und schafft „keine doofen Kontraste“ zur Umgebung, wie es Andreas Hilds Büropartner Dionys Ottl 2010 der Süddeutschen Zeitung erklärte.

St. Anna, München: Spolien im Klostergarten

Der vollständige Neubau schließlich, den Hild und Ottl an das alte Franziskanerkloster St. Anna in München angefügt haben, folgt denselben Ideen. Allerdings wählen die Architekten erneut eine ganz andere Strategie und verwenden hier Spolien, ein in der zeitgenössischen Architektur kaum gebräuchliches Stilmittel.

Ein wichtiger Teil dieser Geschichte ist die wirtschaftliche Ausgangslage des Projektes. Die Franziskanermönche mussten sich von einem Teil ihres Klosters trennen, um aus den Erlösen die Sanierung des verbleibenden Teils zu finanzieren. Die Bayrische Hausbau wollte kaufen – allerdings nur, wenn sie einen Teil des denkmalgeschützten Ensembles durch einen Neubau mit Eigentumswohnungen ersetzen durfte. Ein denkmalgerechter Umbau des alten Refektoriums wäre selbst für den Münchener Markt wohl zu teuer geworden. Zwischen Käufer, Verkäufer und Denkmalpflege entstand ein unschlüssiges Patt. „Da fiel uns als Architekten plötzlich die Rolle zu, für all das eine Lösung zu finden“, erzählt Andreas Hild. „Der Schlüssel war tatsächlich die Wiederverwendung und Umdeutung der alten Fensterbögen.“

Nicht wirklich alt, nicht wirklich neu: Die wiederverwendeten Fenster des alten Refektoriums sind die raumprägenden Elemente des Neubaus im Klostergarten. Die Qualitäten des Alten wurden auf diese Weise tatsächlich als bereicherndes Erbe für die Gegenwart verstanden und genutzt. Foto: Michael Heinrich

Denn der Neubau, der anstelle des vollständig abgerissenen Refektoriums errichtet wurde, wirkt zum Klostergarten hin weder neu noch alt – er liegt irgendwo dazwischen. Während große Teile der Fassade eindeutig modern sind, irritieren die ebenso eindeutig neoromanischen Fensterbögen. Die Irritation bezieht sich in diesem Fall auch auf das Innere hinter der Fassade. Denn die fünf Meter hohen Fensterbögen wurden nicht an ihrer ursprünglichen Stelle im Erdgeschoss wieder eingesetzt, sondern diagonal über alle Etagen verteilt. Das bringt den luxuriösen Eigentumswohnungen plötzlich fünf Meter hohe Räume, die über Split-Level und Galerie-Geschosse innen ausgeglichen werden – die aber trotzdem hier und da für wirklich eigenwillige Innenräume sorgen.

Andreas Hild findet das positiv: „Die Bögen sind in­sofern eher ein Katalysator als ein Ornament. Ohne ihre Verwendung hätten wir so hohe Räume niemals durchsetzen können. Das Wiederverwenden des Vorhandenen hat auf verschiedenen Ebenen zu einem Mehr geführt.“ ­Tatsächlich tritt hier das Gesamtbild in den Vordergrund. Außen als gelungenes Vexierspiel zwischen Alt und Neu, insbesondere auch im Zusammenhang mit der direkt ­anschließenden historischen Klosteranlage. Innen als konsequente Fortsetzung der selbst gestellten Herausforderung, die vielleicht nicht an jeder Stelle gelungen ist, aber der Architektur jedenfalls eine charmant-rätselhafte Schrulle verpasst hat.

Langzeitbelichtung

Die drei Beispiele aus einem Zeitraum von 13 Jahren zeigen, unter welch unterschiedlichen Voraussetzungen und mit welch unterschiedlichen Strategien Hild und k ihr Interesse am Verwischen verfolgt haben. Das haben sie selbst einmal wunderbar treffend „Architektur als Langzeitbelichtung“ genannt: „Wie bei einer fotografischen Langzeitaufnahme verwischen die Grenzen der Zeitebenen, und daraus entsteht ein neues Ganzes.“ Im Gegensatz zur Eingangs erwähnten „Erzählung von der Fuge“ nennt Andreas Hild das die „Erzählung vom Weiterschreiben“: „Das Weiterschreiben verzichtet vollständig auf die unmittelbare Erkennbarkeit der Zeitschichten. Es setzt auf ­eine Art Überblendung, durch die die Ränder der Geschichten unscharf werden und eine Art Verschmelzung entsteht, die weder die ­alte Geschichte leugnet, sie aber auch nicht zum Teil von etwas Neuem macht. Das ist nicht mal neu. Vor der Moderne wurde praktisch die gesamte Architekturgeschichte lang Umbau fast immer genau so betrieben. Das Weiterschreiben führt weder zu einer ahistorischen Architektur, noch wird der Autor unwichtig oder unsichtbar. Was entsteht also? Eine im eigentlichen Sinne integrierende ­Architektur. Das erscheint uns höchst er­strebenswert.“

Die drei hier erzählten Beispiele erklären vielleicht auch, warum Hild und k nach Jahren in der Unauffälligkeit in jüngster Zeit immer bekannter geworden sind, immer öfter ausgezeichnet wurden und warum sie auf der diesjährigen Biennale in Venedig mit gleich fünf Projekten in verschiedenen Ausstellungen präsent waren. Bestimmt nicht aufgrund von aktuellen Moden oder Trends – eher wegen der sturen Beharrlichkeit, mit der sie an ihren Vorstellungen von einer Architektur gearbeitet haben, die fortsetzt statt immer wieder zu unterbrechen und neu anzufangen.

Nicht zuletzt wegen des immer unterschwellig vorhandenen Humors in ihren Projekten. Ihnen gelingt es, auch beim x-ten Blick noch ein Lächeln hervor zu zaubern.

Florian Heilmeyer ist Architekturjournalist und Kurator in Berlin. Ein ausführliches Gespräch von ihm und Muck Petzet mit Andreas Hild steht im Katalog des deutschen Beitrags zur jüngsten Architektur-Biennale Venedig „Reduce, Reuse, Recycle“ (Hatje Canz Verlag, 272 S., 35 €).

Foto: Michael Heinrich

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