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[ Klimaschutz und Städtebau ]

Schwitzen gegen die Erderwärmung

Welchen Städtebau braucht der Klimaschutz? Das Thema stößt den alten Streit um Dichte, Bauformen, Mischung und Vernetzung neu an.

Konfliktfeld Dichte: Für US-Verhältnisse konzentriert ist die Stadt Longmont in Colorado. Weiträumig aufgelockert baut man dagegen in Ihlow, Ostfriesland.

Roland Stimpel

Die klimaschonende Stadt – das scheint auf den ersten Blick ein Widerspruch in sich zu sein. Städte sind naturfern, heizen viel und kühlen kaum, verschleißen und erneuern sich ständig mit immensem Aufwand an Material und Energie. Aber gerade eine urbane Lebensweise kann auch relativ umweltfreundlich sein. Man hat kurze Wege und wärmt sich durch Nähe; man nutzt Raum und Infrastruktur besonders sparsam und effizient – und schont weite Räume außerhalb der Städte. Metropolitanes Verhalten kann Klimazielen viel leichter angepasst werden als kleinstädtisch-ländliches auf Eigenheim- und Autobasis. Trotzdem enthält gerade die Klimadiskussion über den rechten Städtebau besonders hitzige Elemente. Denn in ihm geht es nicht um eher technische Lösungen wie beim Einzelhaus, sondern um Planungsprinzipien mit politisch-sozialem, wirtschaftlichem und ästhetischem Hintergrund. In der Städtebaudiskussion leben aus neuem Klimaanlass alte Konflikte auf.

Streitpunkt 1: auflockern oder konzentrieren?

Jürgen Baumüller war lange Jahre Chefklimatologe der von ihrer Kessellage geplagten Stadt Stuttgart. „Wegen des sich vollziehenden Klimawandels brauchen wir dringend jedes Quäntchen Grün“, fordert er. Ein verständliches Anliegen: Wenn schon die Erderwärmung kommt, sollen deutsche Städter wenigstens nicht zu sehr schwitzen. Da deutet sich eine Renaissance des aufgelockerten Städtebaus an und eine späte Rechtfertigung für durchgrünte Quartiere der Zwischen- und Nachkriegszeit. Aufgelockertes Bauen oder auch das Gar-nicht-mehr-Bauen auf freien Stadtflächen wird beliebter, aber zugleich beliebiger. Mit dem Klima argumentiert inzwischen auch, wer bloß seine extensive Low-Budget-Zwischennutzung irgendeiner Brache verewigen will.

Der Wunsch nach Kühlflächen ist plausibel, doch die Folgen sind tückisch. Die aufgelockerte Stadt ist auch die ausgedehntere, die zudem eher aus energiefressenden Einzelbauten besteht als aus größeren Hauskomplexen mit urbaner Nestwärme. Wer auflockert, nimmt mehr Verkehr und mehr Heizbedarf in Kauf. Ausgerechnet unter Berufung auf den Klimawandel auszudünnen, ist vorauseilende Resignation und beruht auf genau dem alten Denken, das uns den ganzen Ärger beschert: Für einen kleinen Vorteil daheim wird ein globales Problem vergrößert.

Um Städte im Sommer zu kühlen, gibt es Alternativen. Auch Jürgen Baumüller propagiert keinen Baustopp in der Stuttgarter City, sondern vor allem das Freihalten wichtiger Frischluftschneisen. Gegen Hitze hilft auch, Dächer und Asphaltflächen zu begrünen oder einfach aufzuhellen, und sei es mit weißer Farbe. Deshalb propagiert jetzt US-Energieminister und Physik-Nobelpreisträger Steven Chu ein nationales Weißeln für amerikanische Dächer, Straßen und Autos. Wir können auch Straßenbäume pflanzen und Parkplätze entsiegeln – oder besser gleich abschaffen und andere Verkehrsmittel fördern. Das alles macht den Rest an verdichtungsbedingter Erwärmung erträglicher, für den wir dann noch mit der paradoxen Parole werben müssen: Schwitzen gegen den Klimawandel.

Streitpunkt 2: Zeile oder Block?

Zeilen scheinen die energetisch optimalen Stadtelemente zu sein, mit verglasten Süd- und abgeschotteten Nordseiten. Für die Paneele auf dem Dach sind solche Zeilen ebenfalls richtig. Was vor 80 Jahren für Licht, Luft und Sonne gedacht war, das fordert heute die Sonne allein. Dagegen stimmen an einem Block von vier Seiten energetisch höchstens zwei, und die leidigen Ecken sowieso fast nie.

Aber Zeilen haben andere Schwächen: Die Dichte ist niedriger, der Schallschutz schlechter, der Straßenraum mit jeweils einer abgeschotteten Nordseite öder. Zudem kann man sie schlechter durchmischen; auch die Wege im Quartier werden länger. Zeilen entstehen meist einheitlich, Blöcke eher per Addition einzelner Häuser. Diese kann man Stück für Stück erneuern oder künftigen Bedürfnissen anpassen. Blockstrukturen sind darum nachhaltiger; der Rasen zwischen den Zeilen ist nur scheinbar umweltschonend. Für ihn gilt das bekannte Diktum des Schriftstellers Heinz Knobloch: Misstraut den Grünanlagen!

Französische Viertel in Tübingen, für eine anspruchsvolle, doch relativ isolierte Maschine Rolf Dischs Freiburger „Heliotrop“ von 1991. Es gibt aber als Plusenergiehaus Strom ins Netz.

Streitpunkt 3: städtische Dörfer oder ­urbane Regionen?

Ach, wie war es im Ruhrpott so schön: Zur Arbeit im Pütt ging man zu Fuß; nach Schicht fachsimpelten die Männer vor den Zechensiedlungshäusern über Schalke 04, während hinten die Frauen Salat pflanzten. Dörflich leben in der Stadt - das ist heute kein proletarisches, sondern eher ein bürgerliches Ideal, das in Vierteln wie Freiburg-Vauban, Berlin-Prenzlauer Berg und am Bremer Steintor angestrebt wird. Das Motto: Lasst uns die Städte in autonome Kieze, Viertel, Quartiere zergliedern, und fast alles wird gut, auch wenn der Platz zum Salatpflanzen begrenzt ist. Die erträumte Idylle kann linksgrün sein, aber auch konservativ à la Reihenhaus-Gartenstadt. So oder so sollen kleinräumige Mischung und kurze Wege nicht zuletzt dem Klimaschutz dienen.

Dumm nur, dass diese Dörfer mitten in der Stadt liegen. Dauernd verlässt man die urbane Scholle: zum Arbeiten sowieso (wer wechselt schon mit jedem Job die Wohngegend?), aber auch zum Einkaufen jenseits des Quartiersmarkts und für tausend andere Dinge. Manchmal auch dafür, einer gewissen dörflichen Spießigkeit und Enge zu entrinnen.

Würde dessen Angebot genügen, könnte man auch gleich aufs Dorf ziehen. Die ökologisch vorteilhafte Enge der Stadt nehmen die Leute wegen deren Vielfalt in Kauf. „Mischung“ und „kurze Wege“ sind gut und unterstützenswert, funktionieren aber nie so, dass jeder nur das nutzt, was er um die Ecke findet. Quartiersplanung allein reicht nicht; übergreifende Netze wollen gepflegt, Städte und Regionen auch im größeren Maß verdichtet und verbunden sein.

Streitpunkt 4: Maschinen oder Netze?

Häuser energetisch optimieren und stofflich minimieren – das ist der Schwerpunkt unserer Klimaschutzpolitik. Ein ­Extremfall ist Werner Sobeks Haus (s. Beitrag „Das beste System auf dem Globus“), das mit der technischen die architektonische Utopie der völligen Transparenz verbindet. Das hat visionären Charme. Und Freiraum für so ein Experiment in Recycling, Stoffkreisläufen und Lebensstil bietet nur eine derart autonome Wohneinheit.

Aber kann man sich Sobeks Glaswürfel, der frei am Stuttgarter Hang steht, in großer Zahl dicht an dicht in einer Innenstadt vorstellen? Für enge Nachbarschaften ist er nicht gedacht, oder nur für extrem extrovertierte. Um Nähe zu akzeptieren, also Dichte und kurze Wege, brauchen die meisten Leute Rückzugsmöglichkeiten. Nähe erleichtert auch, dass Häuser einander Energie abgeben können, wenn sie unterschiedliche Quellen und Nutzungszyklen haben. Auch sozial ist diese Stadtform nachhaltiger. Denn sie ist keine Addition von Maschinen, sondern ein enges Geflecht von Beziehungen. Das Denken in Ökohausmaschinen bringt uns weiter – aber nur dann richtig weit, wenn sie zusammenrücken und sich in vieler Hinsicht vernetzen können. Damit lässt sich im Bestand sowieso viel mehr erreichen als mit noch so effizienten Neubauten, von denen bei uns nur wenige entstehen.

Streitpunkt 5: Utopie oder Tradition?

Häuser und Städte für die Energiewelt von morgen sollen auch wie von morgen aussehen: Hightechaura quillt aus jeder Glasfuge. Amorphe, auf jeden Fall asymmetrische und fröhlich gekrümmte Gebilde führen vor, was der elektronische Quantensprung statisch möglich macht. Aber bloß kein Rückgriff auf die Zeit der Kohle, der Hochindustrialisierung und der Naturausbeutung. Es war die Zeit, in der man an alles andere als an energetisch optimierte Fassaden dachte, in denen es nur primitiven öden Putz statt hipper Medienwände gab, in der man für steinzeitliche Vorformen von Xing und Facebook noch Boulevards und Plätze anlegte. Wer baulich dahin zurückwill, der scheint auch in Öko- und Klimafragen auf dem Stand von gestern zu sein.

Aber wie wäre es mit dem Stand von vorvorgestern? Da war Energie knapp und Technik primitiv, doch die meisten Leute erfroren nicht. Weil die Steine ihrer Häuser im Winter eine Weile Wärme und im Sommer Kühle speicherten, weil Fenster kleiner waren, weil es notgedrungen für das meiste eine dezentralisierte Nahversorgung gab. Das alles wohlgemerkt nicht in einer guten alten Zeit, sondern auf einer nach heutigem Maß sehr unkomfortablen Vorstufe angenehmen Lebens. Aber vielleicht doch mit ein paar Bau- und Planungsprinzipien zum Abgucken, ohne dass man auf jüngere Errungenschaften verzichten muss. Es setzen sich ja auch Leute mit dem iPhone auf den Stadtplatz, stecken es dann aber weg und chatten analog.

Konfliktfeld Zeit: Technisch nach vorn guckt das „Cybertecture-Ei“ im indischen Mumbai vom örtlichen Büro James Law. Urbanistisch zurück schaut die schwedische Siedlung Jakriborg von Robin Manger und Marcus Axelsson aus Hjärup.

Sollen Stadtraum und Stadtbild von Klimaschonung künden, können sie sowohl vorwärts wie in die Vergangenheit weisen. Wichtig ist eins: Wenn wir von der Wegwerfmentalität wegwollen, dann dürfen sie nicht wie Wegwerfware wirken – weder wie Moderne-Schund noch wie neuer Billigbarock einiger Fassaden am Dresdner Neumarkt. Wo aber Bezüge zum Ort und seiner Geschichte besser gelingen, können sie das Denken über Generationen symbolisieren – nachhaltiges Denken. Das treibt auch den oft geschmähte New Urbanism, der eine mehr ökologische als ästhetische Bewegung ist – er will hohe Dichte, Kleinteiligkeit und ­Mischung.

Fazit: Enkelhäuser in Opas Stadt

Der Streit um Flächengebrauch, Formen, Fassaden und Mischungen zeigt eins: Bestimmte Städtebauprinzipien von vorgestern sind der Klimazukunft offenbar zugewandter als die energetisch unbekümmerten Stadtformen von gestern. Das Großproblem des Klimawandels ruft eher nach einer Großeltern-Enkel-Strategie: energetisch verbesserte Häuser mit Techniken des 21. Jahrhunderts – in einem Städtebau, der Prinzipien des 19. Jahrhunderts aufgreift.