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Zusammenspiel von Wohnen und Natur

Die Siedlung Auenweide bei Wien von Einszueins Architektur erprobt neue Formen des Zusammenlebens. Grundlage war ein partizipativer Prozess, bei dem sich die Bauherrenschaft nicht nur an historischen Dorfstrukturen orientierte, sondern auch ökologische Baustoffe verwendete.

Alexander Russ
11.03.2026 12min
In der Siedlung Auenweide bei Wien werden neue Wohnformen und ökologische Baustoffe erprobt. © Hertha Hurnaus

In der Gemeinde St. Andrä-Wördern nordwestlich von Wien haben Einszueins -Architektur eine Wohn‐ und Reihenhausanlage mit 25 Wohneinheiten und zwei Gemeinschaftsgebäuden umgesetzt. Dabei handelt es sich um ein Baugruppenprojekt, bei dem experimentelle Ansätze verfolgt wurden – sowohl bei der Finanzierung als auch in Bezug auf architektonische und baukonstruktive Aspekte. Grundlage war ein partizipativer Prozess: Verschiedene Arbeitsgruppen trafen Entscheidungen zur Wahl der Baumaterialien oder zur Planung der einzelnen Wohneinheiten. Ein Vermögenspool, in den die Bewohnerinnen und Bewohner stetig einzahlen, diente als Grundlage für die Finanzierung des Projekts. Durch den Verzicht auf einen Bauträger und diverse Eigenleistungen konnten die Kosten gesenkt werden. Die Wohnungen mit einer Größe von 35 bis 115 qm werden nun kostengünstig vermietet.  

„Durch den partizipativen Ansatz war die Bauherrengemeinschaft in die ganze Planung involviert“, erzählt Markus Zilker, Gründungspartner von Einszueins Architektur. Sein Büro verfügt über einige Erfahrung mit Wohngruppenprojekten und ökologischen Bauweisen, wie er erklärt: „Ein intensiver Partizipationsprozess ist herausfordernd, weil er grundlegende Entscheidungen wie die Wahl der Baumaterialien oder die Konfiguration der Grundrisse betrifft. Er führt aber auch dazu, dass die zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner sich stärker mit dem Projekt identifizieren.“ 

Die Siedlung gruppiert sich um einen zentralen Platz mit Spielflächen und Gemeinschaftsgärten. © Hertha Hurnaus

Die kleine Siedlung nennt sich Auenweide und liegt passenderwiese inmitten einer idyllischen Flusslandschaft. Insgesamt zehn Holzhäuser umfasst das Projekt, die kompakt um einen zentralen Platz gruppiert sind. Ziel war es, einen Bezug zum umgebenden Naturraum herzustellen und dabei möglichst viel Landschaft zu erhalten. Die städtebauliche Setzung orientiert sich einerseits an historischen Dorfstrukturen, greift anderseits aber auch die Landschaft in der teilweise organischen Formensprache der Häuser auf. Große Fenster und Terrassen bieten Ausblicke in die umgebende Natur. Zudem öffnen sich die Gebäude zur Grundstücksmitte, die als Treffpunkt mit Spielflächen und einer Feuerstelle dient.  

Die acht Mehrfamilienhäuser wurden von den Architektinnen und Architekten trotz ähnlich großem Fußabdruck als unterschiedlich ausgeformte zwei- oder dreigeschossige Baukörper geplant. Flach- und Satteldächer erzeugen im Zusammenspiel mit verschiedenen Vor- und Rücksprüngen ein abwechslungsreiches Spiel der Gebäudeformen. Dazu tragen besonders die beiden zusätzlichen Gemeinschaftshäuser bei. Sie wurden am östlichen Rand der Siedlung nahe einem kleinen Waldstück platziert. Ihre Kreisgeometrie greift die angrenzenden Bäume auf. Zugleich erinnern die Innenräume mit Gemeinschaftsküche und Yogaraum teilweise an traditionelle Jurten. Die umlaufende Lärchenfassade fasst die einzelnen Baukörper zusammen und erzeugt so ein einheitliches Erscheinungsbild. Bei den Grundrissen wurde auf eine gewisse Flexibilität und Anpassungsfähigkeit geachtet. Mit einer modularen Bauweise und gleichen Deckenspannweiten sollen die Wohnhäuser auch für zukünftige Bewohnerinnen und Bewohner oder bei sich ändernden Lebenskonstellationen funktionieren.  

Zwei kreisrunde Gemeinschaftshäuser beherbergen einen Yogaraum und eine Gemeinschaftsküche. © Hertha Hurnaus
Teilweise erinnern die Gemeinschaftshäuser an traditionelle Jurten. © Hertha Hurnaus
Große Balkone öffnen sich zur Siedlung und bespielen den Außenraum. © Hertha Hurnaus

Bei den Gebäuden handelt es sich um Niedrigstenergiehäuser, die als Holzrahmenbau errichtet wurden. Die Innenverkleidung besteht aus Lehmbauplatten und Lehmfeinputz. Eine Besonderheit ist die Dämmung, bei der sich die Baugruppe für Jute und Stroh als nachwachsende Baustoffe entschied. Dabei kam das Stroh als Einblasstrohdämmung im Holzständerwerk, bei den zweischaligen Sandwich-Holzelementen der Außenwände und bei den Steildächern zum Einsatz. „Wir wollten möglichst naturnahe und gesunde Materialien einsetzen, die problemlos entsorgt werden können“, erläutert Zilker. „Gerade die Strohdämmung ist Kreislaufwirtschaft in Vollendung. Man benötigt kaum Herstellungsenergie, da die getrockneten Halme lediglich gehäckselt und für die Einblasdämmung verwendet werden. Während des Wachstums entziehen die Getreidepflanzen der Atmosphäre mehr Kohlenstoff, als es braucht, um den Dämmstoff herzustellen. So bleibt er in den Wänden des Gebäudes langfristig gebunden.“  

Die Bewohnerinnen und Bewohner waren nicht nur an der Planung, sondern auch ganz konkret an der Ausführung beteiligt. So wurden etwa die Jute-Dämmplatten selbst zugeschnitten und in der innenliegenden Installationsebene und den nicht tragenden Trockenbau-Innenwänden verlegt. Der Trockenbau aus 2,2 cm starken Lehmplatten auf einer Metall-Unterkonstruktion wurde allerdings von Handwerkern ausgeführt. Bei den Gemeinschaftshäusern kam aufgrund der Rundungen anstatt der Lehmplatten ein Putzträger aus Schilfrohrmatten zum Einsatz. Der Lehmfeinputz wurde ebenfalls in Eigenleistung aufgebracht. „Eine Mineralwolldämmung hätte mit Verlegung das Gleiche gekostet. Da ist der Preisunterschied bei einer künftigen Entsorgung noch gar nicht kalkuliert“, sagt Zilker. 

Lageplan @ einszueins architektur
Grundrisse EG @ einszueins architektur
Grundrisse 1. OG @ einszueins architektur
Grundrisse DG @ einszueins architektur
Schnitte durch die Siedlung @ einszueins architektur

Eine Mischung aus Flach- und Satteldächern erzeugen eine abwechslungsreiche Architektur. © Hertha Hurnaus

Neben der nachhaltigen und partizipativen Bauweise entschied man sich für eine Grundwasser-Wärmepumpe und ein Niedertemperatur-Nahwärmenetz. Hinzu kommen Photovoltaikanlagen und Systeme zur Regenwassernutzung. Der zentrale Platz in der Mitte der Siedlung wird über unversiegelte Wege erschlossen und verfügt über eine begrünte Sickermulde. Die Spielhügel, die den Platz zusätzlich zonieren, wurden mit Aushubmaterial errichtet. Zilker versteht das Projekt ein Stück weit als Zukunftslabor: „Durch die verdichtete Bauweise konnten wir unter anderem das benachbarte Waldstück erhalten, in dem die Kinder nun spielen können. Außerdem werden hier Eigenverantwortlichkeit und neue Formen des Zusammenlebens als Alternative zum Einfamilienhaus konkret gelebt.“ 

Projektdaten

Wohn- und Reihenhausanlage mit 25 Wohneinheiten und 
2 Gemeinschaftsgebäuden

Ort:  St. Andrä-Wördern, Österreich

Bauherr: Verein Wohnprojekt Wördern

Architektur: Einszueins Architektur

Landschaftsarchitektur: DI Elisa Millonig

Tragwerksplanung: DI Kurt Pock/KPZT

Fertigstellung: 2022

Wohnfläche: 2.380 qm  

Gemeinschaftsfläche: 297 qm 

Alexander Russ

Freier Journalist München

Alexander Russ ist freier Journalist und lebt in München. Er hat in verschiedenen Architekturbüros gearbeitet und war Redakteur bei Baumeister und Topos. Neben Architekturkritiken schreibt er unter anderem über Stadtplanung, Landschaftsarchitektur und Mobilitätsthemen.

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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