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Weit mehr als geparkt: das Campusgebäude der Beruflichen Schulen Tübingen

Auf einem bestehenden Parkdeck entsteht ein neues Campusgebäude für die Beruflichen Schulen Tübingen mit rund 5.200 Schülerinnen und Schülern. a+r Architekten transformieren die lineare Infrastruktur in einen facettenreichen Campusbaustein mit gemeinschaftlichen Räumen, Lernorten und neuen Wegebeziehungen zwischen den Schulen.

Claudia Tiesler
19.10.2026 4min
Innenarchitektur Bildung Bestand Bundesweit, Baden-Württemberg
Fassade eines modernen Gebäudes mit vertikalen, unregelmäßig geformten Paneelen und großflächigen Fenstern im Erdgeschoss
Hinter der gefalteten Fassade aus blaugrünen Faserzementplatten befinden sich Arbeits- und Sitzplätze
Roland Halbe 

Als in den 1970er-Jahren die Wilhelm-Schickard-Schule in Tübingen-Derendingen entstand, bildete das zugehörige zweigeschossige Parkdeck den südlichen Abschluss des Schulgeländes. Auf seinem Dach lagen bis zu 2 m Erde – genug für eine dichte Bepflanzung mit Bäumen, die mit der Zeit fast zu einem kleinen Wald heranwuchs. Südlich schlossen landwirtschaftliche Flächen an. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich der Schulstandort nach Süden weiter. Eine gewerbliche Schule kam hinzu, ebenso die Bildungsakademie der Handwerkskammer, die Kreissporthalle sowie weitere Bildungs- und Betreuungseinrichtungen. Das Parkdeck, ursprünglich am Rand gelegen, rückte damit zunehmend ins Zentrum des gewachsenen Campus. Als zusätzliche Flächen benötigt wurden, rückte der Funktionsbau als räumliche Reserve in den Fokus. Nach einer vorausgegangenen Instandsetzung und statischen Untersuchung stand fest, dass die vorhandene Konstruktion zusätzliche Lasten aufnehmen konnte. Eine Machbarkeitsstudie zeigte das Potenzial für eine zweigeschossige Überbauung. Daraus entstand die Aufgabenstellung für den Wettbewerb von 2018.  

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Luftaufnahme eines modernen Campusgebäudes mit umliegenden Bäumen und weiteren Gebäuden in einer hügeligen Landschaft
Die Vogelperspektive zeigt das Campusgebäude im Zusammenhang der bestehenden Schulen. Der Bau folgt der Länge des vorhandenen Parkdecks und verbindet die unterschiedlichen Wegebeziehungen miteinander.
Roland Halbe

Spielraum im engen Raster

Die etwa 18 m schmale, rund 90 m lange Garagenstruktur setzte dem Entwurf enge Grenzen. a+r Architekten übernehmen ihre Linearität, weiten den Baukörper an den Enden jedoch gezielt auf. Dort entsteht die notwendige Raumtiefe für Mensa, Mediathek und Erschließung; dazwischen folgt das Lernhaus dem Raster des Bestands. Am westlichen Kopf zeigt sich am deutlichsten, was aus dieser Vorgabe entsteht. Rund 6 m über Straßenniveau liegt die Mensa mit vorgelagerter Terrasse auf Höhe der Baumkronen. Zwei große Freitreppen erschließen die erhöhte Ebene und entflechten die Fußwege von den Zu- und Ausfahrten der weiterhin genutzten Garage. Von der Terrasse lässt sich der Campus überblicken; zugleich wird sie zum gemeinsamen Ankunfts- und Aufenthaltsort. Die erhöhte Lage erweist sich damit als besondere räumliche Qualität.

Schwarz-weiße isometrische Linienzeichnung eines Gebäudekomplexes mit einem abgehobenen, länglichen Hauptbau und zwei kleineren Baukörpern
Isometrische Skizze des Campusgebäudes der Beruflichen Schulen Tübingen.
a+r Architekten
Schwarz-weiße Linienzeichnung eines Grundrisses des Erdgeschosses mit mehreren Räumen, Fluren und Treppenhäusern
Grundriss E0 des Campusgebäudes der Beruflichen Schulen Tübingen.
a+r Architekten
Schwarz-weiße Linienzeichnung eines Grundrisses mit mehreren Räumen, Fluren und Treppenhäusern
Grundriss E1, Mensaebene des Campusgebäudes der Beruflichen Schulen Tübingen.
a+r Architekten
Schwarz-weiße Linienzeichnung eines Grundrisses mit mehreren Räumen, Fluren und Treppenhäusern in einem langgestreckten Gebäude
Grundriss E3, Mediatheksebene des Campusgebäudes der Beruflichen Schulen Tübingen.
a+r Architekten
Schwarz-weiße Linienzeichnung eines Querschnitts durch ein mehrstöckiges Gebäude mit Treppen und verschiedenen Raumebenen
Querschnitt des Campusgebäudes der Beruflichen Schulen Tübingen.
a+r Architekten

Gemeinschaft und Rückzug

Die Mensa ist zugleich Speiseraum und Veranstaltungsort. Mobile Bühne und verschiebbare Ausgabeelemente machen sie flexibel nutzbar. Raumhohe Verglasungen öffnen sie zur Terrasse, Rund- und V-Stützen bleiben sichtbar. Ein verglastes Atrium verbindet den Raum mit der Mediathek darüber und bringt Tageslicht in die Tiefe des Grundrisses. Die Mediathek bildet den markanten Abschluss des Hauses. Ihre gefaltete Fassade aus blaugrünen Faserzementplatten ist mehr als ein prägnantes Bild nach außen. Im Inneren entstehen entlang der Faltung geschützte Arbeits- und Sitzplätze mit Blick nach draußen; vertikale Lamellen schirmen direktes Sonnenlicht ab.  
Vom westlichen Gebäudekopf aus entwickelt sich das Lernhaus über die Länge des Parkdecks. Auf zwei Geschossen ergänzen offene Arbeitsbereiche und Lerninseln die Unterrichtsräume. Lehrerbüros und Schulsozialarbeit sind unmittelbar eingebunden. Die lange Erschließung wird von offenen Lernbereichen und Blicken nach außen begleitet; neben dem Klassenraum entstehen so Orte für individuelles und gemeinsames Arbeiten. 

Moderner mehrstöckiger Gebäudekomplex mit großen Fenstern und umlaufendem Vordach neben einer Straße und einem Baum unter blauem Himmel
Über dem bestehenden Parkdeck spannt sich das neue Campusgebäude von a+r Architekten zwischen Schulbauten, Primus-Truber-Straße und dem kleinen Fluss Steinlach auf. Der lang gestreckte Baukörper, der auf ein bestehendes Parkdeck aufgesattelt wurde, gibt den drei Beruflichen Schulen eine neue Mitte.
Roland Halbe
Straße mit Baum und Verkehrsschild vor einem mehrstöckigen Gebäude mit bemalter Fassade und Rampen
Foto der Bestandsgarage.
a+r Architekten
Moderner mehrstöckiger Gebäudekomplex mit großen Fenstern und drei jungen Bäumen im Vordergrund
An der Nordseite, in Richtung der benachbarten Wilhelm-Schickard-Schule, wird die Schichtung des Hauses aus Sockel samt Parkdeck, Terrassenebene und gefaltetem Gebäudekopf sichtbar. Die Freitreppe führt auf die erhöhte Mensaterrasse und verknüpft den Neubau mit den Wegen des Campus.
Roland Halbe

Großer heller Raum mit langen Tischen und Stühlen sowie hohen Fenstern und Oberlicht
Die Mensa ist mit ihren raumhohen Verglasungen auf die Terrassenebene ausgerichtet. Im Zentrum verbindet das verglaste Atrium den Speiseraum mit der Mediathek im Obergeschoss.
Roland Halbe

Massiver Sockel, leichter Aufbau

Konstruktiv folgt der Neubau den unterschiedlichen Anforderungen der Nutzungen und des Bestands. Die Mensaebene ist wegen der größeren Spannweiten und der Lastabtragung in das vorhandene Garagenraster in Stahlbeton ausgeführt. Darüber folgt ein leichter Holzbau. Die Eingriffe in den Bestand blieben überschaubar: Nur an zwei Stellen wurden aussteifende Bauteile bis auf die Fundamente geführt. Eine neue Betonplatte bildet die durchgehende Basis für den Aufbau und überspannt die Fugen der vorhandenen Konstruktion. Auch die Erschließung musste sich mit den unterschiedlichen Höhen arrangieren: Der barrierefreie Zugang liegt in einer seitlichen Erweiterung; eine vierläufige Treppe vermittelt zwischen Garage und Neubau.

Der massive Sockel aus sandgestrahltem Beton bildet den materiellen Ausgangspunkt des Hauses. Darüber bestimmen blaugrüne Faserzementplatten die neuen Geschosse. Im Inneren setzt Weißtanne bei Fenstern, Türen und Einbauten einen warmen Kontrapunkt; stark beanspruchte Flächen sind in Betonwerkstein ausgeführt. Wartung, Pflege und Alterungsfähigkeit spielten bei der Auswahl von Anfang an eine Rolle. 

Langer Raum mit großen Fenstern, Holzverkleidungen und mehreren Arbeitsplätzen mit grauen Stühlen
Arbeitsplätze an der gefalteten Fassade machen die Mediathek zu einem angenehmen, hellen Ort für Recherche und konzentriertes Arbeiten. Der Blick nach außen verbindet den Raum mit dem grünen Umfeld.
Roland Halbe

Erhalten statt Ersetzen

Die Entscheidung zum Weiterbauen wirkt sich maßgeblich auf die Ressourcenbilanz aus. Rund 2.000 cbm Beton bleiben erhalten; Rückbau, Entsorgung und ein vollständiger Ersatz der vorhandenen Konstruktion werden vermieden. Zugleich entsteht ein Großteil des zusätzlichen Raumprogramms auf bereits bebauter Fläche. Die Garage erhält damit eine neue langfristige Funktion und trägt heute nicht mehr nur Autos, sondern einen wesentlichen Teil des Campusgebäudes. Photovoltaik auf den Dachflächen und der Anschluss an das Tübinger Fernwärmenetz ergänzen das Energiekonzept. 

Projektdaten

Campusgebäude der Beruflichen Schulen Tübingen

Ort: Tübingen  
Bauherr: Landratsamt Tübingen  
Nutzende: Gewerbliche Schule Tübingen, Wilhelm-Schickard-Schule, Mathilde-Weber-Schule  
Architektur:  a+r Architekten, Stuttgart/Tübingen  
Fertigstellung: 2026 
Nutzfläche: 4.960 qm ohne Tiefgarage  
BGF: 5.695 qm ohne Tiefgarage  

"Porträtfoto einer Frau mit schulterlangen, hellbraunen Haaren. Sie trägt einen schwarzen Blazer über einem schwarzen Shirt und blickt selbstbewusst in die Kamera. Die Hände befinden sich in den Hosentaschen. Der Hintergrund ist weiß."
© Inga Sommer

Claudia Tiesler

Architektin, Architektur Media Managerin

Claudia Tiesler ist Architektin, Architektur Media Managerin und seit rund 20 Jahren in der Architekturkommunikation tätig. Zwölf Jahre arbeitete sie in der Kommunikationsabteilung von gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner, zuletzt fünf Jahre als Leiterin für Presse und Social Media. Mit Studio Quiet Loud unterstützt sie seit 2022 Architekturbüros dabei, Projekte, Haltung und Expertise klar zu vermitteln und in die richtigen Öffentlichkeiten zu bringen. Sie verbindet architektonisches Verständnis mit PR, strategischer Kommunikation und Medienarbeit. Mit Archibird entwickelte sie einen digitalen PR-Service, der kleinen und mittleren Architekturbüros professionelle Pressearbeit im Zeitalter der KI zugänglich macht. 

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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