Weit mehr als geparkt: das Campusgebäude der Beruflichen Schulen Tübingen
Auf einem bestehenden Parkdeck entsteht ein neues Campusgebäude für die Beruflichen Schulen Tübingen mit rund 5.200 Schülerinnen und Schülern. a+r Architekten transformieren die lineare Infrastruktur in einen facettenreichen Campusbaustein mit gemeinschaftlichen Räumen, Lernorten und neuen Wegebeziehungen zwischen den Schulen.
Als in den 1970er-Jahren die Wilhelm-Schickard-Schule in Tübingen-Derendingen entstand, bildete das zugehörige zweigeschossige Parkdeck den südlichen Abschluss des Schulgeländes. Auf seinem Dach lagen bis zu 2 m Erde – genug für eine dichte Bepflanzung mit Bäumen, die mit der Zeit fast zu einem kleinen Wald heranwuchs. Südlich schlossen landwirtschaftliche Flächen an. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich der Schulstandort nach Süden weiter. Eine gewerbliche Schule kam hinzu, ebenso die Bildungsakademie der Handwerkskammer, die Kreissporthalle sowie weitere Bildungs- und Betreuungseinrichtungen. Das Parkdeck, ursprünglich am Rand gelegen, rückte damit zunehmend ins Zentrum des gewachsenen Campus. Als zusätzliche Flächen benötigt wurden, rückte der Funktionsbau als räumliche Reserve in den Fokus. Nach einer vorausgegangenen Instandsetzung und statischen Untersuchung stand fest, dass die vorhandene Konstruktion zusätzliche Lasten aufnehmen konnte. Eine Machbarkeitsstudie zeigte das Potenzial für eine zweigeschossige Überbauung. Daraus entstand die Aufgabenstellung für den Wettbewerb von 2018.
Spielraum im engen Raster
Die etwa 18 m schmale, rund 90 m lange Garagenstruktur setzte dem Entwurf enge Grenzen. a+r Architekten übernehmen ihre Linearität, weiten den Baukörper an den Enden jedoch gezielt auf. Dort entsteht die notwendige Raumtiefe für Mensa, Mediathek und Erschließung; dazwischen folgt das Lernhaus dem Raster des Bestands. Am westlichen Kopf zeigt sich am deutlichsten, was aus dieser Vorgabe entsteht. Rund 6 m über Straßenniveau liegt die Mensa mit vorgelagerter Terrasse auf Höhe der Baumkronen. Zwei große Freitreppen erschließen die erhöhte Ebene und entflechten die Fußwege von den Zu- und Ausfahrten der weiterhin genutzten Garage. Von der Terrasse lässt sich der Campus überblicken; zugleich wird sie zum gemeinsamen Ankunfts- und Aufenthaltsort. Die erhöhte Lage erweist sich damit als besondere räumliche Qualität.
Gemeinschaft und Rückzug
Die Mensa ist zugleich Speiseraum und Veranstaltungsort. Mobile Bühne und verschiebbare Ausgabeelemente machen sie flexibel nutzbar. Raumhohe Verglasungen öffnen sie zur Terrasse, Rund- und V-Stützen bleiben sichtbar. Ein verglastes Atrium verbindet den Raum mit der Mediathek darüber und bringt Tageslicht in die Tiefe des Grundrisses. Die Mediathek bildet den markanten Abschluss des Hauses. Ihre gefaltete Fassade aus blaugrünen Faserzementplatten ist mehr als ein prägnantes Bild nach außen. Im Inneren entstehen entlang der Faltung geschützte Arbeits- und Sitzplätze mit Blick nach draußen; vertikale Lamellen schirmen direktes Sonnenlicht ab.
Vom westlichen Gebäudekopf aus entwickelt sich das Lernhaus über die Länge des Parkdecks. Auf zwei Geschossen ergänzen offene Arbeitsbereiche und Lerninseln die Unterrichtsräume. Lehrerbüros und Schulsozialarbeit sind unmittelbar eingebunden. Die lange Erschließung wird von offenen Lernbereichen und Blicken nach außen begleitet; neben dem Klassenraum entstehen so Orte für individuelles und gemeinsames Arbeiten.
Massiver Sockel, leichter Aufbau
Konstruktiv folgt der Neubau den unterschiedlichen Anforderungen der Nutzungen und des Bestands. Die Mensaebene ist wegen der größeren Spannweiten und der Lastabtragung in das vorhandene Garagenraster in Stahlbeton ausgeführt. Darüber folgt ein leichter Holzbau. Die Eingriffe in den Bestand blieben überschaubar: Nur an zwei Stellen wurden aussteifende Bauteile bis auf die Fundamente geführt. Eine neue Betonplatte bildet die durchgehende Basis für den Aufbau und überspannt die Fugen der vorhandenen Konstruktion. Auch die Erschließung musste sich mit den unterschiedlichen Höhen arrangieren: Der barrierefreie Zugang liegt in einer seitlichen Erweiterung; eine vierläufige Treppe vermittelt zwischen Garage und Neubau.
Der massive Sockel aus sandgestrahltem Beton bildet den materiellen Ausgangspunkt des Hauses. Darüber bestimmen blaugrüne Faserzementplatten die neuen Geschosse. Im Inneren setzt Weißtanne bei Fenstern, Türen und Einbauten einen warmen Kontrapunkt; stark beanspruchte Flächen sind in Betonwerkstein ausgeführt. Wartung, Pflege und Alterungsfähigkeit spielten bei der Auswahl von Anfang an eine Rolle.
Erhalten statt Ersetzen
Die Entscheidung zum Weiterbauen wirkt sich maßgeblich auf die Ressourcenbilanz aus. Rund 2.000 cbm Beton bleiben erhalten; Rückbau, Entsorgung und ein vollständiger Ersatz der vorhandenen Konstruktion werden vermieden. Zugleich entsteht ein Großteil des zusätzlichen Raumprogramms auf bereits bebauter Fläche. Die Garage erhält damit eine neue langfristige Funktion und trägt heute nicht mehr nur Autos, sondern einen wesentlichen Teil des Campusgebäudes. Photovoltaik auf den Dachflächen und der Anschluss an das Tübinger Fernwärmenetz ergänzen das Energiekonzept.
Projektdaten
Campusgebäude der Beruflichen Schulen Tübingen
Projektdaten
Campusgebäude der Beruflichen Schulen Tübingen
Ort: Tübingen
Bauherr: Landratsamt Tübingen
Nutzende: Gewerbliche Schule Tübingen, Wilhelm-Schickard-Schule, Mathilde-Weber-Schule
Architektur: a+r Architekten, Stuttgart/Tübingen
Fertigstellung: 2026
Nutzfläche: 4.960 qm ohne Tiefgarage
BGF: 5.695 qm ohne Tiefgarage
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