Gebautes Experiment
Der Klimapavillon Schwerte ist ein Testfall für das Prinzip des Gebäudetyps E: Der unbeheizte Hauptraum arbeitet ausschließlich mit passiven Klimastrategien, die Fassade besteht aus Kalamitätsholz. Ein Bau, der Suffizienz nicht als Verzicht versteht, sondern als Entwurfsprinzip.
Entworfen von New Architekten BDA und Jutta Albus Architektur BDA, bildet der Pavillon das zentrale Veranstaltungsgebäude innerhalb des Klimagartens, der im Rahmen der IGA Metropole Ruhr 2027 realisiert wurde. Das Projekt untersucht dabei explizit Fragestellungen zum Ressourceneinsatz, zur innenräumlichen Wirkung und nicht zuletzt zur Nutzerakzeptanz. Vergleichbar mit den Zielen des sogenannten Gebäudetyps E stellt der Klimapavillon im neuen Klimagarten Schwerte ein „gebautes Experiment“ dar. Der Innenraum stemmt sich nicht gegen das Außenraumklima, vielmehr orientiert er sich daran und schafft mit passiven Mitteln einen Ort, dessen Stimmung sich organisch mit den Jahreszeiten verändert. Das Ergebnis ist ein 235 qm großer Holzbau, dessen Nutzfläche weitgehend ohne aktive Beheizung auskommt.
Drinnen so viel Draußen wie möglich
Der Holzbau folgt dem Gedanken des „Jahreszeitenhauses“: Im Sommer ein schattiger Lernort für Schulgruppen, die Pflanzen aus dem Klimagarten untersuchen. Im Winter Markthalle, Vereinstreff, Ort für Feste. Ein Nutzungsprofil, das keine Hochglanzoberflächen verlangt. Das Tragwerk basiert auf einer Primärkonstruktion aus unbehandeltem, nicht verleimtem Vollholz. Das charakteristische Schmetterlingsdach wird von Holzstützen getragen, die auf Betonsockeln aufliegen. Die Dachgeometrie erfüllt dabei mehrere Funktionen: Sie maximiert das Raumvolumen an den Außenseiten, ermöglicht die Ausrichtung der PV-Anlage, leitet Niederschlagswasser zur Mitte und speichert es ein, unterstützt die natürliche Thermik im Innenraum und bietet raumakustische Vorteile durch die Streuung des Schalls. Wände und Dach wurden als vorgefertigte Holzrahmen- und Holzkassettenelemente ausgeführt – ein hoher Vorfertigungsgrad, der die Bauzeit verkürzte und die Präzision erhöhte. Die sichtbare Installationsführung der Gebäudetechnik folgt dem Prinzip der Schichtentrennung: TGA-Komponenten mit kürzerer Lebensdauer sind nicht in die Konstruktion integriert, sondern zugänglich und austauschbar gehalten.
Weniger ist mehr – weil das, was dasteht, lange in die Zukunft getragen werden kann.
Jutta Albus
Kalamitätsholz und Gewächshausbau
Die Außenhülle wechselt zwischen geschlossenen Holzfassaden und großflächigen Verglasungen. Die Holzfassade besteht vollständig aus regionalem Kalamitätsholz – Fichtenholz aus Borkenkäferbefall, das von Wald und Holz NRW im Rahmen eines laufenden Forschungsprojekts zur Verfügung gestellt wurde. Der Klimawandel hat die Ausbreitung des Borkenkäfers in den vergangenen Jahren massiv beschleunigt. Ganze Fichtenbestände sind abgestorben – allein in NRW mehrere Zehntausend Hektar. Das Holz dieser Bäume landet meist in der thermischen Verwertung oder wird zu Spanplatten verarbeitet. Dass es auch anders geht, verdankt der Klimapavillon einer Begegnung während der Planungsphase. Was folgte, war eine gemeinsame Entwicklung. Die Ingenieure von Wald und Holz NRW berieten bei Mengenermittlung, Längenabstimmung – die hohe Dachseite erforderte besonders lange Hölzer –, Stoßausbildung und Lattungsprinzip. Der Blaustich, verursacht durch einen Pilz, der mit dem Borkenkäfer einhergeht, disqualifiziert das Holz für konventionelle Verwendungen, obwohl die Festigkeitswerte unbeeinträchtigt sind. Im Klimapavillon wurde diese optische Eigenschaft bewusst akzeptiert. Ob Kalamitätsholz bis zu einer bestimmten Beanspruchung auch konstruktiv einsetzbar wäre – etwa als Ständerwerk oder in Brettschichtholz –, wird gerade erprobt. Der Klimapavillon ist ein erster Schritt in diese Richtung.
Die Glasfassadenkonstruktion ist in ihrer Bauweise dem Gewächshausbau entlehnt und verbindet Innen- und Außenraum durch große Schiebetüren. Alle Oberflächen – Holz wie Metall – sind unbehandelt belassen. Ihre optische Veränderung im Laufe der Zeit durch materialtypische Patina ist eine durchaus willkommene Wirkung.
Klimakonzept
Das Klimakonzept basiert auf mehreren passiven Strategien. Das große Raumvolumen von 992 cbm verhindert schnelle Temperaturwechsel. Die Orientierung der Glasflächen ermöglicht solare Gewinne, während der Betonboden als Speichermasse Wärme aufnimmt und zeitversetzt abgibt. Die nach außen ansteigenden Dachflächen maximieren den Tageslichteinfall und unterstützen die natürliche Thermik: Warme Luft steigt auf und entweicht durch Dachklappen. Große Schiebetüren ermöglichen zusätzlich die Querlüftung.
Diese Idee eines passiven Umgangs mit Energie war von Anfang an da. Wir haben immer gesagt, man kann ja auch ruhig den Pulli anziehen.
Jutta Albus
Die Heizungsversorgung beschränkt sich auf Küche und Sanitärräume, um Leitungen frostfrei zu halten. Für Klimaspitzen im Winter hängen im Hauptraum Strahlungsheizkörper, die bei Bedarf zugeschaltet werden können. Als innenliegender Sonnenschutz dienen Vorhänge – eine bewusst reduzierte Lösung, deren Praxistauglichkeit im laufenden Betrieb erprobt wird. Auf der niedrigeren Gebäudeseite wurde eine Pufferzone eingeplant, ursprünglich für Pflanzen vorgesehen, die als thermischer Puffer zwischen Außen- und Innenklima fungiert. Die genossenschaftlich betriebene Photovoltaikanlage auf dem Schmetterlingsdach sowie die Regenwasserzisterne ergänzen das Konzept einer zeitgemäßen, suffizienten und nutzungsrobusten Architektur.
Die Planenden verstehen die Rauheit der Materialität nicht als Mangel, sondern als Ausdruck einer Entwurfshaltung, die Robustheit priorisiert. Der Gedanke der Kreislaufwirtschaft prägt die konstruktive Logik des Gebäudes: Die einfache Holzkonstruktion ist theoretisch demontierbar, die TGA von der Primärstruktur getrennt, alle Materialien sortenrein. Aber vor allem ist das Gebäude so konzipiert, dass dieser Fall möglichst spät eintreten muss.
Ich finde den Kreislaufgedanken gut. Der Kreislauf müsste aber eigentlich eine Ellipse sein: Erst mal lange nutzen, dann an Rückbau und Recycling denken – nicht umgekehrt.
Jutta Albus
Neubau eines Pavillons
Neubau eines Pavillons
Bauherr: Stadt Schwerte
Architektur: New Architekten BDA, Köln + Jutta Albus Architektur, Leverkusen
Landschaftsarchitektur: Förder Landschaftsarchitekten
Tragwerksplanung: Construct.Ing, Dortmund
TGA: Rüschenschmidt, Werne
Fertigstellung: 10/2025
Nutzfläche: 169 qm
BGF: 235 qm
Merkblatt Verwendbarkeit von Fichtenholz aus borkenkäfergeschädigten Wäldern.
DAB Redaktion
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