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Kindertagesstätte Burg Wichtelstein

Die Kita Burg Wichtelstein in Neumarkt in der Oberpfalz setzt auf einen geschlossenen regionalen Holzkreislauf: vom städtischen Wald bis zum fertigen Gebäude. Auf maximal 30 km Entfernung.

DAB Redaktion
24.02.2026 4min
Eingangsfassade der Kindertagesstätte in Holzbauweise; über der Tür steht „Kindertagesstätte Burg Wichtelstein“, begrüntes Dach sichtbar.
© KÜHNLEIN Architektur/Spahn

Die Grundlage des gesamten Bauprojekts bilden 2.300 fm Holz aus dem Stadtwald Neumarkt. Der Planungsprozess begann nicht am Reißbrett, sondern mit interdisziplinären Abstimmungen im Wald selbst. Förster, Baumfäller, Statiker und Architekten selektierten gemeinsam geeignete Stämme für tragende Konstruktionen und Fassadenbekleidungen. Die Fällung erfolgte nach dem Mondphasenkalender, um optimale Holzeigenschaften zu erzielen. Die Transportwege blieben minimal: vom Stadtwald zum lokalen Sägewerk und von dort zum nur zwei Kilometer vom Bauort entfernten Holzbaubetrieb in Neumarkt. Hölzer, die den statischen Anforderungen nicht entsprachen, wurden dem städtischen Bauhof für andere Zwecke zugeführt. Der Holzbaubetrieb richtete seine Produktion speziell für dieses Projekt auf die Verarbeitung von Stroh als Dämmmaterial aus. Die vorgefertigten Wandelemente mit doppeltem Fachwerk erreichen eine Gesamtstärke von 58 cm und sind mit gehäckseltem Stroh vom  Benediktinerkloster Plankstetten gedämmt.

Waldszene: Mehrere Erwachsene stehen im Halbkreis; zwei Forstarbeiter in orangefarbener Schutzkleidung mit Helmen erklären etwas, einer kniet am Boden.
Erste Besprechung im Stadtwald © KÜHNLEIN Architektur
Frisch gefällter Nadelbaum liegt quer an einem Hang; sauberer Fällschnitt, Stamm mit Markierungsstreifen.
Fällen der ersten Fichten, Mondphasenholz © KÜHNLEIN Architektur
Sägewerkshof: Entrindete Rundholzstämme zu einem großen Stapel aufgetürmt, Hallen im Hintergrund.
Rundholz auf dem Sägewerk in unmittelbarer Nachbarschaft © KÜHNLEIN Architektur
Überdachtes Lager: Gesägte Bretter in hohen, beschrifteten Paketen gestapelt.
Geschnittene Ware für Fassaden und Innenwände © KÜHNLEIN Architektur
Werkhalle: Glatt gehobelte Holzträger zu einem Paket gebündelt; daneben die Gabel eines gelben Staplers.
Kanthölzer im Holzbaubetrieb für die Wände © KÜHNLEIN Architektur
Hof: Gelber Teleskoplader stapelt rechteckige Strohballen vor einer Scheune.
Das Stroh zur Dämmung stammt aus dem ökologischen, landwirtschaftlichen Betrieb des Benediktinerklosters Plankstetten © KÜHNLEIN Architektur
Zimmerei: Zwei Handwerker montieren einen Holzrahmenboden; Gefache sind mit Holzspänen als Dämmung gefüllt.
Fertigung der 58 cm starken Außenwand mit Strohdämmung © KÜHNLEIN Architektur
Fabrikhalle: Vorfertigte Holztafelwand mit Fensteröffnungen steht auf einem Wagen; Kranriemen zum Versetzen sind befestigt.
Massivholzelemente vor dem Transport zur ca. zwei km entfernten Baustelle © KÜHNLEIN Architektur

Aus eins mach vier 

Die Architekten gliederten das Raumprogramm für 124 Kinder in vier zweigeschossige Giebelhäuser, die durch einen zentralen Erschließungstrakt miteinander verbunden sind. Die Situierung der Häuser entspricht der umgebenden Wohnbebauung aus den 1950er-Jahren. Großzügige Freiflächen bleiben erhalten und die Belichtung ist optimal. Trotz einer Firsthöhe von 11,27 m wirkt die Baugruppe nicht dominant, was durch die Hanglage und die regionalen Bautraditionen mit knapp aufsitzenden Steildächern unterstützt wird.

Luftbild: Mehrteiliger Kita‑Komplex in Holzbauweise mit großen Photovoltaikflächen und begrünten Dachbereichen um einen Innenhof.
Die Lage der Kindertagesstätte Burg Wichtelstein im Wohngebiet © KÜHNLEIN Architektur/Spahn

Fichtenbretter unterschiedlicher Breite rhythmisieren die Fassade. Auch die ganz schmalen Bretter wurden verbaut, um Verschnitt zu minimieren. Die unbehandelte, gehobelte Bretterschalung ist hinterlüftet und darf natürlich vergrauen. Die Photovoltaikmodule auf den nach Süden ausgerichteten Dachflächen erzeugen Strom, während die Nordseiten und das Flachdach mit Sedummatten begrünt wurden. Für die Begrünung des Steildachs war ein spezielles Schubsicherungssystem erforderlich. Das Gründach speichert Regenwasser und kühlt durch Verdunstung. Bei Starkregen versickert überschüssiges Wasser in Sickermulden unter den Spielflächen und entlastet so die Kanalisation.

Im Inneren treffen historische Baustoffe auf moderne Haustechnik. Die tragenden Innenwände wurden mit massiven, ungebrannten Lehmziegeln ausgefacht. Die Speichermasse stabilisiert die Raumtemperatur und reguliert die Luftfeuchtigkeit. In den Gruppenräumen reicht natürliche Querlüftung; nur Küche, Speisesaal und Turnhalle bekamen eine mechanische Lüftung. Die Akustikdecken bestehen aus eng gesetzten Holzlatten mit bündig integrierten Streifenleuchten und der Boden aus massiven Eichendielen.

Innenraum in Holzbauweise: Treppenhaus mit senkrechter Lamellenverkleidung, Holzdecke und Flur mit Türen und Handläufen.
Verkehrsfläche im Erdgeschoss © KÜHNLEIN Architektur/Spahn
Flurdetail: Lehmziegel-Felder zwischen Holzständern; zentrale, grüne Tür, Wandstrahler an der Decke.
Fachwerkwände mit Lehmziegeln ausgefacht © KÜHNLEIN Architektur/Spahn
Lichthof: Galerie mit Holzbrüstung, großes Oberlicht und runde Pendelleuchten; grüne Türen zu Nebenräumen.
Garderobenflur im Obergeschoss © KÜHNLEIN Architektur/Spahn
Bewegungsraum: Grüner Boden, Holzdeckenlamellen und Turn‑/Spielgeräte; blaue Matte liegt aus.
Akustikdecken mit normalen Dachlatten © KÜHNLEIN Architektur/Spahn

Kiwi an der Fassade

An stählernen Kragarmen mit schräg abgespannten Seilen ranken Kletterpflanzen zur Fassadenbegrünung empor. Das Begrünungskonzept beschränkt sich auf Pflanzen mit essbaren Früchten: Kiwi, Weinrebe, Beerensträucher, Kräuter und Monatserdbeeren. In wenigen Jahren verschattet die Vegetation die nach Süden ausgerichteten Fassaden passiv und mindert sommerliche Wärmelasten. Die Außenanlagen integrierten sieben ausgewachsene Spitzahorne, die am Bauplatz einer neuen Feuerwache weichen mussten und, statt gefällt zu werden, umgesetzt wurden. Sie beschatten die südlichen Spielflächen. Eine bestehende Kieferngruppe blieb als strukturgebendes Element erhalten. 

Straßenansicht: Kita mit Holzlattenzaun und jungen Bäumen; Parkplatzschild am Gehweg.
Die Fassadenbegrünung als Hitzeschutz ist noch im Anwachsen. © KÜHNLEIN Architektur/Spahn

Nachhaltigkeitsstrategie und CO₂-Bilanz 

Die Stadt Neumarkt verfolgt seit 2018 eine eigene Nachhaltigkeitsstrategie, die auf der UN-Agenda 2030 basiert, und nahm am Modellvorhaben „Klimagerechter Städtebau“ des Bayerischen Staatsministeriums teil. Die Kita wurde als Klima- und Ökologie-Modellprojekt konzipiert und von der Bayerischen Architektenkammer mit dem Prädikat „KlimaKulturKompetenz“ ausgezeichnet. Die 2.300 lfm verbautes Holz binden langfristig etwa 3.450 t CO₂. Sie ersetzen energieintensive Baustoffe wie Beton oder Stahl. Eine regional geschlossene Lieferkette und nachwachsende Dämmstoffe verbessern die Klimabilanz zusätzlich. 

Neubau einer 6-gruppigen Kindertagesstätte

Ort:  Neumarkt i.d.OPf.
Bauherr: Stadt Neumarkt i.d.OPf.
Architektur: KÜHNLEIN Architektur, Berching
Landschaftsarchitektur: Maria Bossle Landschaftsarchitektur, Parsberg
Tragwerksplanung: KUGLER + KERSCHBAUM – Partnerschaft Beratender Ingenieure mbB, Kelheim
Fertigstellung: 11/2024
Nutzfläche: 1.362,53 qm  

DAB Redaktion

Berlin
Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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