Kindertagesstätte Burg Wichtelstein
Die Kita Burg Wichtelstein in Neumarkt in der Oberpfalz setzt auf einen geschlossenen regionalen Holzkreislauf: vom städtischen Wald bis zum fertigen Gebäude. Auf maximal 30 km Entfernung.
Die Grundlage des gesamten Bauprojekts bilden 2.300 fm Holz aus dem Stadtwald Neumarkt. Der Planungsprozess begann nicht am Reißbrett, sondern mit interdisziplinären Abstimmungen im Wald selbst. Förster, Baumfäller, Statiker und Architekten selektierten gemeinsam geeignete Stämme für tragende Konstruktionen und Fassadenbekleidungen. Die Fällung erfolgte nach dem Mondphasenkalender, um optimale Holzeigenschaften zu erzielen. Die Transportwege blieben minimal: vom Stadtwald zum lokalen Sägewerk und von dort zum nur zwei Kilometer vom Bauort entfernten Holzbaubetrieb in Neumarkt. Hölzer, die den statischen Anforderungen nicht entsprachen, wurden dem städtischen Bauhof für andere Zwecke zugeführt. Der Holzbaubetrieb richtete seine Produktion speziell für dieses Projekt auf die Verarbeitung von Stroh als Dämmmaterial aus. Die vorgefertigten Wandelemente mit doppeltem Fachwerk erreichen eine Gesamtstärke von 58 cm und sind mit gehäckseltem Stroh vom Benediktinerkloster Plankstetten gedämmt.
Aus eins mach vier
Die Architekten gliederten das Raumprogramm für 124 Kinder in vier zweigeschossige Giebelhäuser, die durch einen zentralen Erschließungstrakt miteinander verbunden sind. Die Situierung der Häuser entspricht der umgebenden Wohnbebauung aus den 1950er-Jahren. Großzügige Freiflächen bleiben erhalten und die Belichtung ist optimal. Trotz einer Firsthöhe von 11,27 m wirkt die Baugruppe nicht dominant, was durch die Hanglage und die regionalen Bautraditionen mit knapp aufsitzenden Steildächern unterstützt wird.
Fichtenbretter unterschiedlicher Breite rhythmisieren die Fassade. Auch die ganz schmalen Bretter wurden verbaut, um Verschnitt zu minimieren. Die unbehandelte, gehobelte Bretterschalung ist hinterlüftet und darf natürlich vergrauen. Die Photovoltaikmodule auf den nach Süden ausgerichteten Dachflächen erzeugen Strom, während die Nordseiten und das Flachdach mit Sedummatten begrünt wurden. Für die Begrünung des Steildachs war ein spezielles Schubsicherungssystem erforderlich. Das Gründach speichert Regenwasser und kühlt durch Verdunstung. Bei Starkregen versickert überschüssiges Wasser in Sickermulden unter den Spielflächen und entlastet so die Kanalisation.
Im Inneren treffen historische Baustoffe auf moderne Haustechnik. Die tragenden Innenwände wurden mit massiven, ungebrannten Lehmziegeln ausgefacht. Die Speichermasse stabilisiert die Raumtemperatur und reguliert die Luftfeuchtigkeit. In den Gruppenräumen reicht natürliche Querlüftung; nur Küche, Speisesaal und Turnhalle bekamen eine mechanische Lüftung. Die Akustikdecken bestehen aus eng gesetzten Holzlatten mit bündig integrierten Streifenleuchten und der Boden aus massiven Eichendielen.
Kiwi an der Fassade
An stählernen Kragarmen mit schräg abgespannten Seilen ranken Kletterpflanzen zur Fassadenbegrünung empor. Das Begrünungskonzept beschränkt sich auf Pflanzen mit essbaren Früchten: Kiwi, Weinrebe, Beerensträucher, Kräuter und Monatserdbeeren. In wenigen Jahren verschattet die Vegetation die nach Süden ausgerichteten Fassaden passiv und mindert sommerliche Wärmelasten. Die Außenanlagen integrierten sieben ausgewachsene Spitzahorne, die am Bauplatz einer neuen Feuerwache weichen mussten und, statt gefällt zu werden, umgesetzt wurden. Sie beschatten die südlichen Spielflächen. Eine bestehende Kieferngruppe blieb als strukturgebendes Element erhalten.
Nachhaltigkeitsstrategie und CO₂-Bilanz
Die Stadt Neumarkt verfolgt seit 2018 eine eigene Nachhaltigkeitsstrategie, die auf der UN-Agenda 2030 basiert, und nahm am Modellvorhaben „Klimagerechter Städtebau“ des Bayerischen Staatsministeriums teil. Die Kita wurde als Klima- und Ökologie-Modellprojekt konzipiert und von der Bayerischen Architektenkammer mit dem Prädikat „KlimaKulturKompetenz“ ausgezeichnet. Die 2.300 fm verbautes Holz binden langfristig etwa 3.450 t CO₂. Sie ersetzen energieintensive Baustoffe wie Beton oder Stahl. Eine regional geschlossene Lieferkette und nachwachsende Dämmstoffe verbessern die Klimabilanz zusätzlich.
DAB Redaktion
Das könnte Sie auch interessieren
Neues Wissen,
smarte Projekte und
inspirierende Ideen
Entdecken Sie die Welt der Architektur –
jetzt im exklusiven Newsletter!