Floating University: Der durchdachte Rückzugsort
Es blubbert und brodelt: Die Floating University war gedacht als Rückhaltebecken für Regenwasser und ist jetzt ein Ort der Sinne und Entspannung. Aber ist es auch ein Ort des Lernens – wie der Name vermuten lässt?
Einmal links, dann an Sportplätzen und parkenden Autos vorbei und dann noch mal links: Ungefähr so lässt sich der Weg zur Floating University in Berlin-Kreuzberg beschreiben. Zumindest, wenn man zu Fuß oder mit dem Fahrrad vom Columbiadamm aus unterwegs ist. Im Gegensatz zum benachbarten Tempelhofer Feld, das in Berlin als einer der Rückzugs- und Freizeitorte gilt, entzieht sich die Floating University der unmittelbaren Wahrnehmung. Hier wird die gewohnte Vorstellung vom urbanen Raum gebrochen. Denn ist man einmal angekommen, stellt sich die Frage: „Ist das noch Berlin?“
Vom Stadtraum in die Senke
Der Zugang zur Floating University erfolgt über ein hohes Stahlgerüst, das gleichermaßen Eingang, Aussichtsplattform und Schwelle darstellt. Geschmückt mit Pflanzen, Gießkannen und ergänzt durch Lautsprecher, fungiert die Konstruktion als Vermittler zwischen Stadt und Landschaft. Die mehrkanalige Klanginstallation „Hors-Sol“ des Künstlers Simon Hill begleitet diesen Übergang mit lauten und sphärischen Klängen, die an einen Sumpf erinnern. Sie wurde bereits im Rahmen des Festivals Floatopia in Kooperation mit den Studierenden der Udk Berlin an der Floating University präsentiert.
Mit dem Abstieg auf dem Baugerüst verändert sich die Raumwahrnehmung spürbar. Die Stadt und der Trubel geraten in den Hintergrund. Die topografischen Begebenheiten des Ortes verschlucken jegliche Geräusche und Störfaktoren. Die Floating University befindet sich in einem ehemaligen Regenwasserauffangbecken, einer künstlich geschaffenen Senke, die heute aber so viel mehr zu sein scheint.
Nutzungsoffenheit als Entwurfsprinzip
Hölzerne und verzweigte Stege über dem Wasserbecken und der Vegetation lassen das Gelände wie ein erschlossenes Netzwerk wirken. Sie verbinden unterschiedliche Pavillons, Plattformen und Aufenthaltsorte miteinander. Die Architektur erscheint dabei bewusst provisorisch und offen.
Überall verteilen sich bunte Stühle und hölzerne Tische, die keiner bestimmten Ordnung oder Sortierung folgen. In ihrem kräftigen Rot, Blau und Grün wirken die Sitzgelegenheiten wie ein Bruch zwischen den sonst hölzernen Elementen und beigen Dachtüchern. Das trübe Gewässer und die dichten Bäume um die Anlage herum verstärken diesen Eindruck. Die Anlage verzichtet scheinbar fast gänzlich auf festgelegte Nutzungszuweisungen. Statt klar definierter Räume und Funktionen entstehen Freiräume, die individuell genutzt werden können – ob als reiner Aufenthaltsort, Arbeitsraum, Veranstaltungsfläche oder als Rückzugsort. Insgesamt erfüllt die Floating University damit einen kulturellen und gesellschaftlichen Nutzen.
Lernort ohne Abschluss, mit Hochschulanbindung
Die Floating University versteht sich also nicht ausschließlich als architektonisches Projekt, sondern dient auch als Bildungs- und Forschungsplattform. Dies wird auf dem Gelände immer wieder sichtbar. Folgt man den einzelnen Abzweigungen, begegnet man kleinen Informationszetteln, platziert an Wänden, Tischen und Säulen. Mit kurzen Texten und QR-Codes lässt sich der Ort mit seinen einzelnen Elementen und Ausstellungsstücken genauer verstehen.
Der Bildungsansatz bleibt dabei bewusst niederschwellig. Anstelle klassischer Lehr- und Lernräume bietet die Floating University die Grundlage zum eigenen Lernen und Erkunden. Denn hier werden keine akademischen Grade oder Abschlüsse verliehen, dennoch dient der Ort durch seine Kooperation mit Bildungsstätten zur Erweiterung des Hochschulraums. Ein Kooperationspartner ist die Universität der Künste Berlin (UdK). So wird eine Schnittstelle zwischen akademischer Arbeit und öffentlichem Stadtraum geschaffen. Die Zusammenarbeit zwischen der UdK und der Floating University begann bereits 2018 mit dem Aktions-Forschungsprojekt „Making Futures Bauhaus+“ und dem Entwurfsprojekt „designing around the kitchen table“. Mit den Projekten gestalteten die Studierenden die Floating University aktiv mit.
Hierarchielose Räume, produktive Restflächen
Der Grundgedanke also: einen offenen Ort zum Lernen, Forschen und Experimentieren zu schaffen. Und das zu den Themen Klima, Stadtentwicklung und Natur. Ob mit einem offenen Pavillon, versteckten Sitzecken oder der einladenden Bar im Zentrum des Geländes: Die Architektur des Ortes schafft Raum für viele Bedürfnisse. Auch zu Beginn des Oktobers wird die Offenheit des räumlichen Konzepts geschätzt. Während einige Besuchende sich an der zentralen Bar bedienen, nutzen andere die abgelegenen Sitzbereiche für privaten Austausch. Die Architektur schafft keine klaren Hierarchien, sondern ermöglicht unterschiedliche Formen des Aufenthalts.
Die Floating University macht ihre Relevanz für aktuelle Architekturdebatten deutlich: Das Projekt zeigt, wie infrastrukturelle Restflächen als produktive Stadträume fungieren können. Es verbindet gesellschaftsrelevante Themen wie Klimaanpassungen mit neuen Konzepten für Lernorte und neuen urbanen Möglichkeiten.
Über den Floating e.V.
Über den Floating e.V.
Die Geschichte der Floating University ist lang und vielschichtig. Entstanden ist das Gelände bereits in den frühen 1930er-Jahren als Regenrückhaltebecken für das Tempelhofer Flugfeld. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es zubetoniert, dann sollte es verlegt werden und ist später in Vergessenheit geraten. Erst 2012, zur großen Weltausstellung des ehemaligen Flughafens Tempelhof, entdeckte das interdisziplinäre Architekt:innenkollektiv raumlaborberlin das Becken wieder. Seine Idee: die Wasserinfrastruktur als kulturellen und gesellschaftspolitischen Raum zu nutzen. Jetzt ist die Floating University genau an diesem Ort zu finden und bildet einen öffentlich zugänglichen Ort für kollaborative Programme, menschliche Kultur und artübergreifende Rückzugsorte.
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