Ein Haus zum Mitnehmen
Was wäre, wenn wir Gebäude wie Legosteine bauen könnten – und sie einfach wieder auseinandernehmen, wenn wir sie woanders brauchen? Ein Pavillon auf dem ehemaligen Flughafen Tegel liefert die Antwort.
Zwölf Tage. So lange hat es gedauert, das Haus abzubauen, zu transportieren und an anderer Stelle wieder aufzubauen. Es ist, als wäre es ein Möbelstück, nur eben 40 qm groß und aus 35 cbm Massivholz gebaut. Seit Ende 2025 steht der Pavillon CRCLR HUT auf dem ehemaligen Flughafen Berlin-Tegel. Es ist nicht sein erster Standort. Ein Jahr zuvor wurde er an einem anderen Ort errichtet, dann zerlegt und hierher versetzt. Das Gebäude soll beweisen, dass Häuser nicht für die Ewigkeit gebaut werden müssen, sondern für den nächsten Einsatz. Denn die Baubranche hat ein Ressourcenproblem. Immer noch werden viel zu viele Gebäude abgerissen. Beton, Stahl, Dämmmaterial, Fenster, Leitungen – all das landet auf der Deponie oder in der Verbrennung. Der Wert der Materialien? Vernichtet. Die graue Energie, die in der Herstellung steckte? Verschwendet. Das Architekturbüro Beta Realities mit Sitz in Berlin und New York sowie das Holzbau-Start-up Triqbriq aus Stuttgart wollten zeigen, dass es auch anders geht. Ihre Frage: Was wäre, wenn wir Häuser einfach auf- und wieder abbauen könnten wie Legosteine? Die Antwort steht jetzt auf dem ehemaligen Rollfeld, wo heute statt Flugverkehr die Schafe grasen.
Stecken statt kleben
Der Pavillon ist komplett sortenrein konstruiert. Es gibt keine verklebten Fugen, keine verschweißten Träger und keine vermischten Baustoffe. Alles, was verbaut wurde, lässt sich wieder lösen – ohne Qualitätsverlust. Herzstück sind die Holzbausteine von Triqbriq: mikromodulare Elemente aus Massivholz, die auf der Baustelle im Verband aufeinandergesteckt und über Buchenholzdübel miteinander verriegelt werden. Das Holz stammt aus Industrie- und Kalamitätsbeständen, also Sturmbruch, Käferholz und krummen Stämmen, die sonst kaum Abnehmer finden. Roboter schneiden es hochpräzise zu. Am Ende der Nutzungsphase eines Gebäudes können die Bausteine entnommen und vollständig wiederverwendet werden.
Neben den Initiatoren Triqbriq und Beta Realities haben zahlreiche Partner das Projekt mit ihren zirkulären Produkten ermöglicht, darunter Concular, das gebrauchte Fenster und Türen lieferte. Glapor steuerte Schaumglas aus 100 % Recyclingmaterial für die Fundament- und Dachdämmung bei. Gutex steuerte Holzfaserdämmung bei, Tarkett zirkuläre Teppichfliesen und Thermory die Holzfassade. Madaster erstellte einen Gebäuderessourcenpass, ein Materialinventar, das dokumentiert, welche Materialien verbaut wurden und wie diese wieder getrennt werden können.
Das ökonomische Potenzial?
Der ursprüngliche Aufbau im Jahr 2024 hätte ohne die Unterstützung der Partner rund 79.000 Euro gekostet. Der Rück- und Wiederaufbau des neuen Gebäudes kostet rechnerisch nur noch 28.000 Euro. Die Zahlen zeigen: Zirkuläres Bauen ist also nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll. Wenn Materialien über den Lebenszyklus eines Gebäudes hinaus weiterverwendet werden können, verändert das die gesamte Kalkulation.
Ein Testfeld für die Zukunft
Der CRCLR HUT ist nun Teil der Urban Tech Republic, die von der Tegel Projekt GmbH im Auftrag des Landes Berlin entwickelt wird. Auf dem 202 ha großen Areal des ehemaligen Flughafens entsteht ein Innovationspark für urbane Technologien mit sechs Kernthemen: Energie, Mobilität, Wasser, Recycling, neue Materialien und vernetzte Systeme. Bis zu 20.000 Menschen sollen hier einmal arbeiten, 5.000 Studierende lernen. Schon jetzt sind 40 Unternehmen mit rund 450 Beschäftigten angesiedelt. Der Pavillon hat seine eigene Geschichte auf dem Gelände. Ursprünglich wurde er für die Ausstellung „50 Jahre Flughafen – Material Culture“ im Herbst 2024 errichtet. Nach dem Ende der Schau entschied die Tegel Projekt GmbH, das Gebäude zu kaufen und an die sogenannten Test- und Experimentierfelder zu versetzen – Flächen, die für Drohnentechnologie und autonomes Fahren reserviert sind. Für die Tegel Projekt GmbH ist der CRCLR HUT ein erster Proof of Concept. Die nächste Frage: Lässt sich das Prinzip auf größere Kubaturen übertragen – nicht nur Bürogebäude, sondern auch Gewerbe und Industrie? Bis dahin wird der Pavillon für Workshops, Ausstellungen und Forschungsvorhaben genutzt. Und wenn er woanders gebraucht wird? Dann zieht er eben um. In zwölf Tagen.