„Hochschulen bilden einen wichtigen und sehr praxisnahen Nährboden für die Bauwende.“
Die Architekturlehre in Deutschland ist noch immer auf den Neubau fixiert – dabei liegt die Zukunft im Fortschreiben des Bestehenden. Prof. Dr.-Ing. Bert Bielefeld, Department Architektur, Lehrgebiet Bauökonomie und Baumanagement der Universität Siegen, über zirkuläres Denken im Entwurf, das Arbeiten mit dem Vorhandenen und Hochschulen als Experimentierfelder der Bauwende.
Bert Bielefeld
Wo sehen Sie die größten Defizite der aktuellen Architektur- und Ingenieurausbildung im Hinblick auf zirkuläres und sortenreines Bauen?
Bert Bielefeld: Die Architekturlehre in Deutschland ist noch immer primär auf den Neubau ausgerichtet. Dies müssen wir grundlegend ändern. Selbstverständlich wird es weiterhin Neubau geben, aber die Frage, wie ich als zukünftige Architekt:in bestehende Gebäude fortschreiben kann und Bauteile sowie Material hierfür zirkulär einsetze, muss in den Mittelpunkt der Lehre und des Diskurses gesetzt werden.
Was bedeutet zirkuläres Bauen konkret für Entwurfsprozesse – und was müssen Studierende dafür anders lernen als bisher?
Bielefeld: Als Architekt:innen nehmen wir eine neue Rolle in der Gestaltung ein: Das Fortschreiben bestehender Strukturen und das Arbeiten mit zirkulären Ressourcen bedingt eine neue Transformationsästhetik und neue methodische Ansätze im Entwurf auf Basis des Bestehenden und Verfügbaren. Wir definieren diesen Prozess an der Neuen Architekturschule Siegen (N_AS) mit den Prozessschritten Reset – Reshape – Reuse.
Welche Kompetenzen werden für zukünftige Planerinnen und Planer zentral, wenn Kreislauffähigkeit ernst genommen wird?
Bielefeld: Es ist wichtig, Wissen und Verständnis nicht nur für aktuelle Bauweisen und Baukonstruktionen aufzubauen, sondern Studierenden in gleicher Weise bestehende Konstruktionen und Materialien aus verschiedenen Epochen zu vermitteln. Neben diesem Basiswissen sind es vor allem methodische und experimentelle Analyseverfahren und Entwurfsansätze, die für die Arbeit mit Zirkularität und Ressourcenminimierung essenziell sind. Neubaustandards zu hinterfragen und kreativ mit Bestehendem zu kompensieren, ist essenziell für die Abkehr eines linearen Ressourcenverbrauchs im Bauwesen.
Wie können Hochschulen zu realen Lernlaboren für zirkuläres Bauen werden – gemeinsam mit Praxis, Industrie und Kommunen?
Bielefeld: In Siegen haben wir seit über 20 Jahren den Schwerpunkt auf Planen und Bauen im Bestand – eng vernetzt mit realen Aufgaben und Herausforderungen in der Region. Diese Kultur ist wichtig, um etwas nicht nur mit der abstrakten Perspektive auf die spätere Berufstätigkeit unserer Studierenden zu verändern, sondern direkt mit der Gesellschaft in einen transformatorischen Diskurs umzusetzen. Die N_AS übernimmt und arbeitet in innerstädtischen Leerständen, wir schreiben diese gemeinsam mit Studierenden fort, suchen aktiv den Austausch mit der Gesellschaft über unsere Öffentlichkeitsarbeit. Unsere Studierenden bauen und experimentieren mit zirkularem Material – dies wird wahrgenommen und erzeugt über unseren eigenen Kosmos hinaus bei vielen spürbare Motivation, sich mit den Themen der Bauwende wie Transformation und Zirkularität zu beschäftigen – was uns sehr freut! Hochschulen bilden einen wichtigen und sehr praxisnahen Nährboden für die Bauwende, denn sie können in der Regel experimenteller und freier Neues erarbeiten und erproben, als es in einem wirtschaftlich geprägten Kontext der späteren Berufstätigkeit möglich wäre.