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Architektur studieren und die Branche wechseln?

Medizin studieren heißt Ärzt:in werden, Lehramt – Lehrer:in und Architektur – Architekt:in, oder? Das stimmt so nicht. Sieben Erfahrungsberichte zeigen exemplarisch, dass viele Berufswege nach dem Architekturstudium auch wieder weg von der klassischen Architektur führen.

Lorenz Hahnheiser
10.02.2026 4min
Nachwuchs-Kolumne Bundesweit
13:02     Person mit Schürze formt an einer Tonplatte auf einer Werkbank in heller Keramikwerkstatt; im Hintergrund Regale mit Schalen, seitlich fällt Tageslicht durchs Fenster.
Blick in die Community Werkstatt Crafting Diversity, Hannover © Julia Schlenkrich Fotografie

Vor Kurzem habe ich angefangen, bei Weberbrunner Architekten zu arbeiten. Überraschenderweise bin ich dort weniger im Entwurf gelandet als in der Transformationsberatung: Ein großes Forschungsinstitut hat das Büro beauftragt, es bei der Bauwende im Bau und Betrieb seiner Gebäude zu beraten. Zu meiner Freude ist das eine spannende, zukunftsweisende Aufgabe. Klassische „Architektur“ ist das allerdings nicht. Kein Wunder, denn bei der Bauwende geht es nicht nur ums Entwerfen und Bauen, sondern auch darum, wie Prozesse, Routinen und Entscheidungen Schritt für Schritt nachhaltiger werden. Was mir mein Studium dafür mitgegeben hat, ist weniger ein konkretes Fachwissen – es sind vielmehr einige Werkzeuge: Wissen synthetisieren und aufbereiten, Prozesse gestalten, Teamarbeit und differenzierte Kommunikation.

Die Erfahrung, aus der Architektur heraus in angrenzende oder ganz andere Felder vorzudringen, machen viele nach dem Studium. Für diesen Text habe ich mit Menschen gesprochen, deren Wege sie ins Handwerk, in die Forschung, in Tech-Start-ups, in die politische Arbeit oder in selbstständige Projekte geführt haben. 

Was nehmen Architektur- und Innenarchitekturstudierende mit in fachfremde Disziplinen?

Greta hat Architektur und Städtebau studiert und betreibt heute eine Community-Töpferwerkstatt. Ihr Alltag besteht aus Organisation, Kursen, Community-Arbeit und Verkauf. Rückblickend profitiert sie dabei stark von der im Studium erlernten Methodik: „Im Architekturstudium habe ich vor allem gelernt, auf Probleme und Aufgabenstellungen kreative Antworten zu finden und Projekte von vorne bis hinten durchzudenken. Genau das ist heute absoluter Alltag in meinem Job.“

Auch Luzie ist weit vom klassischen Planungsbüro entfernt. Nach ihrem Master in Innenarchitektur und Raumkunst koordiniert sie heute ein städtebauliches Forschungsprojekt an einer Hochschule. Ihr Job ist geprägt von Kommunikation, Teamkoordination und wissenschaftlicher Arbeit. Obwohl sie kaum noch entwirft, fühlt sie sich gut vorbereitet: „Insbesondere das analytische Arbeiten, der Umgang im Team und das strukturierte Arbeiten habe ich mir eigentlich durch das Studium antrainiert, auch wenn es nur indirekt gelehrt wurde.“

Bei Leandra, die parallel zum Architektur-Master bei Stattbau und in einer Projektstelle im Bundestag arbeitet, zeigt sich das architektonische Handwerkszeug besonders deutlich in den Hard Skills. Sie nutzt regelmäßig Programme wie Adobe, Vectorworks oder QGIS für Analysen, Karten und Visualisierungen. Ebenso wichtig ist ihr geschulter Blick für Kontexte und Raumpotenziale. Für sie greifen Planung und Politik direkt ineinander: „Die Politik bedient sich der Praxis und die Praxis ist abhängig von politischen Entscheidungen.“

Paul studiert Architektur an der TU Wien und arbeitet in einem DeepTech-Start-up zur KI-gestützten Gebäudeoptimierung. „Im Großen und Ganzen besteht meine Aufgabe darin, Gebäude zu digitalisieren.“ Er trainiert KI-Modelle und automatisiert Prozesse. Neben der Softwareanwendung ist auch sein fachliches Fundament für den Erfolg der KI entscheidend. Er sagt: „Jegliches Wissen, was Plandarstellungen, Gebäudetypologien und Bauphysik betrifft, ist mehr als hilfreich.“

Chris wiederum hat Innenarchitektur studiert und ist nun Werkstattleiter am Staatstheater Augsburg. Sein Aufgabenspektrum ist vielfältig und reicht von der Koordination der Werkstätten und der Verteilung von Bühnenbildelementen über die Teilnahme an Modellpräsentationen bis hin zur Betreuung von Endproben. Dafür nutzt er die im Studium erlernten Werkzeuge direkt: „Gerade Vectorworks benutze ich häufig, um Bühnenelemente zu zeichnen.“ Auch statisches Grundwissen ist für seine Arbeit essenziell.

Annika hat nach ihrem Bachelorstudium der Architektur eine Ausbildung zur Zimmerin begonnen. Heute steht sie auf der Baustelle und lernt, wie aus Plänen reale Gebäude entstehen. Ihr theoretisches Wissen hilft ihr dabei enorm, besonders in der Berufsschule. Sie sieht das Handwerk als „wahnsinnig sinnvolle Ergänzung zum Studium“. Ihr akademischer Hintergrund ist für Annika ein bleibender Vorteil, egal ob sie künftig im Büro oder weiter auf dem Bau tätig ist. 

Der Umweg ist das Ziel

Diese Lebenswege haben gemeinsam, dass ihre Protagonist:innen alle Neues dazulernen mussten: Greta Unternehmerinnentum, Luzie Teamführung, Paul Programmieren und Annika den Umgang mit Maschinen. Leandra wiederum arbeitet sich in Immobilienökonomie und Berichtswesen ein. War der Weg über das architektonische Studium also ein Umweg? Die meisten sagen: nein. Viele würden ihr Studium wieder genauso wählen. Greta ist überzeugt, dass ihr Projekt ohne den architektonischen Hintergrund nicht in dieser Form funktionieren würde. Annika sieht die Ausbildung als Bereicherung nach dem Studium. Auch Luzie und Paul würden ihren Weg wieder gehen. Entscheidend ist weniger der geradlinige Berufsweg als die Offenheit, auch mal abzubiegen. Leandra bringt es auf den Punkt: „Zu verstehen, dass das Ziel nicht unbedingt Architektin heißen muss, nur weil man Architektur studiert, hätte ich gerne an einem früheren Punkt verinnerlicht.“

Das Architekturstudium erweist sich somit weniger als Berufsversprechen, sondern vielmehr als Schule des Denkens. Es vermittelt Raumverständnis, Strukturierungsfähigkeit und den Umgang mit Komplexität. Und das Lernen endet nicht mit dem Abschluss, sondern verlagert sich lediglich. 

© privat

Lorenz Hahnheiser

Kolumnist

Lorenz Hahnheiser schreibt über die Architekturlehre an den Unis, architekturpolitische Themen, Nachhaltigkeit und Wohnungsbau. Er hat sein Bachelor-Architektur Studium an der Leibniz Universität Hannover abgeschlossen, sammelte dann erste Bauerfahrungen und studiert nun im Master an der TU Berlin.

Er engagiert sich bei der Nachwuchsorganisation nexture+ und ist Beirat der Joanes Stiftung. Seit 2022 gehört Lorenz Hahnheiser zum Team, das die wöchentlichen Nachwuchs-Kolumnen auf DABonline schreibt.