Soziokulturelle Zentren
Nachwuchs-Kolumne: Die Große Koalition stellt bundesweit alle Projekte der „Demokratie leben“-Förderung auf den Prüfstand. Auch in der Lausitz. Das ist kein bürokratischer Akt – das ist ein Angriff auf das Fundament demokratischer Kultur in einer Region, die ohnehin kämpft.
Der Strukturwandel in der Lausitz ist seit Langem mehr als ein wirtschaftliches Problem. Viele Städte sind seit der Wende um die Hälfte geschrumpft, mit dem Kohleausstieg reißt die Bundespolitik nun ein weiteres Mal an der lokalen Identität. In dieses Vakuum drängen zwei Kräfte: ein neurechter, ausgrenzender Patriotismus – oder eine weltoffene, demokratische Kultur des Miteinanders.
Soziokulturelle Zentren sind das Rückgrat der letzteren Option. Sie geben Zugehörigkeit, bilden Netzwerke, moderieren Konflikte, betreiben demokratische Aufklärungsarbeit. Wer ihnen die Finanzierung streicht, überlässt das Feld den anderen. Wie unverzichtbar diese Orte sind, zeigen zwei Beispiele aus der Lausitz.
Räumliche Überlagerung für Zusammenhalt
Das Gleis 3 Kulturzentrum Lübbenau in Lübbenau revitalisiert ein ehemaliges Bahnbetriebswerk direkt am Bahnhof – und setzt damit bewusst ein Signal gegen das Schrumpfen. „Der Leerstand in den 1990er-Jahren in Lübbenau gab vielen das Gefühl: Der Letzte macht das Licht aus. Dem wollten wir uns unbedingt entgegenstellen“, sagt Queenie Nopper, eine der beiden Koordinator:innen.
Am Beispiel von Gleis 3 Kulturzentrum Lübbenau wird deutlich, wie räumliche Dichte soziale Widerstandskraft erzeugt. In dem Gebäudekomplex rücken neben der Moderation der Stadtentwicklung durch die Lübbenaubrücke auch noch Theater, Konzertbühne, Werkstätten, Proberäume und Eventlocation in ein gemeinsames Ensemble.
Diese Nähe schafft echte Synergien: Die Angebote existieren nicht nur nebeneinander, sie verzahnen sich funktional. So bringt etwa eine Tanzgruppe ihre Aufträge zum Kostümnähen direkt in die hauseigene Kreativwerkstatt ein. Nutzer:innen wechseln spielerisch die Rollen vom bloßen Zuschauen zum aktiven Mitwirken, indem sie etwa bei Veranstaltungen helfen oder, wenn ihnen was fehlt, selbst Programm einbringen.
Nach dem Motto „Voneinander lernen, Gemeinschaft genießen, Räume nutzen und Nachbarschaft leben“ besteht im Gleis 3 Kulturzentrum Lübbenau eine Drehscheibe, die zivilgesellschaftliches Engagement mit handwerklichem Geschick und (bau-)kulturellem Ausdruck verwebt. Es sind die Menschen, die mit Ideen und Gestaltungsneugier den Zusammenhalt im Strukturwandel festigen. Und es ist die Architektur des dicht stehenden Gebäudeensembles, die diese Alltagsdemokratie ermöglicht.
Inkubator für zivilgesellschaftliches Engagement
Die Kulturfabrik in Hoyerswerda trägt bürgerschaftliches Engagement direkt in die Stadtpolitik. Aus dem Bürgerzentrum entsprangen Initiativen wie die „Mitmachstadt“ oder die Wählergruppe „Aktives Hoyerswerda“, die heute mit vier Sitzen im Stadtrat mitarbeiten.
Stehen Veränderungen vor Ort an, lädt die Kulturfabrik die Akteur:innen samt Stadtgesellschaft ein, die Entwicklung in ihren Räumen zu diskutieren. Hier ist neutraler Boden, hier müssen keine Entscheidungen getroffen werden und Dissens wird ausgehalten. In diesem Sinne werden Konflikte in der Kulturfabrik nicht verdrängt, sondern produktiv bearbeitet.
So gibt es in Hoyerswerda zum Beispiel Stimmen, die die rassistische Gewalt von 1991 nun, 35 Jahre später, gern ad acta legen würden. Zur Kulturfabrik gehört, diesen konflikthaften Teil der Stadtidentität weiter im Bewusstsein zu halten. Geschäftsführer Uwe Proksch betont: „Es ist ein Stigma, was diese Stadt hat, zu dem man sich immer wieder bekennen muss, weil es eben tatsächlich passiert ist.“ So besteht statt Schweigen zur Geschichte ein fortlaufender Dialog über eine zukunftsgewandte und wehrhafte Identität.
Kitt der Demokratie
Soziokulturelle Zentren bieten mehr als Spaßveranstaltungen, auch wenn diese ebenso dazugehören. Sie sind Orte der Selbstwirksamkeit, der Begegnung und der Aushandlung. In Zeiten zunehmender Polarisierung übernehmen sie Funktionen, die weit über Kultur hinausgehen. Als „Dritte Orte“ ergänzen sie elementare Infrastrukturen der Demokratie. Sie schaffen Räume, in denen Beteiligung konkret erfahrbar wird – niedrigschwellig und alltagsnah. Diese Räume sind zu schützen und zu fördern.
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