„Junge Köpfe brauchen Räume“
Kammerkommentar: Marina Kuck, Vizepräsidentin der Architektenkammer Berlin, fordert früh mehr Verantwortung und faire Chancen für Berufseinsteigende in der Architektur.
Die Städte glühen. Was früher Ausnahme war, ist inzwischen Sommerrealität. Plätze werden zu Hitzeinseln, Wohnungen überhitzen, Bäume kämpfen ums Überleben. Die Klimakrise ist längst kein Zukunftsszenario mehr – sie ist Entwurfsaufgabe. Gleichzeitig stehen wir vor der Transformation eines riesigen Gebäudebestands, ringen um bezahlbaren Wohnraum und erleben, wie gesellschaftlicher Zusammenhalt und demokratische Kultur unter Druck geraten. Wer heute plant, gestaltet weit mehr als Gebäude – und entwirft damit die Bedingungen unseres zukünftigen Zusammenlebens.
Diese Zukunft liegt in den Händen Studierender, Berufseinsteigender sowie junger Planender aus allen Kammerdisziplinen. Sie arbeiten intuitiv digital, denken international und interdisziplinär und verstehen Nachhaltigkeit und Zirkularität nicht als Zusatz, sondern als Grundlage guter Planung. Sie sehen den Bestand als Ressource und Kooperation nicht als Ausnahme, sondern als Voraussetzung für gute Lösungen.
Nicht nur in Initiativen und Netzwerken fordern sie den notwendigen Wandel bereits heute ein, treffen vielerorts aber auf Strukturen, die diesem nicht gerecht werden. Lange Arbeitszeiten, vergleichsweise geringe Bezahlung und eine Kultur der Selbstausbeutung verlieren zu Recht an Akzeptanz. Gleichzeitig bleiben Wettbewerbe für junge Büros oft schwer zugänglich. Wer keine Referenzen besitzt, erhält kaum Gelegenheit, welche zu sammeln. So reproduziert die Disziplin immer wieder dieselben Perspektiven und Ideen, anstatt neue Stimmen zu stärken.
Auch die Diversität endet häufig dort, wo Verantwortung beginnt. Während die Hochschulen vielfältiger sind als je zuvor, sind die Führungsebenen vieler Büros noch immer erstaunlich männlich und weiß. Dabei entstehen die besten Lösungen dort, wo unterschiedliche Erfahrungen, Lebensrealitäten und Blickwinkel zusammenkommen und Experimente möglich sind.
Der Wandel beginnt in der Lehre, endet dort aber nicht. Klimagerechte Planung, der Umbau des Bestands und die selbstverständliche Zusammenarbeit von Architektur, Innenarchitektur, Landschaftsarchitektur und Stadtplanung müssen das Fundament der Ausbildung bilden. Ebenso wichtig ist es, jungen Planenden früh Verantwortung zu übertragen und sie selbstverständlich in Wettbewerbe, Kammern, Jurys und berufspolitische Debatten einzubinden. Wer die Zukunft der Architektur gestalten soll, muss sie auch mitgestalten dürfen.
Architektur wird die Krisen unserer Zeit nicht allein lösen. Aber sie kann Orte der Begegnung und des Zusammenhalts schaffen, Teilhabe ermöglichen und damit einen Beitrag zu einer resilienten, demokratischen Gesellschaft leisten. Die Zukunft der Architektur wird nicht erst gebaut. Sie wird heute entschieden – dort, wo wir jungen Planenden zuhören, Verantwortung teilen und den Mut haben, Wandel zuzulassen.
Zuerst erschienen in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q3/2026 für Berlin.
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