„Es geht darum, sich von dem leiten zu lassen, was vorliegt, statt dem Material eine Idee überzustülpen.“
Bauen mit dem Übrigen – DAB im Gespräch mit Christina Sonnborn, M. Sc. Architektin, Doktorandin, Bergische Universität Wuppertal
DAB: Sie bewegen sich gleichzeitig in Forschung und Praxis. Warum ist diese Verbindung für Ihre Arbeit so zentral?
Christina Sonnborn: Ich halte diese Kombination für sehr wichtig. An der Universität kann man Fragestellungen freier erforschen, gleichzeitig braucht es aber den Praxisbezug, um nicht im Elfenbeinturm zu bleiben. Gerade bei Themen wie Klimawandel und Ressourcenschutz ist diese Rückkopplung entscheidend, sonst fehlt es an Glaubhaftigkeit und einem notwendigen Transfer in die Realität.
Der Titel Ihrer Promotion lautet „Bauen mit dem Übrigen“. Warum dieser Begriff? Was verstehen Sie darunter?
Das Übrige ist im Grunde das, was wir heute als Abfall deklarieren. Also Material, das aus Rückbau, Austausch oder Abriss anfällt. Darunter verstehen wir die Wiederverwendung (Re-Use) von Bauteilen. Beim Bauen mit dem Übrigen wird dieser Blick aber erweitert. Es geht nicht nur um das, was am Ende eines Gebäudes übrig bleibt, sondern auch um das, was schon in Herstellungsprozessen anfällt – also Verschnitt oder Produktionsreste. Zudem geht es um Materialien, die als minderwertig gelten, etwa weil sie unregelmäßig sind oder nicht normiert. Was wir als Abfall bezeichnen, ist dabei stark kulturell und zeitlich geprägt. Dinge gelten als übrig, weil wir im Moment keinen Zwang verspüren, sie stofflich zu nutzen. Genau das möchte ich infrage stellen. Sehr schöne Beispiele dafür liefert der Künstler Wycliffe Stutchbury. Er sammelt im Wald heruntergefallene Äste und fertigt daraus Schindeln für Fassaden, aber auch Paneele oder Vorhänge. Diese Schindeln sind alle unterschiedlich groß, weil die Äste unterschiedliche Durchmesser haben. Er beschreibt seine Arbeitsweise als intuitiv und sagt, er lässt sich vom Material leiten.
Das finde ich einen sehr treffenden Gedanken: dass man nicht mehr die Idee dem Material überstülpt und es in eine bestimmte Form zwingt, sondern dass man sich zurücknimmt und sich von dem leiten lässt, was vorliegt. Genau diese Haltung interessiert mich auch im architektonischen Kontext – insbesondere im Umgang mit Materialien, die wir heute als „übrig“ oder minderwertig einstufen. Gerade im Bauwesen haben wir die Möglichkeit, solche Materialien langfristig zu nutzen. Wir können sie über Jahrzehnte in einem Gebäude binden und damit Ressourcen schonen. Dieser erweiterte Materialbegriff ist mir sehr wichtig, weil er den Blick weg vom Defizit und hin zu einem gestalterischen und konstruktiven Potenzial lenkt.
Wiederverwendung verändert zwangsläufig das Erscheinungsbild von Architektur. Wie gehen Sie mit dieser Frage der Ästhetik um?
Beim Bauen mit wiederverwendeten Bauprodukten habe ich auf einmal eine ganz andere Ästhetik in der Architektur. Da erzählen Materialien Geschichten, man sieht Alterungs-, Witterungs- und Gebrauchsspuren. Das kennen wir schon vom Bauen im Bestand: Nicht alle empfinden Patina, Zufälligkeit oder Unregelmäßigkeit als Qualität, die müssen wir erst mal von den Qualitäten überzeugen. Und deshalb ist eine gute Gestaltung ein ganz zentraler Hebel, denn genau dadurch entsteht Akzeptanz.
Was heißt das konkret für die Gestaltung und den Entwurfsprozess?
Es geht darum, die Potenziale aufzuzeigen – gerade die ästhetischen Qualitäten – anhand von Referenzen. Und es geht darum, Hilfestellungen zu liefern. Mein Schwerpunkt liegt auf dem Erforschen und Erarbeiten von Gestaltungs- und Konstruktionstechniken. Also auf dem Handwerkszeug, das wir als Architektinnen und Architekten brauchen, um mit einer heterogenen Sammlung an Materialien und Bauteilen arbeiten zu können.
Ein sehr einfaches, aber plakatives Beispiel sind alte Wandfliesen. Wenn diese Fliesen gebrochene Kanten aufweisen, kann ich sie nicht mehr einfach auf Stoß verlegen. Ich muss also konstruktiv und gestalterisch anders damit umgehen. Das kann zum Beispiel bedeuten, die Fliesen überlappend zu verlegen oder mit Rahmenkonstruktionen zu arbeiten. Genau solche Techniken interessieren mich, die es ermöglichen, mit solchen Materialsammlungen zu entwerfen – nicht moralisch, sondern ganz praktisch.
Sie zeigen, dass Wiederverwendung nicht zwangsläufig zu gestalterischem Chaos führen muss.
Ein Beispiel hierfür ist die Homogenisierung über Farbe. Beim Projekt Hobelwerk in Winterthur haben Pascal Flammer Architekten wiederverwendete Bauteile eingesetzt, ein heterogener Pool an Materialien. Um die Erscheinung zu vereinheitlichen, hat man sich dafür entschieden, alles weiß zu streichen. Durch diese Herangehensweise entsteht auf der ersten Wahrnehmungsebene eine homogene Gestaltung und auf der zweiten eine vielfältige Komposition unterschiedlicher Formen. Dies ist keine Verleugnung der Heterogenität, sondern eine gestalterische Strategie, um mit ihr umzugehen. Genau solche Prinzipien interessieren mich, da sie zeigen, dass Wiederverwendung nicht zwangsläufig zu einem gestalterischen Chaos führen muss, sondern dass sich durch Gestaltung neue Ordnungen schaffen lassen.
Wie vermitteln Sie diesen Ansatz in der Lehre?
Wir lassen die Studierenden das Material wirklich in die Hand nehmen. Wir bauen Eins-zu-eins-Mock-ups. Die Studierenden treffen Entscheidungen im Bearbeitungsprozess und merken dabei, was funktioniert und was nicht. Der Entwurf entsteht nicht aus einer abstrakten Aufgabenstellung heraus, sondern aus der physischen Materialsammlung, die vorliegt. Ebenso gestalten die Studierenden Fotomontagen aus den vorgefundenen Materialien. Neben der intuitiven Arbeitsweise geht es darum, aus dem bereits Erprobten zu lernen. Der Mensch war einem Materialmangel früher viel stärker ausgesetzt als wir heute und hat entsprechende Lösungen gefunden. Es gibt unglaublich viele historische Konstruktionen, die aus kurzen Holzlängen, Reststücken oder begrenzten Ressourcen bestehen. Ich glaube, wir sollten diese Konstruktionen untersuchen und auf heutige Bedingungen übertragen. Kreislaufwirtschaft ist in vielerlei Hinsicht keine Neuerfindung, sondern eine Wiederentdeckung.
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