„Die Bauwende beginnt mit dem Blick auf das, was bereits da ist“
Die junge Bremer Architektin Frida Kopka schreibt über ihr Engagement – bei Architects for Future und gegen den Abriss des ehemaligen Kaufhof-Warenhauses in der Hansestadt.
Der ehemalige Kaufhof in Bremen soll Anfang 2027 abgerissen werden. Mit rund 60.000 qm Bruttogeschossfläche ist er eines der größten Gebäude der Bremer Innenstadt. Zwei Machbarkeitsstudien aus den Jahren 2023 und 2025 kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen: Die eine zeigte Potenziale für einen Umbau, die andere empfahl den Abriss. Ende 2025 fiel die politische Entscheidung für den Neubau.
Den Bestand einfach ausblenden?
Für uns bei Architects for Future war klar: Diese Entscheidung muss kritisch hinterfragt werden. Denn wie belastbar ist eine solche Entscheidung, wenn zentrale Fragen zum Bestand und zu zukünftigen Nutzungen in der ausschlaggebenden zweiten Studie nicht ausreichend untersucht wurden?
Und was kann unser Aktivismus und Klima-Engagement überhaupt erreichen? Dabei geht es nicht nur um die Frage, ob dieses eine Gebäude erhalten, umgenutzt und umgebaut werden kann. Es geht auch darum, wie eine Stadt solche Entscheidungen trifft.
Das Bremer Kaufhof-Gebäude
Das Bremer Kaufhof-Gebäude
Das Kaufhausgebäude in der Papenstraße 5 wurde 1972 für die Kaufhauskette Horten fertiggestellt, geplant von den Bremer Architekten Morschel, Henke und Hodde. Mit 18.500 qm Verkaufsfläche war es bei seiner Eröffnung das größte Warenhaus des Horten-Konzerns. Es zeigt die klare Formensprache des funktionalen Brutalismus der 1970er-Jahre.
Die fensterlose, in gleichmäßiger Rasterordnung gegliederte Fassade basiert auf dem Fassadentyp der charakteristischen Wabenfassade, den Egon Eiermann 1961 für die Heidelberger Hortenfiliale eingeführt hatte. Die Fassade wird aus Tausenden Einzelelementen – „Hs“ aus Leichtmetall – zusammengesetzt. Entwickelt hatte es Helmut Rhode, es wurde zum wiedererkennbaren Corporate-Design-Element und prägte die Markenidentität auch am Bremer Standort. Diese Formensprache wiederholte sich bis in die Unternehmensverpackungen und Tragetaschen.
Kontrastreich zur hermetisch geschlossenen Außenform entfaltet sich im Inneren eine spektakuläre Lichtinszenierung: Der zentrale Rolltreppenlichthof ist ein zylindrischer Raum, der alle fünf Stockwerke durchdringt und mit einer 30 m hohen baumartigen Lichtstruktur aus 4.800 Glühlampen bestückt war. Sekantial angeordnete Rolltreppen setzen zur horizontalen Ausrichtung der Verkaufsflächen einen imposanten vertikalen Gegenakzent. Die Lichtarchitektur wurde durch die renommierte Kölner Firma Interlumen realisiert. Eine freigespannte Deckenkonstruktion sorgte zudem für ungewöhnliche Übersichtlichkeit der Verkaufsflächen.
Das Gebäude ersetzte das 1910 errichtete Lloyd-Haus von Johann Georg Poppe und setzte erhebliche städtebauliche Koordination voraus, einschließlich der Fertigstellung von Autobrücke und Parkhaus als Voraussetzungen der Konzessionsvergabe. Später wurde das Gebäude durch einen gläsernen Außenaufzug stärker nach außen geöffnet und in einen neu gestalteten „Erlebnisraum Innenstadt“ integriert.
Zu Beginn setzten wir auf direkte Gespräche und fachliche Argumente. Wir haben uns vorbereitet, Gespräche mit Menschen aus der Bremer Architekturszene geführt, Expert:innen der Hochschule Bremen und der Universität Hannover einbezogen, Unterlagen angefragt, die vorliegenden Studien genauer untersucht und Stellungnahmen verfasst. Diese haben wir an die Verantwortlichen in der Bremer Politik und an die stadteigene Brestadt geschickt.
Nachdem die Reaktionen darauf verhalten waren, haben wir den öffentlichen Raum gesucht. Bei einem Spaziergang rund um das Kaufhof-Gebäude betrachteten wir gemeinsam mit drei Expertinnen aus Architektur, Stadtentwicklung und Aktivismus sowie mit Bürger:innen das Gebäude und seine Bedeutung für die Innenstadt. Dabei ging es ganz konkret um die Folgen eines Abrisses, vernichtete Ressourcen und die vielen Lkw-Fahrten, die ein solcher Rückbau mitten in der Stadt mit sich bringen würde. Gleichzeitig standen die Potenziale und die Wandelbarkeit des Gebäudes im Mittelpunkt.
Eine Petition – und trotzdem ein Neubau?
Dieser Spaziergang war der Auslöser für eine Petition, die von der Architektin und Bremer Klimaschutzpreisträgerin Ute Dechantsreiter initiiert und von uns unterstützt wurde. Es folgte intensive Öffentlichkeitsarbeit, mit dem Erfolg, dass sowohl überregional als auch vor Ort intensiv über den Prozess berichtet wurde. In nur sechs Wochen kamen 2.239 Unterschriften zusammen – eine der erfolgreichsten Bremer Petitionen seit Langem und ein wichtiger Moment für uns als Team.
Im laufenden Qualifizierungsverfahren wird weiterhin primär ein Neubau erwartet. Dass ein untergeordneter Erhalt von Bestand möglich ist, findet sich lediglich als Option in einem Nebensatz der Auslobung. Noch im August wird der Petitionsausschuss tagen. Ob daraus konkrete Veränderungen im Verfahren entstehen, erfahren wir erst dann.
Vielleicht wird der Kaufhof trotzdem abgerissen. Dann wäre unser unmittelbares Ziel verfehlt. Trotzdem hat die Auseinandersetzung gezeigt, dass politische Entscheidungen nicht kommentarlos hingenommen werden müssen. Unter anderem der vielfach zitierten Aussage, „die ökologische Qualität ist demnach anhand der längeren Betriebs- und Lebensdauer des effizienteren Neubaus zu beurteilen“, musste widersprochen werden.
Was aus einem Kaufhaus werden kann
Zuletzt mit der Vortragsreihe „Rund um Kaufhäuser – Umnutzungsbeispiele aus anderen Städten“ haben wir Expert:innen zu Wort kommen lassen, die Expertise bei Kaufhausumbauten haben. In der Summe wurde eine breite öffentliche Debatte angestoßen, denn Umbau statt Abriss und Neubau darf keine Haltungsfrage sein, sondern muss verbindlicher Bestandteil unserer Bau- und Klimapolitik sein.
Genau deshalb ist Aktivismus in unserer Branche wichtig, denn Engagement kann anstoßen und verändern. Die Bauwende beginnt nicht erst mit neuen Materialien, neuen Technologien oder neuen Gebäuden. Sie beginnt mit dem Blick auf das, was bereits da ist.
Architects for Future in Bremen – und deutschlandweit
Architects for Future in Bremen – und deutschlandweit
„Architects for Future Deutschland e.V.“ ist ein bundesweit organisierter und tätiger Verein. Mit knapp 50 Ortsgruppen deutschlandweit setzt er sich dafür ein, dass der Gebäudesektor den erforderlichen Beitrag für das Erreichen der im Pariser Übereinkommen vereinbarten Klimaschutzziele leistet.
Die Bremer Ortsgruppe betreibt eine eigene Internetseite:
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