Bauen für die Bildung braucht Freiraum
Nachwuchs-Kolumne: Bildungsorte brauchen mehr Freiraum für Austausch und Aufenthalt. Eine Umverteilung des Verkehrsraums könnte neue Qualitäten schaffen – für sichere Wege und lebenswerte öffentliche Räume.
Egal, ob Campus, Schule oder Kita: An vielen Bildungsorten wird dem ruhenden Individualverkehr in unseren Städten ganz schön viel Platz eingeräumt. Ich schaue in Aachen auf einen Campus, der von Parkplätzen durchzogen ist. Zum Vergleich: Ein Pkw-Stellplatz besitzt die Quadratmetergröße eines durchschnittlichen Kinderzimmers. Sobald ein Pkw darauf steht, steht dieser Raum der Gesellschaft als öffentlich nutzbarer Raum nicht mehr zur Verfügung. Zudem wird im Umfeld von Kitas, Schulen und anderen Bildungsorten ein wenig nachhaltiges, autozentriertes Mobilitätsverhalten vermittelt, das wenig Vorbildcharakter besitzt. An vielen Schulen und Kitas wird bereits über den Verkehr diskutiert. Themen sind dabei Elterntaxis, Verkehrsprobleme und Sicherheitsprobleme auf dem Schulweg. Besonders wenn man sich die Freiräume rund um Bildungsbauten anschaut, wünscht man sich eine andere Verteilung des öffentlichen Raums.
Cycling Cities
Im letzten Monat durfte ich an der RWTH Aachen University eine Veranstaltung zur Fahrradmobilität auf dem Campus besuchen und erhielt Einblicke in den Film „Cycling Cities – Die leise Revolution der Städte“ von Ingwar Perowanowitsch. Eindrucksvoll beschreibt „Cycling Cities“, wie eine nachhaltige Verkehrswende hin zu mehr Fahrradmobilität in Städten unterschiedlichster Größe funktionieren kann. Dafür besuchte Ingwar Perowanowitsch, der mittlerweile auch ein Buch dazu veröffentlicht hat, verschiedene europäische Städte. In eindrucksvollen Bildern zeigt er, wie durch eine Umverteilung des öffentlichen Raums weg vom Auto und hin zu mehr Fahrrad- und Fußgängermobilität neue Qualitäten im Stadtinneren für Verkehrsteilnehmer:innen, Anwohner:innen und Besucher:innen entstehen können.
Städte für Menschen
Bei gelungener Fahrradmobilität denken viele wahrscheinlich direkt an Amsterdam oder Kopenhagen. Kopenhagen, das oft als Fahrradhauptstadt Europas bezeichnet wird, besticht durch sein gut ausgebautes Netz an Radwegen, architektonischen Fahrradbrücken und öffentlichen Räumen, die meist Pkw-frei sind und den Menschen und Besucher:innen der Stadt zur Verfügung stehen. Seit über zehn Jahren prägt das Buch „Städte für Menschen“ des weltbekannten, neunzigjährigen Architekten und Stadtplaners Jan Gehl die menschenzentrierte städtebauliche Entwicklung. Diese sieht eine aktivierende, anregende urbane Umgebung mit vielfältig nutzbaren öffentlichen Aufenthaltsräumen vor, weg von den reinen Transiträumen der Moderne. Kopenhagen war die letzte Station der „Cycling Cities“, nachdem zuvor verschiedene Städte wie Utrecht, Gent, Hamburg oder auch Paris besucht wurden, die sich ähnlich wie Kopenhagen einer „leisen“ Mobilitätswende verschrieben haben.
Vom Straßenraum zum Lebensraum
Paris, das sich bereits 2024 im Zuge der Olympischen Spiele als zukunftsgewandte, nachhaltige europäische Metropole präsentierte, durchlief unter Bürgermeisterin Anne Hidalgo eine beeindruckende Veränderung des öffentlichen Raums. Durch die Umverteilung des Straßenraums entstehen neue städtebauliche Strukturen, die den massiven Ausbau der Fahrrad- und Grünrauminfrastruktur priorisieren. Es wurden viele neue Stadtbäume gepflanzt und begrünte Aufenthaltsbereiche geschaffen – auch auf den Champs-Élysées, an Orten, die vormals durch Autospuren belegt waren. Kehrt man zum Ausgangspunkt, den Bildungsbauten, zurück, stellt sich die Frage, wie sich diese Veränderungen auf das Umfeld von Schulen, Kitas und Hochschulen übertragen lassen. Gerade an Bildungsorten sollten wir den Platz gemeinschaftlich besser nutzen und eine Umverteilung des öffentlichen Raums hin zu Räumen, die von Menschen zum Austausch und Aufenthalt genutzt werden können, fokussieren. Das bedeutet auch, dass Veränderungen der Stellplatzschlüssel und -satzungen sowie der politische Wille, diese umzusetzen, notwendig sind.
Veränderung beginnt im Alltag
Für resiliente, sichere und gesunde öffentliche Räume müssen wir aktive Räume schaffen, die die Aufenthalts- und Lebensqualität steigern und zu sicheren und gesunden Innenstädten beitragen.
Allen, die noch an der Notwendigkeit der Transformation unserer Städte von der autogerechten Moderne hin zu mehr Fahrrad- und Fußgängermobilität zweifeln, möchte ich dringend empfehlen, sich mit „Cycling Cities“ auseinanderzusetzen und sich davon zu überzeugen, welche Qualitäten diese „leise Revolution“ schafft.
Auch wenn der Sommer vorbei ist, kann ich nur empfehlen, mal das Auto stehen zu lassen und aufs Rad umzusteigen, um auch unsere alltäglichen Lebensräume „leise“ zu verändern.
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