Ungehobener Schatz: In Ostberlins Typenschulen schlummern Potenziale
Abriss oder lediglich pragmatische Sanierung: Ostberlins Typenschulen werden meist unterschätzt – obwohl sich daraus hervorragende Lernräume schaffen lassen, findet Architekturpublizist Gregor Harbusch.
Ganz genau weiß es niemand, aber es dürfte gut 180 Schulen der Typenserie Berlin SK im Ostteil der Stadt gegeben haben. Rund 120 davon stehen noch – ein gewaltiger Bestand relativ baugleicher Schulhäuser, der es trotz Schulbauoffensive und Umbaukultur noch nicht geschafft hat, ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken. Einen Überblick über Zahl und Zustand dieser Bauten liefert nicht die Fachliteratur – sondern Instagram. Dort betreibt Silvio Schwartz seit 2017 den Account berlin_sk68. Sein Ziel: Alle Bauten der Typenserie fotografisch zu dokumentieren und mit einem knappen Text vorzustellen.
Er habe keine Ahnung von Architektur, erklärt Schwartz am Telefon (was sich als bescheidene Untertreibung herausstellt, sobald man länger mit ihm spricht). Das Projekt sei ein reines Hobby. Tatsächlich ist es im besten Sinn Geschichtsschreibung von unten, der man anmerkt, dass der 1983 geborene Schwartz beruflich in der Wissensvermittlung arbeitet. Zudem betreibt Schwartz unter www.sk68-berlin.de eine Webseite zum Thema. Unnötig zu sagen, dass er in einem dieser Typenbauten in Marzahn zur Schule gegangen ist.
Scrollt man durch die bisherigen Beiträge, finden sich viele, zu viele Abrissmeldungen, einige arg vernachlässigte Häuser, reichlich pragmatische Sanierungen, aber nur erstaunlich wenige Objekte, bei denen architektonisch starke Eingriffe die Potenziale des Bestands für künftige Nutzungen produktiv gemacht haben.
Qualitäten und Potenzial haben die schlanken Riegel der Typenserie Berlin SK auf jeden Fall, auch wenn die Fünfgeschosser auf den ersten Blick etwas profan wirken mögen. 20 Jahre lang wurden Schulen dieses Typs gebaut, die erste 1965/66 in der Singerstraße in Friedrichshain. Das 2006/07 von huber staudt architekten energetisch ertüchtigte Haus war ursprünglich ein Pilotprojekt, das die Eignung von Elementen der Bauweise Berlin SK für den Schulbau beweisen sollte. Verantwortlich waren Wolfgang Radke und Gerhard Hölke vom VEB Berlin Projekt.
Aus dem Baujahr beziehungsweise einer Überarbeitung zwei Jahre später leiten sich die Bezeichnungen SK 66 oder SK 68 Berlin ab, die man zuweilen findet. SK steht für Skelett und verweist auf ein entscheidendes Merkmal dieser Schulen, betont die Architektin Dina Dorothea Falbe, die 2024 ihre Promotion zum „Typenschulbau in der DDR“ abgeschlossen hat. Die Berliner Schulen haben ein Stahlbetonskelett ohne tragende Innenwände. Ihre Grundrisse lassen sich deshalb leicht neu organisieren. Das unterscheidet sie (und die Bauten der damaligen Bezirke Leipzig und Cottbus) vom Gros der Typenserien, die auf Querwandbauweise setzten und sich deshalb nicht ohne Weiteres umbauen lassen.
Denkmalschutz versus Zukunftsfähigkeit?
Natürlich stellt sich die Frage des Denkmalschutzes, der für die Architektur der DDR in den letzten Jahren zu einem wichtigen Thema geworden ist, wie allein schon die vielen Unterschutzstellungen in Berlin belegen. Nicht jede Typenschule wird nach allen Regeln der Kunst denkmalgerecht zu sanieren sein. Exemplarische Bauten aber sollten unbedingt in ihrem ursprünglichen Erscheinungsbild erhalten bleiben. Falbe weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass jüngere Bauten aufgrund der zunehmenden Rationalisierung der Typenserie oft schlechter detailliert sind als ältere. Sie erwähnt auch die unterschiedlichen Fassaden. Neben der dominierenden Lösung aus Fensterbändern mit Betonbrüstungen finden sich auch fein durchgestaltete Vorhangfassaden, die an den International Style erinnern.
André Schmidt von MONO Architekten betont die räumliche Großzügigkeit des Typs, die heute so nicht mehr machbar wäre. Die schmalen Riegel werden nämlich einhüftig erschlossen, haben also an einer der beiden Längsseiten einen langen, breiten und bestens belichteten Flur, an dem sich die weitgehend gleich großen Klassenzimmer aneinanderreihen. MONO Architekten schlossen 2018 die Fassadensanierung des Bestandsgebäudes der Freien Waldorfschule am Prenzlauer Berg ab, kurz nachdem sie einen viel beachteten Hort angebaut hatten. Sie arbeiteten dabei mit einer selbsttragenden, mineralisch gedämmten Holzfassade, die sie vor den Bestand stellten. Zum Garten hin übernahmen sie die historische Fensteraufteilung, zur Straße dagegen setzten die Architekten – auch mit Blick auf Kosten und Energieeffizienz – auf eine verspielte Lochfassade mit unterschiedlich großen Fenstern. Besenstrichputz soll mit seinem Relief einen subtilen Gegenpol zur Rationalität der alten Gebäudestruktur setzen.
Flure als Lernräume
Im selben Jahr und ebenfalls für einen privaten Trägerverein schlossen Bernrieder.Sieweke-Lagemann.Architekten hinter dem Platz der Vereinten Nationen Sanierung und Umbau der Berlin Bilingual School ab. Vordächer, Außentüren und die Formsteine an der Fassade des Sanitär- und Treppenbereichs blieben erhalten, obwohl sie nicht unter Denkmalschutz stehen. Christian Bernrieder weist im Gespräch auf die plastische Präsenz des Stützenrasters hin, das man architektonisch produktiv machen könne. Die Aufteilung der Fenster in der neuen Längsfassade vor den Klassenzimmern spiegelt dieses Raster wider. Innen wiederum laden die hinter der Fassade stehenden Stützen dazu ein, die Räume informell zu zonieren. Dank intensiver Abstimmung beim Brandschutz gelang es, in den Fluren entlang der Bandfenster farbige Tische, Bänke und Podeste zu integrieren, sodass die Flure auch zum Lernen genutzt werden können.
Jüngere und zugleich tiefgreifendere Umbauten Berliner Büros findet man außerhalb der Stadt. Ein Beispiel ist die Anfang 2024 fertiggestellte Erweiterung der Grundschule „Am Annatal“ im brandenburgischen Strausberg. TRU Architekten bauten hier den kompakten, viergeschossigen Bestand bis auf den Rohbau zurück und erweiterten ihn auf ein Vielfaches seiner ursprünglichen Fläche. Gestalterisch ist der Bestand komplett integriert und für sich nicht mehr ablesbar. Ein intelligentes Brandschutzkonzept ermöglicht es auch hier, offene Flurbereiche im Schulalltag pädagogisch zu nutzen, selbst wenn keine Cluster im engeren Sinn entstanden sind.
Treppen statt Flure
Der entscheidende Unterschied zu den Berliner Projekten ist, dass es sich in Strausberg um einen Bau der Typenserie Erfurt 66/69 (in einzügiger, kurzer Variante) handelte. Die Bauten dieser in der DDR am häufigsten umgesetzten Serie zeichnen sich durch ihre Querwandbauweise und eine von Franz Schuster entwickelte, auf Treppen basierende Erschließung der Unterrichtsräume in den langen Riegeln aus, die auf Flure weitgehend verzichtet – eine Herausforderung für alle, die ein solches Haus fit für die Zukunft machen möchten.
Faltwände für flexible Flächen
Was mit den Skelettbauten des Berliner Typs alles machbar ist, wenn die Verantwortlichen das nötige Engagement mitbringen, kann man sich hoffentlich in einigen Jahren an der Evangelischen Schule Berlin Zentrum in der Wallstraße ansehen. Die Büros BeL Sozietät für Architektur aus Köln und Rabe Landschaften aus Hamburg werden dort zwei parallele Bestandsbauten umbauen. Im November 2024 haben sie ein Werkstattverfahren mit drei weiteren Teams für sich entschieden. Geplant ist, die Erdgeschosse und Souterrains der beiden Bauten zum Garten dazwischen zu öffnen. Das Entfernen von Innenwänden und der Einsatz von Faltwänden und Vorhängen soll in den Häusern Flächen schaffen, die flexibel zu bespielen sind. Das hintere der beiden Häuser soll außerdem um eine gut 5 m tiefe Raumschicht erweitert und sein Grundriss neu organisiert werden, sodass echte Cluster entstehen. Auch hier ist es mit der Evangelischen Schulstiftung eine private Trägerin, die den Mut hat, ihren Bestand anspruchsvoll zu entwickeln.
Und die Berliner Schulbauoffensive des Senats? Sie hat zwar keine Berührungsängste, wenn es um Typisierung im Neubau geht, doch die Typenserie Berlin SK hat sie nicht als kreatives Spielfeld pädagogisch und architektonisch engagierter Umbaukultur identifiziert. Das ist mehr als bedauerlich angesichts der planerischen Potenziale zwischen radikalem Umbau und denkmalgerechter Ertüchtigung, die sich bei den weit über 100 Schulbauten dieser Art auftun.
Erstveröffentlichung in „Architektur Berlin I Building Berlin Band 15“
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