Deutsches Architektenblatt Logodab-logo
Finden Sie genau die Themen,
die Sie interessieren

Die beliebtesten Themen:

Deutsches Architektenblatt Logodab-logo Deutsches Architektenblatt Logodab-logo-description

„Was kann KI für uns tun? Das ist meine Philosophie und meine Forschungsfrage.“

Ayse Glass hat klassisch Architektur studiert – mit Bleistift, Rapidograph und manuellen Akustikberechnungen. Heute ist sie Vertretungsprofessorin für Künstliche Intelligenz und Digitale Methoden an der HafenCity Universität Hamburg. Sie leitet Forschungsprojekte zu digitalen Zwillingen, synthetischer Datengenerierung und KI-gestützter Mobilitätsplanung. Im Gespräch erklärt sie, warum KI für sie ein Werkzeug wie jedes andere ist, was das mit einem Konzertsaal zu tun hat und warum eine Person, die KI versteht, mächtiger ist als eine, die es nicht tut.

Dr. Ayse Glass

Architektin

Dr. Ayse Glass ist promovierte Architektin. Ihr Spezialgebiet ist die Akustik sowie das algorithmische und generative Design. Nach dem Architekturstudium absolvierte sie einen Master im Fachbereich Bauphysik und Materialwissenschaft mit Schwerpunkt Konzertsaalakustik. Im Rahmen ihrer Promotion in der Bautechnik entwickelte sie zusammen mit einem Informatiker ein aktives Simulationsprogramm zur Analyse der Datengenerierung für die Designoptimierung. Seit 2025 ist sie Vertretungsprofessorin für „Künstliche Intelligenz und Digitale Methoden“ an der HafenCity Universität Hamburg.

HafenCity Universität Hamburg 
Linkedin-Profil 

30.04.2026 8min
KI Bundesweit

DAB: Frau Glass, KI ist gerade das beherrschende Thema in fast jeder Branche. Wie würden Sie jemandem erklären, was KI überhaupt ist?

Ayse Glass: KI ist ein Werkzeug, wie ein Stift oder ein 3D-Programm. Es kann aus Daten lernen, Muster erkennen und die nächsten Schritte vorschlagen. Zeichne ich drei Linien, kann KI die vierte antizipieren. Das ist die Kernaufgabe.

Das klingt weniger revolutionär, als es gerade oft dargestellt wird.

Weil es das auch nicht ist, zumindest nicht in dem mystischen Sinne, den viele meinen. Ich vergleiche es gerne mit der Entwicklung vom Stift zum 3D-Programm. Mit dem Stift konnte man keine Ecken sehen. Mit dem 3D-Modell hingegen schon. Mit KI kommen wir jetzt eine Dimension weiter.  

Das Modell kann uns beispielsweise sagen, ob ein Gebäudewinkel für Solarenergie optimal ist, wie sich Fahrradwege auf Mobilitätsmuster auswirken oder wie sich ein Quartier in 20 Jahren entwickeln könnte. Unsere 3D-Modelle können mit uns interagieren. Das ist neu, aber kein Zauberstück.

Wann sollte man KI einsetzen – und wann besser nicht?

Das hängt vom Problem ab. Und vom Budget. Und von der Sensibilität der Daten. Für meine Doktorarbeit wollte ich ursprünglich einen Konzertsaal entwickeln, der sich akustisch selbst anpasst. Je nachdem, ob ein Streichquartett oder eine Rockband spielt, sollte die Architektur variieren. Ich wollte das mit KI lösen. Am Ende kam ich mit klassischer Berechnung zum besseren Ergebnis.  

Das Programm generiert, simuliert und generiert erneut, um konkrete, überprüfbare Resultate zu liefern – keine Blackbox. Seitdem ist es mein Credo, erst das Problem zu verstehen und dann zu entscheiden, ob KI das richtige Mittel ist. Viele Architekturprobleme lassen sich mit reiner Berechnung lösen. Aber wenn wir KI haben und sie hilft, warum nicht?

Und wann ist es das richtige Mittel?

Bei der Analyse großer Datensätze, bei Prognosen und bei der schnellen Exploration von Entwurfsvarianten. Wenn ich als Designerin beispielsweise sofort sehen möchte, wie eine Idee im Raum wirkt, kann KI das innerhalb weniger Sekunden visualisieren. Oder für die Stadtforschung. Mobilitätsmuster verstehen, Wartungsbedarfe an Infrastruktur vorhersagen, Taktzeiten optimieren – da liefert KI erstaunliche Ergebnisse. Wir müssen sie nicht benutzen. Aber es wäre schön, wenn wir es könnten. 

ANZEIGE
ANZEIGE

In Ihrer Lehre gehen Sie einen ungewöhnlichen Weg. Wie sieht ein Seminar bei Ihnen aus?

Ich sage den Studierenden, sie sollen ein Werkzeug bauen, irgendein Werkzeug. Es kann für Architektur, Musik, Medizin oder das eigene Leben sein. KI darf eingesetzt werden, muss aber nicht. Die Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg ist ausdrücklich erwünscht. Die einzige Bedingung ist, dass sie am Ende etwas Echtes in der Hand haben: ein funktionierendes Produkt, das sie selbst programmiert haben.

Was entsteht dabei?

Zuletzt zum Beispiel ein Algorithmus, der Architektinnen und Architekten beim Kofferpacken hilft: Welche Bücher und Materialproben sind für welche Reise geeignet, etwa nach Wien, nach Japan oder nach Tel Aviv? Das ist sehr durchdacht und schön umgesetzt.  

Eine andere Studentin hat ein Entspannungstool entwickelt. Man klickt auf Wolken, wenn man eine Aufgabe abgeschlossen hat. Das klingt simpel, aber dahinter steckt echte Programmierlogik, die auf elegante Weise gelöst wurde. Ich hatte Freude daran. Oder die Brückengenerierung oder Tools für die Stadtplanung. Die Bandbreite ist enorm.

Das ist eine vollwertige Prüfungsleistung?

Ja, und für mich die beste überhaupt. Die Studentin hat dabei gelernt, zu coden, eine Idee zu entwickeln, sie zu strukturieren und umzusetzen. Sie kann das jetzt. Sie hat ein echtes Produkt in der Hand. Ich habe meine Lektion abgeschlossen.

Forschungsprojekt FPOplus

FPOplus entwickelt eine KI-basierte Lösung zur Optimierung von Fahrplänen im Nahverkehr und zur Verfolgung von Fahrgastbewegungen in Echtzeit. Herzstück ist ein digitaler Zwilling des Bahnhofs, der Daten aus 5G-Netzwerken, Sensoren und einer Indoor-Navigations-App zusammenführt. KI-Vorhersagemodelle nutzen diese Daten, um Engstellen zu prognostizieren, Verspätungen zu reduzieren und die Kapazität urbaner Infrastrukturen besser auszuschöpfen. Als Ergebnis entsteht ein Nahverkehr, der schneller auf Veränderungen reagiert, und Fahrgäste, die sich auch in unbekannten Bahnhöfen sicher orientieren können.

Projektbeteiligte: HafenCity Universität Hamburg (HCU) Ökonomie und Digitalisierung, Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU), Universität zu Lübeck (UzL), Technische Universität Hamburg (TUHH), Breuer Nachrichtentechnik GmbH, S-Bahn Hamburg & DB Lightgate

Förderung: Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung, Förderinitiative InnoNT

Wo ist die stärkste Reibung mit der klassischen Hochschullehre?

Multidisziplinarität. In meinen Kursen dürfen Studierende mit jedem zusammenarbeiten, mit dem sie möchten – egal ob aus den Bereichen Informatik, Geografie, Musik oder Management. Ich lade Spezialistinnen und Spezialisten von außen ein. Im Bereich Cybersecurity kommen Chip-Maker, im Bereich Management kommen Leute aus NGOs und Unternehmen. Und ich lasse ihnen volle Ausdrucksfreiheit. Wer nicht selbst sprechen möchte, kann mir einen KI-Agenten schicken, der für ihn redet. Voraussetzung ist, dass sie ihn selbst programmiert haben. Das ist in traditionellen Studiengängen so nicht vorgesehen.

Sie unterrichten auch Management und Innovation. Warum?

Weil ich möchte, dass sie die komplette Pipeline kennen, vom ersten Code bis zur Frage, wie daraus ein Produkt oder ein Geschäftsmodell entstehen kann. Nicht weil alle Unternehmerinnen oder Unternehmer werden sollen, sondern weil dieses Wissen überall hilft: im Büro, in der Verwaltung, in der Forschung. Ich denke, Architektinnen und Architekten können alles. Sie haben Planungskompetenz, Kreativität und das Denken in Systemen. Wenn sie zusätzlich lernen, zu coden und mit KI zu arbeiten, entsteht etwas sehr Mächtiges.

Sie betonen, dass Studierende KI nicht einfach benutzen, sondern verstehen sollen. Was ist der Unterschied?

Eine Person, die KI versteht, ist mächtiger als eine, die es nicht tut – aber nur, wenn sie wirklich versteht, was das Werkzeug kann und was nicht. Meine zentrale Forschungsfrage lautet: Was kann KI für uns tun? Nicht: Was passiert, wenn wir KI einfach machen lassen.

Wie vermitteln Sie das konkret?

Indem ich zeige, wie es schiefgehen kann. Wer KI blind einsetzt, verliert den Überblick über das eigene Projekt. Wer KI hingegen versteht, kann sie gezielt einsetzen und weiß, wann klassische Mathematik die bessere Wahl ist. Das Werkzeug ist nur so gut wie das Verständnis derjenigen, die es benutzen.

Gilt das auch für die Forschung?

Gerade dort. Im FPO+-Projekt testen wir verschiedenste KI-Methoden, aber immer mit der Frage im Hinterkopf, welchen konkreten Nutzen das für das menschliche Leben hat. Macht es die Stadt besser, die Mobilität verlässlicher und den Alltag der Menschen einfacher? Wenn die Antwort nein lautet, interessiert mich das Verfahren nicht. 

Forschungsprojekt Plattform Data Fusion Generator für die Künstliche Intelligenz (DaFne)

DaFne – Plattform Data Fusion Generator – entwickelt eine flexible Plattform zur Generierung synthetischer Daten für KI-Anwendungen. Der Hintergrund: Für das Training von KI-Modellen fehlen häufig ausreichend Daten – sei es aus Datenschutzgründen oder weil sie schlicht nicht erhoben wurden. DaFne schafft Methoden, mit denen sich solche Lücken durch hochwertige, synthetisch erzeugte Daten schließen lassen, erprobt unter realen Bedingungen im Bereich Smart Cities.

Projektpartner: HafenCity Universität Hamburg – Digital City Science, Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover, Technische Universität Dresden, Hamburger Informatik Technologie-Center e. V, Sopra Steria SE, Ströer Core GmbH & Co. KG

Förderung: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) 

 

DaFne-Publikationen:  

Evaluating Tabular Data Generation Techniques on the DaFne Plaform: Insights from a Predictive Maintenance Case Study on Bridges. In: Proceedings of Ninth International Congress on Information and Communication Technology – ICICT 2024, London, Volume 5. Springer Singapore, 2024[, 611–628].

Innovative Urban Design Simulation: Utilizing Agent-Based Modelling through Reinforcement Learning. In: Proceedings of the 2023 Sixth International Conference on Computational Intelligence and Intelligent Systems (CIIS '23). Association for Computing Machinery, New York, NY, USA, 20–25. 

DaFne: Data Fusion Generator and Synthetic Data Generation for Cities, Part of the Smart Innovation, Systems and Technologies book series (SIST, volume 354). 

Synthetic Pedestrian Routes Generation: Exploring Mobility Behavior of Citizens through Multi-Agent Reinforcement Learning, Procedia Computer Science 207 (2022), 33ti1–33ti9.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft?

Mehr Frauen in KI und Engineering. Das ist für mich keine Wunschvorstellung, sondern eine Notwendigkeit. KI verändert aktuell die Welt, und diese Veränderung braucht weibliche Perspektiven. Die jetzt getroffenen Entscheidungen betreffen uns alle. Frauen müssen an diesem Tisch sitzen.  

Ich habe eine offene Tür. Jede Studentin kann zu mir kommen, egal ob es um Karrierefragen oder technische Probleme geht. Ich weiß, wie wichtig Vorbilder sind. Ich war selbst schon in Situationen, in denen mir ein solches Vorbild geholfen hätte.

Und politisch?

Deutschland sollte eine ernsthafte Tech-Agenda entwickeln und ein globaler Entscheider in KI-Fragen werden. Wir haben die Ingenieurskultur, die Forschung und die Universitäten. Dazu will ich beitragen – mit meiner Forschung, meiner Lehre und mit dem, was ich jeden Tag tue.

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

Bauen Sie Ihre
Zukunft – jetzt
Stellen entdecken

Das könnte Sie auch interessieren

Halbnahes Porträt einer lächelnden, älteren Frau mit schulterlangem, rötlichem Haar und runder Brille; sie trägt ein hellblaues Sakko über einem kräftig blauen Rollkragenpullover und blickt direkt in die Kamera. Unscharfer Hintergrund mit weißen Architekturmodellen vor einer gemusterten Tapete.

Digitaler Zwilling Saarland

Das Umweltministerium und das Landesamt für Vermessung, Geoinformation und Landentwicklung haben das Projekt „Saarland 3D“ vorgestellt. Doch welchen Nutzen hat der digitale Zwilling für Planende der Fachrichtungen Architektur, Stadtplanung und Landschaftsarchitektur? Ein Gespräch mit der saarländischen Umweltministerin Petra Berg.

23.04.2026
Zwei Personen stehen an einem runden Tisch mit weißem Architekturmodell; eine Person gestikuliert, hinter ihnen ein Roll‑up „Architektenkammer Nordrhein‑Westfalen“.

Digital Mondays – Wie KI und digitale Methoden das Planen verändern

Die siebte Staffel der Digital Mondays der Architektenkammer NRW zeigte eindrücklich, wie stark digitale Technologien die Architektur- und Planungswelt verändern.

Meldungen Nordrhein-Westfalen
29.04.2026
Handwerker mit Schutzbrille und Handschuhen arbeitet mit einem Bohrhammer am Türdurchbruch in einem Innenraum.

Ein KI-Werkzeug für das zirkuläre Bauen

Im Bauwesen klafft häufig eine Wissenslücke. Sie zeigt sich dort, wo ambitionierte Leitbilder auf regulatorische Anforderungen und konkrete Projektentscheidungen treffen. An dieser Stelle setzt der KI-Chatbot des Circular Construction Hub der IBA’27 an.

Bautechnik Bundesweit
10.02.2026
Mann mit dunklem Hemd und beiger Hose steht vor einer Glasfront mit Blick auf Garten und Bäume.
Geschwungene Holzstruktur mit parallelen Linien, die eine organische, fließende Form bilden.
Freitreppe mit grasbedeckten Seitenflächen vor einem modernen, geschwungenen Gebäude mit weißer Fassade und dunklem Unterbau.
Blick über eine große, gepflasterte Fläche auf ein modernes Gebäude mit schrägen Stützen und Glasfassade, im Hintergrund Stadtgebäude und Bäume.

Neues Wissen,
smarte Projekte und
inspirierende Ideen

Entdecken Sie die Welt der Architektur – 
jetzt im exklusiven DAB Update!

Bitte gültige E-Mail-Adresse eingeben. Bestätigung der Datenschutzerklärung ist erforderlich.