Postwachstumsstadt
Nachhaltigkeit und turbogetriebenes Wachstum sind nicht vereinbar. Die Bauwende braucht ein wachstumskritisches Fundament.
Städtebausimulatoren wie SimCity oder Cities: Skylines machen unglaublich Spaß: Städte können am Reißbrett erstellt werden, jeder isometrisch dargestellte Quadratzentimeter des Bildschirms wird dann zugepflastert, -geteert und -gebaut. Die vom Computerspiel gesetzten Ziele sind Einwohnerzuwachs und Flächeninanspruchnahme, durch Ausweisung von Neubaugebieten, Infrastruktur- und Straßenbau und Steuersenkungen wird das Wachstum angekurbelt. Die Grafik wurde seit den ersten Simulatoren deutlich verbessert, die Logik blieb jedoch gleich: Als Ergebnis hat sich Flächenwachstum in die mentalen Infrastrukturen von Millionen von Teenagern (die heute nicht selten in Architektur oder Planung arbeiten) als das unerschütterliche Idealbild von Stadtentwicklung eingeschrieben. Doch angesichts planetarer Grenzen müssen Architektur und Planung diesen internalisierten Wachstumsglauben unbedingt problematisieren und abschütteln.
Postwachstumspositionen treten an, um die gegenwärtig omnipräsente Wachstumsfixierung zu reduzieren. Wirtschaftswachstum wird dabei „dezentriert“, also in seiner dominanten Rolle abgeschwächt, während jene Kriterien an Relevanz gewinnen sollen, die sich an Gemeinwohl und planetaren Grenzen orientieren. Obwohl sich die Stadt- und Planungsforschung seit jeher intensiv mit Dynamiken des Wachstums und der Schrumpfung auseinandersetzt, ist es verwunderlich, dass eine explizite Debatte über die sozial-ökologischen „Grenzen des Wachstums“ der Urbanisierung erst spät einsetzte. Unser Ziel ist es, diese Lücke mit dem Projekt Postwachstumsstadt zu schließen.
Jüngst äußerte ein Student in meinem Seminar Bedenken, ob dieser „utopische, 2019er-Degrowth-Optimismus“ noch eine Berechtigung habe, gerade angesichts des von der Bundesregierung beschlossenen Bau-Turbos. Dieser stellt die Weichen unmissverständlich auf Neubau, Planungsbeschleunigung, städtisches Wachstum – auf Kosten von Umwelt- und Naturschutz, strategischer Siedlungsentwicklung und Planungs- und Beteiligungskultur. Architektenkammern oder Umweltverbände sprechen mit ihrer deutlichen Kritik an der Novelle des Baugesetzbuchs relevante Punkte an. Dennoch hilft uns erst eine explizite Postwachstumsorientierung, die zugrunde liegenden Probleme umfassend zu adressieren. Wohlgemerkt: Nicht aus akademischer Besserwisserei, sondern mit dem Ziel der Bündelung von Ressourcen und der Bildung von Allianzen kann die Bauwende durch die Postwachstumsstadt-Debatte geschärft und konzentriert werden. In meinen Augen sind dabei zwei Punkte elementar:
Einerseits stellt sich die Wohnungsfrage heute, nach Jahrzehnten wachsender individueller Wohnfläche, weniger als Frage des Mangels denn der Fehlallokation. Viele Menschen in Deutschland leben auf zu viel Fläche. Ein Umzug in eine kleinere Wohnung ist zu teuer und zu kompliziert, Beratung und Förderung fehlen. So bleibt Wohnfläche unpassend verteilt. Die Bündelung zivilgesellschaftlicher, unternehmerischer und staatlicher Ressourcen kann hier enorme Hebelwirkung entfalten – gerade angesichts des Potenzials von Millionen Quadratmetern unsichtbaren Wohnraums.
Andererseits baut eine wachstumskritische Bauwende endlich die Brücke zu einem Politikfeld, das von Architekt:innen wie Planer:innen häufig vermieden wird: Finanzpolitik. Nach Jahrzehnten neoliberaler Deregulierungen in der Wohnungspolitik bezahlen Mieterinnen und Mieter börsennotierter Konzerne laut Finanzwende Recherche im Schnitt 41 % ihrer Miete an die Aktionärinnen und Aktionäre. Auch damit Wohnraum nicht Reiche reicher und Arme ärmer macht, sollten wir städtische Postwachstumspolitik vorantreiben.
Dieser Artikel erschien in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q1/2026.
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