Brücken bauen – auf verschiedenen Ebenen
Der 9. Brandenburgische Baukulturpreis wurde am 15.12.2025 in Potsdam verliehen. Architekturkritiker Jürgen Tietz, der die Preisverleihung moderierte, ordnet ein.
In seinem zauberhaften Buch „Das Bewusstsein des Ortes“, das im Schweizer Quart-Verlag erschienen ist, gibt der aus Bangladesch stammende Architekt Kashef Chowdhury eine undogmatische Definition für Baukultur: „Im Gegensatz zu den meisten anderen Kunstformen – von der Literatur bis zum Film, von der Malerei bis zur Musik – kann die gebaute Architektur nicht an einer Wand ausgestellt, in ein Archiv aufgenommen oder einfach transportiert werden. Von wenigen Ausnahmen abgesehen ist die Architektur für immer mit dem Ort verbunden, an dem sie steht. Und mit seinem Klima, seinem Wind, seinem Licht, seiner Flora und Fauna und seinen Menschen.“ Dieses Plädoyer für eine Architektur der Sinne, die mit den Menschen verbunden ist, kann als Motto über dem diesjährigen Brandenburgischen Baukulturpreis stehen, der am 5. Dezember 2025 in Potsdam von der Brandenburgischen Architektenkammer, der Brandenburgischen Ingenieurkammer sowie dem Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung des Landes Brandenburg (MIL) vergeben wurde. Alle eingereichten und ausgezeichneten Projekte sind hier ausführlich digital zu besichtigen.
Der diesjährige Träger des Brandenburgischen Baukulturpreises erweist sich nicht nur topografisch als Brückenschlag. Die neue Eisenbahnbrücke über die Oder bei Küstrin von Schüßler-Plan, Knight Architects und Schlaich Bergermann Partner entstand in grenzüberschreitender Zusammenarbeit zwischen der Deutschen Bahn AG und der polnischen Staatsbahn PKP. Dass innovative Ingenieurleistungen einen wichtigen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten können, beweisen die vorgespannten Zugglieder aus Carbon, die anstelle herkömmlicher Flachstahlhänger zum Einsatz kamen. Dadurch konnte das Eigengewicht der Brücke wesentlich reduziert werden. Die Materialeinsparung und die besseren Eigenschaften der Zugglieder aus Carbon reduzierten zudem deutlich die Baukosten sowie den künftigen Aufwand bei der Unterhaltung des Brückenbauwerks. Die Jury des Brandenburgischen Baukulturpreises, der unter anderem der Präsident der Brandenburgischen Architektenkammer Andreas Rieger sowie die Architektin Bärbel Kannenberg angehörten, deren Büro Kannenberg und Kannenberg bereits zwei Mal mit dem Baukulturpreis ausgezeichnet worden war, urteilte, dass die Küstriner Oderbrücke sich mit ihrer schlanken Form und Gestaltung ideal in das Landschaftsbild einpasst: „Sowohl ihre ästhetische Gestaltung als auch die technische Innovation machen dieses Bauwerk einzigartig und sind ein Sinnbild für das Zusammenwachsen Europas.“
Mit Bestand im Bestand
„Sich von der reichen Baukultur inspirieren zu lassen, bedeutet Wasser aus den tiefsten Gletschern zu schöpfen – es ist das älteste und zugleich frischeste Wasser. Wenn wir uns von unserer Baukultur inspirieren lassen, gilt es aber auch, äußerst vorsichtig zu sein, um nicht dem Kitsch anheimzufallen. Das Volkstümliche gehört zum Volkstümlichen, nicht zum Zeitgenössischen – es zu kopieren, hieße, ihm den Lebensatem zu rauben. Inspirierte Architektinnen und Architekten müssen ein- und ausschließen, auswählen und destillieren, denn neue Architektur, die vom Goldstaub der Geschichte und dem Geist des Alltäglichen umweht ist, stellt ein einzigartig aufregendes Phänomen dar.“ In diesem von Kashef Chowdhury formulierten Geist vergab die Jury ihre beiden Sonderpreise. Feldhusen Fleckenstein Schwarz Architekten (ff-Architekten, Berlin) wurden für ihre Sanierung und den Umbau des Rathauses in Frankfurt (Oder) mit einem Sonderpreis für öffentliches Bauen im Bestand geehrt. Mit ihrer Intervention haben sie einen neuen, skulptural wirkenden Innenhof in dem Baudenkmal geschaffen, der eine freundliche Empfangssituation für die Besucher des Hauses schafft, das in seinem Kern bis auf das Mittelalter zurückgeht. Ebenfalls mit einem Sonderpreis wurde das Projekt LIF – Leben im Fläming ausgezeichnet. Es ist am Stadtrand von Bad Belzig entstanden, der ansonsten durch eine lockere Einfamilienhausbebauung geprägt wird. Die klare Architektur der Holzkuben und die vorgesetzten Stahlbalkone haben Praeger Richter Architekten aus Berlin entworfen. Bei diesem Projekt hob die Jury das „ausgereifte ganzheitliche Konzept für Energie, Wasser und Flächen sowie die materialgerechte Holzkonstruktion mit lebenszyklusbasierter kreislaufgerechter Konstruktion“ hervor.
Vergeben wurden zudem zwei Anerkennungen für ländliches Bauen im Bestand im Rahmen des Baukulturpreises. Wie man unter erheblichem Aufwand die Reste eines einstigen Vierseithofs erhält und wieder nutzbar macht, haben Katharina Löser (Löser Lott Architekten) und Daniel Groß am Beispiel eines Feldsteinhauses in Gerswalde in der Uckermark vorgeführt. Ebenfalls mit einer Anerkennung prämiert wurde der Umbau der stählernen Kuhdammbrücke in Wustermark (Generalplanung: VIC Planen und Beraten GmbH, Potsdam) aus den 1990er-Jahren. Anstatt das Bauwerk abzureißen, was dem ansonsten üblichen Vorgehen entsprochen hätte, hat man die Brücke demontiert, aufgeschnitten und um eine Fahrspur verbreitert. Die Konsequenz ist eine Einsparung von rund 75 Prozent der Kosten, die für einen Neubau angefallen wären, und von jeder Menge Stahl.
Den diesjährigen Engagementpreis erhielten der Regionalhistoriker Heinz Dieter Lohrer und der Denkmalpfleger Gordon Thalmann für ihren Einsatz bei der Rettung der Kuhburg in der Prignitz. Die Ruine aus dem späten 15. Jahrhundert, die in einer Baumgruppe auf einem Acker versteckt war, wurde wieder sichtbar gemacht, wofür der Architekt Jan Bodenstein eine bauliche Lösung formulierte. Die Jury lobt, dass diese Spuren der Geschichte vor dem Verfall geschützt „und durch kluges Marketing wieder ins Bewusstsein“ gerufen wurden. Durch den Einsatz von Heinz Dieter Lohrer und Gordon Thalmann ist es gelungen, die „oft unscheinbaren baulichen und archäologischen Reste unserer Kulturgeschichte“ erlebbar zu machen, die „auf den ersten Blick keinen wirtschaftlichen Nutzen zu haben scheinen.“
Regionale Kraftzentren
Die erste Stufe der Auszeichnungen im Rahmen des Brandenburgischen Baukulturpreises stellen die Nominierungen dar. Das neue Synagogenzentrum Potsdam von Haberland Architekten Berlin setzt nach einer sehr langen Entstehungszeit ein sichtbares Zeichen jüdischen Lebens im Herzen der Landeshauptstadt. Es ist ein bemerkenswertes Gebäude, das sich mit seiner Hülle aus sandfarbenen Ziegeln als Schatzkästlein erweist, würdevoll und poetisch. Sein Herzstück bildet im Inneren der Raum der Synagoge aus hellem Eichenholz mit einer Lichtöffnung an der Decke. Die leicht geschwungenen Seitenwände rufen dabei die Erinnerung an das Stiftszelt wach, den Vorläufer des Tempels. Die Jury lobt die funktional gut gegliederte Struktur: „Zeichenhaft und doch selbstverständlich in der Form und in dem verwendeten Material fügt sich das Haus von Haberland Architekten mit seiner Vielfalt ikonographischer Elemente in den städtischen Zusammenklang Potsdams.“
Der Lichtstein in Zerpenschleuse von Tillmann Wagner, Berlin, lässt sich vom Material und der Kraft des Ortes inspirieren. Errichtet aus den vorhandenen Ziegeln einer alten Remise hat Wagner einfach neu- und weitergebaut. Entstanden ist ein kleines Haus in einem Hof, der entsiegelt wurde. Die Kubatur des Neubaus entspricht den Abstandsflächen und respektiert zugleich das Bodendenkmal des Ortes. Es ist ein Haus, das eine abgeformte Erinnerung an den Ort in Form der Betonwand und dem Wasserbecken in sich trägt, in dem das Regenwasser aufgefangen wird. Im Inneren des Lichtsteins entsteht mit Holz und Lehmputz sowie einer rauen Schalung der Decke ein besonderer Alterssitz, sehr dicht und zugleich sehr poetisch, mit viel Liebe zum Detail.
Diese Kultur des selbstverständlichen Weiterbauens kennzeichnet auch die denkmalgerechte Sanierung und Modernisierung der alten Brennerei in Golzow durch Bernrieder . Sieweke Lagemann . Architekten BDA GmbH, Berlin (Innenarchitektur AIL–Centralstudio). Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden und mehrfach umgebaut, haben Bernrieder. Sieweke Lagemann die vorhandenen Um- und Einbauten aus der vorhergehenden Sanierung der 1990er-Jahre in die neue Nutzung als Schulungsgebäude durch die Agrar Planetal GmbH Golzow integriert und zugleich den Bestand durch kluge Interventionen schonend für die neue Funktion hergerichtet. Daher lobt die Jury: „Die Wiederverwendung vorhandener Baustoffe und die Herstellung neuer Elemente in traditioneller Handwerkstechnik gehören zum Grundprinzip der Sanierung. So ist ein überzeugender Mix aus historischem Zeugniswert und moderner Funktionalität entstanden.“
Der Brandenburgische Baukulturpreis 2025 zeigt, wie Architektur Orte prägt, Geschichte bewahrt und innovative Technik einsetzt. Ausgezeichnet wurden sowohl die grenzüberschreitende Küstriner Oderbrücke als Beispiel für nachhaltige Ingenieurskunst als auch Sanierungen und Neubauten im Bestand, die Geschichte, Materialität und Energieeffizienz vereinen. Gemeinsam ist allen Projekten die sensible Verbindung von Ort, Menschen und Funktion – ein Plädoyer für eine Architektur, die aus Tradition schöpft und zugleich zeitgenössisch wirkt.