Wie wir unser Wissen morgen managen
In Planung und Architektur ist Fachwissen die Grundlage des Berufes. Künstliche Intelligenz macht Wissen schon jetzt zu einer Ressource, die sich per Chatbot nahezu beliebig abrufen lässt. Was bedeutet diese Transformation für die Zukunft unseres Berufes? Der Architekt Philipp Eichstädt hat seit 2023 zahllose KI-Tools getestet, einiges dazu geschrieben und allein im Jahr 2025 über 60 Fachvorträge zum Thema gehalten. Sein Fazit: Haben Sie Mut zum Experiment und erwarten Sie keine allzu schnellen Lösungen.
Seit drei Jahren beschäftigt sich Eichstädt gemeinsam mit seinem Büro se·g Architekten in Berlin mit KI und neuen digitalen Werkzeugen für Planung und Architektur. Im Kern steht die Frage: Was kann jeder von uns – ohne besondere Vorkenntnisse – schon heute mit der neuen Technik erreichen?
Ein Teil dieser Recherche ist eine Landschaft neuer digitaler Tools, die schnelle Lösungen versprechen. Dass in naher Zukunft Bauherren auch ohne fachliche Unterstützung mit wenigen Klicks ein fertig detailliertes Gebäude auf ein Grundstück zaubern können, ist heute schon zu erkennen. In der konkreten Auseinandersetzung wird aber schnell sichtbar, was den Algorithmen noch fehlt: Einfache baurechtliche Vorgaben, lokal zu berücksichtigende Auflagen und andere projektspezifische Zielvorgaben werden in weiten Teilen nicht berücksichtigt. Wem das notwendige fachliche Wissen fehlt, begibt sich in trügerisches Terrain.
Nach Philipp Eichstädt liegt das Potenzial dieser Systeme weniger darin, eine endständige Planung zu generieren, sondern im Vorfeld mögliche Ziele der Planung prognostizieren zu können. Dennoch: Künstliche Intelligenz generiert eigenständig Inhalte – warum also nicht bald auch eine komplette Planung? Ein nüchterner Blick auf die Voraussetzungen lohnt sich.
Zwischen der Entwicklung neuer Werkzeuge und der tatsächlichen Projektpraxis klafft eine Lücke. Diejenigen, die für Architekten programmieren, stecken selten in den Anforderungen realer Projekte. Und diejenigen, die tagtäglich konkrete Projektarbeit leisten, entwickeln eher keine Software. Philipp Eichstädts Empfehlung: Die neue Technologie ist keine singuläre Lösung. Lernen Sie zunächst, künstliche Intelligenz als universelles Assistenzsystem in ihren Arbeitsalltag zu integrieren. Auf dieser Grundlage lässt sich besser entscheiden, welche aufgabenspezifischen Tools Sie ergänzend im Projektalltag unterstützen können.
Aktivieren Sie Ihr Wissen
Dass eine Software „morgen“ autark eine Bauantragsplanung erstellt, hält Eichstädt für eher unwahrscheinlich. Dass sich Genehmigungsfähigkeit algorithmisch errechnen lässt, dafür schon. Die 20-Euro-Chatbots, mit denen wir schon heute erstaunliche Ergebnisse erzielen, werden nicht das Ende der Entwicklung sein. Relevante Lösungen für Architektur und Planung müssen in vielerlei Hinsicht erst konzipiert und getestet werden. Die Branche befindet sich in einer allgemeinen Warmlaufphase. Und dennoch lassen sich bereits jetzt zentrale Neuerungen erkennen – allen voran ein neuer Umgang mit fachlichem Wissen.
Wer KI in der Planung anwenden möchte, braucht projektspezifischen Kontext. Man wird zwangsläufig zum Sammelnden: Ordnungssysteme, Entscheidungen, Varianten, Protokolle, Pläne, Regeln müssen so aufbereitet sein, dass die KI inhaltlich hinterherkommt.
Manchmal fragt Philipp Eichstädt sich, wie Projektbesprechungen aussehen werden, wenn die KI mehr zum Stand der Planung weiß als die Anwesenden im Termin. Notizen zumindest macht er schon seit einiger Zeit keine mehr – alles wird transkribiert, die KI schreibt mit. Damit verlagert sich das Wissen weg vom Kopf und hin zu externen Instanzen und Agenten. Die beunruhigende Frage ist weniger technischer als ethischer Natur: Wenn irgendwann alle Beiträge zu einem Projekt in einer KI enthalten sind – wofür braucht es dann noch den Architekten?
Wem gehört die Planung?
Der Aufbau geeigneter Wissensinstanzen gehört zu den großen Aufgaben der kommenden Monate und Jahre.
Planungsbüros, denen es gelingt, fachliches Wissen digital zu aktivieren, werden in Zukunft schneller und präziser planen können. Viele Büros arbeiten bereits an ersten Ansätzen. Eichstädt rät Architektinnen und Architekten, sich parallel für zentralisierte Wissenspools zu engagieren: Geodaten, Materialdatenbanken, Open-Source-Plattformen. Beispiele existieren längst, doch viele Planende scheuen, Zeit und Ressourcen in solche Gemeinschaftsprojekte zu investieren.
Effiziente Digitalisierung erfordert die Verknüpfung von Fähigkeiten. Insofern ist diese andauernde Zurückhaltung einigermaßen befremdlich: Die gebaute Architektur ist immer öffentlich. Man freut sich, wenn das eigene Werk wahrgenommen und publiziert wird. Die Pläne und Unterlagen, auf deren Grundlage das Gebäude errichtet wurde, werden jedoch oft wie ein Betriebsgeheimnis behandelt. Dabei besteht ein großer Teil der Planung aus einfachen Geometrien, deren Anordnung in vielen Teilen aus Richtlinien und Vorgaben abgeleitet ist. Der eigentliche Wert unserer Arbeit liegt nicht in der Linie auf dem Plan, sondern in dem Wissen um den Prozess der Planung.
Philipp Eichstät rät zu mehr Mut zum Experiment: Lernen Sie Wissensinstanzen zu erstellen. Richten Sie sich auf neue Kompetenzen ein. Auch wenn die ersten Versuche noch keine tragbare Lösung ergeben, aktivierbares Wissen wird ein entscheidender Schlüssel sein.
Planung generieren und Planung verantworten
Eine wichtige Zäsur liegt möglicherweise weniger in der Fähigkeit, Inhalte erzeugen zu können, als in der Frage, wie sich die neue Technologie auf unser Rollenverständnis auswirkt: Vieles, was wir in Büro-‑ und Projektstrukturen darstellen, leitet sich aus unserem individuellen Können und Erfahrung ab. Und nun sind wir mit einer Zeitenwende konfrontiert, in der prinzipiell jeder aus einem günstigen Chatbot mehr Fachwissen „generieren“ kann, als ein Mensch in einem Berufsleben sammelt.
Planungsinformation herstellen ist jedoch nur eine Seite. Architektinnen und Architekten tragen Verantwortung für Vollständigkeit und Richtigkeit ihrer Information. Eine KI tut dies nicht.
Jeder Bauantrag, jedes Planungspaket ist ein Konvolut, das heute niemand mehr von vorne bis hinten durchliest. Wer plant, ist daran gewöhnt, im Unbestimmten feste Haltepunkte zu erzeugen. In jedem Projekt stecken heute mehr Daten und Details, als sich in der gegebenen Zeit lesen und prüfen lassen. Die letzten Fragen sind oft erst beantwortet, wenn das Haus gebaut ist.
Dass in diesem Alltag nun eine zusätzliche Kapazität verfügbar ist, die unerschöpflich lange Informationsstände durcharbeiten kann, sollte für Architektinnen und Architekten eigentlich eine willkommene Unterstützung sein. Stellt das Einbinden und Validieren externer Quellen doch schon immer einen Grundbestandteil der allgemeinen Koordinationspflicht dar.
Grenzen und Möglichkeiten
In drei Jahren Recherchen und Tests hat sich gezeigt, dass die Integration von KI in Planung und Architektur kein einfaches Unterfangen ist. Ethan Mollick von der University of Pennsylvania beschreibt die Leistungsfähigkeit generativer Systeme als „Jagged Frontier“, eine ausgefranste Grenze: In manchen Bereichen sind sie erstaunlich gut, direkt daneben bricht die Leistung abrupt ein – ohne Erfahrung ist die Grenze schwer zu erkennen. Sie lässt sich nur durch fortlaufendes Testen und Scheitern vermessen.
KI ist stark, wo eine Aufgabe formulierbar und ein Kontext prüfbar ist. In der Architektur ist das gut machbar, weil ein guter Teil der Arbeit auf Normen und Regeln beruht – Kriterien, die sich validieren lassen. Eine falsch zitierte DIN-Norm ist erkennbar. Eine unplausible Proportion meist auch. Sobald die Aufgabenstellung klar formuliert ist und Struktur und Kontext im notwendigen Umfang verfügbar sind, wird künstliche Intelligenz zur effizienten Unterstützung in der Planung.
Auf der anderen Seite steht der Entwurf: das leere Grundstück, der Beginn, bevor genau benannt ist, was entstehen soll. Bilder möglicher Varianten lassen sich mit KI in großem Umfang schnell erstellen. Doch einen umsichtigen, tragfähigen Vorschlag zu generieren, erfordert fachkundige menschliche Anleitung. KI fehlt das kontextuelle Verständnis; aus sich selbst heraus besitzt sie keine Intention und keine Vision. Sie braucht Impuls und Moderation – genau das, was im Kern des Architekturberufs steht: dort, wo es noch keine offensichtliche Antwort gibt, einen Lösungsweg zu beschreiben. KI und neue digitale Planungswerkzeuge können hervorragend assistieren, Varianten liefern und Detailfragen optimieren. Dass KI ohne menschliches Zutun eigenständig eine Planung erstellt und verantwortet, bleibt dagegen mehr als unwahrscheinlich.
Vom Zeichnen zum Kuratieren
Was werden Architektinnen und Architekten in Zukunft machen, wenn selbstständige Maschinen die Produktion der Planung übernehmen? Eine hilfreiche Metapher ist das Kuratieren. Wenn Inhalte zunehmend digital generiert werden können, wandert der Fokus von Produktion zu Bewertung. Schnittstellenkoordination, Vollständigkeitsprüfung, Qualitätssicherung: Alles Grundleistungen, die schon heute zum vertrauten Arbeitspensum gehören – nur dass sie künftig den Kern der Wertschöpfung stärker bestimmen könnten. Sicher ist: Sowohl die Externalisierung von Wissen als auch das gezielte Generieren von Planung wird transformative Spannungen für den Berufsstand mit sich bringen.
KI ist keine Softwarefortbildung
Anders als klassische Software haben Chatbots keine festgelegten Funktionen. Ohne Zielsetzung und Intention wird die Technik keine brauchbaren Ergebnisse erzeugen. Aus der Seminarpraxis ergibt sich ein wiederkehrendes Bild: Viele tun sich schwer mit der Anwendung von KI, weil sie sie wie eine neue Benutzeroberfläche behandeln. Der produktive Einsatz beginnt jedoch mit Rahmenbedingungen.
Eine praktische Empfehlung lautet daher: Üben Sie dort, wo KI unterstützen soll – im beruflichen Alltag, werktags, zwischen 9 und 17 Uhr. Die Technik kann nicht an BIM-Administratoren delegiert werden, sondern muss von denjenigen erlernt und verwendet werden, an denen die Wertschöpfung im Projektalltag hängt. Dazu passt eine Analyse des KI-Bloggers Nate B. Jones, der Kompetenzen benennt, die erfolgreiche KI-Anwender von jenen unterscheiden, die nach kurzer Zeit wieder zur gewohnten Arbeitsweise zurückkehren. Für den produktiven Einsatz geht es weniger um neue Softwarefähigkeiten als um Kompetenzen, die gute Projektleiter schon immer gebraucht haben: Aufgaben formulieren; Etappenschritte entwickeln; Kontextinformationen identifizieren; und durch kontinuierliche Anwendung wissen, wo die Leistungsgrenze von KI liegt.
Die Empfehlung: Identifizieren Sie Aufgaben, die Sie einem Praktikanten überantworten könnten. Erläutern Sie der KI Teilschritte und Zielsetzung so, wie Sie zu jemandem sprechen würden, der Ihr Projekt und die Arbeitsabläufe noch nicht kennt.
Ein neuer Kontinent
Richten Sie sich auf einen längeren Parcours ein. Auch nach drei Jahren Recherche ist das Ende noch nicht in Sicht. Eichstädt beschreibt seine nebenberufliche Tätigkeit gerne als Kartografieren eines neuen Kontinents: Es gibt noch so viel zu sehen, zu lernen und auszuprobieren. Weil sich im Umfang eines Seminarvortrags schon lange keine erschöpfende Übersicht mehr geben lässt, haben SE.G Architekten begonnen, die Recherche in einem Buch zusammenzuführen: „Kann KI Architektur?“ lautet der Arbeitstitel. Chronologisch gegliedert: 2023 die Ausgangslage, 2024 die systematische Recherche, 2025 die ersten praktischen Anwendungen. Und 2026: Wie „lernt“ man KI – und wie lässt sich das alles in den gewohnten Büroalltag integrieren?
Ein Großteil des Selbstverständnisses als Architekten wurzelt in der Moderne. Neue Technologien erfordern immer auch ein neues Denken. Viele Vorbilder haben neue Lebenswirklichkeiten aufgezeigt, lange bevor sie zur gebauten Realität wurden. Auch künstliche Intelligenz sollte als Raum neuer Möglichkeiten verstanden werden. Die Frage ist, welche Qualitäten wir damit der Architektur von morgen verleihen können.
DAB Redaktion
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