Wenn die Hütte brennt
Studiobesuch: Das Büro Sippel.Buff hat sich auf Prozessbegleitung und Öffentlichkeitsbeteiligung in Kommunen spezialisiert – wertvolle Architekturvermittlung in brüchigen Zeiten
„Erkläre mir und ich werde vergessen. Zeige mir und ich werde mich erinnern. Beteilige mich und ich werde verstehen.“ Mit dieser Startfolie „frei nach Konfuzius“ begrüßt Timo Buff als Lehrbeauftragter der Stuttgarter Hochschule für Technik die Studierenden seines Master-Studiengangs MÖB – „Methoden der Öffentlichkeitsbeteiligung“. Eigentlich müsste ein Viertes genannt werden: „Kommuniziere und du kannst Akzeptanz für Neues schaffen.“
Seit 2007 betreibt der Freie Stadtplaner BDA SRL mit Thomas Sippel, Freier Stadtplaner BDA SRL und Freier Landschaftsarchitekt, das „Netzwerk für Planung und Kommunikation“. Im Gespräch ist schnell zu spüren: Architekturvermittlung, darum soll es bei diesem Besuch gehen, begreifen die Büropartner nicht nur als Auftrag. „Wir haben die Nische aus innerer Überzeugung gewählt“, sagt Sippel. Vermittlung als „Büro-DNA“.
In der dritten Etage einer früheren Textilfabrik im Stuttgarter Osten stehen die Schreibtische in langen Reihen hintereinander, große Screens darauf, ein ganz normales Großraumbüro. Nur ein kleiner, gefangener Raum verrät die Expertise des Planungsbüros: Dort stapeln sich Zeitmesser, Karteikarten, Post-its, Kleber, Stifte für Whiteboards in allen Farben, Schnüre, Büroklammern, an der Wand ein A0-Blatt, darauf: „Herzlich willkommen! Zum Modul 3 Prozesse und Strukturen“. Rätseln: Sieht so die Herzkammer der Architekturvermittlung im Jahr 2026 aus?
Das Studio
Das Studio
Die Bürogemeinschaft Sippel.Buff arbeitet an der Schnittstelle zwischen Stadtplanung/Landschaftsplanung und Kommunikation/Moderation. Im Portfolio sind einerseits die klassischen planerischen Themenfelder in einem integrativen Planungsansatz. Der zweite Schwerpunkt liegt auf Moderation und Begleitung von Beteiligungsprozessen. Die Bandbreite reicht hier von übergreifenden Leitbildprozessen auf der Ebene der Regionalplanung über Stadt- und Gemeindeentwicklung bis hin zu Beteiligungsverfahren bei konkreten Fragestellungen der städtebaulichen und freiraumplanerischen Projektentwicklung.
Covid habe digitale Treffen bei allen Altersgruppen etabliert, ersetzen könnten sie die analogen Treffen nicht, so Buff. „Der persönliche Kontakt und Dialog sind zentraler Teil des Jobs.“ Nicht nur der Auftritt in Gemeinderatssitzungen gehört dazu, auch größer angelegte „Trialoge“ zwischen Bürger:innen, Rät:innen und (Fach-)Verwaltung.
Architekturvermittlung ist für die Bürogemeinschaft Sippel.Buff „baukulturelle Ortsentwicklungsberatung“. Gemeinderät:innen hätten – neben dem Hang, in Legislaturen oder im Tagesgeschäft von Sitzung zu Sitzung zu denken – in der Regel wenig Zeit, sich mit Stadtentwicklungsthemen vertieft zu befassen, um gute Entscheidungen für ihren Ort zu treffen. Das aber ist das Ziel, wenn Sippel, Buff oder Kolleg:innen in eine Gemeinde gehen: den Rätinnen und Räten eine gute Abwägungsgrundlage zu erarbeiten und ihnen einen „roten Faden“ für die Stadtentwicklung an die Hand zu geben.
Null
Möglichkeit sieht das Büro, erfolgreiche Öffentlichkeitsbeteiligung in Zahlen zu messen. Denn sie ist individuell und zielt auf breite Akzeptanz.
1–1,5
Jahre dauert eine größere Prozessbegleitung mit ausreichend Luft zum „Atmen“. Der Prozess will aber gut vorbereitet sein, also plus Vorlaufzeit.
Misstrauen gegen Diktate von „oben“
Die Rolle der Stadtplaner:innen habe sich „dramatisch gewandelt“, sagt Sippel. In den Boomzeiten des Bauens, als die Haushalte der Städte und Gemeinden kaum Restriktionen bedeuteten, sei ihre Profession ein Stück weit der „Heilsbringer“ und Instrument zur gewollten Umsetzung gewesen. Und hatte sich eine Kommune für ein Projekt entschieden, war der Auftrag nicht selten an die Erwartung gekoppelt, dafür Akzeptanz zu schaffen. „Heute treffen wir oft auf ein hohes Maß an Zurückhaltung, weniger Mut zu Entscheidungen und kommen oft erst ins Spiel, wenn die Hütte brennt.“
Und die Hütte brennt zunehmend. Die Kommunen müssen Wohnraum schaffen, ihn aber oft im Bestand entwickeln. Die Kassen leeren sich durch Pflichtaufgaben und die Bürgerinnen und Bürger sind sensibel geworden. „Veränderung wird als Gefahr wahrgenommen“, bringt Sippel eine verbreitete Haltung auf den Punkt. Viel Besitzstandswahrung sei im Spiel, aber auch das wachsende Misstrauen, „von oben“ etwas vorgesetzt zu bekommen. Verhärtete Fronten, festgefahrene Planungen, zementierte Meinungen.
Unsere Vermittlungsarbeit wirkt ein Stück weit demokratisierend. Eigentlich machen wir Volkshochschule.
Timo Buff
Freier Stadtplaner BDA SRL„Aber man kann ein Meinungsbild durch Dialog neu bewerten“, beteuert Thomas Sippel. Dann, wenn die Beteiligten dazu gebracht werden können, drei Schritte zur Seite zu treten und die Vorhaben aus einem anderen Winkel zu betrachten. „Blickvermittlung“ nennen sie dies. Und am Ende kann es geschehen, dass der Gemeinderat den Vorschlag des Dialogs einstimmig annimmt – auch wenn er diametral zur ursprünglichen Planung steht.
Die Wege dahin? Die eigene Rolle definieren („Ich plane nicht für mich.“), offen und klar in der Begrifflichkeit sein und, da der Mensch in Bildern denkt, Ideen auch visualisieren. Vor allem aber: Die Bürger:innen mit ihren Anliegen und Bedenken ernst nehmen. Und die kommunalen Entscheidungsträger öffnen für den Prozess, was bisweilen „ein Stück Arbeit“ sei. Aber nach Stadtspaziergängen mit Gemeinderät:innen hören die Stadtplaner häufig: „So haben wir unsere Stadt noch nie betrachtet!“
10-15
Öffentlichkeitsbeteiligungen begleitet die Bürogemeinschaft Sippel.Buff durchschnittlich im Jahr. Rund 500 waren es bislang insgesamt.
Hunderte Kommunen haben die Partner und ihre heute sechs Mitarbeiter:innen und verschiedenen Netzwerkpartner:innen bislang begleitet, jährlich zwischen zehn und 15 Beteiligungsprozesse. Jede Gemeinde eine andere Geschichte, eine andere Aufgabenstellung. „Es gibt keine Beteiligung von der Stange.“
Mal geht es um den Rückbau einer Bundesstraße und Verlegung einer Auffahrt, was die Bürgerschaft aufbringt; mal organisieren sie Pop-up-Bauten, um eine Vorstellung zu geben, wie Bebauung auf einer Parkfläche aussehen könnte, und Lust auf Veränderung zu machen; mal sind Sportstättenkonzepte für neun Stadtteile – viele eingemeindete Dörfer – zu erarbeiten und Lokalegoismen zu überwinden zugunsten einer kostensparenden, von allen akzeptierten Lösung.
Jüngst beauftragte eine Pfarrgemeinde die Bürogemeinschaft Sippel.Buff: Von vier geweihten Kirchengebäuden sollen drei aufgegeben werden. Fälle wie dieser erforderten Fingerspitzengefühl, so Buff. Viele Ortsansässige verbinden mit Kirchen persönliche Erlebnisse wie Hochzeit oder Taufe. „Architekturvermittlung“ heißt hier: vertrauten Orten ein neues Leben zu ermöglichen.
Sippel.Buff holen alle an einen Tisch, nehmen sich Zeit, diskutieren Ideen, die durch die Bürger eingebracht werden, und erarbeiten einen Lösungsvorschlag. Sie zielten nie auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, sondern auf den größtmöglichen Mehrwert. Den Fachplanern seien sie keine Konkurrenz, betonen die Planer, aber dass sie Vorschläge und Ideen auf fachlicher Ebene abklopfen oder nach Besprechungen Pläne als Ergebnisprotokoll zeichnen könnten, sei von großem Vorteil.
Unwahrscheinlich, dass dem Netzwerk die Arbeit ausgeht. „Die Transformation wird ein Riesenjob“, sagt Sippel. Der Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft sei in vollem Gange, dafür Problembewusstsein bei Bürgern und Entscheidern zu schaffen, wesentlich. Gerade wenn Bestand neu konfiguriert werden soll, liege ein dialogischer Planungsprozess als befriedendes Instrument nahe.
Welche Erkenntnisse ziehen die Büropartner aus mehr als 20 Jahren Öffentlichkeitsbeteiligung? Stadtentwicklungspläne wären aus ihrer Sicht wichtiger als Flächennutzungspläne. Und: Ein Verständnis im Gemeinderat sei wichtiger als ständig neue Vorgaben. So sei nicht der Bau-Turbo das Problem, sondern die Anwendung. Je mehr an Wissen etwa im Gemeinderat existiere, desto besser. Timo Buff ist überzeugt, dass ihre Vermittlungsarbeit auch „ein Stück demokratisierend“ wirkt. „Wir machen eigentlich Volkshochschule“, sagt Buff. Sippel ergänzt: „Erklärbär!“
Zuerst erschienen in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q2/2026 für Baden-Württemberg
Gabriele Renz
Leitung Kommunikation/ Pressesprecherin Architektenkammer Baden-Württemberg DAB Redaktion Baden-WürttembergDas könnte Sie auch interessieren
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