studiobauland – Architektur für den ländlichen Raum
Ein junger Architekt verortet Haltung, wo sie gebraucht wird: in einer Kleinstadt. Und zeigt, wie Engagement und Praxis zueinander finden.
Der berufliche Weg ist keineswegs vorgezeichnet, als Wito Tröschel 2019 sein Masterstudium der Architektur an der Hochschule Wismar abschließt. Was ihn von Beginn an begleitet, ist ein thematischer Fokus, der Studium, Praxis und Selbstständigkeit inhaltlich verbindet: der ländliche Raum als architektonisches und gesellschaftliches Handlungsfeld. Bereits seine Bachelorarbeit widmet er der Alten Brennerei in Wesenberg, gelegen auf halbem Wege zwischen Berlin und der Ostseeküste. Und zwar nicht als isoliertem Gebäude, sondern als exemplarischem Ort für Baukultur in ländlichen Räumen. „Da ging es gar nicht nur um das Gebäude“, erklärt Wito Tröschel rückblickend, „sondern auch um stadtplanerische Aspekte.“
Diese Perspektive vertieft er im Masterstudium, in dem Fragen des Bauens im Bestand, der Umnutzung und der städtebaulichen Entwicklung jenseits der Metropolen im Zentrum stehen. Seine Masterarbeit zur Stadt Fürstenberg denkt Verkehr, Stadtraum und Bestand zusammen – und verdeutlicht früh, dass Architektur für Tröschel stets Teil größerer Zusammenhänge ist. Die Rückkehr in seine Heimatregion Mecklenburgische Seenplatte folgt zunächst privaten Motiven, erweist sich jedoch schnell als folgerichtig. „Der Fokus auf den ländlichen Raum hat mich nie losgelassen“, beschreibt er diese Phase, „und irgendwann war klar, dass ich diese Themen nicht nur theoretisch bearbeiten will.“
5
Jahre nach dem Masterabschluss machte Tröschel sich selbstständig
2025
erhielt Tröschel den BDA-Preis MAX45 für das Projekt „Halle für alle“ – Ergänzungsneubau und Multifunktionshalle, Alte Brennerei, Wesenberg
Nach dem Studium sammelt Tröschel mehrere Jahre Berufserfahrung in einem Architekturbüro in Neustrelitz. Die Arbeit dort ist geprägt von guter Gestaltung, Nähe zur Praxis und einer großen Bandbreite an Aufgaben. „Das war ein Architekturbüro, das die Werte praktiziert, die ich mir schon als Student vorgenommen habe. Man macht gestalterisch alles, was Region und Leute mit sich bringen, von der Garage bis zur Kirche – und durchläuft dabei alle Leistungsphasen.“ Gerade diese Vielschichtigkeit empfindet er rückblickend als prägend. Sie vermittelte ihm nicht nur planerisches Handwerk, sondern auch ein realistisches Verständnis für die Verantwortung architektonischer Praxis.
Parallel tritt Tröschel früh der Architektenkammer Mecklenburg-Vorpommern bei, zunächst als Juniormitglied. Berufspolitische Verantwortung versteht er nicht als Zusatz, sondern als Teil des Berufsbildes. Nach rund sechs Jahren Berufspraxis folgt der Schritt in die Selbstständigkeit. Keine strategisch geplante Karriereentscheidung, sondern ein bewusstes Ausprobieren. „Ich wollte einfach Architektur machen und frei ausprobieren, wie es ist, die volle Verantwortung zu tragen.“ Heute blickt er auf zweieinhalb Jahre selbstständige Tätigkeit zurück – mit der Erfahrung, dass Büroführung weit mehr ist als Entwerfen und dass Lernen ein fortlaufender Prozess bleibt.
Die Leute haben gemerkt: Hier entsteht nichts Elitäres.
Wito Tröschel
ArchitektKaum ein Projekt steht so beispielhaft für diesen Weg wie die alte Schnapsbrennerei von 1887 in Wesenberg. Was als studentische Entwurfsarbeit beginnt, entwickelt sich über Jahre zu einem realen Transformationsprozess. Tröschel übernimmt dabei wechselnde Rollen: Student, Initiator, Vermittler, Mitgründer einer Genossenschaft – und schließlich verantwortlicher Architekt. „Wenn nicht jetzt, wann dann“, beschreibt er den Moment, in dem aus Theorie Praxis wird.
Gemeinsam mit engagierten Menschen aus Wesenberg und Berlin gründet er die Genossenschaft brenn:werk eG. Ziel ist nicht die schnelle Entwicklung durch Investoren, sondern eine langfristige, gemeinschaftlich getragene Perspektive für das Industriedenkmal. Aus dieser Haltung heraus entsteht auch die „Halle für alle“, die den baulichen Auftakt der Entwicklung bildet: ein multifunktionaler Ergänzungsneubau, der Nutzungsfreiheit, Identität und Offenheit verbindet. „Wir wussten am Anfang gar nicht, was der Ort braucht. Also haben wir einen Raum geschaffen, der reagieren kann.“
Die Halle wird Café, Veranstaltungsort, Lesestube, Co-Working-Fläche – und vor allem ein sozialer Treffpunkt. Ihre architektonische Zurückhaltung ist bewusst gewählt. Nachhaltigkeit versteht Tröschel nicht als technisches Schlagwort, sondern als Haltung: einfach bauen, Materialien trennbar einsetzen, Ressourcen vor Ort weiterverwenden. „Wir wollten alte Fehler nicht wiederholen und uns so einbringen, dass es die nächste Genossenschaft – meinetwegen in hundert Jahren – nicht so schwer hat.“ Der Bestand gibt den Rahmen vor, der Neubau fügt sich ein – ohne sich aufzudrängen. Er schafft eine neue Identität, die weiterbaut.
Mit der baulichen Entwicklung verändert sich auch der Blick der Stadtgesellschaft auf die Alte Brennerei. Was zunächst mit Skepsis beobachtet wird, wandelt sich durch Offenheit und Beteiligung. „Als die Leute gemerkt haben, dass hier nichts Elitäres entsteht, sondern dass man mitmachen kann, hat sich vieles aufgeweicht.“ Veranstaltungen, ehrenamtliches Engagement und die Nutzung durch lokale Akteurinnen und Akteure schaffen Verständnis. Architektur wird hier zum Medium des Gesprächs – und zu einem verbindenden Element im Ort.
2023
Gründung von studiobauland in Wesenberg
Mit studiobauland gründet Tröschel sein Atelier bewusst nicht als klassisches Architekturbüro, sondern als offenes Studio. Der Standort: ein ehemaliger Laden in der Wesenberger Innenstadt. „Ich möchte Architektur machen, die nicht nur auf dem Papier stattfindet, sondern die auch hinterfragt wird.“ Architektur soll hier nicht exklusiv sein, sondern zugänglich und zum Gespräch über Baukultur einladen.
Ein zentrales Anliegen ist für Tröschel die baukulturelle Bildung. Gute Architektur, davon ist er überzeugt, braucht informierte Bauherrinnen und Bauherren und ein gesellschaftliches Grundverständnis für gebaute Umwelt. „Wenn Jugendliche ihren Ort sehen, dann haben wir schon viel erreicht, weil sie sich dann automatisch auch damit identifizieren beziehungsweise hinterfragen und verändern wollen.“ Der BDA-Preis MAX45, den Tröschel 2025 erhielt, verstärkt diese Sichtbarkeit. Er versteht die Auszeichnung auch als Bestätigung eines Weges. „Allein diesen Blick dafür zu bekommen, dass man wieder über Baukultur redet, dafür hat sich der Preis schon gelohnt.“
Sein Wunsch für Wesenberg und vergleichbare Orte in Mecklenburg-Vorpommern ist klar formuliert: Möglichkeitsräume schaffen, Leerstände als Ressourcen begreifen, Engagement fördern – ohne Gentrifizierung, aber mit Haltung. Architektur wird so zum Werkzeug – nicht nur für Gebäude, sondern für gesellschaftliche und gemeinwohlorientierte Entwicklungen im ländlichen Raum.
Dieser Artikel erschien in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q1/2026 für die Region Küste (Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern).
Architektenkammer Mecklenburg-Vorpommern
Team Presse- und ÖffentlichkeitsarbeitDas könnte Sie auch interessieren
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