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„Textile Strategien eröffnen neue Zugänge zu Raum, Bildung und Nachhaltigkeit“

Das Symposium „Textil vermittelt“ in Apolda verknüpft Architektur, Materialkultur und Bildung. Es zeigt, wie textile Praktiken ästhetisches Lernen, Nachhaltigkeit und baukulturelle Vermittlung neu denken lassen.

Architektenkammer Thüringen
20.02.2026 6min
Porträtfoto: Person mit kurzem, leicht gewelltem Haar, lächelt, trägt schwarzen Blazer, gemustertes Oberteil und feine Kette; vor grauer Betonwand, Arme verschränkt.
© Matthias Eckert

Architektenkammer Thüringen: Was genau bedeutet der Schwerpunkt „Textil vermittelt“ im Kontext dieses Symposiums, und wie spiegelt sich dieser im Programm wider?

Luise Nerlich: Das 8. Internationale Symposium Baukulturelle Bildung widmet sich der Verbindung von Materialkultur, Architektur und Bildung. Textile Praktiken reichen von individuellen Körper- und Schutzfunktionen bis zu räumlichen Anwendungen in Kunst, Baukultur und Stadtentwicklung. Ihre industrielle Geschichte prägt Stadtbilder und regionale Identitäten und spiegelt zugleich Chancen und Herausforderungen aktueller Transformationsprozesse. Das Symposium „Textil vermittelt“ beleuchtet daher textile Gestaltungs- und Vermittlungsmethoden, ihre kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung sowie ihr Potenzial für zukünftige baukulturelle Bildungsprozesse – einschließlich der Rolle von Sprache als gestaltendes und interkulturelles Medium. In einem interdisziplinären Austausch werden Wissensvermittlung, Materialerfahrung und Gestaltungskompetenz zusammengeführt. Dabei spielen textile Praktiken als Zugänge zur baukulturellen Bildung eine große Rolle: Wir untersuchen textile Gestaltung in der Architektur, im Raum und in der Stadt. Wir beleuchten das Textile und seine Kreislaufprozesse. Aber auch die Industriekultur und das gebaute Erbe der Textilproduktion zeigen in Apolda die gesellschaftliche Dimension textiler Kultur. 

Welche Rolle spielt der einzigartige Veranstaltungsort, der Eiermannbau Apolda, für das Symposium und warum wurde er für dieses Thema ausgewählt? 

Eine gute Frage – und gerade für Apolda eine wichtige Frage! Apolda blickt auf über 400 Jahre Textilgeschichte zurück und war bekannt für die Produktion hochwertiger Strick- und Wirkwaren. Die Stadt bietet den passenden historischen Kontext für das Symposium. Denn heute sind nur noch Bruchteile dieser Tradition in Apolda zu finden. Auch der Veranstaltungsort ist eine ehemalige Weberei, die von Egon Eiermann erweitert wurde. Sie steht exemplarisch für textile Industriekultur und ressourcenbewusste Umbaukultur. Und Apolda liegt ganz in der Nähe von Weimar! Am historischen Bauhaus in Weimar spielte die Textilwerkstatt bereits eine zentrale – und als „Werkstatt der Frauen“ auch ambivalente – Rolle. Seit einigen Jahren wird an der Bauhaus-Universität Weimar auf die institutionelle Wiederverankerung einer Textilwerkstatt hingearbeitet. Angesichts von Fast Fashion, globalen Nachhaltigkeitszielen und wachsender Verantwortung im Umgang mit Ressourcen ist das Thema Textil aktueller denn je. Das Symposium richtet den Blick daher neben der baukulturellen Bildung ausdrücklich auf Kernanliegen der Bildung für nachhaltige Entwicklung, wie sie in den neuen Bildungsplänen der Bundesländer verankert sind. Die Befähigung, Gesellschaft aktiv mitzugestalten, erfordert Wissen, analytische und gestalterische Kompetenzen sowie ein Bewusstsein für die Herausforderungen unserer Zeit. Das Symposium soll dafür Zugänge eröffnen und Methoden vermitteln.

Textile Strategien eröffnen neue Zugänge zu räumlichem Denken und Gestalten – sie verbinden Materialität, Bildung und Nachhaltigkeit und machen baukulturelle Prozesse auf sinnliche Weise erfahrbar.

Dr.-Ing. Luise Nerlich

Wie trägt das Symposium dazu bei, Baukultur und textile Konzepte für ein breiteres Publikum verständlich und erlebbar zu machen? 

Dass baukulturelle Bildung mehr umfasst als die Befähigung, gebaute Umwelt wahrzunehmen und einzuordnen, prägt seit über zwei Jahrzehnten die disziplinübergreifende Zusammenarbeit zwischen den Fakultäten Architektur und Urbanistik sowie Kunst und Gestaltung an der Bauhaus-Universität Weimar. Neben diesem integrierten Lehrprinzip wurden seit 2004 sieben Symposien zur „Architekturvermittlung“ (heute: Baukulturelle Bildung) mit wechselnden Partner:innen durchgeführt. Das 8. Symposium setzt diese Reihe fort und schafft einen wichtigen Denk- und Resonanzraum für die baukulturelle Bildung in Deutschland. Wir sind sehr glücklich, dass wir dieses Jahr erstmals die Stiftung Baukultur Thüringen als Partnerin haben! 

Welche internationalen Perspektiven und Expert:innen werden beim diesjährigen Symposium eingebracht, und welche besonderen Beiträge erwarten Sie? 

Sie haben gut beobachtet: Leider ist der internationale Aspekt aus finanziellen Gründen nicht so stark ausgeprägt wie noch beim 6. Symposium, dem „Denkraum Bauhaus“, das zum 100. Jahrestag der Bauhaus-Gründung stattfand. So treffen sich die Kolleginnen und Kollegen des Workprogramms „Architecture and Children“ der International Union of Architects in diesem Jahr in Barcelona und nicht in Apolda. Dennoch haben wir mit Mirjam Deckers Perspektiven aus den Niederlanden und der Schweiz eingeladen. Mit den Augen von Florian Wehking, einem Fotografen und Gestalter aus Weimar, werfen wir einen 360-Grad-Blick in die Juteproduktion in Bangladesch. Und durch die wiederverwerteten Exportware-Textilien, die ohne die Intervention der Professur Bauformenlehre vielleicht nach Osteuropa oder Afrika verkauft worden wären, haben wir die drängende Frage nach der Verwertung von Alttextilien zwar direkt hier in Apolda vor der Tür, stehen aber in einer internationalen Verwertungskette, die es dringend zu überdenken gilt! 

Inwiefern sehen Sie einen praktischen Nutzen der Diskussionen und Ergebnisse für die tägliche Arbeit von Architekt:innen, Pädagog:innen und Akteur:innen der baukulturellen Bildung? 

Für die inhaltliche Vorbereitung fand im Januar 2025 ein Programmrat mit Expert:innen aus unterschiedlichen Disziplinen an der Bauhaus-Universität statt. Die Programmstruktur orientiert sich am textilen Verarbeitungsprozess und gliedert sich in drei Themenblöcke: 1. Entstehung, 2. Verwendung und 3. Verwertung von Textilem. Jeder Block wird von einer Keynote eingeführt und anschließend in vier Perspektiven vertieft: einer künstlerischen, einer materialforschenden, einer vermittlungsbezogenen und einer kulturhistorischen Perspektive. So werden wir den Fragen nachgehen, wie textile Strategien neue Zugänge zu räumlichem Denken und Gestalten eröffnen können, welche Rolle die Materialität für Bildung, Teilhabe und Nachhaltigkeit in der Baukultur spielt und wie sich ästhetische Lernprozesse methodisch in die baukulturelle Vermittlung integrieren lassen. Sie sehen, wir freuen uns über Fachleute aus Architektur und Stadtplanung, aus Pädagogik, Kunst- und Kulturvermittlung, überhaupt aus der Kunst und dem Design – und über interessierte Studierende und politische Entscheidungsträger:innen. Also: die interessierte Öffentlichkeit.

Das Symposium ‚Textil vermittelt‘ zeigt, wie textile Praktiken kulturelle Identität, gestalterische Kompetenz und nachhaltiges Handeln verbinden – von der Architektur bis zur ästhetischen Bildung.

Dr.-Ing Luise Nerlich

Welche Impulse oder zukünftigen Entwicklungen im Feld der baukulturellen Bildung erhoffen Sie sich aus dem Symposium „Textil vermittelt“ für Thüringen und darüber hinaus? 

Hoffentlich stärkt das Symposium die bundesweite Vernetzung von Akteur:innen der baukulturellen Bildung und unterstreicht die besondere Rolle der Bauhaus-Universität Weimar als Standort für Baukulturelle Bildung und Architekturvermittlung. Immerhin ist die seit vielen Jahren bestehende Lehrkooperation zwischen den Fakultäten Architektur und Urbanistik und Kunst und Gestaltung in der Ausbildung von angehenden Kunstpädagog:innen an der Bauhaus-Universität Weimar einzigartig in Deutschland – wenn nicht sogar in Europa! 

Das Symposium findet bereits das achte Mal statt. Wer hatte die Idee dazu und wie hat sich das Symposium seit 2004 bis heute entwickelt? 

Die Symposien schaffen schon seit 2004 einen offenen Diskurs-, Lern- und Vernetzungsraum für Akteur:innen unterschiedlicher Generationen und Disziplinen. Seit 2015 arbeite ich an der Bauhaus-Universität Weimar mit Professorin Dr. Andrea Dreyer von der Professur für Kunst und ihre Didaktik sehr erfolgreich zusammen. Zum ersten Mal kam nun 2025 Katja Fischer von der Stiftung Baukultur Thüringen in unser Team – was eine unglaubliche Bereicherung für unsere Arbeit im Netzwerk ist. Ich bin dafür sehr dankbar!

Informationen zum 8. Internationalen Symposium zur Baukulturellen Bildung „Textil vermittelt“:

Porträtfoto: Person mit kurzem, leicht gewelltem Haar, lächelt, trägt schwarzen Blazer, gemustertes Oberteil und feine Kette; vor grauer Betonwand, Arme verschränkt.
© Matthias Eckert

Dr.-Ing. Luise Nerlich

Dr.-Ing. Luise Nerlich ist Architektin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur Bauformenlehre, Bauhaus-Universität Weimar, die sie von 2023 bis 2025 leitete. Sie ist Vorständin der Architektenkammer Thüringen und Mitglied im weltweiten Arbeitsprogramm „Architecture and Children“ der International Union of Architects. Sie forscht zu den Themen der Entwurfsmethodik, der Wechselwirkung von Architektur, Musik und Farbe sowie zur Architekturvermittlung.

Architektenkammer Thüringen

Team Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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