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Der Zufall als kreativer Motor (und das Paradox der Perfektion)

Ein Gespräch mit Architekt Fabian Freytag über KI als Befreiungsschlag, die Rückkehr zur Handskizze – und warum ein voller Kühlschrank noch kein gutes Essen garantiert.

DAB Redaktion
13.04.2026 8min
© Fabian Freytag

DAB-Redaktion: Bei der Recherche zu Raum und KI stößt man schnell auf Fabian Freytag. Sie sagen: KI ist ein Befreiungsschlag für die Architektur. Was meinen Sie damit?

Fabian Freytag: Der Beruf des Architekten und Innenarchitekten hat sich durch die Digitalisierung massiv verändert – und nicht nur zum Guten. Früher gab es den Bauzeichner als eigene Berufsgruppe, der zwischen Entwurf und Ausführung stand und einen Teil der technischen Arbeit übernahm. Den gibt es heute kaum noch. Der Architekt macht alles selbst – das Kreative, das Technische, die Dokumentation. Das Paket ist immer größer geworden, die Zeit für das eigentliche Entwerfen immer kleiner. Und ich merke jetzt, dass ich anfange zu skizzieren, schnelle Entwürfe zu machen, die zu visualisieren. Ich habe noch nie so viel Hand gezeichnet wie jetzt die letzten zwei Jahre – weil die Übersetzung so viel Spaß bringt.  

Die Übersetzung heißt: Handskizze rein, KI-Visualisierung raus?

Ja! Ich habe das Skizzieren im Studium immer für einen Umweg gehalten: Man skizziert etwas, zeichnet es sowieso noch mal, die Maße stimmen nicht, man fängt immer wieder bei null an. Deswegen habe ich ganz früh angefangen, digital zu entwerfen. Aber jetzt macht dieser Zwischenschritt über die Hand plötzlich Sinn – weil das Ergebnis sofort lesbar wird. Nicht nur für andere Architekten, sondern auch für die Kunden.

Was konkret hat sich in dadurch im Arbeitstag verändert?

Wir bauen alles sofort dreidimensional. Früher hat eine Visualisierung wahnsinnig viel Zeit gefressen – bis alle Materialien definiert waren, lief der Rechner manchmal 23 Stunden für ein hochauflösendes Rendering. Heute arbeite ich mit schnellen Screenshots, bearbeite die weiter, und das Ergebnis ist in Sekunden präsentierbar. Das sind nicht mehr Stunden, das sind Sekunden. Ich habe am Wochenende einen Entwurf durchgearbeitet, für den ich mir zwei Tage eingeplant hatte. Ich war an einem Tag fertig. Das ist nicht nur eine Frage der kreativen Arbeit – das ist auch Lebenszeit, die einem zurückgegeben wird.

Und das verändert auch die Kommunikation mit dem Kunden. Wir landen sehr schnell in einer dreidimensionalen Welt – ohne Zwischenschritte über Grundrissansichten. Der Kunde kann sich sofort eine Meinung bilden. Was damit einhergeht: Manchmal schickt der Kunde einem jetzt selbst eine Visualisierung. „Ich habe das mal in Rot ausprobiert.“ Das ist für mich ein Ansporn, noch kreativer zu werden – weil die einfachen Lösungen die KI ja in Sekunden liefert.

Gibt es auch eine Kehrseite – mehr Varianten, mehr Verlieren im Ungefähren?

KI macht einen völlig fertig, wenn man nicht weiß, wohin man will. Man muss die Arbeit im Kopf vorher gemacht haben, sonst ist es ein Fass ohne Boden. Man kann 800 Varianten generieren – aber das Gefühl, wo man hinwill, ersetzt das nicht. 

Impressionen © Fabian Freytag
Impressionen © Fabian Freytag
Impressionen © Fabian Freytag
Impressionen © Fabian Freytag
Impressionen © Fabian Freytag
Impressionen © Fabian Freytag
Impressionen © Fabian Freytag

KI setzt also Wissen voraus, das man schon mitbringt.

Absolut. Und das geht gar nicht, ohne up to date zu sein. Ohne zu wissen, was gerade gebaut wird. Ohne auf der Möbelmesse gewesen zu sein, ohne Hersteller zu kennen, ohne real existierende Räume gesehen zu haben. Alles das führt dazu, dass man der KI überhaupt etwas geben kann. Die KI kann nur das visualisieren, worauf man Lust hat. Der Rest wird Willkür und Schwachsinn. Das ist wie ein voller Kühlschrank mit den teuersten Zutaten  das heißt noch lange nicht, dass da ein gutes Essen bei rauskommt. Man kann das auch alles falsch kombinieren. 

Sie arbeiten mit verschiedenen Tools – Midjourney, Gemini, ChatGPT usw. Wie behalten Sie da den Überblick?

Man springt ständig zwischen den Plattformen – von Midjourney zu Gemini, von Gemini zu Photoshop, von Photoshop manchmal wieder zurück zum Anfang. Man landet immer in Zwischenergebnissen und muss entscheiden: Was ist jetzt der nächste sinnvolle Schritt? Das ist eher Orchestrieren als den Überblick behalten. Und dafür muss man diese KIs wirklich kennen – wie Mitarbeiter – und wissen, wo ihre Stärke liegt. Midjourney kann etwas ganz anderes als Gemini, und beides unterscheidet sich noch mal massiv von ChatGPT. Früher habe ich gesagt, KI ist wie ein zusätzlicher Mitarbeiter am Tisch. Jetzt sitzen da zehn. Die Ideenfindung ist für mich immer am spannendsten über Midjourney, weil dort der Kommissar Zufall viel lustiger ist. Man landet an Orten, die man nicht geplant hat.

Und der Zufall ist für Sie etwas Wertvolles?

Unbedingt. Ich ärgere mich ehrlich gesagt ein bisschen, dass die visuelle KI gerade fast zu perfekt wird. Aus den Fehlern sind früher ganz schöne Entwürfe entstanden – diese Unlogik, diese Spannung zwischen Sachen, die eigentlich nicht zusammenpassen, hat immer etwas in Gang gesetzt. Mich hat beim Rendern schon nie interessiert, Dinge wirklich realistisch darzustellen. Wenn etwas zu perfekt ist, ist das für mich das Ende. Da braucht man keine Fantasie mehr. 

Impressionen © Fabian Freytag
Impressionen © Fabian Freytag
Impressionen © Fabian Freytag
Impressionen © Fabian Freytag

Wie lernt Ihr Team damit umzugehen?

Wir stellen die Ergebnisse in Teambesprechungen vor – immer am konkreten Projekt. Ich halte nichts davon, freitags einen „KI-Spieltag“ zu machen, wo alle einfach rumspielen. Dann ist es mir zu abstrakt. Besser, das wirklich in der Anwendung zu lernen, als Bullshit zu produzieren. 

Und wie entwickelt man dabei trotzdem für jedes Projekt eine eigene Handschrift?

Das Interessante ist, in den Grenzen der KI zu denken und die richtigen Worte zu finden. Das schult ungemein. Am Anfang war das noch ein wirklich steiniger Weg – man musste die richtigen Wörter finden, die richtigen Sätze bauen, wirklich präzise sein. Im Kopf hat man die Idee, wie sich ein Raum anfühlen soll. Das aber in Worte zu fassen ist wie sprechen lernen. Man muss extrem eindeutig sein – auch wenn das Ergebnis dann mehrere Wege nehmen kann. Früher war bei Midjourney noch ein viel größerer Zufallsfaktor drin. Heute geht es mehr ums Kuratieren und darum, zu entscheiden, was der nächste sinnvolle technische Schritt ist.

Ein letztes Thema, das oft kommt: KI und Nachhaltigkeit. Der Vorwurf, jedes Bild verbrauche so viel Energie …

Man muss das im Verhältnis sehen: Wenn die KI-Unterstützung dazu führt, dass wir schneller zu präzisen Ergebnissen kommen, sparen wir an anderer Stelle Wochen an personellen Ressourcen, Hardware-Laufzeiten und analoger Logistik ein. Ein Mensch, der zwei Wochen lang an einer einzigen Visualisierung sitzt, recherchiert, hinfährt und fotografiert, hinterlässt in der Gesamtsumme des Projekts ebenfalls einen beachtlichen ökologischen Fußabdruck. Wir sollten uns ehrlich machen: Effizienz ist auch eine Form von Nachhaltigkeit. Wenn ich durch KI 30 manuelle Recherche-Runden abkürze, ist das energetisch oft sinnvoller, als den Prozess künstlich in die Länge zu ziehen. Die eigentliche Energiefrage stellt sich im Bauwesen ohnehin viel früher – bei den Materialien und der grauen Energie eines Gebäudes. Da müssen wir ansetzen, bevor wir die Rechenleistung eines Entwurfstools verteufeln.

Was erwarten Sie von den nächsten Jahren?

Ich bin gespannt. Wir sind jetzt nach drei Jahren an einem Perfektionsgrad im Bewegtbild angekommen, der vor Kurzem noch undenkbar war. Das ist wie nach der Kutsche das Auto – keiner wusste so richtig, was man damit anfangen soll. Und dann kamen irgendwann all die Dinge, die Machine Power wirklich sinnvoll machen. Ich freue mich darauf, wohin das führt. Und ich bin super dankbar für das, worüber ich jetzt schon nicht mehr nachdenken muss. 

„The Lounge – Shades of Space“, Ambiente 2025 © Wolfgang Stahr
„The Lounge – Shades of Space“, Ambiente 2025 © Wolfgang Stahr
„The Lounge – Shades of Space“, Ambiente 2025 © Wolfgang Stahr
„The Lounge – Shades of Space“, Ambiente 2025 © Wolfgang Stahr
„The Lounge – Shades of Space“, Ambiente 2025 © Wolfgang Stahr
„The Lounge – Shades of Space“, Ambiente 2025 © Wolfgang Stahr
„The Lounge – Shades of Space“, Ambiente 2025 © Wolfgang Stahr

Zur Person

Fabian Freytag

Fabian Freytag gründete 2012 sein Studio mit Fokus auf Architektur, Innenarchitektur und die Schnittstelle zur Kunst – und gehört heute zu den Top 100 Interior-Designern Deutschlands. Er selbst nennt sich einen „sanften Radikalen“ und schafft Räume für Freunde des Ungesehenen und Liebhaber mutiger Entscheidungen. 

DAB Redaktion

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Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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