„Wir können viel mitgestalten“
Knapp zehn Jahre lang stand Alexander Schwehm an der Spitze der Architektenkammer des Saarlandes. Nun wurde er zum Ehrenpräsidenten ernannt. Sein Amtsnachfolger Jens Stahnke hat ihn bereits viele Jahre lang als Vizepräsident begleitet. Ein Gespräch über das, was bleibt, den langen Atem der Berufspolitik und neue Schwerpunkte.
Herr Schwehm, wenn Sie auf Ihre knapp zehnjährige Amtszeit als Präsident der Architektenkammer des Saarlandes zurückblicken: Was konnten Sie berufspolitisch bewegen?
Alexander Schwehm: Ein wichtiges Thema war für uns die Landesbauordnung. Ursprünglich bin ich mit der Idee einer zusätzlichen Umbauordnung angetreten. Das ließ sich so nicht umsetzen. Deshalb haben wir gemeinsam mit dem Ministerium nach Möglichkeiten gesucht, die Landesbauordnung so anzupassen, dass Umbauten erleichtert werden. Dabei ging es beispielsweise um die Nutzung bislang unausgebauter Dachräume oder die Errichtung von Treppenhäusern und Aufzügen unter bestimmten Voraussetzungen in Abstandsflächen.
Auch den digitalen Bauantrag haben wir im Saarland sehr früh auf den Weg gebracht. Ein weiteres Thema war der Brandschutz, mit dem wir uns intensiv auseinandergesetzt haben. Nicht alles, was wir angestoßen haben, ist heute abgeschlossen. Das ist eine Erfahrung, die ich in diesen zehn Jahren gemacht habe. Berufspolitische Themen brauchen Zeit. Mitunter dauert es viele Jahre, bis aus einer Idee tatsächlich eine Veränderung wird.
Herr Stahnke, Sie haben diese Arbeit viele Jahre als Vizepräsident begleitet. Auf welchem Fundament können Sie heute als Präsident aufbauen?
Jens Stahnke: Es gibt viele Themen, bei denen ich an die bisherige Arbeit anknüpfen kann und die ich weiterführen möchte. Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit mit anderen Kammern. Mit Rheinland-Pfalz etwa haben wir einen sehr engen Austausch. Bei Vergabethemen oder in der Fortbildung können wir beispielsweise gemeinsame Angebote schaffen und Erfahrungen austauschen. Im Saarland kommt unsere Lage hinzu: Wir haben Kontakte nach Luxemburg und Frankreich und können Themen grenzüberschreitend diskutieren. Solche Verbindungen entstehen nicht von heute auf morgen. Dafür braucht es eine gute Vertrauensbasis.
Das gilt auch für die politische Arbeit.
Was ist Ihnen im Austausch mit politischen Entscheidungsträgern wichtig?
Schwehm: Für uns war es schon immer wichtig, unabhängig von den jeweiligen Regierungskonstellationen und parteipolitischen Bindungen ansprechbar zu sein und unsere fachliche Expertise einzubringen. Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir mit der Politik zusammenarbeiten, nicht gegen sie.
Dabei sollten wir uns auf Augenhöhe begegnen. Es reicht nicht, nur zu kritisieren, was aus unserer Sicht nicht funktioniert. Wir müssen unsere Anliegen so vermitteln, dass nachvollziehbar wird, warum sie für das Planen und Bauen relevant sind und wo wir als Berufsstand zu Lösungen beitragen können.
Stahnke: Diesen konstruktiven Ansatz möchte ich fortführen. Für mich ist dabei Nahbarkeit wichtig. Wir sollten nicht mit der Haltung auftreten, wir wüssten ohnehin am besten, wie es geht. Das funktioniert schon in unserem Berufsalltag nicht. Auch dort sind wir auf viele andere Beteiligte und deren Kompetenz angewiesen. Diese Haltung möchte ich auch in die berufspolitische Arbeit mitnehmen.
Ich würde mir tatsächlich wünschen, dass wir wieder Architekt sein dürfen – dass wir planen und umsetzen können und unsere Kreativität und das, was wir gelernt haben, auch wirklich zum Tragen kommt.
Jens Stahnke
Herr Stahnke, welche Themen stehen für die Zukunft auf der Agenda?
Stahnke: Als ich mich zur Wahl gestellt habe, hatte ich drei Schwerpunkte formuliert: Nachhaltigkeit, Netzwerke und Nachwuchs. Über die Netzwerke haben wir bereits gesprochen. Beim Thema Nachwuchs möchte ich die Juniormitgliedschaft, die wir bereits unter Alexander eingeführt haben, weiter mit Leben füllen. Vor allem wollen wir den Austausch mit Studierenden und jungen Kolleginnen und Kollegen über den Kontakt zur Hochschule stärken. Ich selbst bin relativ früh in die Kammerarbeit eingestiegen. Im Saarland sind die Wege kurz und man bekommt schnell die Möglichkeit, sich einzubringen und mitzugestalten.
Auch beim Thema Nachhaltigkeit erleben wir gerade eine enorme Dynamik. Dabei sind viele der Fragen gar nicht neu. Bereits bei unserem Klimakongress 2021 mit Kolleginnen und Kollegen aus Luxemburg, Belgien und Frankreich haben wir darüber diskutiert, wie wir künftig bauen wollen. Heute stellt sich diese Frage sehr konkret beim Umgang mit dem Bestand. Wie können wir erreichen, dass bei Entscheidungen der Bestand tatsächlich ernsthaft berücksichtigt wird? Das ist ein dickes Brett. Wenn jemand ein Projekt durchrechnet und zu dem Ergebnis kommt, dass ein Neubau günstiger oder verlässlicher zu kalkulieren ist, kann ich nicht einfach sagen: „Du musst trotzdem umbauen.“ Wir brauchen Bedingungen, unter denen der Umbau auch wirtschaftlich eine interessante Alternative sein kann. Dafür müssen wir über die richtigen Instrumente und Anreize nachdenken. Wichtig ist mir, dabei nicht dogmatisch vorzugehen.
Schwehm: Dass die wirtschaftlichen Bedingungen entscheidend sind, haben wir auch beim Wohnungsbau erlebt. Selbst bei einer hohen öffentlichen Förderung kann ein Projekt noch an der verbleibenden Finanzierung scheitern. Daran sieht man, wie viele Faktoren zusammenspielen. Als Kammer beschäftigen wir uns dann mit Fragen, die auf den ersten Blick gar nicht unmittelbar mit Architektur zu tun haben, die aber am Ende darüber entscheiden, ob ein Projekt überhaupt realisiert wird.
Auch die Vergabe bestimmt wesentlich mit, unter welchen Bedingungen Architektinnen und Architekten arbeiten können. Wo sehen Sie derzeit Handlungsbedarf?
Stahnke: Bei der Vergabe stellt sich für mich vor allem die Frage, wie Architektinnen und Architekten Zugang zu Aufgaben bekommen. Gerade junge Kolleginnen und Kollegen sollten die Möglichkeit haben, sich in einem Wettbewerb oder mit einer guten kreativen Idee zu beweisen und diese dann auch umzusetzen. Die Veränderungen der Vergabelandschaft auf Bundes- und europäischer Ebene müssen wir deshalb sehr genau im Blick behalten.
Sie engagieren sich beide seit vielen Jahren ehrenamtlich für den Berufsstand. Was treibt Sie dabei an?
Schwehm: Weil man viel mitgestalten kann. Auch wenn es nicht unmittelbar ums Bauen geht, hat dieses Mitgestalten für mich sehr viel mit Architektur zu tun. Wenn man nach langer Arbeit merkt, dass man etwas erreicht hat, ist das ein gutes Gefühl. Wir haben uns beispielsweise intensiv mit dem Schulbau beschäftigt und mehrere Schulbaukonferenzen veranstaltet. Wir haben gute Beispiele aus ganz Deutschland vorgestellt und Verantwortliche aus Politik und Kommunen eingeladen. Dabei hat man gemerkt, dass solche Veranstaltungen etwas auslösen können.
Es gibt viele solcher Aufgaben – bei Pflegeeinrichtungen, bei der Klimaanpassung oder bei der Gestaltung unserer Städte. Architektinnen und Architekten sollten sich dort einbringen, wo ihre Kompetenz gefragt ist. Für mich gehört dazu auch, diejenigen im Blick zu haben, die ihre Interessen vielleicht nicht so laut vertreten können.
Stahnke: Für mich ist es gesellschaftliches Gestalten. Ich würde mir tatsächlich wünschen, dass wir wieder Architekt sein dürfen – dass wir planen und umsetzen können und unsere Kreativität und das, was wir gelernt haben, auch wirklich zum Tragen kommt.
Ich sehe uns als Kommunikatoren. Wir müssen verstehen, was ein Bauherr, eine Kommune oder die Gesellschaft braucht, und das in eine räumliche Lösung übersetzen. Wir sind in diesem Prozess eine Art Katalysator. Dafür brauchen wir wieder mehr Gestaltungsspielraum.
Herr Schwehm, nach zehn Jahren an der Spitze der Kammer sind Sie nun zum Ehrenpräsidenten ernannt worden. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Schwehm: Sehr viel. Ich verstehe sie nicht nur als Anerkennung meiner Arbeit als Architekt und Präsident, sondern auch als Wertschätzung der Art, wie ich mit Menschen umgegangen bin. Das ist mir wichtig.
DAB Redaktion
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