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„Stadt ist kein Produkt“

Derzeit wird über Stadt, Infrastruktur und Bauen in den Begriffen „beschleunigen“, „vereinfachen“ und „skalieren“ gesprochen. In der planerischen und kommunalen Praxis zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Städte entstehen nicht aus Produkten, sondern aus Prozessen, die Zeit, Vertrauen und Fachkenntnisse erfordern.

DAB Redaktion
21.01.2026 7min
Infrastruktur Politik Berufspolitik Bundesweit
Text 'Andrea Gebhard im Gespräch mit Uwe Schneidewind' neben zwei kleinen runden Porträtfotos von einer Frau und einem Mann.
© vom Stein, Stadt Wuppertal; beech studios

Andrea Gebhard, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer, und der ehemalige Wuppertaler Oberbürgermeister Prof. Dr. Uwe Schneidewind sprechen in ihrem Gespräch über die Stadt als Daueraufgabe, politische Kurzlogiken, Staatsreform und die räumlichen und zeitlichen Voraussetzungen der Demokratie. 

Andrea Gebhard: Wenn ich heute über Infrastruktur spreche, dann geht es mir nicht um einzelne Kategorien oder technische Systeme. Mich interessiert die Frage, wie wir Demokratie räumlich umsetzen. Wie wir Räume schaffen, in denen Menschen sich wohlfühlen können, ohne Angst zu haben, ohne ausgeschlossen zu werden. Das Versprechen der Demokratie ist ja ein Versprechen für alle – und genau das muss sich auch in unseren Städten zeigen. Deshalb wollte ich dieses Gespräch mit Ihnen führen. Sie waren Wissenschaftler, Institutsleiter, Oberbürgermeister. Heute sagen Sie von sich, Sie seien Autor. Was meinen Sie damit?

Uwe Schneidewind: Autor beschreibt ganz gut, was mich durch diese verschiedenen Rollen getragen hat. In Transformationsprozessen stellt sich ja immer dieselbe Frage: Wer ist eigentlich Autor von Veränderung? Man ist selten derjenige, der frei gestaltet. Meist arbeitet man innerhalb von Strukturen, die stark vorgegeben sind, und versucht, Dinge neu zu interpretieren, zusammenzuführen, zu verschieben. Das war im Wuppertal Institut so und im Oberbürgermeisteramt noch einmal viel stärker. Wenn man es so betrachtet, sind Architektinnen und Architekten in gewisser Weise auch Autoren einer Stadt – allerdings nie allein, sondern immer eingebunden in politische, rechtliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen.

AG: Genau das ist auch meine Erfahrung. Stadt entsteht nie aus einer Hand. Und sie ist auch nie fertig. Sie ist ein dauerhafter Prozess, ein ständiges Nachjustieren. Ich habe neulich Briefe von Egon Eiermann aus den Fünfzigerjahren gelesen. Darin klagt er über Bauherren, über Verfahren, über Blockaden. Man könnte glauben, das sei gestern geschrieben worden. 

Und trotzdem tun wir heute oft so, als ließe sich Stadt einfach beschleunigen, als wäre Bauen ein Produkt, das man skalieren kann. Dabei ist jedes Gebäude immobil, jeder Ort anders, jeder Kontext einzigartig.

Porträt einer Frau mit heller Brille und verschränkten Armen vor geometrisch gemustertem Hintergrund.
© Laurence Chaperon

Andrea Gebhard

Präsidentin der Bundesarchitektenkammer

US: Das zeigt sich sehr konkret an Orten wie dem neu gestalteten Bahnhofsvorplatz in Wuppertal. Der Döppersberg war nie als Modell gedacht, das man kopiert. Es ging darum, einen zentralen Ort für eine sehr diverse Stadtgesellschaft zu gestalten. Unterschiedliche Milieus, unterschiedliche Interessen, unterschiedliche Konflikte treffen dort aufeinander. Und das hört nie auf. Wir haben erlebt, dass Entscheidungen, die in einem Moment funktionieren, im nächsten Moment wieder neue Probleme erzeugen. Stadt ist kein Zustand, sondern ein permanenter Aushandlungsprozess.

AG: Und genau diese Realität wird politisch häufig ausgeblendet. Stattdessen wird die Debatte stark verkürzt, vor allem beim Wohnen. Es geht schnell nur noch um Mengen, um Tempo, um Zielzahlen – und viel weniger um die Frage, was Bauen im konkreten Kontext eigentlich leisten soll.

US: Dabei liegen die Ursachen viel tiefer. Wir haben einen enormen Wohnflächenzuwachs, veränderte Lebensmuster, große Fehlnutzungen. Viele Menschen bleiben in zu großen Wohnungen, weil sie nichts Passendes finden. Gleichzeitig fehlt barrierefreier Wohnraum. Das hängt zusammen mit demografischem Wandel, Pflege, Stadtgestaltung. Aber politisch ist es natürlich einfacher, über Bauzahlen zu sprechen als über diese systemischen Zusammenhänge.

AG: Mich bewegt dabei vor allem eines: Ich habe im Moment das Gefühl, dass wir vor einem Jahr weiter waren als heute. Beim Gebäudetyp E, bei der Honorarordnung, bei der Vergabe. Wir waren an Punkten, an denen man hätte sagen können: Wir gehen jetzt ins Risiko. Wir probieren etwas aus, auch wenn es nicht perfekt ist, und bessern nach. Stattdessen drehen wir wieder Schleifen. Stakeholder-Prozesse, juristische Absicherungen, endlose Prüfungen. Am Ende stehen wir wieder am Anfang.

US: Das ist dieses strukturelle Sicherheitsdenken, das sich durch viele Ebenen zieht. Politisch wird kurzfristige Sichtbarkeit belohnt, nicht langfristige Stabilität. Wer ein neues Gesetz ankündigt, ist sichtbar. Wer einen Prozess über Jahre stabil hält, verschwindet im Hintergrund. Gerade für das Bauen ist das fatal, weil Planung einen langen Atem braucht. 

Was Städte heute vor allem bräuchten, ist Berechenbarkeit.

Porträt eines Mannes mit Brille im grauen Anzug und gemusterter Krawatte vor unscharfem Hintergrund.
© vom Stein, Stadt Wuppertal

Prof. Dr. Uwe Schneidewind

Transformationsforscher

AG: Wechsel ist das größte Gift fürs Bauen. Neue Förderrichtlinien, neue Programme, neue Prioritäten. Ein Haus plant man nicht auf Knopfdruck. Wenn mitten im Prozess alles geändert wird, betrifft das jede Entscheidung, bis hin zum letzten Schacht. Und dann wundert man sich, dass niemand mehr investieren will oder kann.

US: Das ist der Punkt, an dem wir über Staatsreform sprechen müssen. Nicht abstrakt, sondern sehr konkret. Wir regulieren Prozesse immer weiter aus, statt auf Wirkung zu schauen. Eigentlich müsste man sagen: Ihr bekommt Freiheiten, ihr dürft von Normen abweichen, aber am Ende legt ihr Rechenschaft darüber ab, was tatsächlich entstanden ist. Diese Wirkungsorientierung würde vieles entspannen. Stattdessen sichern wir alles im Vorhinein ab – und erzeugen genau das Gegenteil von dem, was wir wollen.

AG: Dabei sitzen in den Verwaltungen unglaublich kompetente Menschen. Das wird oft vergessen.

US: Das war für mich eine der positivsten Erfahrungen als Oberbürgermeister. Ohne diese Überzeugungstäterinnen und -täter würde keine Stadt mehr funktionieren. Sie halten Prozesse am Laufen, auch dann, wenn die politischen Rahmenbedingungen schwierig sind. Das eigentliche Problem liegt oft in den politischen Gremien. Große Räte, ehrenamtlich, entscheiden über Milliarden und Jahrzehnte. Fachlichkeit spielt dort nicht immer die Rolle, die sie spielen müsste. Eine Stadt wie Los Angeles arbeitet mit fünfzehn hauptamtlichen Stadträtinnen und Stadträten. Demokratisch gewählt, aber hoch professionalisiert. Der Vergleich zeigt, dass es nicht um weniger Demokratie geht, sondern um andere Formen von Verantwortung – gerade in Zeiten des Umbaus.
 

Am Ende geht es für mich immer wieder um Vertrauen. Vertrauen in Fachkompetenz, Vertrauen in langfristige Prozesse.

Porträt einer Frau mit heller Brille und verschränkten Armen vor geometrisch gemustertem Hintergrund.
© Laurence Chaperon

Andrea Gebhard

Präsidentin der Bundesarchitektenkammer

AG: Und auch darum, den Menschen zu vermitteln, dass Bauen mehr ist als eine schöne Fassade. Es ist ein komplexer Prozess mit großer Verantwortung und großen Auswirkungen.

US: Wir leben in einer Stimmungsdemokratie. Inhalte werden oft nur noch an der Oberfläche verhandelt. Dahinter geht es um Unsicherheit, um Ängste, um Identität. Wer in diesem Umfeld arbeitet, braucht heute auch kommunikative Kompetenz. Das gilt für Politik, aber genauso für Architektur und Planung. Wer öffentlich baut, muss erklären können, warum Dinge Zeit brauchen und warum Stabilität wichtig ist.

AG: Trotz allem bleibe ich zuversichtlich.

US: Ich auch. Wenn man nach all diesen Erfahrungen immer noch Optimist ist, dann zeigt das, dass der Optimismus wirklich tief sitzt.
 

Porträt eines Mannes mit Brille im grauen Anzug und gemusterter Krawatte vor unscharfem Hintergrund.
© vom Stein, Stadt Wuppertal
Vita

Prof. Dr. Uwe Schneidewind

Ökonom und Transformationsforscher

Uwe Schneidewind ist Ökonom und Transformationsforscher. Von 2010 bis 2020 war er Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Zudem war er Professor für Innovationsmanagement und Nachhaltigkeit an der Bergischen Universität Wuppertal. Von 2020 bis 2025 war er Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal. Er ist Mitglied des Club of Rome und war im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) und wurde 2020 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Nach dem Ende seiner Amtszeit als Oberbürgermeister widmet er sich wieder verstärkt der Forschung und Lehre an verschiedenen Hochschulen und ist als Publizist tätig.
 

Buchcover mit drei abstrakten, blauen Skulpturen in einem hellen Ausstellungsraum und dem Titel „Die große Transformation“.
© Fischer Taschenbuch 

Buchtip 1

Die Große Transformation

Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels
Autor: Uwe Schneidewind
Herausgegeben von: Klaus Wiegandt, Harald Welzer
Verlag: FISCHER Taschenbuch, 2018
ISBN: 978-3-596-70259-6 
 

Türkises Buchcover mit dem Titel „Initiative für einen handlungsfähigen Staat“ in schwarzer Typografie.
© Verlag Herder

Buchtip 2

Initiative für einen handlungsfähigen Staat

35 Empfehlungen, damit unser Staat besser funktioniert
Herausgegeben von: Julia Jäkel, Thomas de Maizière, Peer Steinbrück, Andreas Voßkuhle  
Mit einem Vorwort von Frank-Walter Steinmeier
Verlag Herder, 2025
ISBN: 978-3-451-07350-2
 

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Berlin