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„Sachverständiger sein – das ist nicht der Job, für den man ihn hält“

Hartmut Tietje ist seit über 20 Jahren öffentlich bestellt und weiterhin selbst planend. Im Interview spricht der Architekt über einen Karriereweg, den junge Architekt:innen früh einschlagen können.

Brandenburgische Architektenkammer
01.09.2026 5min
Close-up eines Fensters, an dem der Fensterrahmen schimmelt
Auch Schimmel ist ein Thema für die Arbeit von Bausachverständigen – aber nicht nur.
© Hartmut Tietje

Sachverständiger klingt nach einem Beruf mit wenig Karrierespielraum. Aber was ist, wenn das Gegenteil stimmt? Der Architekt Hartmut Tietje ist seit über zwei Jahrzehnten öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger. Er hat nach seiner Bestellung bewusst weiterhin geplant und Bauleitung übernommen – und sieht darin einen strategischen Karriereweg, den junge Architekten viel früher nutzen könnten.

DAB Redaktion Brandenburg: Sie beschreiben sehr offen eine Phase großer Arroganz gegenüber Sachverständigen. Was hat Sie damals bewogen, diese Haltung zu überdenken?

Hartmut Tietje: In meinen Anfangsjahren als Architekt hielt ich Sachverständige für „normengeile“ Fachidioten – Menschen ohne praktischen Bezug zum Bauen. Erst nach zehn Jahren wurde ich durch eine Kollegin darauf aufmerksam, wie vielfältig und interessant diese Aufgabe tatsächlich ist. Um die Jahrtausendwende habe ich mich intensiv vorbereitet und legte 2003 die Prüfung zur öffentlichen Bestellung ab. Entscheidend war: Ich habe danach nie aufgehört, zu planen und Bauleitung zu machen, weil man sonst den Kontakt zur Praxis verliert. Und dieser Bezug ist essenziell.

Porträt eines Mannes
© Hartmut Tietje
Zur Person

Hartmut Tietje

Architekt und Bausachverständiger

Hartmut Tietje ist freischaffender Architekt und Bausachverständiger mit eigenem Büro in Gottsdorf in Teltow-Fläming. Seit 2003 ist er öffentlich bestellter Sachverständiger und seit 2002 im Sachverständigenausschuss der Brandenburgischen Architektenkammer. 

Wie verstehen Sie die Rolle von Normen in unserem Beruf? 

Als Architekten haben wir die anspruchsvolle Aufgabe, ästhetisch ansprechende, funktional optimale und gebrauchstaugliche Gebäude zu planen. Dabei sind Normen, Richtlinien und Merkblätter unabdingbares Rüstzeug. Das Problem: Die Normenflut und die stetig voranschreitende Technik machen es für die meisten Architekten unrealistisch, alles im Detail zu kennen. Entsprechend fehlt die Sicherheit bei Planung und Ausführung – es entstehen Fehler. 

Welche Rolle spielen Sie dabei? 

Da ich selbst lange in Planung und Ausführung tätig war, kenne ich die Probleme von Architekten. Durch mein intensives Studium von Regeln kann ich auf Problemfelder hinweisen, die meist schon in der Planungsphase auftreten. So können spätere Schäden verhindert werden. Deshalb bietet sich die baubegleitende Zusammenarbeit an. 

In meiner Laufbahn bin ich anfangs oft auf Skepsis gestoßen – am Ende waren die Büros aber durchweg zufrieden, dass sie rechtzeitig auf gravierende Probleme hingewiesen wurden. Sachverständige Architekten haben dabei einen Vorteil: Sie kennen die Nöte in Planung und Ausführung und haben einen umfassenderen Blick als fachfremde Sachverständige. 

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Sie sagen, diese Arbeit sei viel interessanter, als ihr Ruf vermuten lässt. Können Sie das erklären? 

Gemeinhin denkt man, Sachverständige beschäftigen sich eintönig mit Normen – keinerlei Kreativität. Aber das ist falsch. Es gibt kaum eine abwechslungsreichere, spannendere Arbeit. Kein Auftrag gleicht dem anderen. Man ist permanent gezwungen, detektivisch Ursachen herzuleiten und sie nachvollziehbar zu verbalisieren. Gerade bei mehreren gleichzeitigen Schadensursachen erfordert das viel Kreativität.

Sie behaupten, diese Tätigkeit erfordere mehr Kreativität als Architektur. Das klingt provokant ... 

Als Architekt kann man im Planungsprozess kreativ arbeiten, aber wenn man das Bauen ernst nimmt, ist dieser kreative Prozess nur ein geringer Teil gegenüber administrativen Aufgaben. Als Sachverständiger bin ich permanent mit völlig neuen Objekten und Problemstellungen konfrontiert. Ich werde zu Baustellen gerufen, zu denen ich als einzelner Architekt nie Zugang hätte – Großbaustellen, Beweissicherungen in den Katakomben der ehemaligen Kindl-Brauerei, 10 m unter der Erde.  

Bei Gerichtsaufträgen arbeite ich federführend mit Fachkollegen an unübersichtlichen Fehlern – mit UV- und Blaulichtlampen auf der Suche nach übergestrichenen Feuchtigkeitsschäden. Das ist forensische Arbeit. Wenn man dann bei Prozessen mit Schadenssummen von 500.000 Euro und mehr zur Klärung beigetragen hat, ist das wirklich erfüllend. 

Sachverständige:r werden: Der Weg zur öffentlichen Bestellung

Persönliche Voraussetzungen:
Zuverlässigkeit, Integrität, Unabhängigkeit, Sachlichkeit und die Fähigkeit, die Ergebnisse für Laien in nachvollziehbarer Weise zu verbalisieren.

Fachliche Voraussetzungen:

  • Mitgliedschaft in der Architektenkammer
  • Mindestens zehn Jahre Berufserfahrung (mit Bauleitungstätigkeit)
  • Nachweis besonderer fachlicher Leistungen durch Gutachten
  • Überdurchschnittliche Kenntnisse im Sachgebiet

 

Der Weg zur öffentlichen Bestellung:

  1. Beratung durch den Sachverständigenausschuss der eigenen Architektenkammer
  2. Umfassende Vorbereitung (je nach Fachgebiet unterschiedlich intensiv)
  3. Antragstellung und Überprüfung der besonderen Sachkunde durch unabhängiges Fachgremium

Der Aufwand lohnt sich: Wer diesen anspruchsvollen Prozess erfolgreich durchläuft, erwirbt eine besondere Qualifikation und hohes Vertrauen bei Gerichten, Behörden und privaten Auftraggebern.

https://ifsforum.de/publikationen/bestellungsvoraussetzungen 

Sie sind seit 24 Jahren im Sachverständigenausschuss aktiv. Was macht diese Arbeit so wertvoll?

Der Erfahrungsaustausch mit Kolleginnen und Kollegen ist durch keine Fortbildung zu ersetzen. Man sitzt zusammen, diskutiert aktuelle Fälle und Problemfelder – das ist lebendiges Lernen aus der Praxis. Trotz zeitintensiver Arbeit habe ich es nie bereut. Die Arbeit hat mich inspiriert und mir Erfahrungen ermöglicht, die mir ohne den Ausschuss verwehrt geblieben wären. Eine echte Bereicherung. 

Was würden Sie jüngeren Kollegen und Kolleginnen sagen?

Ich würde es sehr begrüßen, wenn mehr jüngere Kollegen und vor allem Kolleginnen sich für diese Arbeit interessierten. Sie ist nicht das, wofür sie gehalten wird. Sie ist nicht limitierend, nicht langweilig, nicht auf die Endphase einer Karriere beschränkt. Sie können früh in der Laufbahn beginnen – parallel zur Planung und Bauleitung – und kommen schneller und tiefer ins Bauen, als Sie es sich vorstellen können. Das ist ein großer strategischer Vorteil. 

Brandenburgische Architektenkammer

DAB Redaktion Brandenburg
Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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